Mannheim
Compact Memory

Selbst-Emancipation · 1891-12-17 · Heft 24 (17.12.1891) · p. Seite 4

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Selbst-Emancipation
Volume
1891
Issue
Heft 24 (17.12.1891)
Date
1891-12-17
Page
Seite 4 (sequence 4)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/3092672-3092739-3092763--0792-3093783
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

werden und das Wort „Alle Mann auf Deck", Las ihnen hier zugerufeüwird, 'nicht überhören und baldigst zur That werde» lasst». - Magdeburg, 21. November'1891. Historisch-politische Methode. ' Vor wenigen Wochen hat der Rector der Wiener Universität eine Jnaugurationsrede ge- - halten, welche in weiten Kreisen .der gebildeten Bevölkerung großen Eindruck hervorgebracht hat. ,Uud dies ist leicht erklärlich. Denn d'er Träger der höchsten akademischen Würde hat seinen Finger aus die. weit klaffende Wunde unseres Zeitalters gelegt, indem er der heutigen Gesellschaft, in ihrer materialistischen Gcistesrichtung, in ihrer Verach- .tung der. Ideale, die Fähigkeit abspricht, die weltbewcgcitde sociale Fragedie so stürmisch an die Pforten unserer greisenhaften'Zeit pocht, auf friedlichem Wege lösen zu können. Der bedeutende. Rechtsgesthrte führt die Herrschaft des immer weiter um'M) greifenden Materialismus auf den . Einfluß der Naturwissenschaften zurück, welche sich in unserem Jahrhundert zu einer nie geahnten Höhe emporgeschwungen haben, und ist der An- / sicht, daß namentlich die großartigen technischen Erfindungen in ihrer wunderbaren Ueberwindung von Raum und Zeit es veranlaßt haben, daß der weitaus größere Theil der Gebildeten nur. mehr an dem unmittelbar Praktischen sein Genügen findet, während die Vernachlässigung der sogenannten humanistischen Studien, welche der Pflege der Ideale dienen sollen, immer, größere Fortschritte macht, und der immer mehr fühlbar werdende Mangel an politischer Bildung, nur ' das Sinken der öffentlichen Sittlichkeit im weitesten Sinne des Wortes zur Folge hat. .Der Rector der ersten Universität des Reiches empfiehlt daher die Rückkehr zur historisch-politischen Methode in der Erziehung des Volkes und ist der Meinung,' daß diese Methode die.Signatur des'kommenden Jahrhunderts bilden werde, .gerade .so wie die naturwissenschaftliche ihren Stempel., dem -19. Jahrhundert aufgedrückt hat. . - . Es soll hier nicht,'die großangelegte Jnangurationsrede des Herrn Prüfe,,or Dr. E x n e r einer Kritik unterzogen werden; Zweck dieser Zeilen ist nur, die von so berufener Seite verkündigte neue Devise: „H.i st o r i s ch-p oli 1 ische Methode" in ihrer Nutzanwendung auf . das - Judenthum zu behandeln, namentlich über durch finden, die ihn ' heruntcrgcbracht hatte'. Sie sammelten, was die Leiche zur Zeit ihres' Lebens geschrieben und gesprochen hatte und das' Testa-' ment des Dahingegangenen, aber' sie -kümmerten sich nicht um die gegenwärtigen ' Wünsche - und Bedürfnisse des jüdischen-Volkes,'dessen Sprache auch in ihren Augen todt war. Sie schnitten wie ' unbarmherzige Anatomen Stücke von unserem Leibe und gaben vor, selbst' keinen Schmerzzu fühlen, schnitten in aller Seelenruhe und bei vollem Bewußtsein, oder sie sahen'ans unser Volk wie auf' einen Röchelnden,-, der. keine;Hofinung _ hat/ und fürchteten, zu.ihm harte zurechtweisende Worte zu sprechen, ihn zu einer rettenden That anzuregen; sie gaben-ihm vielmehr Mathschläge und verabreichten ihm Heilmittel,' um die Agonie ein wenig zu' verlängern. Einige sagten dem Kranken auch, daß er gesund sei und keine Gefahr drohe, daß ihm das Krankenlager paffe, daß die . verdorbene Luft, in der' er. lebe, erfrischend' wirke, sie. schmeichelten dem Kränken,' speit sie wollten, daß er ihnen den Rest'seinrs. Vermögens