Selbst-Emancipation
- Journal
- Selbst-Emancipation
- Volume
- 1892
- Issue
- Heft 2 (18.1.1892)
- Date
- 1892-01-18
- Page
- Seite 19 (sequence 5)
- Language
- German
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Selbst-Emancipation schicdener Typen nicht auf derselben geistigen und moralischen Höhe stehen, nicht die besten Freunde sein, sich nicht achten nicht mit einander sympalhisiren und einander nicht Helsen? Zn einem später» Artikel, welchen ich spcciell der Erörterung der Frage über die Sprache widmen werde, entwickle ich den Gedanken, dag eine allgemeine Sprache unmöglich ist, daß eine solche nicht zur Annäherung, sondern zur Trennung der Menschen führen würde, daß mittelst dieser jene Geiftcsgemeinschaft zwischen Menschen, welche durch die Muttersprache existirt. aufgehoben würde, daß deshalb jedes Volk feine eigene Sprache haben muß. Analoges gilt auch in Bezug auf die ganze Cnltnr: Jedes Volk muß die seiingc besitzen, und das, was für den Deutschen gut sein kann, kann die freie Entwicklung der geistigen Kräfte der Franzosen hemmen und umgekehrt. Die Völker haben das immer recht gut verstanden und deshalb trachteten, sie gar nicht eine fremde Cnltnr nachznahmen, wie jene einzelnen Zndividncn, ivclchc, ihrem Volke entrissen, auch jenes höchste Verständnis, welches das Volk immer leitet, verloren haben und stalr ihren Acker zu bebauen sich unaufgefordert im fremden zu schaffen machten. Das verhältnißmäßig seit Kurzem entdeckte Gesetz dcS Nationalismus beleuchtete den Menschen jenen Weg, welchen sie früher in Dunkelheit gingen. Die Menschen erhoben zum Grundsätze das, was sie früher als Justine! leitete, und entwickeln jetzt bewußt nn Leben das Princip des Nationalismus. Jedes Volk strebt darnach, feine eigene Cnltnr zu entwickeln und sein Leben gemäß seiner Gcmüthsart cinzurichtcn, eine unumgängliche Bedingung für die normale Entwicklung der Geisteskräfte eines jeden Individuums. Was sollen nun die Inden thun? Die „Freunde der Menschheit" empfehlen ihnen cm Mittel, welches der Strauß ergreift, um der Gefahr zu entfliehen. Dieser Vogel steckt den Kopf in den Sand, um den Angreifer nicht zu sehen, und glaubt dann nicht gesehen zu werden. Als Angreifer gilt für die Mcnschheitsretter die nationale Idee, welche jetzt alle Völker ergriffen hat. Dem Nationalismus entgegen zu wirken und dabei sich noch einer kosmopolitischen Mission zu unterziehen, ist wenigstens unnütz. Ein für alle mal muß man sich den Sachverhalt erklären, wie er in der That ist, und stramm den Weg zu demselben Ziele, zu welchem jetzt alle Völker streben, betreten. Wollen wir uns stets vor Augen halten, daß wir, was wir für eine Lage unter den übrigen Völkern auch einnehineu mögen, nie im Stande sein werden, alle unsere Geisteskräfte zu entfalten, wenn unser Leben unserer Gcmüthsart nicht entsprechen wird, und daß diese Unfähigkeit so lange dauern wird, als wir in der Mitrc anderer Völker leben. Wir, sowie andere Völker, brauchen unseren eigenen 'Acker, unseren Boden, ans ivelchcm wir arbeiten müssen. Ein anderes Mal werden wir nun besprechen, wo dieser Boden ist und was für einen 'Acker wir zu bebauen haben. D. Kanicwsky. Iiim ewigen GMchlniß. In Berlin fand eine Versammlung von 80 Dclcgirlcn aus verschiedenen jüdischen Gemeinden Westeuropas und Amerikas statt, um in Sachen der Auswanderung der Juden aus Rußland zu bcrathen. Die Mehrzahl der Anwesenden ivar ans Deutschland, wodurch der Versammlung der deutsch-jüdische Characler verliehen wurde. Ich halte cs nun für nothwendig, einige bei dem Dclegirtcntage erfolgten Acußernngen des Geistes der heuligcri deutschen Inden zu verzeichnen, damit der künftige jüdische Geschichtsschreiber diesen Geist erfassen könne. 