Selbst-Emancipation
- Journal
- Selbst-Emancipation
- Volume
- 1891
- Issue
- Heft 24 (17.12.1891)
- Date
- 1891-12-17
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/3092672-3092739-3092763--0790-3093781- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
darauf müssen wir besonders hiiiarbeiteu. Auch wir müssen den Nationen etwas sagen wollen und können. Nicht, das; wir vielleicht der sogenannten „Judenpresse" in's Handwerk pfuschen. Nicht unter fremder Flagge, nicht in die Angelegenheiten Anderer uns mengend, nein, im eigenen Namen, in unserer eigenen Sache müssen wir die europäischen Völker um ihr Urtheil anrufen und dürfen nicht früher ruhen, als bis wir es durch die Macht unserer Gründe zu einem für uns möglichst günstigen Erfolg gestaltet haben. Die national-jüdische Partei wird überhaupt bald beioeisen müssen, daß sie sich fühlt; sic wird nicht länger Dersteckens spielen, nicht länger so eine Art Privatpartei sein dürfen. Mit offenem Visir muß sie auf den Plan, muß zurückschlagen und angreifen, muß Positionen gewinnen. Eine solche, und zwar der wichtigsten eine, ist die Meinung der Nichtjuden. Bisher gibt es nur ein Volk, das englische, welches unsere Ziele würdigt und gutheißt. Die anderen Nationen Europas sind, soweit sie von unseren Bestrebungen Kunde erhalten haben, keine Freunde derselben. Die ausgesprochenen Antisemiten gönnen uns nur das Ghetto und die Philosemiten, von den assimilatorischen Juden ermuntert, wollen nicht so ohne weiters ihre Gunst unserem Stamiiie geschenkt haben; die Humanität soll unsererseits mit nationalem Anschluß bezahlt werden. Gelingt dann dieser trotz unseres besten Willens naturgemäß nicht, so schwenken die Philosemiteu schaarenweise unbefriedigt ins antisemitische Lager über. Wenn wir nun gerade diese letztere Erscheinung betrachten, dann wird uns offenbar werden, was wir zu thun haben. Wir müssen den Nichtjuden zeigen, daß es verkehrt sei, an ein Volk hohe Ansprüche im Punkte der socialen und politischen Moral zu stellen, das soeben seine Hände mit nationalem Treubruch besteckt hat; wir müssen ihnen darthun, daß sie die Enttäuschungen, welche sie an uns erlebten, selbst verbrochen haben. Wir müffen ihnen das Leben und Weben des Affimilationsjudenthums. nach der Natur zeichnen und es müßte mit sonderbaren Pere; Smolensky und David Gordon. Eine literarische Skizze mit Benützung der Briefe des Letzteren an den Erstere»*). Traurig und bitter ist das Los des hebräischen'Schriftstellers, was immer er schreibe; wenn er blos vom Ertrage seiner Feder lebt, dann kennt er Mangel und Elend. Aber noch trauriger und bitterer ist das Los des hebräischen Schriftstellers, wenn er auch Kämpfer ist, wenn seine Schriften eine erkennbare Tendenz haben, wenn er für eine hohe,, erhabene Idee streitet, wenn alle seine Worte und Thatcn auf einen Punkt gerichtet sind. Arme Schriftsteller giebt es auch unter den anderen zivilisierten Nationen, speciell wenn sie auch arm a > Geist sind; aber Schriftsteller, welche für die Heiligthümer des Volkes, für seine Ideale und Hoffnungen kämpfen und trotzdem keinen sie begreifenden Leserkreis haben, keinen wenn auch kleinen Anhang, der sie moralisch und materiell unterstützt, der für ihre Ehre einsteht und sie wenigstens vor Hunger . bewahrt, — solche Schriftsteller gibt cs nur in unserem Volke. Ja, nur bei uns hat die Mehr- *) Aus. dem Hebräischen übersetzt. Selbst-Emancipalion. Dingen zugehen, wenn sie sich nicht zuletzt aus unsere Seite stellten. Die Assimilation greift uns mit den giftigsten Waffen an, wir brauchen keine Rücksicht auf sie zu nehmen; wir dürfen es schon von bloßem Parteistandpunkte nicht. Demaskiren wir sie also, damit sie nicht weiter in ihrer Scheinheiligkeit dastehe. Zeigen wir der Welt das wahre Gesicht dieser Verhäscheltcn, damit nicht weiter ungestraft ihre Lippen überfließen dürfen von Dingen, die ihrem Herzen fremd sind. Das sittliche Gefühl der Europäer müßte verkümmert sein, wenn es ' endlich nicht doch herausbrächte, wo Patriotismus eher erwartet werden kann, ob bei Menschen, die ihr Volk nicht verlassen wollen, oder solchen, die es aufgebcn, weil es ihnen im Wege steht; wo mehr Idealismus lebt, ob bei' Anbetern des Mammons oder bei Verehrern der Idee; wo mehr Streben nach Versittlichung wohnt, ob bei den Verherrlichern des Krämer- und Schacherthums oder den Pionnieren des jüdischen Ackerbaues? Diese Fragen den Nichtjuden zur Entscheidung vorzulegen, muß eine unserer Hanptsorgcn sein, sobald wir die so nothwendige Parteiorganisation durchgeführt haben. In jedem einzelnen Lande, in jeder Stadt wird die Agitation leichter werden, wenn wir das Arierthuin selbst als Zeugen gegen die behauptete „Gefährlichkeit" des Zionismus führen. Dann wird der „Zionismus" erst wirklich gefährlich werden^ aber nicht dem Judenthum, weder in materieller, noch in moralischer Beziehung, sondern jener ebenso anmaßenden als veralteten Richtung, zu deren