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Selbst-Emancipation · 1892-02-01 · Heft 3 (1.2.1892) · p. Seite 29

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Selbst-Emancipation
Volume
1892
Issue
Heft 3 (1.2.1892)
Date
1892-02-01
Page
Seite 29 (sequence 3)
Language
German
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Seite 29. Selbst-Emancipation Nr. 3. nicht schelten: „sie wußten Andres nicht", sagt AbbaGlosks; es war ihnen nicht so gut geworden als uns, die wir in einem hochcultivirten Lande leben. Der Talmud und der Talmud. wenn er die e i n z i g e Nahrung bildet, dann ist es nicht zu verwundern, daß schiefe, v.rkehrte Einfälle wie Dämonen in den irren Geistern Hausen. Jeder, der mit begabten jüdisch-russischen Jünglingen (diese Jünglinge sind oft Familienväter) zu verkehren Veranlassung dal. macht böse Erfahrungen, wie wenig diese ausschließlich ta lmudische Schulung für das Erlernen altclaffischer Sprachen l orbereitet, wie selten überhaupt die glänzenden Erwartungen, die anfangs geweckt werden, später sich erfüllen, wie ein verkehrtes Denken, Spintisiren, Silbenstechen, Vernünfteln gar nicht zu bannen ist. Wenn nun auf einem solchen Böden allerhand Giftpflanzen emporschießen, so ist dies ein neues Elend, das aus dem allgemeinen geistigen und socialen Elend der russischen Juden sich leider sehr gut erklären läßt. Als eine solche Verrücktheit gilt uns nun auch bas Nationaljudenthum, dos seit einiger Zeit in Rußland grassirt. Zudem gehört diese Tollheit zu denen, in welchen noch etwas Methode liegt. Ja Rußland ist der Sprung von einem Extrem in's andere, von der Czarenvergötternng zum Nihilismus nichts Seltenes. Eine Erziehung (sitvania vsrbo) wie sie in den Talmudschulen des Ostens betrieben wird, begünstigt noch solche Sprünge. Innerhalb weniger Monate wird aus einem bigotten Chassid ein Nihilist, ein Gotteslcugner, denn anders thnt es diese Species nicht, die auch ia der russischen Colonie in Berlin stark vertreten ist; es muß tabula rasa gemacht werden; Gott im Himmel wird nicht besier behandelt, als der Czar auf Erden. Demgemäß geht derselbe Mensch, dem noch einige Wochen vorher der Genuß von „trefenem Käse" eine Todsünde gewesen ist, gefliffentl ch dorthin, wo ihm die nichtjüdische Küche ihre Leckerbissen spendet; Feiertage gibt es für diese starken Geister nicht, es sei denn höchstens die Feiertage, welche der Müßiggang decrctirt. Das alles ist ebenso aufgeklärt als ausnehmend bequem. Aber nun paffen diese Leute, die ihr Judenthum abgeworfen haben, trotz alledem nicht in die christliche gebildete Welt; dazu gehört doch immer noch etwas mehr als Schweiuefleischcssen; diese „aufgeklärten" Leute sind polnische Juden mit allen Unmanieren, allem Schmutz, aller geistigen und sittlichen Barbarei des Ostens; sie sind auch äußerlich leicht als Juden zu erkennen, wenn sie selbst die langen Locken und langen Nockschöße verkürzen. Da. sie nun Juden bleiben müssen, so suchen sie nach einer Form oder Firma und faseln von einem Nationaljudenthum; die Sprache dieser Nationaljudeu ist nicht das Hebräische, wenn es auch einige unter ihnen gewandt schreiben, sondern der Jargon, das Mauscheln. Soweit diese Tollheit in Rußland ihre Opfer fordert, oder auch unter den Russen, die zu kurzem Aufenthalt nach Deutschland herüberkommen, so ist die Sache von keinem besonderen Belang; es ist eine Verirrung wie andere mehr, und die Behandlung der Juden seitens des russischen Staates ist schon so schlimm, daß durch eine unkluge Haltung der Juden gar nichts mehr