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Selbst-Emancipation · 1892-01-05 · Heft 1 (5.1.1892) · p. Seite 7

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Journal
Selbst-Emancipation
Volume
1892
Issue
Heft 1 (5.1.1892)
Date
1892-01-05
Page
Seite 7 (sequence 7)
Language
German
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Nr. I. Sclbst-Emancipation Literatur, in welcher sie Einfluß haben, helfend zur Seite. Sic hatten und haben noch große Vorkämpfer, wie z. B. Gabriel R i e ß e r, L a s k e r, Ludwig P h i l i p p s o n, u. A. Sie haben ihre Gotteshäuser und Prediger, ihre Priester, welche unsere Individualität zu leugnen sich bemühen. Sie scheu noch immer auf uns Nationale als auf Zwerge herab, welche nicht der Bekämpfung iverth sind. Wir müssen daher die Bedeutung der Assimilation kennen lernen, ihre Waffen, ihre Position, ihre starken und schwachen Seiten. Es ist unverständig, mit eisernen Stöcken ans Spinngewebe loszuschlagen, doch noch unverständiger ist offenbar der^ umgekehrte Vorgang. Kämpfen wir aber mit zureichenden Waffen, dann ist der Sieg nicht so schwer. Denn wie jämmerlich ist doch die Arbeit unseres europäischen Dolmetsches, der Assimilation. Immer hat sie vollauf zu thnn. um zu beweisen, daß wir Juden stets treue Hunde unserer Herren sind, auch wenn sie uns grausame Schläge versetzen. Immer und immer muß sic wiedcrhohlen, daß wir ein gutes Geschäft für die Völker sind, welche von uns keinen Schaden haben, sondern profitircn. In cincmsort muß sic cs ausschreien, daß wir nichts haben, was uns gehört, daß wir nicht sind, was wir sind, das wir unser geistiges Erbe von hundert Generationen vergeudet und uns und unseren Kindern auch nicht eine Spur davon belassen haben. Ewig erschreckt sie jedes Geräusch eines fallcndcit Blattes; ein kleines Ereignis, ein unbedeutender Zufall, der Bankerott eines jüdischen Bankiers B., I genügt, um zu fordern, daß alle Juden die Schuld eines Einzelnen mit ihren Menschenrechten bezahlen. Nichts besseres weiß die Assimilation zu rhun, als im Miste zu scharren und die Sünden und Vergehen der Antisemiten hervorzusuchen, oder jedesmal als ein Fest zu begehen, wenn irgend Jemand etwas Gutes von uns gesprochen hat, sei es ein katholischer Bischof oder ein Socialdemokrat. Eines der ältesten Culturvölker der Welt, das die größten Genies auf seinen Knicen geschaukelt, das für Wahrheit gekämpft hat und kämpft, freut sich' voneinem Fremden zu hören, daß es nicht ausbeuterisch, daß es auch zu anderen Dingen fähig sei, als zum Wuchern, daß cs isicht ganz idiotisch sei, sondern auch etwas von den Wissenschaften verstehe, endlich daß cs auch kein Menschenblut brauche. Die Assimilanten, welche uns in ihrem Herzen für ein niedriges und verächtliches Volk halten, sind natürlich mit solchem Lobe zufrieden, welches zumeist mehr Lästerung und Schmähting ist, weil es den Sinn hat: der Teufel ist nicht so schwarz, als mau ihn malt. Ja manche assimilatorische Zeitungen jubeln, wenn jemand haarscharf beweist, daß wir gar keine Vorzüge besitzen und den Nichtjuden gar nicht gefährliche Concurrcnz machen. 2. Die S o c i a l d e m o k r a t e n, oder richtiger, ihr System, ihre Anschauungsweise. Die- Mehrheit unserer begabten und zu idealer Arbeit befähigten jungen Leute schaut auf die Nationalität wie auf eine beschränkte Idee und auf die Nationalisten wie auf Menschen, die zur Barbarei zurückkehreu. Die jüdischen Socialdcmokratcn meinen, daß wir erlöst sein würden, wenn die sociale Frage gelöst sein würde, daß das Judenthum keine besonderen Ideale habe, für welche zu kämpfen iverth sei. Die Juden tragen zwar Leiden, aber seufze nicht die ganze Menschheit unter dem Drucke einer alten, veralteten Gcsellschaftsordnung? Diese müsse ein Sturmwind wie mit einem gewaltigen Besen hinwegfegen, dann werde auch den Juden als solchen geholfen sein. Dieser Umschivung in den wirthschaftlichen Verhältnissen werde auch einen Umschivung in der Lage der