Vertreter sich in letzter Zeit Herr Carl Emil Franzos auigeschwnngen hat. B. Zum bevorstehenden Kongresse des Baron Hirsch. (Ein Mahnwort an alle Zionisten.) Für das nächste Jahr, wahrscheinlich schon für den Beginn desselben *), steht ein Ereignis *) Nacheinem Originalberichte der „Jüdischen Presse» aus London dürste der Kongreß erst Mai 1892 stattfinden. heit des Publikums keine klare Vorstellung davon, was ein Schriftsteller ist. Bis zum Erscheinen des „Hascliachar" war das jüdische Publikum an Schriftsteller gewöhnt, welche sich in schönen Phrasen gefielen, an Dichter, welche den Frühling, die Blumen und den Mondschein besängen, an Literaten, welche sich über irgend einem Ausspruch unserer Weisen lustig machten. Unter den wenigen Schriftstellern in Israel, welche sich einer ausgesprochenen Tendenz widmeten, für einen heiligen Gedanken. mit ganzer Seele eintraten, ragen die beiden uns leider zu früh entrissenen Perez Smolensky und David Gordon hervor!. beide kämpften für die Nationalität Israels und den Palästina-Gedanken, jeder nach seiner geistigen Kraft und'Fähigkeit. Beide wichen nicht um Haaresbreite von der literarischen Bahn ab, tvelche sie sich erwählt hatten. Beide liebten die Wahrheit über alle Maßen; beide können mit ihres Geistes Stärke und ihrem unerschütterlichen Idealismus den jüngeren Schriftstellern Israels, welche sich ans dem Gebiete des nationalen Gedankens bethätigen wollen, ein Muster abgeben. Aber Beider, die so viel Mangel im. Nr. 24. bevor, das von einschneidendster Bedeutung für das Schicksal unserer Nation sein wird, der Kongreß der jüdischen Hauptgemeinden, den Baron Hirsch einzuberufcn gedenkt. Bei dem großen Einflüsse, den diese Versaininlung ans die gesammte Judenheit unzweifelhaft ausüben wird, ist es klar, daß wir Zionisten dort eine möglichst große Berücksichtigung unserer Wünsche ' zu erlangen mit. Daransetzung all' unserer Kräfte bestrebt, sein müssen. Den», da Baron Hirsch überhaupt die Kolonisation Palästinas in seine. Pläne einzubeziehen Willens ist, so wird das Maß der Rücksichtnahme ans unseren Gedanken seitens des Kongresses von dem Grade der moralischen und numerischen Macht, die wir dort. geltend machen werden, abhängig sein. Aus dem Kongresse werden sich auch unsere prinzipiellen Gegner einfinden. Diese nicht blos geistig und moralisch zu überwinden, sondern auch numerisch zu überbietenauf dieses Ziel hin muß unser ganzes Bestreben gerichtet sein. Diese Aufgabe ist keineswegs so schwierig, wie es auf den ersten Blick erscheinen möchte. - Denn man glaube - doch ja nicht, daß alle Theilnehiner der Berliner Delegiertenversammlung, die keine . principiellen Zionsfreuude gewesen, deshalb principielle Zionsgegner sein müßten. Der lebhafte Beifall, den die allerdings nur bescheidene ' Forderungen für Palästina stellende Rede des Dr. H. Hildesheimer in der Versammlung gefunden, hat wenigstens so viel zur Genüge klar gestellt, daß keineswegs alle Delegierte den Plänen des Herr Karl Emil Franzos blindlings Folge zu leisten gewillt gewesen sind. Ja es wirv abzuwarten bleiben, ob die Mehrzahl der Gemeinden sich ans die Dauer dem Berliner Centralcoinite, das ja nur durch einen Zufall die Leitung der russisch-jüdischen Angelegenheit in die Hände bekommen hat, unterstellen und. nicht vielmehr - mit Baron Hirsch, der sich mit dem.von selbst gegebenen Ceinralcomitö des gesammten Jndenthuiiis, der Alliance israelite universelle, ins Einverständnis gesetzt, in engxre Verbinduirg treten wird. Die unentschiedenen Delegierten des Congresses auf unsere Seite zu ziehen, dahin wird vor allem unser Bestreben gerichtet sein müssen. Für uns selbst aber entsteht die Frageob unsere Vereine sich als solche um eine Einladung zum Kongresse' bewerben, oder ob sie auf ihre zum Kongreß geladenen Gemeinden einwirken sollen. Letzteres ist natürlich überall da, 'wo die Leben gelitten hatten, wird auch nach dem Tode nicht gedacht. Ihre Biographien wurden nicht - geschrieben, ihre Briefe nicht gedruckt,- es wurde gar kein Material für ihre Lebensgeschichte gesaiiimclt. Die Lcbensgeschichte eines Streiters für Erkenntnis und Ideen sowie seine Briefe bilden aber eine erklärende Ergänzung zu seinen Werken und seiner Aera. Nicht umsonst bezahlen die Zeitungs-HerauSgeber der anderen Völker jeden Brief eines Arbeiters für das gemeine Wohl im baarem Gelde, denn solche Briefe beleuchten die feinsten Fäden der Zeitepoche, in welcher sie geschrieben sind und. welche ohne sie in Dunkes bleiben würben. Es -ist nicht, meine Absicht, die beiden genannten Schriftsteller 'zu vergleichen und ihnen. einen gleichen Typus aufznnöthigen. Perez- Smolensky war ein Mann von mächtigem Geiste, von . starkem Herzen, von bewundernswerther Begabung, begeisterungssähig. Er war ein großer Jude, ein Jude-vom Wirbel bis zur Zehe. Er betrachtete alle Dinge vom jüdischen Gesichtspunkte, und es ist kein Zweifel, daß Smolensky, hätte er ein Werk über-Mathematik