Selbst-Emancipation
- Journal
- Selbst-Emancipation
- Volume
- 1891
- Issue
- Heft 24 (17.12.1891)
- Date
- 1891-12-17
- Page
- Seite 6 (sequence 6)
- Language
- German
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Seite 6. Sel bst - E m a n c i p a t i o n.; Nr. 24. Gold' bewegen, in die D eff entlieft feit zu treten, nicht so sehr, damit, um aufrichtig zu sein, die neubebräische ' Literatur um ihre literarischen Produkte bereichert werde, sondern vielmehr deshalb,, um unsere» jungen assimttateorischen Brauseköpfen ein beschämendes Beispiel entgegenhalten zu können. Uudapest, den. 13. Decembee l89l. Durch den jüngst erfolgten Tod des allgemein geachteten und für; die hiesige Gemeinde vielfach verdienten Dr. Ignaz Hrrschker ist dessen Sitz im M a g n a t e n h a u s e vaeant geworden. . In den höheren Negierungskreisen gebt man nun damit um, de» hochgeehrten und berühmten Obberrabiner der hiesige» Gemeinde, Dr. Samuel Kohn für diesen Sitz zu designiren. Die Angelegenheit ist zwar noch nicht abgeschlossen, .jedenfalls stehen aber dieser Ernennung die günstigsten Aussichten bevor. Ad'. Rotluuann. Deutsches Reich. Berlin, den 8. December. Wie krankhaft die Zu- , stände der deutschen Jude» sind, kann man aus der ausfallenden Thatsache schließen, daß Carl Emil Franzos, welcher noch vor wenigen Jahren im Leben derselben eine sehr unbedeutende Rolle gespielt hat, urplötzlich zu einer der angesehensten Persönlichkeiten geworden ist. Niemand bezweifelt, daß Franzos einige amnuthige Romane und ergreifende Novellen verfaßt hat — wir Nationaljuden haben wohl am aufmerksamsten seine literarische Thätigkeit verfolgt— aber das gewährt ihm noch kein Recht, auf das Schicksal unseres Volkes einen Einfluß ausüben zu wollen. Franzos ist weder Politiker noch Philantrop, lveder Redner noch Statistiker, weder Nationalökonom, noch Eolonisator. Franzos steht nicht in der Mitte des russischen Judenthums und trotzdem fällte er in der letzten Zeit ein eategorisches Urtheil über die Zukunft desselben. Neuerdings befand er sich jedoch in sehr großer Verlegenheit; er mußte nämlich vor einem Publicum von etwa MO—600 Juden (im Verein für die Interessen des Judenthums in Berlin) ein' Bild-von den jetzigen Zuständen der russische» Juden entwerfen. Einerseits sollte der Vortrag die Versammelten veranlassen, " neue Geldmittel dem russischen Hilfswerke zuzuivenden, andererseits durste nicht durch eine vollkommene Schilderung der Schrecknisse der Gegenwart das nationale Gefühl und die politische Reise erweckt werden. Daher war Franzos darauf bedacht, in einem Augenblicke alle Be- - schränkungen auszuzählen, in dem nächsten aber das Publicum, zu ermahnen, daß es an die übertriebenen Berich'.e über das herrschende Elend der Brüder nicht'-glauben solle. Jndeß muß man Franzos Gerechtigkeit widerfahren lassen' und zugeben, daß sein Referat neben den _ Schaden, den es durch seine einseitige Auffassung und die darin enthaltenen Widersprüche anrichtete, doch auch manchen Nutzen verursacht hat. Müssen wir ihm doch leider zustimmen, wenn er behauptet, daß das Interesse für die gegenwärtigen Qualen der östlichen Brüder keineswegs.so groß ist, wie es im 1 Jahre 1882 gewesen ist, während die Noth ungleich größer ist, als die damalige. Nach Franzos interessirt sich der „Deutsche mosaischen Glaubens" deshalb für den russischen i Juden, weiler sich jedesmal, wenn er ihm eine Unterstützung zutheil werden läßt, erinnert, daß auch er einstmals heimatlos gewesen sei. Der wirkliche und wahrlich diel edlere Grund, daß noch im deutschen Juden ein kleiner. Rest des Stanimesbewußtseins versteckt fortlebe und vielleicht' angesichts der sprechenden Thatsachen wieder erwache, paßt natürlich in die Ansichten des Belletristen nicht Interessant war die Stelle, wo Franzos den .russischen Äntiseinitismus zu erklären suchte. Er gab ausdrücklich zu, daß die Anklagen gegen die Juden, daß sie sich abschließen, daß sie Revolutionäre (Nihilisten) und Wucherer . seien, nicht ganz falsch wären, er erwähnte nichts davon, daß in Wirklichkeit etwa 300.000 bis 400.000 jüdische Handwerker und Arbeiter in Rußland leben, er berichtete nichts davon, daß in manchen Gebieten die Stammesgenossen bereit sind, die schwierigsten Arbeiten für die kleinsten Löhne zu liefern; daher klang die Rede häufig-wie eine - - scharfe Verurtheilung der russischen Juden,-sie entsprach aber gar nicht mehr der Wirklichkeit, als er die Wirkungen des Antisemitismus besprach. Die Judenhetzen, welche, . wie er zugab, nicht durch die oben angesührten Gründe, sondern durch national-ökonomische Gegen-, sätze entstanden, seien, haben drei Strömungen bei der russischen Judenheit bewirkt. Die große Masse sinke immer mehr und mehr im großen Fanatismus zurück und ergebe sich kabbalistischen Studie», so daß der Mhstieismus auf der Tagesordnung sei; es ist geradezu räthselhaft, woher Franzos diese Offenbarung geschöpft hat, da man uingekehrt mit größerem Rechte sageil könnte, daß bei einem Theile der Jugend die Irreligiosität, mit U n s i t t l i ch k e i t verbunden, in erschreckender Weise zunimmt. Eine andere Partei werde von den Ueberbleibseln der früheren liberalen Juden gebildet, welche Gegner der Emigration und Anhänger der Assimilation und des Strebens nach Gleichberechtigung sind; zu dieser Partei gehöre ein Theil der gebildeten, besonders aber der wohlhabenden Israeliten. Ja, das ist wahr, es gibt in Rußland viele reiche Juden, welche sich noch in ihrem Schlamme wohl fühlen, welchen die Fleischtöpfe Petersburgs nicht ans dem Sinn gehen, welchen ein Orden wichtiger als die Zukunft Israels ist. Unvermögend, die Ghettoeigenschaften los zu tverden, suchen sie durch falsche Hoffnungen auf ihre Kreise zu wirken; sie haben nur Trostworte, sie erzählen den russischen Juden Märchen von dem herrlichen Leben der europäischen Juden und wie Lügenpropheten lullen sie die gedrückte Masse ein. Da sie über große Geldmittel gebieten, so haben sie sogar ein eigenes Organ, welches in jeder Nummer den Antisemitismus sterben läßt, in erstaunlicher Weise alle Nachrichten über den Antisemitismus in Deutschland, Oesterreich n. s. w. fälscht und Verwirrung in - manchen Köpfen hervorbringt. Diese Partei mit ihrer Richtung, von der wir manches Lehrreiche noch mittheilen könnten, wurde selbstverständlich von Franzos verherrlicht. Sehr unangenehm ist aber dem Herrn Franzos die dritte Stromiina. nämlich die religiös(??)-naiionale, zionistische. Er erklärte dieselbe dadurch,'daß die russischen Juden sich in der Thal von ihren-Mitbürgern sehr unterscheiden, während „wir", — Franzos stammt übrigens aus Ostgalizien — „mit vollem Rechte uns Deutsche nennen dürfen". Das Nationaljudenthum bestehe darin, daß sich die Israeliten in Rußland einfach sagen: „Ihr Ivollt nicht, daß!vir Russen werden; nun gut, auch wir wollen nur Inden bleiben. Als Juden wollen wir uns ein Land aufsuchen, .wo wir ungestört den Interessen unserer Nationalität sortleben können; das einzige Land, welches die Kraft in sich birgt, dies zu bewirke», ist Palästina" Diese Partei sei sehr gefährlich und müsse bekämpft werden, die deutschen Juven mögen nicht passiv dieser entsetzlichen Strömung zusehen, sondern mit allen ihnen zu Gebote stehenden Mitteln dieselbe von Grund ans zu vernichten sich bestreben. F r a n; o-s äußerte' sich noch weiter in ähnlichem Sinne; so offen sprach er allerdings nicht mehr, wie in der Delegirtenveri sammlnng, wo er sich dahin geäußert hat, daß der a u ß er r n s s i sch en Jude n he i t eine Gefah r sollte, in Palästina eine dominirende Stellung zu gewinnen. Was würden denn die Antisemiten dazu sagen? . ' Ueberhaupt, schloß der Referent, sei die Emigration keine Hilfe für die russischen Juden, sondern die letzteren müssen in ihren Anstedlungso.rien sich zu helfen suchen und darauf warte», bis bessere Zeiten kommen werden. Zu bemerken wäre nur »och, daß Franzos auch die hochwichtige