Selbst-Emancipation
- Journal
- Selbst-Emancipation
- Volume
- 1891
- Issue
- Heft 24 (17.12.1891)
- Date
- 1891-12-17
- Page
- Seite 7 (sequence 7)
- Language
- German
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Nr. 24. ' gedenke». Wir Nationaljuden. sind überhaupt jeder Einmischung in ReligionDsachen fern, aber wir können doch nicht umhin unsere Ueberzeugnng auszudrüchen, daß bisher jedes Secten- und Neformwesen im Judenthum die Brücke zur Assimilation gewesen ist. Der Berliner Krach gab auch hier der antisemitischen Presse viel Stoff gegen die Juden überhaupt und die jüdischenBankiers im Besonderen. Zum Schluß noch eine originelle Nachricht. Zur Erinnerung an die silberne Hochzeit des hohen kaiserlichen Paares am 28. October b. I. arrangirte die hiesige israelitische Gemeinde aus eigenen Mitteln fünf Hochzeiten jüdischer Waisenmädchen (Iiaolinoosatii Kalali), wobeij jede Braut hundert Rubel Mitgift und Geschenke für ihren Bräutigam erhalten hat. Das meiste Geld zu diesem so passenden Wohlthätigkeitswerk soll der Vorsteher der hiesigen.Gemeinde, Herr Baron Horaz Günzburg, beigesteuert haben. Leli-Hexandsr. England. London, 7. Dezember 1891. Es gab eine Zeit und sie liegt noch nicht allzuferne hinter uns, wo künstlich ersonnene Theorien über Inden und Judenthum weit verbreitet und als der Weisheit letzter Schluß ausgegeben und angesehen wurden, Theorien, die bürgerrechtlichen und sonstigen Opportunitäts-Rücksichten entgegenkommend, das Judenthum als monotheistische Lehre und nichts weiter, das eiirzig in der Geschichte der Völker dastehende Eolusleben unserer Nation als eine Art providentiellen Lebrzwanges behufs Verbreitung des Monotheismus ausfaßten, letztere als Seitenstück etwa zu dem modernen Lern- oder Schulzwange der in Deutschland schon früher eingeführt war. Dort sind's die Schüler, die gezwungen werden, für ihr späteres Heil natürlich, zu lerne n, hier sind es die Juden, die durch Golus und Verfolgungen aller Art angehalten werden, zum Heile der übrigen Menschheit den Monotheismus zu lehren. Nachdem aber diese Ideen sich als äußerst unfruchtbar für das Judenthum erwiesen, haben sie in der neuen Generation selbst im Lande ihres Ursprunges immer mehr^an Autorität eingebüßt; und angesichts der üblen Erfahrungen, die man selbst unter der.Herrschaft dieser Anschauluig mit der Verleugnung der nationalen Seite des Judenthums nach außen wie nach innen gemacht, begannen selbst bei den Vertheidigeru dieser Anschanungeu Zweifel an die Nichtigkeit derselben, rege zu werden. Der Antisemitismus thut mittlerweile das Seine, und die wenigen Unverbesserlichen werden auch bald, wenn sie ihm überlassen bleiben, sich bekehren, demgemäß und nach allen Zeichen der Zeit könnte man ruhig dem baldigen endlichen Auflösungs-Prozeß dieser künstlich constrnirten Definitionen des Judenthuins und der darauf beruhenden Schlußsolgerungen entgegensehen, und wissend, daß sie nicht mehr lange den Einzug richtigerer fruchtbringender Vorstellungen im Wege sein werden, hätten wir demAbgelebten, Alten gegenüber'^dieHaltung eiiizuiiehmeu, die durch dieRedensart bezeichnet wird: die Todteu ihre Todten begraben lassen. Doch, wir haben es mit einem widerspänstigen Todten zu thun, der, bevor er seinen Geist aufgibt, noch krampfhafte Anstrengungeil macht sich der Gesellschaft der Lebenden aufzudrängen. Unter solchen Umständen wird es Pflicht des Chronisten, ab und zu Notiz von diesem letzten Verzweiflungskampse zu nehmen und darüber zu beuchten. Und so begegnen wir denn auch noch selbst in beit fortgeschrittensten jüdischen Blättern Berichten und Verhandlungen über das Gespenst aus der Urzeit der Assimilation, so jüngst über die Äußerungen eines deutschen Selch st- Em ancipation. Romanschriftstellers. So sehr aber auch diese Aeußernngeu noch in den alten Theorien wurzeln, wonach