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Selbst-Emancipation · 1892-01-05 · Heft 1 (5.1.1892) · p. Seite 10

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Journal
Selbst-Emancipation
Volume
1892
Issue
Heft 1 (5.1.1892)
Date
1892-01-05
Page
Seite 10 (sequence 10)
Language
German
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Seite 10.Selbst-Emancipation,Nr. 1. letzteren nicht an der Nase erkennen kann, so benützte man die Pause, um die zur Protcstversaiuiuluug zahlreich erschienen Juden h i n a u S z u p r ü g e l u. Wer solchen Thatsachcu gegenüber die Behauptung aufrechtzucrhalten ivagt, daß der Judenhaß im Schwinden sei, der ist entweder mit absoluter Blindheit geschlagen, oder sagt die Unwahrheit! Und warum diese Unwahrheit über den zunehmenden Antisemitismus? Aus demselben Grunde, ans ivelchcm man über Wachsthnm dcrnationaljüdischen Bewegung unter der deutsch-jüdischen Jugend Schweigen beobachtet, nämlich aus Feigheit. Man ist so feige, daß man nicht nur Andern, sondern vor Allem sich selbst vorlügen möchte, das; Juda auf Erden geachtet und der „Rischus" außer Kours gesetzt sei. Rußland. 5t. Petersburg, den 12 24. Dcrcmbcr 1891. Zu unserem größten Bedauern müssen wir unsere diesmalige Correspondenz mit zwei Todesanzeigen beginnen. Bor kurzem verschied in der palacstinensischen Colonie „Jehud" nach kurzem Leiden Raw Mordechai I a f f e aus Rusaivi im Grodno'schcn Gouvernement. Der Verblichene war unter den orthodoxen Inden einer der ersten Kämpfer für die Zionsidee und die bekannten Schlagworte mi'ün bs Türa‘&> (bic Ansicblung in Palaestina wiegt alle Mizwoth ans) ivaren stets auf seinen Lippen. Er begnügte sich aber nicht mit dem Ideale, sondern ging mit gutem Beispiel voran, indem er sich selbst in Palaestina ansiedelte. Seine irdische Hülle wurde in der Kolonie Peshach Tikwah unter vielen Ehrenbezeugungen bestattet. Einen großen Verlust erlitten unsere Jüdisch-Nationalen durch den Tod des Herrn Dr. P i n s k e r, des Präses des Ccntralvereincs für die Colonisation Palaestinas in Odessa. Im Jahre 1861 gab der Dahingcschicdene zusammen mit Herrn Dr. Emanucl S o l o w e i t s ch i k das Journal „Zion" in russischer Sprache heraus. Seine werthvolle Broschüre „Auto-Emaucipation" und deren Wirkung sind jedem Nationaljudcn bekannt. Seit vcm Jahre 1882 arbeitete er beständig für die Zionsidcc, wobei er zur Propaganda derselben mehrmals in's Ausland rciste. Als es vor zwei Jahreil den Bemühungen des Herrn A. O. Zederb a u in, des Herausgebers des „Hameliz", gelungen war, die Genehmigung der Negierung zur Gründung des „Vereines zur Unterstützung jüdischer Ackerbauer und Handwerker in Syrien und Palaestina" in Odcsia zu erlangen, wurde Dr. P i n sk e r einstimmig zum Präses erivählt; kurz vor seinem Tode wurde er auch Ehrenmitglied des von ihm geleiteten Vereines. Außer seinen Bemühungen für die nationale Sache ivar er in Odcffa, wo er über 40 Jahre als praktischer Arzt lebte, als Philantrop gegenüber seinen armen Patienten bekannt. Wie groß dieser Verlust für die russischen Juden ist, können nur unsere jüdischen Stammcsgenosscn verstehen, ivclche gar zu oft die Verzweiflungsrufe „Wer sind un>crc Leiter? Wer soll uns führen?", ausstoßcn. Die Theuerung wird hier zu lande immer merkbarer und «r§o die Zahl der Nothlcidcndcn unter unseren Stammesgenosscn