zu verderben ist. Aber bedenklich wird d i e s e r W a h n sinn, wenn er deutsche Köpfe a n st e ck t, w e.n n er unter den Juden Berlins einen Anhang findet. Ein Agent Stöckers könnte nichts Schlimmeres thun, als diese Fahne des Rationaljudenthums in Berlin aufpflanzea, denn was könnte diesem Herrn mehr willkommen sein, als ein Bekenntnis der Jude», daß sie F r entbe sind; das klingt ja beinahe wie ein Antrag der Juden selbst, in Deutschland unter F r e m d e u r e ch t gestellt zu werden. Bis auf Weiteres glauben wir noch nicht, daß der gegenwärtige Redacteur der „Zeitung des Judenthums", wie jüngst berichtet warben ist, für dieses Nationaljiwenthum sieh oegeistert hat. Hier muß ein Mißverständniß obwalten. Wir Juden in D e u t s ch l a n d s i n d d e r Religion nach Juden, der Nationnach Deutsch e. Darauf beruht unser Recht iu Deutschland, wie es durch die V.'rfaffung anerkannt ist, wenn es auch in der Praxis uns mannigfach verkürzt wird. Kein Deutscher, der gerecht nrtheilt, wird es mißdeuten, wenn der Jude seine Vergangenheit in Ehren hält, wenn ihm Zion und Jerusalem heilige Stätten sind (Die heiligste, Der Sinai, liegt außerhalb Palästina'»), wenn wir den Wunsch hegen, daß diese uns ehrwürdigen Orte ans ihrer Verwüstung sich erheben. Die Deutschen, die Hermann, dem Cherusker ein Denkmal gesetzt haben, müssen für solche Pietät ein Verständnis haben. Jerusalem war länger als ein Jahrtausend die Heimstätte unserer Religion- Ein Atheist aber kann kein Jude sein, weil er den Grund und Kern des Glaubens leugnet, hat er sich s löst von der Gemeinde ausgeschlossen. Denn ein Jude ist nicht ein dem Deutschen, dem Franzosen, dem Russen adäquater Begriff. Wcr zum Sch’ma sich bekennt, ist uns ein Jude nach der alten lleberlieferung; das Nationale im I u d e n t h u m i st das Zufällige, die Religion ist das Bleibende. Die Herstellung einer jüdischen Herrschaft in Palästina wäre für uns werthlos, wenn nicht das religiöse Leben der Juden daraus wichtige Impulse bekäme. Wenn dort russische jüdische Nihilisten sich ihr Nest bauten, so wäre uns dies eine Entweihung heiliger Eriiinerungeii. Die Tollköpfe, die hierin Deutschland von einem Nationaljudenthum schwatzen „geben unfern Gegnern das Schwert in die Hand, um uns zu erschlagen.' Nur von diesem Gesichtspunkte ist es nothwendig, diese lärmenden Palästinenser in Berlin zur Ruhe zu weisen. 2- R* Es ist begreiflich, daß der vorstehende Aufsatz die gerechte Entrüstung jedes billig Denkenden, und gar erst eines Gesinnungsgenoffen Hervorrufen mußte. Diese Entrüstung zittert in dem Artikel nach, welchen uns ein greiser und in allen Kreisen hochgeachteter Gesinnungsgenosse, Herr Dr. I. R ü l f, Rabbiner in Memel (Preußen), einsandte und den wir im Nachstehenden veröffentlichen. Uebrigens glauben wir, daß damit dem famosen Leitartikel der „Jfr. Wchschr". zu viel Ehre angethan ist. weshalb wir auch nicht auf diejenigen Punkte desselben zurückkommen, die Herr Dr. R üls in seiner Entgegnung nicht berücksichtigt. Der Nalwnaljude. An der Spitze der „Israelitischen Wochenschrift" vom 22. Jänner d. I., welche in Magdeburg vom Rabbiner Dr. R a h m e r herausgegeben und verantwortlich redigirt wird, besindet sich unter obiger Ueberschrift ein Artikel, welchen ich nicht ohne Erwiderung lassen kann. Dieser Artikel ist nicht etwa eine Meinungsäußerung, sondern eine Blasphemie, ein Verrath an unseren ruffisch-jüdischen Volks- und Glaubengenossen und an unserer guten nationalen Sache. Die N a-

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