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Selbst-Emancipation · 1891-12-17 · Heft 24 (17.12.1891) · p. Seite 3

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Journal
Selbst-Emancipation
Volume
1891
Issue
Heft 24 (17.12.1891)
Date
1891-12-17
Page
Seite 3 (sequence 3)
Language
German
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Nr. 24. S elb st-Emanci Patron. Seite 3. Zionistendie Majorität in der Gemeinde ausmachen, von selbst das Gegebene. Wo dies aber nicht der Fall ist, da wird die erstere Methode vorzuziehen sein. Es ist sehr unwahrscheinlich, daß Baron Hirsch Vereine, welche nur zum Zwecke der Judenkolonisation vorhanden sind, von seinem Kongresse znrückweisen wird: besonders aber wird er zionistischen Vereinen bei seiner jetzigen zionsfreundlichen Stimmung schwerlich den Zutritt verweigern. Sollten aber wider Erwarten die zionistischen Vereine nicht zugelassen werden, so müssen sie Wenigstens in ihren Gemeinden ihre Kräfte nach Möglichkeit dahin geltend machen, dag man ihnen nahestehende Männer, jedenfalls aber keine principiellen Zionsgegner als Delegierte entsende. Das wenigstens wird sich gewiß bei energischer Arbeit erreichen lassen. Vor allem werden natürlich die r u s s i s ch e n Zionsfreunde das, was sie auf der Berliner Delegiertenkonferenz versäumt, auf dem bevorstehenden Kongresse wieder gut zu machen haben. Wird doch in einer Versammlung, die über das Schicksal der russischen Juden entscheiden soll, die Stimme dieser selbst in allererster Linie gehört werden müssen. Ihre Zurückweisung vom Kongresse wird also ganz unmöglich erfolgen können. Wir sind auch überzeugt, daß die russischen Zionsfreunde, wenn sie anders nicht auch diesmal eine ihrer wichtigsten Aufgaben verabsäumen wollen, ihren Standpunkt mit derjenigen Klarheit und Energie zum Ausdrucke bringen werben, die unseren Gegnern die schwerste geistige und moralische Niederlage bereiten wird. Neben dem Erscheinen der russischen Zionisten würde auch dasjenige der r u m ä - nischen für unsere Sache nicht unwichtig und wohl am Platze sein, da Baron Hirsch überhaupt ja für alle Inden, die in ihrer jetzigen Heimat harten Bedrückungen unterliegen, Asyle zu schaffen beabsichtigt. Leider fehlt nun aber unseren rumänischen Gesinnungsgenossen augenblicklich fast durchweg auch die primitivste Organisation. Mögen sie deshalb' sehen, was sich in Eile zur Schaffung derselben thun läßt, damit sie bereits auf dem Kongresse als Macht auftreten können! Ganz besonders wichtig erscheint die Beschickung, des Kongresses durch die sp'agnoli- .scheu I n d e n d e r B a l k'a n l ä n d e r und der asiatischen Türkei. Schon deshalb, wei sie — abgesehen höchstens von ihren nähern Verwandten, den portugiesischen Juden des Westens, sowie den italienischen Juden — das i vornehmste Element in der Judenheit bilden. Gerade ihre Theilnahme könnte die Befürchtung, daß es sich bei der Besiedelung Palästinas nur um Schaffung einer neuen Auflage des Jargon - judenthums handle, zu Nichte machen und deutliche Kunde davon geben, daß hier gerade ein hebräisches, freies Bauernjudenthum wiederhergestellt werden soll. Ferner aber könnten die in der Türkei wohnenden Juden von der ja gleichfalls bestrittenen Duldsamkeit der türkischen! Regierung und des türkischen Volkes am besten Zeugis ablegen, sowie über die ganzen türkischen Verhältnisse am genauesten Bericht erstatten. Die Sache würde von den unter den spagnolischen Inden bestehenden Palästinavereinen, insbesondere von „Oi- Sion“ in Philippopel *), baldigst in der Weise eingeleitet werden müssen, sümmtliche größere spagnolische Gemeinden mit der für das