Mittheilnng machte, daß der a-r g c n t i n i s ch e Plan „och überhaupt nicht reif fei, daß bis jetzt im Ganzen 450 Juden vom Baron Hirsch nach Argentinien transportirt worden seien und daß die Wiederaufnahme des Transportes von Juden dorthin vielleicht ' im nächsten Jahre stattfinden werde: Am 8. December fand der zweite Propagandaabend des Vereines „Esra" statt, an welchem -Herr Dr. Hildesheimer einen Vortrag über das Thema „Eine Wanderung durch Palästina" hielt. Zugleich wurde mitgetheilt, daß der Verein „ESra" an die in großer Roth befindliche Kolonie „Mischmar Hajarden" 2000 Mk. gesendet habe.' Der „Russisch-jüdische wissenschaftliche Verein" veranstaltet am 30. December im Saal der „Ressourre", Komiiiandantenstraße 57 eine große Festlichkeit, wobei das Chanukah- und IV. Stiftungsfest gefeiert und Agitation sür-die-nationale Idee betrieben werden soll. Rußland. Ur'terSönrg, 26. Nov. (8. Decnnber 1891.) Die Politik der russischen Negierung gegen die Inden, bewog die Letzteren, zur Selbst-Einancipation cn masse ihre Zuflucht zu nehmen. Aber die Wege dieser/sind verschieden. Während diejenigen, die der. Traditionihrer Väter treu geblieben ' sind, in der Auswanderung ihr Heil suchen, wandern diejenigen, die nur noch bloss dem Namen n.ich Juden waren, in . das Reich Christi, wodurch sie sich Gleichberechtigung und Verbesserung ihrer materiellen Lage erkaufen. Recht gross war die Zahl der ausgewanderten Juden in diesem Jahre (nach den neueren Angaben über 200.000), aber auch die Liste der zur orthodoxen Kirche Uebergetretenen ist - ziemlich groß geworden (einige Tausende). Die Zionsidee hat wohl bei uns tiefe Wurzeln geschlagen und den grössten Theil der denkenden Inden für sich gewonnen, aber sie kann doch nicht die erivünschten Erfolge haben, wenn unsere inodernen westeuropäischen Erlöser dein Zionismus widerstreben. Der Central-Verein für die Colonisation Palästinas in Odessa hat unlängst mit Genehmigung der Negierung eine beträchtliche' Anzahl angesehener Männer als Jncassatoren der Beiträge in verschiedenen Städten ernannt. Aber die materiellen Beiträge unserer Nationalen in Russland für die Colonisation Palästinas sind in diesem Jahre um vieles geringer geworden, einerseits weil die örtliche jüdische und nichtjüdische Bevölkerung der 'Hnngersnoth wegen augenblicklich, der Unterstützung besonders bedürftig ist, andererseits, weil die 'beständigen Maßregeln der Negierung gegen die Juden wie z.'B. die Ausweisung der Juden aus Moskau, die Bsschränknngscirculare gegen die jüdischen Juristen, unsere Erwerbsquellen immerfort schmälern. ' Vor Kurzem hat sich, wie dem „Hameliz" ans London geschrieben wird, daselbst eine Genossenschaft litthanischer Juden ■ unter dem Namen „Maclisikei liadass“ gebildet, deren Ziele darin bestehen, eine selbstständige echt orthodoxe Gemeinde zu gründen. Zu dem Zwecke schieden sie völlig'ans der großen Londoner israelitischen Gemeinde, mietheten ein besonderes Bethaus, wählten einen besonderen Nabbi, ernannten sich besondere- 'Schächter u. s. w. Solche Pionniere können kaum die Gunst unserer Stainmesgenosseii in England für uns gewinnen. Merkwürdig ist es, daß bei den russischen Juden, im Gegensatz -zu den deutschen und amerikanischen Juden das- Sectenivesen fast nie Erfolg gehabt) hat. Nicht weit hat es der berüchtigte' Herr N a b b i n o w i t (ch aus Kischinew mit seinem, Neu-Jsrael oder einer neuen juden-christlichen Kirche gebracht. Ebensowenig gelang, es der Elisabethgraber „Biblischen Bruderschaft" festen Boden zu fassen, da'vom Ministerium des Ziiiiern ein Befehl an die Elisabethgraber Polizei ergieng, die Brüder und Schwestern unt r Polizeiaufsicht zu halten und ihren Dersaininlüligsort zu schließen, wodurch diese erste von Herrn Gord in, gegründete Gemeinde als aufgelöst erklärt wurde. Uebrigens hat bereits Letzterer sich ' im letzten Sommer nach Amerika eingeschifft, wohin aiich die meisteil Brüder, und Schwestern au'sznwaiidern