Selbst-Emancipation
- Journal
- Selbst-Emancipation
- Volume
- 1892
- Issue
- Heft 2 (18.1.1892)
- Date
- 1892-01-18
- Page
- Seite 17 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 2 Sebst Emancipatoiir Seite 17 Der Nationalismus. In der „Sclbst-Emancipatiou" ist die Frage des Nationalismus schon mehrmals von verschiedenen Standpunkten aus erörtert worden. Dieselbe scheint mir aber so wichtig und die Mehrzahl unserer Glaubensgenossen sind der richtigen Auffassung derselben so freind, daß man gciviß nicht blos ein einziges Mal noch ans dieselbe zurückkommen wird, um der intelligenten Classc unseres Volkes erklären zu können, was für andere Völker so leicht begreiflich ist. So sei nun auch mir gestattet, dieser Frage näher zu treten, ohne fpcciell-lvisfcnschasttichc Vorbereitung, wie' jeder mehr oder weniger gebildete Mensch, der der Wahrheit nachgeht. Für die Mehrzahl der Nichtjudcn gibt cs keine Nationalitätssragc. Jeder unter normalen Verhältnissen ausgewachsene Mensch empfindet in sich ein Gefühl, welches ihn von der Nothwcndigkcit befreit, darüber nachzudenkcn. Dieses Gefühl ist das des Nationalismus, und von ihm ausgehend und ans dasselbe sich stützend, kann man bereits nicht mehr von der Unvernünftigkeit der nationalen Idee sprechen. Die Inden aber, und hauptsächlich die intelligenten, stehen uitter cigcnihümlichcn anormalen Bedingungen; die Gegensätzlichkeit zivischen ihrem Innern und den äußer» Umständen, inner welchen sie leben unb erzogen werden^, musste^ schädlich auf ihre gelstigc Entwicklung cinwirkcn, indem sie viele, einem normal cntivickelten Menschen innewohnenden Eigenschaften verstümmelte und zu voller Entfaltung nicht gelangen ließ. So konnte das nationale Gefühl bei der jüdischen Intelligenz sich nicht normal entwickeln und es darf uns daher gar nicht Wunder nehmen, wenit ivir von vielen Glaubensgenossen hören, daß sie ein solches Gefühl gär nicht empfinden. Ein solches Geständnis mag vom Herzen koiitmcn und ganz richtig sein; daraus darf man aber nicht den Schluß ziehen, wie dies manche thun, daß thatsächlich n i c m and ein solches Gefühl empfinde und daß cs von verschiedenen Völkern egoistischer Ziele wegen künstlich geschaffen ivorden sei; cs sei daher die nationale Idee, als ans ein künstlich geschaffenes Geiühl gestützt, ebenfalls nicht natürlich und führe blos zur Spaltung der Menschheit, zur Gehässigkeit, die sich gerade in de» Leben des jüdischen Volkes während der langen Periode seine. Wanderung zivischen den übrigen Völkern recht trübe abgc,piegclt habe. Jeder ehrliche Mensch, dem das Wohl der ganzen Menschheit theucr sei, müsse also gegen die schädliche Lehre der falschen Propheten der Menschheit, der Nationalisten kämpfen. Besonders komme cs aber den Juden in ihrem eigenen Interesse zu, sich diesen Kampf zur Aufgabe zu machen. Trotz redlichster Blühe seitens der Antiuatioualisten hört jedoch die Menschheit nicht ans, ihre nationalen Institutionen zu bcivahrc». Diese Thatsache muß einem vorurtheilslosen Menschen s'zu Betrachtungen Anlaß geben. Die Sache ivird doch nicht so einfach sein, ivic sie auf den ersten Anblick zu fein scheint, und möglich, daß die Ursachen viel tiefer liegen, als man annimmt, daß sic aus den tiefsten Duellen des menschlichen Fühlcns und Denkens stammen. Ich empfinde kein nationales Gefühl, ivird sich solch ein vorurtheilslos Denkender sagen, aber cs ist ja in der That sehr möglich, daßcs andere empfinden, woraus sich dann leicht die aus diesem Gefühle stammenden Resultate erklären, deren concrctc Träger die Völker aller Zeiten darstellcn. Das Gefühl kann ich unmittelbar iiicht ivahrnehiiicn, aber ivcnn cs eristirt, muß cs zweifellos im Leben zu Tage treten, indem cs auf die Thateii des Mciischeir eine Wirkuiig ausübt, und nur dann, wenn ich zur Uebcrzeugung gelange, daß cs keine Spuren einer ausübenden Wirkung einer solchen Eigenschaft der menschlichen Seele gibt, darf ich behaupten, daß die Eigenschaft nicht selbst eristirt, und