im Ghetto immer größer. Obwohl an vielen Orten Speise - Verkaufsstellen, wo billiges Brod und Holz zu haben ist, von unseren rvohlhabciidcrcn Glaubens- und Stam- . mesgcuosten eingerichtet werden, so ist es doch kauin möglich, alle Bedürftigen zu befriedigen. Das große Judenproletariat in Lithaucn und Polen wird wahrscheinlich bald einen weiteren Zufluß erhalten. Die Regierung beabsichtigt nämlich die bisherigen Chedorim und Jeschilvoth zu schließen und durch Kreisschulcn zu ersetzen, in welchen die jüdischen Lehrer einen gewissen Bildungsgrad iverdcu besitzen müssen; hiedurch kommen natürlich, da man an ein Ucbergangsstadium nicht denkt, alle früheren Melamdim und Noschej Jcschiwoth um's Brod. Auch durch den Uebcrgang einiger Privatbahnen an die Regierung sind viele Israeliten ihrer Brodquellen beraubt worden. Besonders bedaucrusiocrth ist unsere jüngere Intelligenz: Viele jüdische Absolventen der Universitäten (besonders Juristen) sind durch die letzten Maßregeln gehindert worden, ihre Specialstudicn in der Praxis auszuüben und dadurch ihr Brod ehrlich zu verdienen. Ebenso sind zahlreiche Absolventen der Gymnasien durch das Proceutsystem gehindert, in die höheren Lehranstalten einzutretcn. Als Beispiel des Procentsystems wäre Folgendes zu erwähnen: Zu Beginn des letzten Schuljahres (im August v. I.) meldeten sich an der Kievcr Universität 534 Studenten, darunter 169 Israeliten, von welchen letzteren jedoch nur 37 aufgenommen wurden. Als die nächste Folge der Ausweisung der Juden aus Moskau haben sich Gcschäftsftille und sehr viele Krache daselbst ergeben, als Folgen der beträchtlichen jüdischen Emigration im letzten Jahre in manchen Orten mangelnde Zahl der zur Wehrpflicht Einberufenen. Daniit aber nicht unsere diesmalige Correspondcnz ganz schwarz ivcrde, theilcn wir noch folgende krfrculichcrc Nachrichten mit. Der bekannte Wohlthäter Samuel M o r t a g u e richtete auf seinem Gute in der Nähe von London eine Ackerbau-Probcstatiou für russisch-jüdische Emigranten ein. Außerdem beabsichtigt der bekannte Zionist Colonel Albert G o l d s m i d nach „Jcwish Chronicle" im nächsten Sommer nach Argentinien zu reisen, um, falls dies Land von ihm zur Colonisanon als geeignet befunden ivürde an die Spitze des Baron Hirsch'schen Unternehmens zu treten, die Genehmigung der russischen Regierung vorausgesetzt. Der Palaestina - Verein in Odessa beschäftigt sich noch immer mit der vollständigen Einrichtung der Colonien Pethach- Tikwah, Gcdcra und Wad-cl-Chanin. Neulich sandte er auch Gelder zu Heilzwecken in manche Colonien. Uou-^loxanäor. Göessa, den 26. Dezember 1891. Das vorgestern stattgchable Leichenbegängnis des Dr. Leon P i n s k c r gestaltete sich, zu einer großartigen Trauerklindgebung. Lange vor der anberaunucn Stunde — zwei Uhr nachmittags — hatten sich in den das Trauerhaus umgebenden Straßen eine große Menschenmenge angesammelt. Im Trauerhause selbst hatten sich die Spitzen der hiesigen Gemeinde, die Aerztc, die Direktoren der Waisenhäuser und der Gebäranstalt,, die hervorragendsten Zionisten sowie die Vertreter verschiedener Humanitätsvercinc eingefunden. Der Sarg wurde von sich ablösenden Aerzleu aus dem Hause getragen. Dem Traucrzuge schritten die Schüler der Talmud-Thora voran. Vor der sogenannten

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