Selbst-Emancipation
- Journal
- Selbst-Emancipation
- Volume
- 1892
- Issue
- Heft 2 (18.1.1892)
- Date
- 1892-01-18
- Page
- Seite 22 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 22. Selbst-Emaiicipalion Nr. 2. Lehrungen zu leiden und bis zum letzten Athemzuge mit kleinen und niedrig gearteten Naturen zu kämpfen. Wann endlich wird das Volk seine Augen öffnen? „Meine Natur", schreibt G o r d o n an S mo l cn sk r>, in einem Briefe, „jeden Menschen von der guten Seite zu bcnrthcilen, hat in meinem Leben viel Betrübnis und Verbitterung von mir fcrngchaltcn." G o r d o n war ein Mann der Ruhe, geduldig und sanft. Selbst seine größten Widersacher mußten seinem lauteren Charakter Anerkennung zollen. Zn seiner Polemik wurde G o r - d o n nie beleidigend. Seine Worte waren gewogen und gemessen. Auch als der Kampf zwischen den Nationalen und den Assimilantcn mit aller Gewalt entbrannte, behielt er die Selbstbeherrschung und war tolerant im höchsten Maße. Aber auch dieser ruhig-ernste Mann, der unerschütterlich an die Auferstehung Israels glaubte, hatte Momente in seinem Leben, welche keinem erspart bleiben, der für eine Sache kämpft, ohne das Glück zn haben, die Frucht seiner Mühe zu sehen. In seinem Briefe an S m o l c v s k y vom 20. Februar 1884, „Wahrlich, Du hattest Recht, als Du sagtest, daß nur dann Befreiung und Hilfe den Juden zu Theil werden könne, wenn das ganze Volk dem Gedanken anhängt, mit welchem wir uns befassen. Wer sollte das nicht begreifen? Aber, mein Freund, wird es uns gelingen, das ganze Volk, oder auch nur einen Theil desselben aus seinem tiefen Schlafe zu wecken? Und was für ein Volk ist das, an welches wir -unsere Worte richten? Ach, mein Geist empört sich, wenn ich daran denke? Nein, mein Freund! Wir haben das Volk nicht geweckt und werden cs nicht ivcckcn, auch tvenn wir uns die Kehle heiser rufen werden." Wer jedoch mit offenen. Augen prüft, ivas in unserer kleinen Welt gethan wurde, der .weiß, daß in der Thal unser Volk zum Leben erweckt wurde, ivcnn auch diese Erweckung nicht auf alle seine Glieder sich erstreckte und nicht überall in gleichem Maße vor sich gicug. Aber zu unserem Unglücke, wollen die Schriftsteller, ivelchc auf S m o l c n s k p tlnd G o r d o n folgten, unser Volk mit Jubellicdern auf die wenigen Colonicn eiitschläfern, ivelchc in Palästina gegründet wurden und noch nicht auf eigenen Füßen stehen. Das Volk hat erst seine Augen geöffnet, cs will sich erst aufrichtcn, — und seine Sänger raunen ihm zu, daß cs bereits längst aufgcstandcn sei, daß man keine Mittel mehr anzuwcndcn bractche, um es vollends wachzurufe». Rüben Brainin. Briginal-Larreipgildenzen Oestcrrcich-Ungarn. Men, den 10. Jänner 1892. Der akademische Verein „K a d i m a h" hielt Samstag den 9. d. M. in seinem Vcrcinslocale in Anwesenheit sämmtlichcr Mitglieder und zahlreicher Gäste eine Traucrfeier zu Ehren seines kürzlich verstorbenen Ehrenmitgliedes Dr. Leon P i n s k c r ab. Der Herausgeber der „S.-E.", Dr. N. Birnbaum, widmete dem Verewigten einen warmen Nachruf, iu welchem er dessen unsterbliche Verdienste um die jüdisch-nationale Partei schilderte. Ttryj, I I. Jänner 183.'. Der hiesige jüdisch-nationale Verein „Schochrc Toschiah" hat nach langer Soinmerruhc seine Dhätigkeit wieder ausgenommen. Jüngst sand eine anßerordcnlliche Generalversammlung statt, bei welcher die Herren Abraham G o l d b e r g znm Präsidenten, Michael Hornstein zu dessen Vertreter, Mathias P a t r a ch znm Schriftführer, A. I. Kr ist znm Kassier, Isak Rcisner zum Avministralor, A. Schön seid Zinn Bibliothekar gewählt wurden. Bei der ersten Sitzung des neuen Ausschusses wurde der einstimmige Beschluß gesaßt, an allen Samstagabenden Vorlesungen im Vereinslokalr zu