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Selbst-Emancipation · 1892-01-18 · Heft 2 (18.1.1892) · p. Seite 18

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Journal
Selbst-Emancipation
Volume
1892
Issue
Heft 2 (18.1.1892)
Date
1892-01-18
Page
Seite 18 (sequence 4)
Language
German
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Seite 18. Selbsk-Eäiancipation. Rr.'2. natürlich zugegeben wird, das; jedes Volk seinen eigene» Character, seine eigene Cultur besitzt. Die nationale Idee ist keine erkünstelte, vom Egoismus der Menschen zu eigennützigen Zwecken ansgedachte, wie viele „Menschenfreunde" glauben, sie beruht vielmehr ans einem der Menschheit innewohnenden Gefühle, sic geht ans einem Gesetze, dem die Menschen folgen, hervor. Die Menschheit wird von ihren Entwicklungsgesetzen nicht abwcichcn und sie ist es auch nicht im Staude, ebensowenig wie die Pflanze von den Verwesungsgesetzen, das Thier von den physiologischen Entwicklungsgesetzen abzugehcn im Stande ist. Ich wiederhole die von irgend Jemandem schon gesagten Worte: Die Menschen haben sich an den Gedanken gewöhnt, das; alle physischen, chemisch-physiologischen und andere Erscheinungen nach bcstiiiimlcn Gesetzen vor sich gehen, und Niemandem wird cs einfallcn, diese Gesetze geändert wissen zu ivollcn, da cs vielleicht besser wäre, wenn dieses oder jenes nicht cxistiren würde. Und doch können sich viele nicht dieselbe Ansicht in Bezug auf die socialen Erscheinungen ancigncn, indem sic glauben, daß hier eine volle Willkür herrscht und man nach Belieben diese oder jene Constituirung annchmcit kann, je nachdem uns eine oder die andere zweckmäßiger und richtiger erscheint. So nämlich thut cs die Menschheit, aber sic ncceptirt nie das, was uns, sondern was ihr für die moralischen Mcnschcnhcitsbcdürfniffe am entsprechendsten erscheint. Deshalb haben arich alle Theorien, die der Menschheit zu ihrer Ncitung vorgcjchlagcn wurden, ungeachtet dessen, daß sic von guten Herzen kamen, keine wesentliche Wirkung auf das Leben der Menschbeit ausgcübt, wenn sic nicht aus deren Gesetzen bafirten. Früher muß man die Gesetze kennen lernen und dann kann inan erst auf ihnen Theorien aufbaucn. Dies bildet den Inhalt der Sociologie, die nicht erfindet, sondern blos das entdeckt, womit zu rechnen ist. Die Gesetze, auf welche sic hinweist, eristirten immer und irnrcn in Function. Die Menschen selbst verinuthcten deren Existenz nicht und glauben immer ihre persönlichen Ziele zu verfolgen, während sie, ohne sich dessen bcivußt zu sein, bestimmten Gesetze,t folgten. Es gibt künstliche von Menschen erdachte Institutionen; solche können nach mehr oder weniger langer Zeit durch andere, die den Zcitbcdnrsnissc» mehr entsprechen, ersetzt werden. Diejenigen aber, deren Grnndwcsen eine Eigenschaft der Mcnschenicclr ist, sind ewig. Eine solche Institution ist das Volk, die Familie, die Menschheit in ihrem Ganzen. Die erste beruht auf dem Gefühle, das den Menschen an sein Volk fesselt, die zweite aus dem Gefühle, das ihn an die Familie knüpft, die dritte ist der Ausdruck der den Menschen bewußt gewordenen Beziehung zu allen Menschen im Allgemeinen. Alle diese Institutionen sind aus sich selber entstanden und können nicht nur neben einander gedeihen, sondern sie ergänzen auch einander und sind gleich wichtig für die Menschheit. Die „Freunde" der Menschheit möchten die nationalen Institutionen nicht existircnd wissen. Ein solcher Wunsch ist gleichbedeutend dem, daß ein Körper nicht fallen soll, wenn er in die Luft geschleudert ivird, oder daß ein Körper sich uichi ausdchncn soll, wenn er erwärmt wird; in den letzten zwei Beispielen ivirkt das Gesetz der Anziehungskraft und Wärme, im ersten das des Nationalismus. Gegen das Gesetz zu gehen, seine Bcivcguug zu hemmen suchen, ist ein Absurduin. Wein, einmal das Gesetz entdeckt ivordcn ist, verlangt der gesunde Menschenverstand, daß wir ihm nicht cntgegenstehcn, sondern nur denjenigen Nutzen aus ihm zu ziehen uns Mühe geben, den die Kenntnis; des Gesetzes uns gcivährt. Dies ist der wahre Weg des Fortschrittes, nur damit werden wir uns ein wirkliches Verdienst um die Menschheit erivcrbcn, nicht aber durch Luftschlösser, in welche wir sic placieren. Doch schauen wir, was die Bcstiuununz des