Mannheim
Compact Memory

Selbst-Emancipation · 1892-01-05 · Heft 1 (5.1.1892) · p. Seite 3

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Selbst-Emancipation
Volume
1892
Issue
Heft 1 (5.1.1892)
Date
1892-01-05
Page
Seite 3 (sequence 3)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
93% known words query
IRI
…/3092672-3092717-3092718--0801-3093792
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Nr. 1. Selbst- Emancipation Seite 3. gehender zu äußern, als etwa Werke mehr theologischen oder literar-historischen Inhaltes, und kommen daher in jeder stummer in die Lage, die Assimilation zu verherrlichen. Nicht mit Unrecht erscheinen diese Zenungen so selten illustrirt. Die beste Illustration für sie ist ihre mit wenigen und durch locale Einflüsse verursachten Ausnahmen durstige Existenz und der literarische Bann, in den sie gethan sind. Bon allen jüdischen Litcratc» rhäten gerade die Zeitungsschreiber nicht bloß das Coniegnenteste, sondern auch das Geschcidtcstc, wenn sie mit der Assimilation tabula rasa machen und die jüdische Nationalidec ans ihr Banner schreiben würden. Doch wir wissen, daß wir gm reden haben. Die Herren werden cs nicht so bald aufgeben, der Mehrheit, welche sie zwar im Ganzen und Großen ignorirt, ihnen aber doch zuweilen ein Körnchen Unterstützung zuwirft, zu Willen zu sein. Gegenüber dieser erprobten Methode scheint cs ihnen denn doch ein bischen zu geivagt, sich erst ein Publikum schaffen zu sollen. Wer weiß, fragen sie sich wohl, ob cs gelingen wird, und wenn schon, werden die ersten Schritte auf biesem Wege nicht ebenso lcidvoll sein, als der bisherige Marsch? Jetzt gebe es wenigstens hochvcrmögcnde Gönner, was aber dann? Dann — nun dann würde cs freilich ans fein mit dieser erschmeichelten und erbettelten Gönnerschaft von Leuten, welche das von ihnen unterstützte Geistcsproduct in den allermeisten Fällen gar nicht kennen oder cs belächeln. Dagegen ivürde an ihre Stelle ein thcilnehmcnder und den Autoren dankbarer Leserkreis treten, und so klein dieser auch anfangs wäre, die Schriftsteller hätten das erhebende Bewußtsein, ein verständnisvolles Publikum zu besitzen. Das ivürde ihren Eifer beflügeln, ihre Fähigkeiten sicigerit, ihre Erfolge mehren. Endlich ivürde» sie zu einem ganzen Volke sprechen. Wie richtig diese Schlüsse sind, zeigt der Entwicklungsgang der modern-hebräischen Literatur unter d c n I u d e n d c s O st e n S. Unter deni nationalen Banner hat diese Literatur, einschließlich des hebräischen Zeitungswescns, in verhältnismäßig ganz kurzer Zeit unglaubliche Fortschritte gemacht. Sie hat einen großen Thcil des osteuropäischen und orientalischen Judenthums als ständiges Lcsepublikunt crworbcit; das hat sie für sich gethan. Damit hat sic aber zugleich der Sache der Wiederbelebung des jüdischen Volkes namhaft gedient. Wenn sie nun in dieser Beziehung an der Grenze ihres Könnens angelangt oder ivenigstens nicht mehr weit von derselben entfernt zu sein scheint, so ist das nicht im Geringsten ihre Schuld, sondern bloß Folge natürlicher Umstände, deren sie unmöglich Herr werden kamt. Dort, wo Dank der systematisch betriebenen Entjudung die hebräische Sprachkcitntnis so ziemlich aufgehört hat, steht das moderne hebräische Schriftthum machtlos da. Es kann nicht die mittel- und ivesteuropäischen Juden für den nationaljüdischen Gedanken gewinnen, was doch unumgängliche Voraussetzung des Endcrsolgcs ist. Es gilt also, zuvörderst