Selbst-Emancipation
- Journal
- Selbst-Emancipation
- Volume
- 1891
- Issue
- Heft 23 (1.12.1891)
- Date
- 1891-12-01
- Page
- Seite 6 (sequence 6)
- Language
- German
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Seite 6. mischen Hindernisse zu überwinden vermöge. Als Beispiel nahm er die Kolonie Gederah, deren Gründer, enthusiasmirte Studenten, nur von idealen Absichten geleitet waren. Anfangs habe er sehr geringes Vertrauen den schwärmerischen Jünglingen entgegengebracht, er habe jedoch die Ueberzeugung gewonnen, daß die Erbtugenden unseres Stammes, die Zähigkeit und Aufopferungsfähigkeit, noch immer in unserer Volksseele vorherrschen und die Wiederverjüngung Israels zu bewirken im Stande sind. Daß junge intelligente Leute, welche niemals eine Hacke in ihren Händen gehabt, denen durchweg ein europäisches Leben mit allen sogenannten Freuden bevorstand, in einem öden Lande, vonden Ihrigen entfernt, Tag für Tag, trotz der glühenden Sonnenhitze, mit derselben Ausdauer die schwere Landarbeit verrichteten, daß sie dabei glücklich waren, obzwar sie keine Brunnen hatten und von weiter Entfernung sich Wasser holen mußten, daß sie jahrelang in Zelten wohnten, ohne zu verzagen, läßt sich nur durch einen Umstand erklären, durch die unbezwingliche Sehnsucht nach einem Vaterlande. Oft sei Referent gefragt worden, wie es möglich fei, daß sich eine Stadtbevölkerung an das Landleben gewöhnen könne, die Geschichte habe ja nur umgekehrte Beispiele; darauf könne er die einzige Antwort geben, daß das jüdische Volk, welches stets eine Sonderstellung eingenommen und ganz abnorme Thaten geleistet, auch in diesem Falle seine wunderbare Kraft entfallen und Großartiges schaffen würde. Was den jetzigen Stillstand in der palästinensischen Angelegenheit betreffe, so sei derselbe eine Folge früherer Nachlässigkeit, daß zur Zeit der Masseneinwanderung kein Abgeordneter in-Konstantinopel gewesen; das Verbot der Pforte habe noch eine wenig bekannte verderbliche Wirkung, daß das-Ansehen der Juden bei den Arabern, welches in der letzten Zeit durch das culturelle Uebergewicht der Juden sehr gestiegen war, sich vermindert habe. Diese Achtung werde sich jedoch bei geregelter Organisation, wenn sich uns die Thore Palästinas öffnen werden, tviederum einfinden. Nach dem Vortrage des Herrn Dr. H e r zb er g, von dem wir nur einzelne Punkte flüchtig berühren konnten, nahm der Vorsitzende der Versammlung, Herr Dr. H. Hilde s h e i m e r, das Wort und forderte die Versammelten auf, sich mit allen Kräften an dem großen Werke zu betheiligen, indem er sie auf die Begeisterung der russischen Juden hinwies. Es sei eine Ehrenrettung für den Idealismus des jüdischen Stammes, daß gerade unter den Juden, welche am meisten bedrückt und erniedrigt sind, eine',so hohe ethische Idee, eine so mächtige Bewegung immer mehr hervortrete; selbst Gegner , muffen die Energie, mit welcher sich die Zionsidee Bahn bricht, bewundern. Wenn aber die russischen Juden sich so eifrig um die Zukunft des israelitischen Stammes bekümmern um wie viel größere Ansprüche seien an das Pflichtbewußtsein der deutschen Israeliten, welche doch in Wohlhabenheit und Freiheit leben, zu stellen. Noch viele warme Worte, welche ihre Wirkung nicht verfehlten, richtete Herr Dr. H i ld e s h e i m e r an die Zuhörer. Nachdem noch der Versammlung der Genuß mehrerer musikalischer Selbst - Emaucipat°i on. Vorträge einer aus Moskau ausgewiesenen jüdischen Capelle zu Theil geworden war, wurde die Versammlung geschlossen, ohne. daß eine Diskussion statthaft war. Der