Selbst-Emancipation
- Journal
- Selbst-Emancipation
- Volume
- 1892
- Issue
- Heft 3 (1.2.1892)
- Date
- 1892-02-01
- Page
- Seite 28 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 28. Selbst-Emancipatkon. Nr. 3. Das ist noch nicht lange her. Der Zionismus ist eine junge und moderne Bewegung. Dieselbe entstand vor einem Jahrzehnt im russischen Judenthum. Die Ereignisse begünstigten ihr Entstehen und ihre Verbreitung daselbst. Als eine Idee jedoch, .welche das ganze jüdische Volk umfaßt, mußte sie trachten, die Grenzen Rußlands zu überschreiten. In der That ist es dem Zionismus gelungen, speziell in England Eingang zu finden und sich dort eine Heimstätte •jit. schaffen. Gegenwärtig versucht man, ihn auch unter de» Juden Deutschlands und Oesterreichs einzuburgern. Diese Bestrebungen haben bereits einige Erfolge gehabt. Das Meiste bleibt freilich noch zu thun.um auch hier der Wahrheit zum Siege zu verhelfen. Jede neue Wahrheit hat ihre größten Feinde in der ungenauen Darstellung seitens ihrer Verbreiter und in der entstellenden Charakteristik ihrer Gegner. Es ist daher un« umgänglich uothwendig. so oft es angeht, vor die Ocffentlichkeit hinzutreten und zu verkünden: Das sind unsere Grundsätze, das unsere Ziele, so und so begründen wir sie. Dieser unumgänglich nothwendigen Aufgabe will ich mich heute unterziehen. was ist -er Zionismus? Der Zionismus umfaßt folgende Momente: 1. Die Anerkennung des jüdischen Volkes als einer Eigenart, welche Kraft ihrer culturellen Begabung die natürliche Berechtigung und Verpflichtung hat, als Eigenart fortzubestehen und sich als solche zu bethätigen. 2. Die Erkenntniß, daß die Lage des jüdischen Volkes eine durchaus unglückliche und unwürdige ist. 3. Die Ucberzeugung von der Nothwendigkeit einer gründlichen Umgestaltung der völkerrechtlichen und wirihschaftlichen Verhältnisse des jüdischen Volkes, dadurch, daß ein Territorium gefunden werde, welches den vor Verfolge: - wuth fliehenden Juden ein Aiyl und Sammelpunkt, dem ganzen jüdischen Volke ein Rückhalt und Mittelpunkt sei. 4. Die Anschauung, daß zu diesem Asyle und Sammet Punkte, zu diesem Rückhalt und Mittelpunkte nur e i u Land der Welt sich eignet, die alte Volksheimat der Juden — Palästina. Und jetzt will ich daran gehen mich mit jedem der an geführten Punkte eingehender zu befassen. Der erste Punkt lautete: Die Anerkennung des jüdischen Volkes als einer Eigenart, welche Kraft ihrer culturellen Begabung die natürliche Berechtigung und Verpflichtung hat, als Eigenart sortzubestehen und sich als solche zu berhätigen! Es ist dies die absoluteste Begründung des Zionismus, sozusagen erhaben über Zeit und Raum d. h. über die Frage nach Gunst oder Ungunst eines Zeitalters, nach Gastlichkeit oder Ungastlichkeit eines Landes. Diese Mottvirung macht den Zionismus zur Wahrheit auf Grund seines eigenen inneren Wrrlhes. Wenn es nämlich richtig ist, daß culturfähige und culturstarke Völker berechtigt uno in ihrem Interesse, sowie dem der menschheitlichcn Civili sation sogar veipflichicl sind, ihre Volks-Eigenart' zu hcwahren, zu rntsalren und zu vervollkommnen, und cs ander seits richtig ist, daß die Jude» gegenwärtig noch eine nationale Jndiv dnalität mir uugcjchwächttr culrurcller Begabung sind, so ist der Zionismus ohneweiters wahr; cs bedarf da nicht mehr des Hinweises auf Leiden und Ver folgungen, welchen er ein Ende machen soll. Doch sind die beiden angcsührlcn Prämissen richtig? .Was die Erste betriff:, so