Selbst-Emancipation
- Journal
- Selbst-Emancipation
- Volume
- 1892
- Issue
- Heft 1 (5.1.1892)
- Date
- 1892-01-05
- Page
- Seite 5 (sequence 5)
- Language
- German
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Nr. 1 Selbst-Emancipation Leite c» -aß der religiöseste Jude sich der nationalen Selbsthilfe durch von Alexander dem Großen, Inda llMftabi, Julius Cäsar, die Makkabäer mit Stolz erinnern kann, ohne sich in seinem Napoleon I, und MoltKe. Sion wird siegen und zur Gottvertraucn und seiner Gottergebenhcit erschüttern zu lassen. Man kann Halle! sagen und Chamikkah-Lichtcr zur Eriniierung •cm die Tempelweihc zünden — es soll uns freuen, wenn auch Herr Dr. I e l l i n e k es thut — und dennoch ein „ehag hamaccabijim“ feiern. Letzteres zu thun ist ganz und gar nicht unjüdisch und verstößt durchaus nicht gegen den inonothciftischen Geist unserer Religion, ebensowenig wie das Wort „chag liamacea-bijim“ gegen den hebräischen Sprachgeist verstößt, den gciviß der nicht erfaßt hat, welcher die hebräische Sprache als todi und abgeschlossen betrachtet. Es ist überhaupt mehr als seltsam, wenn Dr. I e l l i n c!, der große Reform-Mann, der Radicalc," der mit so vielen angeblich veralteten Formen ausräumen wollte, der 'Neuerer, der so viele Anlchen in der! Fremde machte, sich plötzlich als Pietätsmensch aufspiclt, welcher die Traditionen ehrt, als Pietist sogar, der ivcltlichcn Sinn und weltliche Art wie die Sünde haßt. Einem solchen Manne erkennen wir das Recht nicht zu, uns darüber Lectionen zu crtheilcn, waS jüdisch und was unjüdisch ist. Wollen wir nun aber hören, wie sich in seinem Kopfe das Judenthum malt: Wie aber entstand diese Verirrung'? Durch eine andere, welche die /ahne eines nationalen Iudenthums in unserer Zeit •aufpflanzt. Nationale Juden? wo gibt es denn eine jüdische Nationalität in unserer Zeit? wo sind denn die Bedingungen zu einer Nationalität? Die Juden sind ein eigener Stamm und bilden eine besondere Neligionsgenoflenschast. Sie sollen die alte hebräische Sprache, die Sprache ihrer Literatur seit Jahrtausenden pflegen, ihr reiches Schristthum studieren, ihre Geschichte genau trennen lernen, ihr Glaubensbekenntnis hoch halten und demselben die größten Opfer bringen, auf die Weisheit der göttlichen Vorsehung, die Verheißungen ihrer Propheten und den Lntwickelungsgang der Menschheit vertrauen und hoffen, daß die erhabenen Ideen und Wahrheiten des Iudenthums den Sieg davontraaen werden, im Uebriaen aber sich den Nationenan schließen, deren Mitbürger sie sind, deren Schlachten mitschlagen und deren Institutionen zum wohle der Eesammtheit mitfördern. was die Erfüllung der höchsten jüdischen Ideale, die Zukunft des jüdischen Stammes, die Ehrenrettung Zions, das Eintreffen der messianischen Zeit betrifft, so können eine Million Makkabäer nicht dazu beitragen, daß sie lebendig in die Erscheinung treten und sichtbar werden, wenn die Propheten von dem Anbrechen der messianischen Zeit reden, so gebrauchen sie den Ausdruck „beaeharis hajomim“ d. h. wenn die Zeit der historischen Entwicklung vollendet und eine neue Epoche beginnen wird. Dann spricht unser prophetisches Ideal nicht von großen Feldherren, zahlreichen Kriegerscharen, Siegen und Triumphen, sondern von einer Friedensepoche, in welcher die Waffen ruhen werden, kein Volk wider das andere das Schwert erheben und nicht die Kriegskunst mehr die Nationen beschäftigen wird. Die Makkabäer konnten wohl gegen dm Syrer-König