Hand in Hand, mit dem möglichst weitherzigen Liberalismus und der Toleranz gegen alle möglichen nationalen Gefühle die äußerste Intoleranz gegen das jüdische Nationalgefnhl 'geht, so sind sie doch im Ganzen davon entfernt, den orthodoxen Standpnnkt der „Reformer" wiederzugebeu, linter welchen die größteil Anhänger und eifrigsten Apostel der^ Missions- Aufgabe Israels zu finden sind. Wenigstens ist dem Schreiber dieser Zeilen kein Bericht über die letzte Berliner Delegirten-Conferenz zn Gesicht gekominen, wonach irgend jemand die Ansicht hätte laut werden lassen, daß die russischen Juden von Haus und Hof vertrieben tverden, weil ihr missionärer Beruf sie nach Brasilien ruft, oder daß die Verfolger der Jude» in unseren Tagen die Werkzeuge der Vorsehung sind, nicht etwa, damit die russischen oder sonstigen Juden sich auf ihre Nationalität und ihre natürlichen nanationalen Aufgaben besinnen, sondern damit ja Argentinien eine Anzahl von den Missionären bekommt, deren Gegenwart dort so sehr erwünscht ist. Nein, den unverfälschten Standpunkt der Missionstheorie in seiner ganzen Glorie zu vertreten, blieb einem englischen Juden Vorbehalten, obwohl gerade bei den englischen Inden diese Theorie mit ihren Conseqnenzen am wenigsten Anklang gefunden hat. Sir Philipp M a g u u s ist der Ritter ohne Furcht (ob auch ohne Tadel, wird zu erörtern sein), welcher die wenig dankbare Rolle übernommen hat, die jüdische Geschichte und das Judenthum in Zukunft mit dem Irrlichts der merkwürdigen Lehrzwangstheorie noch einmal, hoffentlich idas letztemal, vor dem endlichen Erlöschen zn beleuchten. In der Jubiläumsausgabe des „Jewish Chronicle" zieht er muthig gegen die Chovevei Zion zu Felde und kämpft für seine verlorene Sache, wenn auch mit etwas fadenscheinigen Gründen, mit souveräner Behandlung des geschichtlichen Stoffes und äußerst vornehmer Geringschätzung seiner Gegner. Und wenn in späteren Zeiten ein Bibliograph auf diese Ju- > i biläumsnuinmer des Chronicle kommen wird, so wird er seinen Zeitgenossen verkünden, da habe er den wackeren Spartaner für seine Ueberzeugnng kämpsen und unterliegen gesehen wie das Gesetz es befahl, doch nein! er wird diesen Zusatz unterlassen. Kein Gesetz, ja kein plausibler Grund lag j eigentlich für Sir Philipp Magnus vor,diesen Aufsatz zn schreibe». Denn, um ihm erstens Gerechtigkeit widerfahren zu lassen, sodann aber auch, um seinen Artikel in's rechte Licht zu setzen, muß betont werden, daß eigentlich in dem ganzen Artikel kein Wort gegen die jüdisch-nationale Zusammengehörigkeit gesagt, und auch sonst zugegeben wird, daß Zion tief eingegraben ist ins Herz jedes Juden, wie das alles von einem englischen Juden zu erwarten ist. Ja, mehr noch,! selbst die Wiedervereinigung der Inden in Erez; Israel wird als möglich hingestellt und nur die! Rcalisirung in naher Zukunft verneint, als ob! die Chovevei Zion von heute auf morgen den jüdischen Staat aufrichten wollten. Und doch, ist trotz allevem der genannte Artikel gegen die junge Chovevei Zion-Beweguug gerichtet und die einzige Absicht desselben, anspruchlose Leser von der! Mitarbeit an den jüdisch-nationalen Bestrebungen j unseres Zeitalters zurnckznhalteu. Ein solches j Thun, wie die Abfassung dieses Aufsatzes, ist! nicht anders zu nenneu ais ein muthlvilliges > Steiuwersen nach friedlich des Weges einher- I ziehenden Wanderern. | Zur Bekräftigung der sattsam bekannten > Behauptung, daß die Juden um ihre Bestimmung j zu erfüllen, immer zerstreut sein müßte», legt sich! Sir Philipp Magnus eine Geschichtsauffassung > zurecht, die dahiir 'geht: Die geschichtliche Entl Wickelung beginne mit der Familie und werde! durch den Uebergang dilrch Stamm und Nation; >'n die Zerstreuung über die Welt vollendet. So sei! es für das jüdische Volk ein Schritt rückwärts, wieder ein Volk unter den Völkern