'Nur vier Punkte will ich anführcn, aber sie genügen vollkommen. 1. Als der Sekretär der Conferenz, Herr F r a n z o s, vor den Versammelten ausrics: „Wir haben keinen Aniheil an der jüdischen Nationalität", ivurde dieser Ausruf von den Anwesenden lebhaft beklatscht. 2. Zu einer Zeit, da die Besten unserer Slammcsgenossen zur tteberzeugung gekommen sind, daß für die russisch-jüdischen Auswanderer nur ein C e n t r u in nothwendig sei, nicht aber die Zerstreuung in alle Winde selbst Baron H i r j ch, ans welchen sich die Gegner der Nationalen und Zionisten stets berufen, hat cs in einem Briefe, in welchen einige Begünstigte Einsicht genommen haben, ausgesprochen, daß er Argentinien nur ivählc, tvcil cs für alle Auswanderer Raum biete — zu dieser Zeit haben die Dclegirten, w e l ch c n a ch ihre r M e i - n u n g unsere Führer sind, nicht blos viele Colonisationsgebicte für die Auswanderer bestimmt, sondern sie haben es nicht einmal der Mühe wert gefunden, sich mit der Frage zu beschäftigen, ob für die Flüchtigen ein C e n t r u m nothwendig sei oder nicht. 3. Zu einer Zeit, wo in Rußland der Ruf nach dem Heilmittel P a l ä st i n a - C o l o n i s a t i o n immer allgemeiner wird, und selbst hervorragende Theilnehmcr der Berliner Delegirtenversammlnng, wie Dr. Hirsch H i l d e s h e im c r und Isidore L o c b, die Untersuchung dieser Angelegenheit beantragten, bewilligte die Versammlung nach vielem Widerstande sage f ü n r z e h n t a u s e n d Mar k, und auch diese erst einer Commission, deren Mitglieder als Gegner der Palästina-Colonisation bekannt sind, soscrne sie es für »öthig halte» werde. 4. Zu einer Zeit, wo die Vorzüge Brasiliens noch völlig unbekannt sind, wo Bürgerkriege deren Ende unabsehbar ist, daselbst wüthcu, beschließt die Persammlnng, daß Brasilien das geeignetste Land sei, um die russisch-jüdischen Flüchtlinge anfzunchmcn. Israel! Sich' dir deine Führer an! Hüte dich vor ihnen, wenn du nicht deine geistige Kraft cinbüßcu willst, wie du deine leibliche cinbüßtest. Jckaterinoslav, 6 18. Dezember 1891. M. Usfischkin, _ Ingenieur' Zur Knge in Böhmen. Wie zu erwarten stand, haben die hochgchendcn Wogen des nationalen Streites in Böhmen die Juden daselbst nicht unberührt gelassen. Den Beginn machte der „Schimpf", den die Inden in Raudnitz erlitten, als man sic als dritte 'Nation im Lande erklärte. Die Raudnitzcr Juden, hierüber entrüstet, protcstirtcn und veranlaßtcn eine Kundgebung, die mit der Absingung der tschechischen 'Nationalhymne schloß. Die Presse bemächtigte sich dieser Angelegenheit und ließ ihre Meinung in allen Variationen hören, welche zumeist in die wohlmeinende Mahnung, daß die Juden sich von extremen Bestrebungen fernhalten mögen, ans- Jn einer Sitzung des Prager Stadtvervrdncien-Coliegiumsivart der neueste Intimus des Stampiglius Schneider, der sattsam bekannte Herr B re z n o v s k y den Inden vor, daß sie Deutsche feien und bemerkte, daß in nationaler Beziehung jeder Jude — Antisemit sein müßte. Der Stadtverordnete Dr. Freund wies die Angriffe gegen das Judenthum zurück, bedauerte auch die Thatsache, daß die Juden zugleich Deutsche sind und gab der Hoffnung Ansdruck, die Juden der Germanisation entriffcn zu sehen. Die Aeußcrung des Dr. F r e u n d erregte wieder bei den Deutschen und deutschen Juden allgemeine Entrüstung und wurde als eine „freche" bezeichnet. Ein mir vorliegendes Blatt bespricht diese Sache in bemerkenswerther Weise. Die große Mehrheit der Juden in Böhmen sei immer deutsch gewesen und haben sich dieselben oft