vermache. Andere von ihnen -bemühten sich, den tobten Körper unseres Volkes Prächtig zu kleiden und zu schmücken, damit ,die Völker unter denen Selbst- E m a n c i p.a t i o n. Nr. 24. dieselbe die. so' viel bestrittene Berechtigung des j üdi s ch - n a t i o' n ä l e n G e d a n k e n s zu begründen.. Vor allem ist es nöthig, den Begriff: „historisch-politisch denken" zu definieren. ' . „Historisch - politisch denken" heißt die Gegenwart aus der Vergangenheit, also 'das Gewordene aus, dem. Gewesenen begreifen, um auf Grund der gewonnenen. historischen Gesetze von der Gegenwart' auf die Zukunft, also vom . Gewordenen auf das Werbende schließen zu können.. ■ Wie sehr ist das moderne Judenthuni dieser wie ein rothcr Faden durch die viertausendjährige Geschichte des jüdischen Volkes 'sich ziehenden Denkweise untreu geworden! Die lebendige geschichtliche Tradition, welche.' die wunderbare Erhaltung des israelitischen Volkes in der Diaspora inmitten einer Welt von unbarmherzigen Feinden, bewirkt hat, ist in unseren Tagen verblaßt, in den westlichen Ländern das theuere Erbgut eines, nur kleinen Bri'chtheils der jüdischen Bevölkerung geblieben, während, die Mehrzahl der Inden 'dieser Länder ihr einziges Heil in dem vollständigen Aufgehen-in die fremden Nationen, also, in der A s s i m i l a t i o n d e m B l u t e nach, erblickt ohne zu bedenken, daß der sogenannte R a c e n- A.n ti s e m.it i s m u s ihrem selbstmörderischen Begumen große, üin nicht zu sagen unüberwindliche Schwierigkeiten entgegensetzt, und daß. auch der religiöse Antisemitismus ihren Üebertritt zum Christenthum nur . mit sehr mißgünstigen Augen betrachtet. Die Kirche muß das Eindringen vieler glaubensloser, jüdischer Elemente-in die christliche Gesellschaft, mit vollem Rechte'als - eine Gefahr für ihre Herrschaft betrachten; hat sie doch im eigenen Lager mit religiös-indifferenten.Massen zu kämpfen, und-kann es-ihr daher nichterwünscht sein, daß diese duxch gleichgeartete Zuzügler vermehrt werden. Obwohl nun glücklicherweise die Zersetzung -im Judenthume noch nicht so weit vorgeschritten ist, daß in Bälde Massentanfen .zu gewäitigen wären, so ist doch nichtsdestoweniger in einem großen Th eile der modernen Jndenheit infolge ihres relig iösen Jndiffcrentismus die Disposition für eine'solche Eventualität vorhanden, und es müssen daher bei Zeiten alleHcbel angesetzt werden, die Zersetzung im Judenthume nicht nuranfzu» halten, 'sondern auch diese drohende innere Gefahr vollständig abzuwenden. " Das beste und wirksamste Mittel, zur gründglichen R eg e n e r i r ü n g des südischen i Volkes kann,w''e dies die Geschichte auf Schritt er sich herumwälzst nicht Ekel und Abscheu bekommen., Nur Smolensky war der einzige, unter, den hebräischen Schriftstellern, ivelcher sah, daß unser Volk kein todter-Körper sei, auch nicht im Todest'öcheln . liege, daß' es vielmehr nur schwach sei, daß aber sein Herz noch mächtig schlage, baß sein Kopf noch Gedanken ersinne, daß nur seine enge' Lagerstätte, daß nur die Feffeln an seinen Füßen, daß nur die verpestete Lust, die es athmen müsse, cs geschwächt und gedemüthigt haben. S m sl e n s ky verkündete mit Siegcsgewißheit den'Gefangenen daß seine Kraft noch nicht von ihm gewichen sei, daß er seine Fesseln wie Zwirn abstreifen könne, wenn er nur de» Willen in sich habe. S m oleusky erivcckte ihn zur Arbeit und zur That, lehrte ihn unterscheiden zwischen Freund und Feind, zwischen dem Wunderdoktor und dem wahren Arzte. 