zu tverden, quocl erat demonstrandum. Diese Ansicht steht freilich im Widerspruch mit der von Sir Magnus selbst zugegebenen Möglichkeit, daß die Juden einmal wieder in Zion ihren Mittelpunkt sehen werden. Alle Beispiele aus der Geschichte, namentlich der letzten Hälfte unseres Jahrhunderts, die M a g n u s' Auffassung von der Entwickelungsgeschichte der Nationen zuwider sind, existiren entweder für ihn nicht oder er gicbt nichts auf ihren Bestand. Dagegen läßt er sich mit umso größerem Behaglichkeit iveitläufig über den schönen Einfall aus, daß Rußland ein blindes Werkzeug sein mag, die russischen Juden aus ihrer Lethargie zur Ausübung ihres Berufes zu wecken und sie nach Ländern zu bringen, wo man sie nöthig hat. Sie habe» auch ihr Kanaan zn erobern, sagt unser Autor, womit er meint, daß sie nicht nach Kanaan gehen sollen, sondern daß sie, nur nicht in Palästina, für die Erreichung des Zweckes arbeiten, der so oft von Kanzeln herab feierlich, fast bei jeder Predigt, verkündet wird und womit auch der Aufruf unseres Verfassers schließt: 'n ns nsn psn nsta (Schluß folgt.) Chronik. (Hokusölüthen.) Die „Wiener Sonn- und MontagSzeitung" erzählt von einem Trödler namens I. K o h n im 11. Wiener Bezirke (Simmering), welcher in der letzten Zeit von Schuljungen und ähnliche» Elemente» mit dem Rufe begrüßt wird: „Juden, brauchtS Ehristenblul?" Dieser liebenswürdige Zuruf ist auf die verleuinderische Anzeige eines jungen Burschen, welche dieser dann selbst kleinlaut zurücknahm, zurückzuführen. Simmering ist der Wahlkreis des Mechanikers Schneider. — Dieselbe Zeitung berichtet über die brutale Behandlung eines armen polnischen Inden im Gemeindewirtshause von Kagran bei Wie». Der Mann wollte sich im Gastzimmer ein wenig anSrnhen. Die Bierabträger fiengen nun an, ihn zu verhöhnen; schließlich sielen sie über ihn her und schnitten ihm gewaltsam das Haupthaar ab. Wirth und Gäste, unter welchen sich auch der Bürgermeister deS Ortes befand, sahen vergnügt zu. (Endlich) rührt sich auch in Ungarn die Zionsliebe bei den Inden. Bei dem jüngst in Budapest ftattgehabten Delegirtentage des orthodoxen „Hilfsccnnite zur Unterstützung russischer Juden" sprach der Rabbiner von Preßbnrg die Meinung ails, daß es ebenso Pflicht der Orthodoxen als Neologeu sei, die Colonisation Palästinas zu betreiben. Zu diesem Zwecke müsse aber viel Geld gesammelt tverden. — Bei dieser Versammlung lvnrde auch beschlossen, zwei Delegirte, die Herren L i p s ch i tz und Will m a » n, nach Berlin, Hamburg, Amsterdam u. s. w. zu schicken, um mit den dortigen maßgebenden Kreisen in Angelegenheit der russischen Jllden zu conferiren. (Aodenkauf in Palästina.) Rach einem der „I-Iapiagah“ von den Delegirten der amerikanischen Palästina-Genossenschaft „Schowe Zion", den Herren Rosenberg und London, zugekommenen Telegramme habe» dieselben in Palästina, und zwar im Gebiete Gola» 20.000 Dunam Bodens, zu i; Francs pro Dunam gekauft. (Aus Klcinastcn.) Der „Jüdischen Presse» wird ans Konstantinopel unterm 2. December gemeldet: Die Einwanderung russischer Glaubensgenossen in die Levante nimmt ihren Fortgang. Am letzten Tage vorigen Monats trafen auf einem perotische» Kaujfahrer acht Familien mit ungefähr 00 Seelen hier ein und wurden gleich nach ihrer Ankunft »ach Galata übergesührt, wo sie bis auf Weiteres unter dem Schutz der türkische» Behörde» verbleiben. Dank der Opferwilligkeit der hiesigen Gemeinde leiden sie bei ihrem vorübergehenden Aufenthalte keinerlei Entbehrung. Selbst die Kranken werden sorgfältig gepflegt. Wen» eS- »och eines Beweises bedürfte, daß die Hohe Pforte von jeder religiösen Voreingenommenheit frei ist und daS Einwanderungsverbot nur auS hygienischen Kreise,» vorübergehend erlassen hat, so würde ihr wohlwollendes Verhalten gegenüber unseren zugewanderten Glaubensgenossen diesen Beweis