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Selbst-Emancipation · 1892-01-05 · Heft 1 (5.1.1892) · p. Seite 2

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Journal
Selbst-Emancipation
Volume
1892
Issue
Heft 1 (5.1.1892)
Date
1892-01-05
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
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Seite 2. Selbst-E mancipatio» Nr. 1. hältnißmäßig beträchtliche Stärke unserer Bewegung auch in den am meisten non der Assimilation hcimgc>uchtcn Ländern auf. Und wenn die Zionsidcc hier, was mit Sicherheit zu erwarten ist» sich zu einer imponircndcn Stellung cmporgcschwungcn haben wird, so wird sie alles dies auch nur der „Autocmancipation" zu verdanken haben, — diesem wunderkühn geschriebenen Proteste gegen die Licblingsthorhciten der jüdischen Gesellschaft. Dr. P i n s k c r s Thätigkcit war mit der Verfassung der „Autocmancipation" nicht abgeschlossen. Er nahm praktisch an dem palacstincnsischcn Colonisationswcrke in hervorragendem Maße Thcil. Als Präsident des „Montcfiore-Vcrbandes" und nachher des „Vereines für jüdische Ackerbauer und Handwerker in Syrien und Palacstina" leistete er Großes. Dabei war er frei von nicht berechtigtem Sangilinismus, wicivohl er aitdererscits an die Nealisirbarkeit unserer Ideale unerschütterlich glaubte. Eine „Volksmctamorphose" — sagte er in seiner Begrüßungsrede als Präsident der Dclcgirtcnvcrsammlnng der Chowawc-Zion in Kattowitz, O -S. im Jahre 1885 — „läßt sich nicht im Handumdrehen bewerkstelligen und würden ivir uns daher täuschen, wenn wir schon zu unseren Lebzeiten von den Früchten zu pflücken hofften. Aber was sind denn einige Geschlechter für ein unvergängliches Volk? Wie bald wird cs bei gehöriger Energie und Umsicht seine neue Umwandlung übcrstaiidcn haben". Dr. Pinsker hat diese Umwandlung nicht erlebt, konnte sic auch nach seiner eigenen Ansicht nicht erleben. Er hat gewirkt für komincnde Geschlechter. Ehre seinem Angedenken. Diese Nummer hat sich technischer Schwierigkeiten halber verspätet, wofür wir die geehrten Abonnenten um Entschuldigung bitten. — Die nächste Nummer erscheint am 18. Jänner dieses Jahres, "Ba_ Jüdische Literatur und.jüdische Zeitungen. Die tonangebenden Pcrsöitlichkeitcn innerhalb des jüdischen Volkes in diesem Jahrhundert haben bekaitnllich, ohne ein Mandat hiezu zu bcsitzeit, vielmehr auf die nachträgliche Genehmhaliung der autoritätsgläubigen Masse rechnend, feierlich auf die Rechte des Judenthums als Nation verzichtet. Diese Vcrzichtlcistung war iit verschiedenen Beziehungen verhängnisvoll. Eine ihrer bittersten Früchte ist die Aschenbrödelstelluitg, zu welcher die jüdische Literatur in den letzten Jahrzehnten hinabsank. Jene Auffassung, welche aus dem jüdischen Volke im Handunidrehen eine „mosaische Confessio n" machte, wußte mit derselben Fertigkeit die jüdische Volkslitcratur zu einer confcssionellen Fachliteratur umzugestaltcn. Mit dieser, der Domäne des ncujüdischen Clerus, hat dann natürlich der Laie — in der streng kirchlichen Bedeutung dieses Wortes — nichts zu schaffen. Vornehm lächelnd sieht er auf dieselbe herab. Im Grunde genommen würde nun solche Geringschätzung der Sache des wahren Judenthums nicht sonderlich schaden, wenn sie nicht von dem unterscheidungsunfähig gewordenen jüdischen Publikum des westlichen Europa auch jenem größern Theile der jüdischen Literatur cntgegengebracht würde, welcher ganz und gar nicht den süßlichen, Pastoralen Geschmack seminaristischer Geistesnahrung hat. Hieinit ist in erster Linie die Bibel, jenes weltwichtige Werk geiyeint, über das sich heute jeder jüdische Schuljunge, ohne>,cs!