Abend brachte übrigens dem Verein „Esra", von welchem er veranstaltet worden, eine beträchtliche Summe ein. * Während der letzten Delegirtenversammlung war ein Tag der Verhandlungen fast ausschließlich der Palästinafrage gewidmet, wobei Herr Dr. Hildesheimer eine glänzende Rede für die Colonisation Palästinas gehalten hat. Obzwar die "alte Schule noch einen Sieg davongetragen, ist cs doch nicht zu verkennen, daß der Beschluß der Versammlung, der Palästinafrage ferner ihre Aufmerksamkeit zuzuwenden, indem sie dem Ausschuffe ans Herz legte, eine größere Summe palästinensischen Zwecken zuzuführen, von ungeheurer Tragweite ist. Von welcher Bedeutung aber Massenpetitionen aus Rußland gewesen wären, beweist die Thatsache, daß Franzos erklärte, wegen weniger Petitionen veranlaßt worden zu sein, die Zionsfräge auf die Tagesordnung zu setzen und eine längere Rede gegen das Nationaljudenthum vortrug. * -i- Aus Versehen ist in der Aufzählung der Vorträge, welche während des Wintersemesters 1890/91 im „Russisch-jüdischen wissenschaftlichen Vereine" gehalten wurden, der Vortrag des Herrn stnä. phil. Moses: „Einige Beiträge zur Beurtheilung des jüdischen Charakters" ausgelaffen worden. . —. Magdeburg, 21. November 1891. Gleich beim Beginne der neuen Session des Deutschen Reichstages, am 16. d. Di., hat wiederum eine Judendebatte stattgesunden, die durch den Antisemiten Lieberm ann von Sonnenberg gelegentlich der Verhandlung über eine Petition zur Revision des Wuchergesetzes insccniert wurde. Derselbe meinte, daß die jüdische Moral auf dem Talmud beruhe, der den Wucher Andersgläubigen gegenüber gestatte. Als Beispiele jüdischer Moral verwies er auf den in jünster Zeit erfolgten betrügerischen Bankerott zweier großer jüdischer Berliner Bankhäuser, deren Inhaber den kolossalsten Luxus entfaltet hatten, eine Thatsache, die bereits in der Versammlungen und der Presse der Antisemitenaufs reichlichste ausgenutzt worden war und allerdings gewisse Folgen unseres Golnslcbens in sehr trauriger Weise zu illustrieren geeignet ist. Die der Gesammtjudenheit gemachten Vorwürfe wurden vom Abg. Rickert größtentheils gebührend znrückgewiesen. Merkwürdig bleibt es freilich, daß R i ck e r t in seinen anti-antisemitischen Reden immer wieder vom neuen den Wunsch aussprechen muß, daß sich alle Parteien nnd Bekenntnisse zum Kampfe gegen den Antisemitismus vereinigen mögen. Auch die Hoffnung R i ck e r t s, daß Reden, von der Form, wie sie Liebermann gehalten, in nicht allzu ferner Zeit von der Tribüne des Reichstags verschwinden müßten, können wir nur bedingterweise theilen. Wenigstens wird eine Vereitelung der zukünftigen Wahl dieses Antisemiten, die Rickert wohl im Sinne hat, unseres Erachtens ganz unmöglich sein, wurden doch im betreffenden Wahlkreise, in dem überhaupt zum ersten Male ein antisemitischer Candidat aufgestellt war, mehr als 6000 Stimmen für diesen abgegeben, während auf den conservativen mehr als 3000 und auf den freisinnigen im' ganzen 92 Stimmen entfielen. Reden von der Form, wie sie Liebermann zu halten beliebt, könnten nur unter derHerrschaft des Nationaljudenthums unter den deutschen Juden von der Reichstagstribüne verschwinden, weil dann angesichts des hohen-Idealismus der Juden solche Reden wenigstens in den Augen der Studenten und Gebildeten, die jetzt noch hinter Liebermann stehen, nur lächerlich erscheinen würden. — .— Nr. 23. Magdeburg, 26. November 1891.