Gesammtjudenthum hochwichtigen Frage bekannt zu machen und an sie die Aufforderung zur Be- - Werbung um Theilnahme an dem Kongresse zu richten, falls sie nicht von selbst vom Baron Hirsch dazu eingeladen werden sollten. Sind doch bekannilich die spagnolischen Juden sammt und sonders national und werde» sie nur einer Anregung bedürfen, um diese» ihren Nationalismus auch äußerlich zu bethätigen! Auf diese Weise würde übrigens auch eine zionistische Organisation der spagnolischen Juden gleich füralle Zukunft eingeleitet sein. Zu den spagnolischen .Juden des Ostens werden sich auch die a s ch ka n a s i s ch e n der p a lä st i ne n s i s ch en Städ te hinzuzugesellen haben. Vor allem aber dürfen die palästinensischen Kolonisten selbst in keinem Falle die Gelegenheit verabsäumen, durch eigene Delegierte eine Schilderung ihres Zustandes entwerfen und über sie verbreitete Unwahrheiten völlig entkräften zu lassen. Sei es, daß sich sämmtliche Kolonien über die Wahl eines oder mehrerer Delegierten einigen, sei es auch, daß die bedeutendsten Kolonien je einen Delegierten für sich entsenden, etwas wird hier ganz nothwendig geschehen müssen. Schon das bloße Erscheinen palästinensischer Eolonisten wird zweifellos eine imponirendc Wirkung ausüben. Aber auch die Zionisten Oesterreichs, D e n t s ch l a n d s , F rank r e i ch s, B e l - *) Vielleicht könnten sich auch die spagnolischen Mitglieder und alten Herren des akademischen Vereines „Kiulinuili" in Wien hier besondere Verdienste erwerben. g i e n s, Englands, Nordamerikas und der außereuropäischen englischen B e s i tz u n g e n werden, schon ui» ein Gegenwicht gegen die deutschen Assimilationsjuden bilden zu können, sich an dem Kongresse in möglichster Stärke betheilige» müssen. Insbesondere hat das für die e n g l i s ch e n Zionisten zu gelten, die einen sehr bedeutenden Theil der gesammten englischen Judenheit ausmachen und deshalb vielleicht auch in sehr kurzer Zeit diese Gesammtheit für sich zu gewinnen imstande sein werden. In einer Beziehung könnten die englischen Nationaljuden noch ganz besonders segenbringend — und wir möchten ihnen dies deshalb auch ganz besonders warm an das Herz legen — für unsere Sache wirken: wir meinen, daß sie es unteriiehmeii könnten, eine Theilnahme auch der christlich-englischen Palästinagesellschaft am Kongresse des Baron H i r s ch nach beiden Seiten hin anznbahnen und zu vermitteln. Ganz abgesehen davon, daß durch eine solche Einladung, die sich bisher, wie es scheint, nur ideell und theoretisch mit unserer Sache beschäftigende, die praktischen Fragen wohl zu wenig kennende Gesellschaft wahrscheinlich zu einer sehr baldigen aktiven Mitthätigkeit an unserem Werke veranlaßt sehen wird, dürfte die Thatsache, daß die hohe Geburts- und Geistesaristokratie des freien England für die Palästinasache eintritt, auch den extremsten Assimilationsjnden eine Ahnung davon aufdämmern lassen, daß wir Zionisten uns, sobald wir nur erst einmal mitten bei unserem Werke sind, die Sympathien gerade der besten Elemente auch der übrigen arischen Völker zweifelsohne erwerben werden. Wenn lvir so in der geschilderte» Weise alle unsere Kräfte zusammenziehen und in die Wagschale werfen werden, so wird unser Beginnen auch ohne Zweifel von großem Erfolge begleitet sein. Nicht blos, daß die Nieseiisummen des Baron H i r s ch in reichlicherem Maße Palästina zufließen werden, nein, auch die mit Baron Hirich zusammenwirkeuden Juden, deren Einfluß wiederum kein geringer sei» wird, werden für unser Unternehmen theilweise oderganz und gar gewonnen sein. Wir werden uns die Arbeit, die wir mit unserer Agitation