'Er brachte ihm-in Erinnerung sein altes Lebenselix!r, die Bibel. Er wies ihm,, daß der Henker- Henker sei,; auch wenn er eine goldene' Axt habe. Er erinnert? das' Volk, daß. Wunden' Wunden'bleiben, auch wenn man sie mit Seide bedeckt'.und'mit Puder -bestreut, sie aber'nicht, gründlich heilt. Smolensky 'tvar 'kein Arzt, und Tritt bezeugt, nur in der' regsten ,Fö rd er'un g d e r h e b.r ä i s ch e.n S p r a ch e u n d L it er a t ur, in der i nteus i v st e n Pflege der j ü d i s ch e n G e s ch i ch t e erblickt werden. Sprache, Literatur und Geschichte, - diese heiligsten Güter eines jeden Volkes, müssen wieder, wie dies früher der Fall war, das.geistige .Gemeingut breiter jüdischer Volksschichten werden, wenn das Judenthum, auch fernerhin im Stande sein soll, den Stürmen der Zeiten zu trotzen, seine Integrität allen Angriffen gegenüber zu behaupten und dadurch seine Existenzberechtigung auf das Ueberzeügendste zu beweisen. Dem-modernen Judenthume in Mittel-und West-Europa ist' das Gefühl der Wertschätzung . seiner.' idealen Güter zum großen Theile abhanden gekommen; es. hat . aus der Vergangenheit nichts, gelernt, vielmehr-nichts-lernen wollen- Uneinge- - denk der prophetischen Mahnung unseres großen Lehrers Mose: „Gedenke der Tage der Vorzeit, der Jahre vergangener Geschlechter; ffrage deinen Vater- und er wird dich lehren; deine Alten, und die werden dir's künden", womit dieser größte aller Propheten in seinem so tief ergreifenden und zugleich herzerhebenden Schwanengesange seinem hartnäckigen Volke die treue Pflege seiner Geschichte so wärm an's Herz legte, damit es aus dieser lebendig sprudelnden Quelle stets neue Kräfte für seine Erhaltung und welthistorische Mission schöpfen könne, ist das Bestreben des modernen Jubenthums in einem großen Theile der civilisirteu Welt darauf gerichtet, die große Vergangenheit des jüdischen Volkes zu vergessen. Es hofft dies mit Recht dadurch bemerkstelligen zu können,.daß es den Lebensnerv Israels unterbindet, indem es die hebräische Sprache, und Literatur, die' belebende Darstellung der jüdischen Geschichte aus der Schule verbannt und das 'Studium d'eser Disciplinen nur auf eine G el e h r t e n - K a st e beschränkt wissen will, während ein wöchentlich zweistündiger schaler, sogenannter „Religions" Unterricht in der Landessprache — ' dessen geringfügige Wirkung durch das religionslose Leben tni Elternhause ohnedies - paralhsirt wird — für die Jugend. gerade, gut genug ist, -dieselbe dem Jndeuthum zu entfremden und für die Affimilation '— wie sie die heutigen -Wortführer des" modernen Judenthums verstehen — empfänglich zu .mache». Die herrlichen Früchte^ dieses seit 25 Jahren energisch durchgeführten Erziehungssystems zeige» sich gegenwärtig allek' 'Orten : V er ach tu ng d e s j üd i scheu Vol ksdcr von außen kam, sondern selbst ein. lebender ' Nerv 'des unglücklichen Volkes, - ein -besonders empfindlicher Nerv. desselben. Smolensky' war kein großer Sociolog und Philosoph, aber unserem Volk that damals kein Sociolog noth, der kühl die Erscheinungen des gesellschaftlichen Lebens prüft und kein Philosoph, .der' in -der Theorie erbarmungslos anfbant und nieder- . reißt. Unser-unglückliches, gedrücktes,.verwundetes,- aus einem Vulkan wandelndes Volk brauchte' blos den Posaunenklang, der ihifl aus 'tiefem Schlafe erwecken und ihn ermuntern sollte, sich aus der Verwirrung zu retten. Die einzige Philosophie, - die wir damals b^nöthigten, war .die Philosophie, des Lebens, daß nämlich das Leben besser sei als der Tod, und diese Philo' sophieverstand' S m ol e n s k y wie kein Anderer. S m o l e n k y that seine Arbeit mik Sturm und Leidenschaft. David G.ordon dagegen war sanft. Auf allem, was. er schrieb, ruhte jüdische Anmuth, Bescheidenheit und rührende Naivetät. Ein genaueres Bild seines freundlichen Wesens erhält manaus seinen Briefenan - Perez Smolensk y,- aus welchen ich einige Stellen demnächst mittheilen will. Ruhen Brainin.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.