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Selbst-Emancipation · 1892-01-18 · Heft 2 (18.1.1892) · p. Seite 16

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Journal
Selbst-Emancipation
Volume
1892
Issue
Heft 2 (18.1.1892)
Date
1892-01-18
Page
Seite 16 (sequence 2)
Language
German
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Seite 16 Nr. 2 Sclbst-Emancipation Abfall hat die Assimilation eine logische, wenn auch keine moralische und auch keine im Sinne der Allgemeinheit praclische Berechtigung. Wer andererseits nebst der Logik auch die Moral und das Interesse des Ganzen berücksichtigen ivill, kann eine vollkommene Lösung der Judcnsragc nur im Rationaljudciithi»» finden. Ziel dieses ist v o l l k o m m c n c :1t c st a u r a t i o n Israel s, sein Princip die T r nie. Abgesehen aber von dem Itadicalismus beider Mittel ist, wie gesagt, der Gegensatz zwischen beiden ein unüberbrückbarer; cs ist ja der Gegensatz zivischcn Sclbstmordmanic und Lebenslust, zwischen Pessimismus tind Optimismus, zwischen Materialismus und Idealismus. Der Gegensatz ist so groß, das; inan fast die Hoffnung aufgcben könnte, diejenigen zum Naiionaljudenthum zu bekehren, welche der Assimilation huldigen. In der That herrscht unter einem großen Thcilc der Zionisten die Ansicht, daß cs nicht möglich sein werde, die ivestcnropäischen, besonders die deutschen Juden sür die Idee _ der nationalen Rettung Israels zu gewinnen. Haben diese Ängstlichen Recht? Sollten wir nicht miitdestcns mit demselben frischen Mnthc ans Werk gehen, als unsere Gegner, von welchen Einer, Car! Emil Franzos, erst neulich die Nothwcndigkcit betonte, unter die russischen Juden Auschauungcn zu tragen, ivclche denjenigen der westlichen Juden verwandt siitd? Ja, eben diese Weigerung seitens der deutsch-jüdischen Assimilantcn, die Ideale ihrer Stamincsgcnosscn in Rußland begreifen zu lernen, eben diese Harthörigkeit in Bezug auf die Stimme des Erlösung verlangenden Volkes, eben dieses eitle und anmaßend zur Schau getragene Bewußtsein des AtlcsbesserwiffcnS — seien geeignet, sagt man, die Aussichten auf einen Erfolg der zionistischen Propaganda unter beit deutschen Inden aus ein äußerst geringes Maß hcrabzusetzcn. Ja, ivie standen denn die Dinge in Rußland vor dem Jahre 1882? Hat sich damals nicht, trotzdem die liberalen R'cgungcn der maßgebenden russischen .»'teste recht leise ivareii, uiucr den russischen Juden eine assimilatorische Richtung entwickelt, welche die öffentliche Meinung ganz beherrschte. Und die hervorragendsten Zionisten von heule, was ivarcn sie vor dem Jahre 1882? Waren sic nicht die entschiedensten Parteigänger der Assimilation? Wenn i i c zur Einsicht kommen konnten, ist dies nicht auch bezüglich der deutsch-jüdische» Assimilaiitcii möglich und wahrscheinlich? Mau könnte wohl sagen, daß jene erst durch schanderhasic Verfolgungen, wie sic gottlob in Tcuiichiand, Oesterreich n. s. w nicht mehr Vorkommen werden, bekehrt wurden; ohne dieselbe» wären sic auch keine Nationalsiidcn geworden. Letzteres ist vielleicht ivnhr, aber mir zum Anstoß, zur Initiative war der irische Eindruck der Jndcnhctzcn nöihig. Zur Fortpflatlznng der Bewegting ist nicht mehr dieselbe Hcbelkrast erforderlich; da genügt ein geringeres Ausmaß jndcnscindlichcr Babarci, wie es in ganz Europa vorhanden ist und sich in alle Zukunst 'sorlznchtcn wird. Doch nicht einmal diese Hilfe ist iiöthig, Die zionistische Wahrheit ist gcfundcii, gleichgiliig durch welche Veranlassung, und sic muß siegen krast des Umstandes, daß sie Wahrheit ist, kraft ihres positiven Gehaltes, abgesehen v o n Haß und Liebe der R a t i o n e n. Das geweckte jüdische Gefühl wird sich aiisbäumcn gegen den Tod des Judenjhnms, gleichviel, ob dieser als schauerliches Autodafü oder als Hinstcrbcn in süßer Wohllnst sich abspiclen soll. Wie wenig die Empfänglichkeit für die iiatioiialjüdischc Lehre einen wehr oder tvcniger grimntigcn und lhätigcn Jndcnhaß voraussctzt, beweist am besten der Zionismus -unserer Slammcsgcnoffcn in England. Die