vollbringen, bedeutend erleichtert, die Zeit die wir darauf anwendeu müssen, bedeutend abgekürzt haben. Mögen deshalb alle Zionisten und ganz besonders die russischen sich der hohen Wichtigkeit des bevorstehenden Momentes bewußt geschrieben, auch für diese weltbürgerlichste aller Wissenschaften eine jüdische Grundlage gefunden hätte. Viele befähigte Schrifsteller verschiedener Art giengen aus der alten Schule hervor, ebenso Aerzte, Ingenieure u. s. w.; aber sie hatten alle ein Gemeinsames: sie beugten sich alle vor einem Worte eines nichtjüdischen Weisen, sie fielen alle auf die Knie vor dem Lächeln eines christlichen Großen, sie alle erstarbeu in Dehmut vor dem Reichthum. Nur Smolensky war der einzige Typus eines hebräischen Politikers, der ans der alten Schule Hervorgieng. Er scheute sich nicht, wenn es nothwendtg war, ein hartes Urtheil über die größten Weisen und. Schriftsteller unseres Volkes in - Vergangenheit und Gegenwart auszusprechen, wenn sie ihrem Volke eben in seiner Eigenschaft als Volk nicht treu waren. Smolensky hatte das erste und ein feines Vorgefühl für alle bevorstehenden, auch leisesten, Aeiideriingen der europäischen Athmosphäre und sah mit Seherblick voraus, was kommen würde. Er war der Erste, - der den Priestern der Assimilation den Krieg erklärte zu einer Zeit, wo j noch die Die'Neu auf den Knieen vor ihnen lagen, j Er war der Vorbote der neuen gewaltigen Epoche, I welche in der Geschichte des jüdischen Volkes bej gönnen hat. Smolensky war kein Philosoph, j kein Forscher, aber er wußte das Volk zu elek-! trisiren, mehr als zehn Voltasäulen. Seine i Sprache war nicht die der Philosophen, ruhig,! wortkarg und prägnant, sie war eine Sprache! der Fibern, sein Geist war wie ein Wildbach, seine Seele revolutionär. Er war kein Friedensfürst, sondern ein Kriegsgewaltiger die Natnr hatte ihm eine schwertgleiche Feder verliehen. Es I gibt mittelmäßige, kühle, schwachherzige Menschen, j welche .in gewissen Augenblicken sich empor-! schwingen und begeistern können, aber Smo-! lensky-war immer voir heiliger Glut beseelt,! immer voll Gefühl, immer auf der Höhe des; Enthusiasmus. In allem, was er that, war nichts Profanes, nichts Gewöhnliches, darum war seine Schreibweise heftig und stürmisch. Er schrieb seine Werke nicht-mit Fleiß und Geduld, nicht betrachtend und abwägend, sondern in Eilfertig- ' feit, wie in heißer Zeir, wie in Kriegszeiten, wo nicht gewartet werden kann. So' wie er seine ' Gedanken zu Papier brachte, übergab er sie j sofort dem Drucke. Sein Gehirn und die Druckerj presse arbeiteten fast gleichzeitig; sein Schreibj ziminer befand sich nämlich in der Druckerei neben! der Maschine, so daß letztere fast sein Sprechj Werkzeug war. Er verhätschelte nicht seine Geistesj kinder, sondern sandte sie gleich nach der Geburt j in die Welt hinaus. j Die hebräischen Gelehrten und Schriftsteller,! welche vor S-m o l e n s k y waren und zum Theile j auch die unserer Tage betrachten unseren Volkskörper als tobten Körper, und wenn es ihnen! nur vorkam, daß sich der Todte noch ein wenig j bewege und noch ein Nerv Lebenszeichen gebe,! geriethen sie in Angst und Schrecken und ver- ' kündeten laut.: Jakob ist todt. Sie sprachen ihm! das Leben ab, um die Angst los zu werden: Sie! fühlten nicht, daß sie innig verknüpft seien mit! diesem Körper, daß von ihm Leben auf sie aus-! ströme; sie glaubten vielmehr, daß sie ein ab- > gerissenes Stück dieses todten Körpers seien und j befanden sich nicht wohl in dessen Gesellschaft, > aber sie hatten eine Freude daran, ihn zu zer- > gliedern, um die Wurzeln der Krankheit zu

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