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Selbst-Emancipation · 1892-01-05 · Heft 1 (5.1.1892) · p. Seite 11

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Journal
Selbst-Emancipation
Volume
1892
Issue
Heft 1 (5.1.1892)
Date
1892-01-05
Page
Seite 11 (sequence 11)
Language
German
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Sta, 1. Selbst-Emancipaüvn Seite lt. „kalten Synagoge" in der Jekaterinenstraße hielt der Condnct. Der Sarg wurde in das Gotteshaus getragen. Nach einem kurzen Gebete bewegte sich der Zug nach dem alten Friedhose. Reden wurden soivohl im Sterbchause als am offenen Grabe gehalten. Umcr der ersten Rednerferie war cs Advocat M a r g u l i s, der die zwei Perioden im Leben und Wirken des Verblichenen, die eine der Verbreitung russischer Sprache und Literatur unter den Juden gewidmete, und die zweite, in der er mit jugendlichem Enthusiasmus für die Schaffung eines nationalen Centrnms für die Juden eintrat, hervorhob. Am Grabe sprachen Herr Rabbiner S l o w u s s ch y und Dr. B i e lk o w s k y. Die Rede des letzteren lautete: Freunde Äons! Geschlossen ist der Mund desjenigen, der niit seinem Worte unsere Herzen entflammte. Er weilt nicht mehr unter uns, dessen Herz in mächtigster Liebe zu seinem Volke schlug. Vor uns liegt nur die vergängliche Hülle des Verfassers der „Auto-Emancipation". Ein neuer, schwerer, unersetzbarer Verlust. Jüngst erst erhielten wir die Nachricht von dem Tode unseres großen Historikers ©rä|; heute wieder obliegt uns die traurige Pflicht, das letzte Vale dem Autor des großen Werkes „Huto-(Emanäpation“ zu sagen. Unsere Schicksalsfrage „Sein oder Nicht-Sein" bis zu den letzten Eonsequenzen verfolgend, löst es dieselbe in positivem Sinne, mit jener Tiefe des Gedankens, init jener Araft der Logik und des Gefühls, die Euch jeder Möglichkeit beraubt, nicht Anhänger der von ihm gepredigten Ideale zu werden. Die feurige Sprache des Autors entflammt Euch und Ihr fühlt Euch wie von einen: göttlichen Strom erfaßt und in eine bessere Welt getragen. Hätte der Verschiedene auch nicht unmittelbaren Antheil an den Thaten der „Ehovove Zion" genommen, wie er cs seit vielen Jahren that, wäre er auch nicht Mitarbeiter der den Interessen unseres Volkes gewidmeten Journale gewesen, hätte er auch nicht seinerzeit als Mitredacteur des „Zion" fungirt, würde er auch nicht in sehr vielen Hinsichten, als Arzt, als Mitglied der bürgerlichen Gesellschaft gekämpft haben und uns nur dieses Merk zurückgelassen, so würde er sich auch in diesem letzten Falle unverwelklichen Ruhm erworben haben und sein Name würde auch schon dann mit unauslöschlichen Buchstaben aus den Blättern der bedeutungsvollen Geschichte unseres Volkes verzeichnet sein. Ist es also zu verwundem, daß er dem Tode entgegenging, wie ein Held in den langersehnten ftampf geht! daß er mit einem Lächeln auf den Lippen starb f So sterben jene Männer, die vom Bewußtsein durchdrrmgen sind, daß sie nicht vergebens gelebt, daß sie ihre Pflicht gegenüber ihren Nächsten, gegenüber der Gesellschaft und hauptsächlich gegenüber ihren: Volke erfüllten. Solche Männer sterben nicht; für sie eristirt nur körperlicher, kein geistiger Tod. Solche Männer haben auch nach dem Tode in den Herzen, in den Thaten ihrer Zeitgenossen und in einer ganzen Reihe von Stämmen, und je weiter, je erhabener ihre Ideale sind, in einer desto größeren Zahl von solchen. Mir aber, du theuerer, unvergeßlicher Dr. p i n s k e r, die in den neuen Ideen erzogen sind, wir werden Deiner nicht vergessen. Es werden Deiner auch die Nachkommen unserer Nachkommen nicht vergessen Das wiedererstandene Israel wird Dir eine Stelle in seinen: Pantheoi: znweisen. Mögen sich Deine Ideale verwirklichen, mögen sie ein wegweisender Stern für