braucht mau gerade Lein Chauvinist zu sein, um ihre Nichtigkeit zuzugcbeu. Die wcuigsreu Stimmen werden sich gegen die sehr gemäßigt nationale Ansicht auflehnen, daß kulturbegabte nationale Eigenarten um ihren Bestand, ihre Entwicklung und Blüte besorgt sein müssen. Ein umso heftigerer Sturm wird sich voraussichtlich gegen die zweite Prämisse des obigen Schluffes erheben, welche ganz dem widerspricht, was landläufige Meinung ist. Israels habe, heißt es, längst aufgehört, ein Volk zu sein, sei vielmehr zu einer bloßen Glaubensgesellschaft geworden, welche mit der nationalen Vergangenheit abgeschlossen, als Volk abgcdankt hat und kiine separaten Interessen mehr kennt. Diese Anschauung widerspricht den Thatsachen. Ohne uns etwa auf einen exclusiven Rassenstanbpunkt stellen zu wollen, weisen wir darauf hin, daß unser Stamm sich unleugbar eine eigene Geistes- und Gemüthsrichtung, ein eigengeartctcs sittliches Gefühl erhalten hat, wodurch er von anderen Volksindividualitäten sich abhebt. Seine nationalen Eigenschaften haben die großartigsten Errungenschaften dem Meiischengcschlechte gebracht; warum sich ihrer, da sie, wenn auch einige:maßen getrübt und verdunkelt, noch vorhanden sind, begeben? Das wäre unnatürlich und daher unsittlich. Was lebt und Kraft und Saft hat, um zu leben und zu wirken, soll und darf nicht auf das Leben verzichten, auch wenn dieses durch augenblickliche Roth und Elend vergällt wird. Wcr's doch thut, den nennt man im Privatleben mit verächtlichem Achselzucken muihlos, feige. Unselige Stunde, in welcher man zum eisten Male dasselbe Vorgehen dem jüdischen Volke als freiheitlich und forttchrittlich empfahl, den Raa kommen der geistcs- und siltengroßcn Hebräer anrieth, den Tod dem Leben vorzuziehen! Völker, ohne jedes histonsche Verdienst, ja oft ohne Eignung, sich je ein solches zu erringen, dürfen leben und weben im Lichte des^ Tages, dürfen arbeite,-, für ihr eigenes Wohl; nur Israel, welches der Welt die Sitte gegeben hat, soll kein Recht haben, weiterzuleben, wieder emporzukommeii, wieder zu werden ein freies, glückliches Volk. Wir Zionisten wenigstens können cs nicht glauben, und schon deshalb allein sind wir Zionisten überall gleichgilcig, ob wir irgendwo schlecht, besser oder, gut bchandel: werden, wir sind Zionisten traft unseres Volksgefühls iuid Volksbewußtseins und das geht uns nicht ab. ebensowenig in Mitteleuropa, in England und Amerika, als in Rußland. Aber neben dieser absolutesten und innerlichsten Bcgründuiig des Zionismus gibt es auch eine andere, welche, wenigstens scheinbar eine mehr relative und mehr von ä» ßeren Umständen Hergeiioiuiiiene ist und hiemit komme..ich zum zweiten Momente in der Begriffsbestimmung des Zivnismns. _ (Fortsetzung folgt.) Ein Musterarlikel Die Magdeburger „Israelitische Wochens ch r i f t" vom 22. Jänner d. I. bringt unter dem Titel ,D e r N a t i o n a l j u d e" einen Leitartikel, der alles bisher Dagewesene an Unwahrheit, Thatsachenverdrehung und Vcrdächtigungslust — der Albernheit und Unwissenheit gar nicht zu gedenken — übcrtiifft. Er verdient niedriger gehängt zu werden, und bringen wir ihn daher vollinhaltlich zum Abdruck. Er lautet: Der Nationaljude. ^,3» Glosk in unfern Schulen bekam ich Unterricht, der Talmud und der Talmud, sie wußten Andres nicht >• So läßt Chamisso seinen Abba Glosk reden; in den Worte» liegt Anklage und Entschuldigung. Wir wollen den vc.- fchlten Bildungsgang unserer russischen und polnischen Brüdxr