äuch nur buchstabiren zu können, lustig macht; in zweiter Linie di e talmudische und die sich daran knüpfende Literatur, welche als ein Curiosum verlacht wird; endlich das ganze große Gebiet der neuhebräischen, der neuzeitlichen jüdisch-geschichtlichen, sowie der modernen jüdischen Zcitungsliteraiur — ein Gebiet, von dcffen Vorhandensein so ein westeuropäischer Jude überhaupt nur selten was erfährt. Der leidige Gesichtsivinkel der Confcssionalität, unter welchem sich die Juden der Gegenwart und des Westens das Judenthum zu betrachten gewöhnt haben, verleitet sie zu vorschnellen Urthcilen und Vorurlhcilen. Denn das jüdische Volk, welches in seinen religiösesten Zeiten kein Pfaffenvolk war, haßt auch noch heute instinctiv die Form des Kirchcnihums, in welche man cs hincingepreßt hat. Wenn es also ungelesen der „Geschichte der Juden" von G r a e tz und unverstanden dem hebräischen Tageblatt „Hamelitz" mit derselben Abneigung begegnet, ivclchc cs für das seichte Geschreibsel irgend eines modernen jüdischen Berufsclcrikcrs empfindet, so kommt das daher, daß cs auch in jenen literarischen Producten, worin das jüdische V o l k s t h u m lebt und webt, bloß die j ü d is ch e Kirche wittert. Dieser vermutete geistliche Character des genannten Schrisithums reizt sie umsomehr zur Verhöhnung desselben, als unsere Zeit überhaupt weltlich gestimmt ist. Es ist aber gerechte Wicdervergeltung, daß jene leitenden Männer, welche die jüdische Nation zur mosaischen Neligionsgenosscnschafl zustutzen, sofernc sie dies auf literarischem Wege thun — und das ist ja bei Bielen der Fall — auch die Conscqucnzcn ihrer Lehren persönlich tragen müssen. Welch' wunderliche Leute, die ihr Volk zur Selbstpreisgebung verleiten, es in eine Glaubensgcnossenschaft nmmodcln, welche nichts glaubt, — und dann für dieses selbstmörderische Volk, diese ungläubige Rcligionsgcmeinde Bücher und Zeitungen schreiben! Unter allen Schriftstellern der Welt sind sic die einzigen, w c l ch e ihr natürliches Publikum a u s c i n a n d c r j a g e n und diesem Vorgehen die Kümmerlichkeit ihrer materiellen und socialen Stellung verdanken. Bis auf einige Wenige, welchen zufällig ihr geistlicher Hauptberuf ei» schönes Einkommen und ein gcwiffcs Ansehen sichert, sind sie alle arme Schlucker und Lileraturparias. Was ein rechter Buchhändler ist, verlegt ihre Werke nicht, und was so in der Welt Schriftsteller heißt, anerkennt sie nicht als College». Wenn sie aber trotzdem den cingeschlagenen Weg nicht verlassen, so mag dabei ja recht oft ein bewundernswerter Jdealismris mit im Spiele sein — meistens aber wird diese Hartnäckigkeit auf eine kleinliche Ockottomie für den itächsteit Tag zurückgeführt werden müssen. Durch Betreten einer neuen Bahn fürchten die Armen, die wenigen ihneit noch gebliebenen Leser zu zerstreuen, ahnen aber nicht, daß diese eben wegen ihrer steigenden Entjudung sich ohnehin bald verlieren werden. Ja, diese Herren sägen d c n A st a b, a u f dem sie sitzen. Am auffälligsten tritt diese Erscheinung bei den jüdischen Zeitungen hervor. Diese — wir ineinen natürlich nicht die von den Antisemiten wenig wohlklingeitd „Judenzeitungen" genannten, sondern diejüdisch-„confessioncllcn" „Fach"- Blätter — sind gezwungen, ihre Ansichten über die politische und sociale Stellung des modernen Judenthums öfter und ein-

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