eine nichthebräische Literatur zu schaffen, ivelche von dem, was sich jetzt im Westen so nennt, gründlich verschieden welche voni Geiste der Liebe zum hebräischen Volksthum durchweht ist. Jeder Btichstabe in ihren Werken muß zum Flammenschwerte im großen und wahren Freiheitskampfe Israels werden, nichtz aber zum giftigen Stachel, der tückisch in's Fleisch des Judenthums cindringt, deffcn Organismus zersetzend. Diese neue nationale Literatur allein kann das jüdische Volk auch im Westen und in der Mitte Europas an sich selbst und seine Pflichten erinnern. Die Acra aber, in welcher der genannte Zweig des jüdischen Stammes nicht mehr auf die faden Schreibereien, welche sich seine Theologenkaste zur Privatunterhaltung leistet, beschränkt sein wird, kann am besten durch eine nichlhebräischc national-jüdische Zeitungs - Literatur eingcleitet werden. Die Zeitungen des F a ch j u d e n t h u m s, diese Archive voll unnatürlichen Prcdigerschwulstcs, diese tläglichenUnte rschlüpfe eines armseligen Schriftstcllerprolctariats, mögen, so lange ihr schivacher Athen: Vorhalten wird, ihre Thätigkeii fortsctzen; wir aber müssen Sorge dafür tragen, daß auch eine imponirendc und stolze, materiell, geistig und sittlich gesunde, einflußreiche jüdische Volksprcsse in denjenigen Ländern, in welchen die Juden das Verständnis des Hebräischen bereits verloren haben, erstehe und blühe. Nur durch eine solche ZciiungSliteratur können wir cs erreichen, daß die im cigeinlichcn Sinne des Wortes jüdische, d. i. die hebräische Literatur auch diese verlorenen Positionen ivicder gewinne; nur so kann cs aber auch dazu kommen, daß auf den Brutstätten der Assimilation die Fahne des Zionismus entrollt werde. Da jedoch »ach unserer schon oft wiederholten und begründeten Meinung ohne diesen letzterwähnten Vorsieg ein endlicher Sieg der zionistischen Bewegung nicht möglich ist, so dürfen uns auch unsere hebräisch verstehenden und lesenden Gesinnnngsgcnossen im Osten in unseren Bestrebungen nach einer vorläufig nichthcbräischen nationaljüdischen P a r t e i p r c s s e nicht allein lassen. Die große und mächtige zionistische Partei im Osten Europas darf ihren beherzten Vortrab im Westen nicht ohne Stütze lassen; denn alle Zionisten der Welt müssen eins sein in dem Streben: D a s I u d c n t h n m des W e st e n s; u m M i t k ä in p f e r für Zion, h e b r ä i s ch c S p r a ch c und nationale, wi rt hs ch a s t l i ch e u n d sittliche Wiedergeburt Israels z u m ache n. B. Angriff und Abwehr. Die „Neuzeit" stammt aus guter alter Zeit, ivo den Juden noch der Himmel voller Geigen hieng; der geistige Motor des genannten Blattes, Herr Dr. Adolf I e l l i n e k aber ist es, der auf diesen Geigen so gut zu spielen verstand, daß ganz oesterreichisch Israel darnach tanzte. Doch die Zeiten sind ernst geworden, fröhliche Tanzmusik findet keine Würdiger mehr und so hat sich der Prediger der Wiener israelitischen Cultusgemcinde ans einen brummigen Baß verlegt. Namentlich kann er sich 's nicht versagen, in entsprechenden Zwischenräumen uns Nationaljuden anzugrollen. Dabei weiß er nach Bedarf verschiedene Saiten anzuschlagen. Vor einigen Jahren hat er uns als Förderer der antisemitischen Sache gebrandmarkt, (woraus ihm eine Abfertigung in dein damals in Berlin erscheinenden „Serubabel" ju Theil ward), heute geißelt er uns als etzk d e n. ten stark. Die heutige

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.