Nationalismus ist'* Was fesselt das Individuum an sein Volk? Alles! Nur der moralische Boden Ke* Volkes ist derjenige, auf ivclchcm sich der Geist eines jeden F-.d'vidnnms frei entivickcln, leben und gedeihet, kann. Deshalb ist die geistige Alhino'phärc seines Volkes ihm thcucr, nur in dieser eigenen heimischen Aihmosphärc kann er sich' vollkommen wohl finden. Alles in der Natur verlangt entsprechende Bedingungen der Entwicklung, und der Mensch kann in diesem Falle keine Ausnahme machen. Da aber jeder die ihm entsprechenden Bedingungen nur in seinem Volke, in seiner Cultur, die der Gcmüthsart seines Volkes entspricht, finden kann, da diese Cultur von seinem Geiste, folglich von den Gcmüthscigcnschaften jedes Individuums herrührt, deshalb cnupricht sie auch der Gcmüthsart eines jeden Individuums. Einem Menschen die Möglichkeit zu entziehen, die Cultur seines Volkes zu genießen, ist so viel, wie ihn einer krankhaften Entivicklung zil weihen. Versuchen wir eine Pflanze in ganz andere ihr nicht heimische Bedingungen zu versetzen, so wird sie, wenn nicht abstcrben, jedenfalls nicht normal sich entwickeln können und in der späteren Nachkoininenschaft cntiveder zu Grunde gehen, oder zu einer anderen Art, die iviedernm für sich nur entsprechende Bedingungeit in Anspruch nehmen wird, sich entwickeln müssen. Dasselbe trifft auch in Bezug auf den Menschen zu. Ihm sind seine heimischen Bedingungen thcucr; sic bilden seine Lebensfrage. Deshalb ist die Frage der Existenz eines Volkes nicht ctivas außerhalb eines einzelnen Jndividnuins bestehendes, nicht etivas, ivas dieses nicht dircet aitgcht. Ich ivill leben, ich brauche Luft, ich kann ohne Luft nicht cristiren. Ich will die höchste Bestimmung des Menschen erfüllen, die Gclcgenhcil meinem Geiste Entwicklung zu geben, dazu brauche ich das geistige Medium meines Volkes. Wir müssen Jedermann lieben, zu welcher Nation er auch gehören mag! Weshalb man diese Behauptung dem Gedanken des Nationalismus gegennbcrstcllt, begreife ich nicht. Ich kam, lieben den Franzosen so gut, wie den Deutschen und Nüssen, aber leben will, kann und muß ich nur stl der Mitte meines Volkes. Damit verletze ich nicht die Idee der allgencinen Liebe Gerade im Gegenihcilc; wenn ich allen meinen geistigen Kräften die Möglichkeit verleihe, sich frei zu entivickcln, und dies kann ich, wie oben erwähnt ivurdc, nur in der Aihmosphärc meines Volkes, wenn ich nicht verkrüppelt sein werde, werde ich natürlich die Liebe auch zu anderen empfinden, denn sic wohnt mir als Eigenschaft meiner Seele imic. Der Weg des Nationalis- .mu3 ist jener wahre Weg, der zur Verwirklichung der Idee der allgemeinen Liebe führt. Wir wissen, bei welchem Volke sie zuerst entstanden ist, und dieses Volk ist, wenn man sich so ausdrückcu kann, das nationalste. Die Herrschaft der allgemeinen Liebe, an deren Ankunft in fernster Zukunft wir zu hoffen bereit sind, schließt ein partielles Gefühl, wie die Liebe der Mutter zu den Kindern und die der Kinder zur Mutter, gar nicht aus. Auf dieselbe Weise kann sic auch das Volksgcfühl nicht ausschlicßcn. Mit der Zeit werden die Eigenthümlichkcitcn, durch ivclche eine Nation von der zweiten sich unterscheidet, mehr characteristisch, ja, der Characlerzug tritt deutlicher hervor und der Nationalismus erstarkt von Tag zu Tag, aber dadurch, daß er einzelne Gruppen bildet, bringt doch der Naiionaiisinus die Menschen auseinander, werden die Gegner der nationalen Idee sagen. Ganz richtig; der Nationalisinus erstrebt die Bildung einzelner deutlich abgrcnzbarcr Gruppen, aber darin liegt keine Trennung. Ist beim für die allgemeine Liebe unbedingt nothwendig, daß alle Menschen wie zwei Tropfen Wässer einander gleich sind, daß alle persönlichen Sympathien und Gefühle jedes einzelnen in dem Meere der allgemeinen Liebe zusammcnfließen? Ein solches Ideal kennen wir bei den Buddhisten, aber es ist das Nirwana, ein Nichtsein, der Tod, aber kein Lebe». Der Natur ist Mannigfaltigkeit eigen, je weiter, desto mehr und mehr strebt sic zn ihr, und dadurch wird die allgemeine Schönheit und Harmonie gar nicht gestört. Was also haben die Menschen zu befürchten, wenn sic einzelne Gruppen, einzelne Typen bilden ivcrben? Können denn Menschen vcr-

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