Britten sind, was die Stellung zu unscrcui Volke betrifft, eine Ausnahme unter den R i ch; sie sympathisircn mit uns und gewähren uns. nicht bloß Gleichberechtigung, sondern auch Wohlwollen und Frcundschast. Und dennoch dünkt cs den englischen Juden als der Wünsche schönster, als der Ziele höchstes, die nationale Wiedergeburt Israels in feinem Heimatland zu schauen. Aber siitd nicht mich die Engländer selbst — wird man kragen — von jeher Freunde des Projcctcs der Wiederbelebung der jüdischcit Nation? Die eigenihüutliche Steigung der englischen Juden zum Zionismus ivird ivohl also diescin Umstande zu verdanken sciit, während andererseitsdie eifersüchtige Natur der Deutschen den deutschen Inden jüdisch-nationale Aspirationen verbietet und verbieten wird. Dieser Eimvurf ist, um aufrichtig zu sein, lischt gaitz ttnbcgrüitdel. Und doch kann auch er keineswegs ans unbedingte Anerkcnillliig Anspruch machen. Die protegircnde Haltung der Engländer ist ganz so ivie das judenhetzerische Gebühren irgend eines Volkes bloß eine Krast, stvelchc das Gesetz der Trägheit überwindet. Ist dieses überwunden, dann bewegt sich die Sache vermöge ihres eigenen inncren Wcrthes nach vorwärts. Das crivccktc jüdische Bewußtsein wird sich nicht feige vor nnznfncdcncii Mienen verkriechen; es wird nicht aus Angst auf Zion verzichten. Wcnn die westeuropäischen namentlich die d c n t s ch e n Juden bisher zum größten Thcilc nicht gewonnen wurden, so mag das noch thcilweisc auf Rechnung der diese Bekehrung einigermaßen erschwerenden Umstände gesetzt werden, wenn der Erfolg aber auch in Zukunft mangeln sollte, so werden sich die Zionisten nur selbst die Schuld daran bcimessen könne». Die Assimilation ist der Jrrihum, sic ist Rettung für irgend einen eigennützigen Einzelnen, der Zionismus ist die Wahrheit, und die Rcttuilg für ein ganzes Volk. Und da sollte sich sür Wahrheit und Gemeinwohl keine Straße ebnen lassen? Die gebratenen Tauben fliegen niemandem in den Mund. Die Zionisten sollen ihr bestes Können daransctzcn, und man ivird auch die dcntschcn Juden von ihrem Assimilatiousftecke bringen. Blau studirc die Mittel und Wege zu ihreit Herzen und auch zu den Herzen ihrer deutschen Mitbürger, dann wird man zum Ziele kommen. r Oder will man etiva in Nußtand ans die deutschen Juden verzichten? Siitd die dortigen Diationaljuben deshalb national-jüdisch geworden um eine» Unierschied zwischen deutschen uitd v u s s i s ch c n Juden machen zu können. Sic mögen sich iticht überheben und lieber bedenken, daß cs in Rußland trotz aller Leiden und Martern noch übergenug Assimilantcn gibt und daß Westeuropa trotz seiner Freiheiten schon recht viel Nationaljuden zählt. Es wäre lächerlich, wenn die russischen Zionisten sich in eine überlegene Verachtung der dciitschcn Juden hineiiircdcii und so die größte Thorhcit des deutsche!! Assimilationsjudciiihums mit gleicher Münze bezahlen wollten. Wir hoffen, daß die russischen Juden so klug und so nakionaldcnkcnd sein werden, dies zu vermeiden. Die Jüdischnationalen müssen die Juden aller Länder mit gleicher Liebe umfassen, die zum Zionisinns Bekehrten und die noch in der Dunkelheit ihrer Assimilatl'onsbcgriffc Hcrumtappenden; letztere aber sind sic. auch dem Lichte znznführcn verpflichtet. Die Ereignisse brachten cs mit sich, daß die russischen Inden zuerst ihrer Nation ziirückgcgcbc» wurden z sie dürfen aber deshalb nicht glauben, daß sie die Einzigen bleiben werden oder daß sic ganz allein die Erlösung Israels durchführen können. Ans einen so großen Bcskandthcil iinscrcs Volkes, als cs die westeuropäischen, namentlich die d c u t s ch c n,. und überhaupt alle noch nicht von der Zionswahrheit überzeugten Juden sind, dürfen sic durchaus nicht Verzicht leisten. Das wäre Vcrrath an ihrem eigenen Werke. Mögen cs daher die russischen Juden als ihre höchste nationale Pflicht erachten, allcsanfzubieten, um die unserem Volke Entfremdeten wieder-heranznziehen und sich ihre ivcrthvollc Mitarbeit zu sichern.

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