kämpfen und siegen und die Freiheit ihres kleinen Vaterlandes retten: niemandaberv ermag dasGottesreich durch heldenmuth und Waffenthaten zu begründen und vereinigte er in sich das militärische "Genie Herrschaft gelangen durch ein Meer von Licht, das e s ausstrahle n und w odurch in d en Völkern die Sehnsucht entstehen wird die Wege, die zu! dieser Lichtquelle führen, zu betreten. Herr Dr. Jellinek hat da zweifelsohne ein Kunststück geleistet: Er hat an Stelle unseres Zion sein „Zion", unseres nationalen Werkes seine „messianische Zeit", des von uns ersehnten nationalen Heiins sein „Gottesreich" gesetzt, und hat es dann freilich leicht gehabt, unsere Vermessenheit ins rechte Licht zu rücken, umsomehr als er sich noch darin gesicl, unsere friedliche Aqitationsthätigkcit als Waffcngcrassel auszugcben und bei dieser Gelegenheit einige todte Kriegshelden zu citiren. Als ob auch wir durch die bekannten Missionsphrasrn der Assimilation ,\\/' womit diese ihr moralisches Deficit decken »rächte, gebunden wären. Wir überlassen es Herrn Dr. Jellinek und den übrigen Juden von Fach innerhalb der „mosaischen Glaubensgenösscnschaft" das „Gottesreich" zu predigen; wir haben uns mit einer dringender» und näherlicgcnden Sache zu beschäftigen, neinlich damit, bcm irrenden Israel ein Nest zn finden, seinen unglücklichen Söhnen eine unveräußerliche Heimat zu geben, unser Volk aus matcricUeni und sittlichem Verfalle zu retten, unsere Nation zu festigen. Herr Dr. Jellinek anerkennt freilich heutzutage keine jüdische Nationalität mehr. Wir möchten ihn aufmerksanr machen, daß man einen „eigenen Stamni", der eine eigene Literatursprache „seit Jahrtausenden" hat, eilt „reiches Schriftthum" besitzt, eine eigene Geschichte aufwcist, inid noch obendrein eine „besondere Ncligonsgenoffenschasr" ist, ,vas Dr. Jellinek Alles selbst zugibt, ivohl doch nicht anders ivird nennen können, als Nation. Doch wir ivollen uns um eines Namens, eines Wortes wegen nicht zanken, vielmehr auf einen anderen Widerspruch hinivcisen, den der Artikel des Herrn Dr. Jellinek enthält. Wir sollen,, hoffen, daß die erhabenen Ideen und Wahrheiten des Judcnthums den Sieg davontragcn werden, im klebrigen aber uns den Stationen entschließen, deren Mitbürger wir sind, deren Schlachten milschlagen und deren Institutionen zuur Wohle der Gcsammtheit mitfördcrn". Was diesen Anschluß an die 'Nationen betrifft, so könnte er, wofern er nur nicht Assimilation ist, höchstens noch den Nationalsuden gelingen, weiche keine missionarischen Aspirationen besitzen. Wie aber die Gesinnungsgenossen des Herrn Dr. Jellinek ihn bewerkstelligen und zugleich die jüdischen Ideen verbreite» ivollen, ist uns unerfindlich. Wie sollen sie Lehrer derselben sein, wenn sie auf der anderen Seite in die Anschauungsweise der Arier sich hineingewöhnen sollen 'i Da wird doch wohl der jüdische Geist eher lind größere Trininphc feiern tonen, wenil wenigstens ein Theil des jüdischen Volkes, von fremden Einflüssen befreit, eine selbstständige culturelle Machtstellling ~ erlangt haben wird. Ueber den Nutzen dieser Eventualität, zu deren Besprechung er ziemlich unvermittelt überspringt, äußert sich aber Herr Dr. Jellinek folgendermaßen: Die Anhänger des Makkabäerfestes sind Schwärmer, ohne jedes politische Verständnis. Nehmen wir an, daß alle europäischen Mächte den Beschluß fassen würden, den Inden in unserer Zeit Palästina zu überlassen, um einen eigenen Staat zu bilden und