unser Lebensmirken fein. Die Erde sei Dir leicht, großer Mann und großer Jude! Dr. Leon P i n s k e r erreichte das siebzigste Lebcnsjahr. Er war in Tomaschew, einem russisch-polnischen Städtchen an der galizischcn Grenze geboren. Sein Vater war der bekanme hebräische Schriftsteller S i m ch a h P i n s k e r, der anfangs Geschäftsmann, diesem ihm nicht zusagenden Berufe Valet sagte, in den zwanziger Jahren nach Odessa zog, .hier und dann im Nicolajeiv Privatlehrcr für hebräische Sprache wurde, nach Odessa znrückgekehrt, im Vereine mit einigen angesehenen Männern die erste jüdische Volksschule begründete. Diese scchsklassige Schule absolvirte Leon mit ausgezeichnetem Erfolge und trat hierauf als eines der ersten jüdischen Kinder Odessas ins Gymnasium ein, welches er ebenfalls mit den glänzendsten Resultaten verließ. Widrige Privat und Fainilieilverhältnisse zwangen ihi: nach Beendigung seiner Gymnasialstudien eine Stelle als Schulleiter in Kijchiucw anzuuchincu. Dort litt cs ihn inmitten der Lehrerzänkcreien und bei sciiicm Wissensdurstc nicht lange; er kehrte zuerst nach Odessa zurück, wo er das Lyccum Richelieu ein Jahr lang besuchte, und wandte sich hierauf nach Moskau, um dort fünf Jahre lang d as Studium der Medien: und andere allgemeine Studien zu betreiben. Während dieser Zeit half er sich durch Stnndengcbcn fort, und gelang cs ihm, da er die Aufmerksamkeit seiner Lehrer auf sich zog, Erzieher im Hause des F ü r ft e n .G a l i iz i >: zu werde». Im Jahre 184'.) kehrte er ins Vaterhaus nach Odessa zurück, und begann seine ärztliche Praxis, wobei er sich namentlich um die Armen Verdieitstc erwarb. Bemüht, seine Kenntnisse zu erweitern, bemühte er sich unentgeltlich im städtischen Spitalc unterznkommen. Daselbst erwarb er sich die allgemeine Zufriedenheit. Der Direktor und die Aerztc des Krankenhauses sowie mehrere hervorragende Stadträthc drangen in ihn. als angcstclltcr Arzt im Spitalc zu bleiben, wozu aber die vorgängige Taufe nothiocudig gcivcien wäre. Da jedoch Dr. P i n s k c r diesen Schritt mit Entschiedenheit zurückivies, so blieb ihm nichts Anderes übrig, als nach mehrjähriger Thätigkcit das Spital zu verlassen. Mittlerweile aber war sein Ruf als Arzt ein glänzender geworden, man rühmte feine Diagnose, seine Therapie sowie nicht zuletzt sein freundliches, dein Kranken wohlthncndes Wesen. Er fand in die höchsten Gesellschaftskreise Eingang, und erwarb so Vermögen und Reichthnm; er vcrgass aber auch dann nicht der Acrmstcn, die er auch fernerhin unentgeltlich behandelte und oft unterstützte. Ebenso sorgte er für seinen Vater, dem er die Herausgabe feiner berümhlcn, gelehrten hebräischen Schriften „likutc kadmonioth" und „mavo l'nikkud ha-aschuri", ermöglichie, für seine Stiefmutter und seinen Sticibrudcr, auch nach dem Tode des Vaters, ii: liebevollster, freigebigster Weise. Im Jahre 1861 vereinigte sich Dr. P i n s k er mit Dr. Emanucl S o l o w e i; i g, zur Herausgabe der Zeitschrift „Zion" in russischer Sprache. Als Arzt überbürdet, scheute er die literarische Nachtarbeit nicht. Seine.Artikel ragten durch Geist und Formvollendni:g hervor. Auch sonst nahm er an allen Angelegenheiten rheil, ivelche das Interesse Israels berührten. Er ivar einer der Gründer des Odcssacr Zwcigvcrcines der Gesellschaft zur Verbreitung der Aufklärung unter den Juden Rußlands" und nahn: auch das Amt eines Vorstandes in der Thalmud-Thora an. Seit dem Jahre 1882 widmete er sich ganz und voll und mit jugendlicher Begeisterung der nation a l - j ü d i s ch e n Z i o n s i d e e, für deren Entwicklung sein Tod einen unersetzlichen Verlust bedeutet. Dr. P i n s k e r war von schivächlicher Körpereonstitution und blieb unverheiralhet

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