die von ihr abgeleitete Schlußfolgerung verwerfen. Im cntge- *) Aus dem Russischen übersetzt. gengesetzten Falle muß ich auch mit der Nothwcndigkeit einer nationalen Constttutirung der Menschheit einverstanden sein. Nur eine solche Behandlung der Frage, ob ein Gefühl cxistirt, das in der Anhänglichkeit, in der Liebe zu seinem Volke, in dem rührenden Mitgefühle mit seinen Freuden und Leiden sich äußert, ist berechtigt. Wenn aber dieses moralische Band einzelne Individuen mit ihrem Volke verknüpft, ivas gewährt cs dann dem Menschen und wie muß es in der socialen Constituirung der Menschheit sich ansdrücken? Es wird am zweckmäßigsten sein, die Thatsache» nicht ans dem gegenwärtigen Leben zu nehmen, sondern aus der Weltgeschichte, wo alles schon vollendet unb bestimmt erscheint. Sehen wir uns alle Völker, ans welchen die Menschheit besteht, und ihre Thaten an, lassen wir die Geschichte aller Zeiten vor uns auftanchen, überall und immer werden wir die Spuren des nationalen Gefühles finden. Als sich die Menschheit in größere Gruppen formirte, und sich die Völker bildeten, cittwickclte sich gleichzeitig das volksthümliche Gefühl, stärkte sich das nationale Selbstbewusstsein. Diesem Selbstbcwtißtsein haben die Delltschen die Siege über die Römer im Teutoburger Walde und die für sie darauf folgende Freiheit zu verdanken. Dasselbe nationale Gefühl leistete den Persern in Griechenland Widerstand, den Engläitdern in Frankreich während des hundertjährigen Krieges, den Polen in 'Rußland während der Zmischcnherrschaft. Die Geschichte bietet uns noch eine große Menge solcher Facten. Hauptsächlich ist es die Geschichte der Juden, die ein reiches Materiale in dieser Hiitsicht aufweist. Man denke nur au ihre mehriausendjährige Standhaftigkeit ivider alle Heimsuchuitgcu. Das Vorhandensein des nationalen Selbstbcwußtseins bei den Völkern ist für uns ersichtlich, ivoher stammt cs also? Nach der Lehre der Geschichte ans dem Gesetze des Nationalismus, dessen Grundlage das nationale Gefühl ist. Das Gesetz des Nationalismus besteht darin, daß jede große Gruppe von Individuen nach längerem Ztisammenleben linter gleichen Bedingungen bestimmte innere unb äußere Eigenthümlichkeiten, die sie von anderen Gruppen unterscheidet, eine eigene Sprache ausarbcitct, eine eigene Cultnr schafft unb ihre nationale' Existenz bewahrt, so lange der ganze Vorralh ihrer moralischen Kraft sich nicht erschöpft lind sic nicht infolge ihrer moralischen Zersetzung verschwindet. Bis dahin ist keine Macht im Stande die Macht des nationalen Geistes zu bekämpfen. Dieses Gesetz des Nationalismus aber nehmen ivir als ivaltcnd >vahr, in allen Zeiten und bei allen Völkern. Oben sagten wir, daß die Grundlage des Gesetzes des Nationalismus nur das der menschlichen Natur innewohnende nationale Gefühl sein könne. Hub in der That, alle Gesetze, nach welchen die Menschheit sich entivickelr, rühren zivcifellos von den Eigenschaften des Menschen selbst her, folglich cxistirt, wenn wir irgend ein Gesetz ivalten sehen, gewiß auch die ihm entsprechende Eigenschaft im Menschen. Wenn also auch einzelne selbst kein nationales Gefühl haben, so müssen wir doch aus der Weltgeschichte den Schluß ziehen, daß dieses Gefühl als Theil der Mcnschenseele der ganzen Menschheit innewohnt. Wir können nun aber auch umgekehrt sagen: Wenn dem Inneren des Menschen eine gewisse Eigenschaft innewohnt, so führt sie ein entsprechendes Entwicklungsgesetz nach sich, folglich führt auch das nationale Gefühl, ein ihm entsprechendes Entwicklungsgesetz nach sich, welches für das Menschenleben ewig maßgebend ist, da auch das dasselbe hervorrufcudc Gefühl selbst, als Eigenschaft der Menschcnseele, ewig ist. Aus dem nationalen Gefühle geht das Gesetz des Nationalismus hervor: dieses bewirkt das nationale Selbstbcwußtscin; dieses wieder bedingt die nationale Idee, welcher gemäß jedes Volk alles Mögliche dazu beitragen muß, um sein Lebe» seinem Charakter und seiner Cultnr nach eiuzurichten, wobei