veranstalten. Samstag den 16 b. M. wird bereits Herr A Schönfeld die erste Vorlesung halten. Bei der unlängst stattgehabtcn Nominiriing des hiesigen Local-Coinitu der B a r o n H i r s ch-Siistung, welches ans 5 Personen besteht, wurden Herr Moses L i p s ch ü tz, Präsident des hiesigen Palästina-Colonisations-Vereiiiez „Adinath Israel" zum kassier de« genannten Comiles nnd die Mitglieder des Vereins, die Herren M H a l p e r n und Joses Ho o w i tz zn Comitö , itgliedern gewählt Es ist daher zu hossen, daß bei dem Jnslcbentrctcn der Stistung in Strisi, eventuell bei der Errichtung der Schnlen dir Kinder eine echt jüdische nationale Erziehung genießen iverden und daß auch aus den Unterricht des Hebräischen besonderes Gewicht gelegt werden wird. Nächste Woche findet die zweite ordentliche Generalversammlung des Palästina-ColonisationS-Vercines „Adniath Israel" statt. Deutsches Reich. A Köln, 27. Deccmber >891. Eine mächlige Bewegung geht durch die Gemeinden der Diaspora, welche aufs Neue die Elasticität und Lebensfähigkeit des jüdischen Geistes bekundet. Allenthalben tauchen Bestrebungen hervor, die jüdische Bevölkerung durch ein geistiges Band zn vereinigen. Auch in der Metropole der Rhcinproviuz, ivelchc in früheren Zeiten einen gewaltigen Einfluß auf die geistige Entwicklung der deutschen Juden ausgcübt hat, zeigt sich dieser Zug der Zeit. Man will in unserer mächtig gewachsenen Gemeinde das Judenthum gegen das feindliche Anstürmen der Gehäßigkeit mit den Waffen des Geistes ausrüsten, welche uns unser uraltes Schrifttum an die Hand gibt. Seit mehreren Jahren schon macht sich hierfelbst der Gedanke geltend, daß dies einzig und allein durch Gründung eines Vereines silr jüdische Geschichte und Literatur geschehen könne. Dieses Bestreben hat vor Kurzem durch einen Aufruf Ausdruck gefunden, der in kernigen Worten die Ziele eines solchen Vereines auseinander setzt und zur Gründung auffordcrt. Es wird in demselben insbesondere daraus hingrwiesen, daß die jüdische Literatur nicht nur eine hervorragende Stelle in der Weltliteratur einnchme, sondern auch einen Grundpfeiler des Judenthums bilde. Die constituirende Generalversammlung des Vereines fand am 21. v. M. im Vortragssaale der Lesegesellschaft unter ganz außerordentlicher Betheiligung aus allen Gefeilschaftsclasscn der hiesigen Gemeinde statt und wurden nach Genehmigung des Statntenentwurfcs die Herren Rabbiner Dr. 'Frau k, Dr. med. Apfel, Dr. jur B o d e n h e i in e r, Herr Mose s, Bruno H e i d e n h c i m, Oberlehrer H c r m an ns und Referendar G o t t s ch a l k in den Vorstand geivählt. Bemerkensmerth ist, daß der Verein schon bei der Constituirung weit über 200 Mitglieder zählte. Aus den Statuten deS neuen Vereines ergibt sich auch, daß derselbe sich nicht auf die Thäligkcit in der Gemeinde selbst beschränken soll, sondern beabsichtigt, in Corrcipondcnz mit allen Vereinen gleicher Richtung zu treten und hiedurch ein ideales Band auch um diese zn schlingen, und dieselben zu gemeinsamem Wirken aufzurufen. Erst dann kann das wünschensiverthe Ziel solcher Vereine zur socialen und moralischen Hebung der deutschen Inden bcizutragen nnd ihr Selbstbcwußtsein zu stärken, in vollem Maße erreicht werden. Erst dann ivird es möglich sein unter der jüdischen Bevölkerung der Ueberzeugung Eingang zu verschaffen, daß der Bestand des Judenthums nicht auf den Machtmitteln des Geldes oder politischen Einflusses beruht, sondern auf den reichen Schätzen unserer Literatur und Wissenschaft, auf der Macht der Idee, für welche unsere Väter so oft ihr Hab und Gut, ihr Blut und Leben geopfert haben. Möge der neue Verein wachsen, blühen und gedeihen nnd zur Erreichung seines Zieles mit voller Lebenskraft in Thätigkeit treten.