Juden bedeuten. Es ist gar kein Wunder, daß die Besten unserer Jugend den Lehren der internationalen Socialdemokratie ergeben sind. Sie wissen ja nicht, daß die jüdische Nationalität in keiner Beziehung der der anderen Völker gleicht. Die Nationalität der Juden ist nicht beschränkt, sie hat nicht die Schattenseiten der anderen Nationalitäten. Die jüdische Nationalität geht nicht darauf aus, andere Nationalitäten zu unterdrücken, sich über andere Stämme zu erheben, wenn sie auch iticht ihre Erstgeburt uni ein Linsengericht in Gold verkaufen will. Unsere Jugend weiß auch nicht, was das Ziel der Edelsten unseres Volkes ist und daß es noch einen anderen Weg gibt, die sociale Frage, den Gegensatz zwischen Capital und Arbeit zu lösen, als den der internationalen Socialdcmokratie. Unsere Jugend sieht endlich nicht ein, daß wir außer den Leiden, welche wir in Folge der schlechten Gesellschaftsordnung als Menschen zu erdulden haben, auch noch als ein eigenartiges Volk geschlagen und gemartert werden. 3. Die Hy per orthodoxe n. Sic meinen, daß wir schön ruhig warten sollen, bis ein armer Mann auf einem Esel geritten kommt, bis die Posaunen des Messias ertönen werden, Zeichen und Wunder am Himmel geschehen werden. Dann erst werde die Stunde der.Erlösung schlagen. Bis dahin müßten wir das Golus lieben und keinen Finger rühren, um uns zu helfen. Es sind dieselben, welche das Wiffcn und die Civilisation Europas für nichs halten, dagegen glauben, daß ihre trockene Casuistik, ihre des lebendig en Geistes beraubte und zerstückelte Thora ihr einziger Besitz sei. Man schätze diese Partei nicht gering, denn die Zahl ihrer Anhänger ist groß und Männer von Herz, Gefühl und Geist befinden sich unter denselben. Sie hangen mir Lebensaufopserung an ihrem Glauben; sie sind die Säulen des alten Judenthums, trotzend allen Wogen und Stürmen der Zeit. Wo cs sich aber um eine „Mitzwah", wo cs sich um ein „kiddusch haschem" handelt, da zeigen sie, daß Leben in ihnen ist, da vcrräth sich auch ihr starkes Herz. Aber auch ihre Besten, welche ja fähig siitd, mit Enthusiasmus für eine heilige Idee zu käinpfcn, ivollen von den Nationalen nichts ivisfcn. Wie nun diese drei Gegner zu überwinden sind, diesen wichtigsten Punkt unseres zukünftigen Programms, das ivollen wir im Folgenden erörtern. (Schlich folgt.) Kuben Brainin Briginal-CorresplMdenM Lesterreich-Nngarn. Wien, den 27. Dezember 1891. Die gestern stattgchabte 9. M a k k a b ä c r f e i e r des akademischen Vereines „K a d i m a h" nahm einen überaus glänzenden Verlauf. In den Saallokalitäten des Hotel „Union" hatte sich ein mchrhunderttopsiges Publikum cingefunden. Der derzeitige Präses des Vereines, Herr lirck. iiumL Sigmund W e r n c r begrüßte zuerst die Erschienenen, darunter namentlich den Vertreter der hohen k. k. Regierung, die Witive unseres unsterblichen Peter Smolensk y, Frau Lconorc S m ol e n s k y, das Ehrenmitglied des Vereines, Herrn Dr. Nathan B i r n b a u m, Herausgeber der „Selbst-Emancipation", den Präsidenten des Vereines „Admath Jcschurun", Herrn Dr. Moritz S ch n i r c r, die Vertreter der akademischen Verbindung „Hasmonaca", den Präses des Tcmpelvcreincs im 10. Bezirke, Herrn N o s e n l h a l, den Prediger Herrn D. L ö w y und den Schriftsteller Herrn Rüben B r a i n i n. Sodann besprach Herr Werner in längerer, in Form und Inhalt gleich vollendeter Rede die Bedeutung des Makkabäerfestes und die Analogien zwischen der Zeit, in welcher die Makkabäer als Retter des jüdischen Volkes auftretcn mußten und der heutigen. Seiner Rede folgte reichlicher, wohlverdienter Beifall. Die zweite oratorische Leistung des Abends war die Rede des Vereinsmitgliedes Herrn stud. jur. A. H o r o w i tz. Es ist unbeschreiblich, welche Beifallsstürme dieses rednerische Meisterstück hervorrics. Tiefe der vorgebrachten Gedanken, fascinirende Schönheit der Sprache, künstlerischer Vortrag, ein volltönendes

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