- Nachdem'hier seit dem hiesigen antisemitischen Parteitage wieder verschiedene große antisemitische-Volksversammlungen stattgefunden hatten, hat endlich der hiesige deutsch-freisinnige Verein durch Einberufung einer Volksversammlung, in welcher der Sekretär des Abwrhrvereines, Licentiat Gräbner; eine lange Rede hielt,- eine Gegendemonstration veranstaltet. Ziemlich die Hälfte der Anwesenden mochten Antisemiten sein, von denen die Rede des Herrn G rä bne r kaum einen bekehrt zu haben scheint.- So schlagende Beweise auch der Redner für die Verwerflichkeit des Antisemitismus bringen mochte, so erntete er doch bei seinen Gegnern nur Lachen, Spott und höhnende Zwischenrufe. Interessant war die Art, in der Herr Gräbner die Racenfrage behandelte. Er bezeichnete die Blutmischung als einen Culturfortschritt und verwies auf Berlin, wo sich jährlich ungefähr 150 Juden taufen ließen und eine Unzahl jüdisch-christlichen Mischeheu beständen. Wir können Herrn Gräbner aus dieser seiner Anschauung kaum einen Vorwurf machen; zieht er doch nur aus der von den Juden selbst immer gepredigten Assimilationstheorie die einzig folgerichtigen Konsequenzen, mit denen er -- was ja sein brennender Wunsch ist — die Judenfrage auch aus der Welt schaffen würde, wenn nicht eben die Consistenz gerade unserer Raceeine doch gar zu große wäre. Nnd wenn Herr Gräbner hie auch den extremen „Reformern", die ja nur deshalb Juden bleiben, um durch ihren „Freisinn" — wir würden „Sklavensinn" sagen — das Judenthum zur Auflösung führen zu können, sicherlich tief aus der Seele gesprochen hat, so wird doch noch manchen unserer „jüdischen Deutschen" bei den Worten „Taufe" und „Mischehe" etwas schwül um's Herz geworden sein; das unbewußte jüdische Nationalgefühl — „das jüdische Herz", so pflegt man cs zu nennen — mag sich da doch noch etwas geregt, wenn auch sich selbst als ein religiöses Gesühl gedeutet haben. Wir Nationaljuden aber können nur wünschen, daß unsere „jüdischen Deutschen" endlich doch einsehen mögen, daß die Assimilationstheorie ganz nothwendige Conscqucnzcn im Gefolge hat, die nicht nur der jüdischen Nation, sondern auch der jüdischen Religion und ganz besonders auch dem/;,jüdischen Herzen" ein Ende für immer machen müßten, wenn anders , die Assimilation überhaupt den Judenhaß aus der Welt schaffen sollte. —.— Dresden, 22. November 1891. Hier besteht schon längst ein ruffisch-wissenschaftlicher Verein. Da nun fast alle „Russen" Dresdens Juden sind, zählte der Verein fast lauter jüdische Mitglieder. Vor einem halben Jahre wurde der „jüdisch-wissenschaftliche Verein" gegründet, dem nun viele Mitglieder des erstgenannten Vereines beitraten. Nach viermonatlicher Pause wieder in Dresden, finde ich die Dinge noch wesentlicher gebessert. Die jüdisch-ruffischen Studenten sind klüger geworden; sie haben eingesehen, daß für sie in einem Vereine, kein Platz sei, von welchem judenseindlichc Zeitungen abonnirt werden, und sind dem „jüdisch-wissenschaftlichen Vereine" beigetreten. Der „ruffisch-wissenschaftliche Verein" zählr jetzt blos drei Mitglieder. Der „jüdisch-wissenschaftliche Verein" hat ein schönes Vereinslocal, in welchem verschiedene jüdische Zeitschriften, namentliche solche nationaljüdischer Tendenz aufliegcn. Zweimal im Monate werden Vorträge abgehalten. 'Jedes Mitglied ist verpflichtet, einmal im Semester ein Referat auszuarbeiten. Präses des Vereines ist gegenwärtig Herr otnä. mech. Chischin, Secrelär der unermüdliche Herr'stuä. artist. R. Schwarz. Zwi. Rumänien. Jassy, 16. November 1891. Gestern, fand hier eine von dem bekannten antisemitischen Abgeordneten, Herrn NicuCeaur Aslan, einberufene Versammlung statt, zu welcher er alle „eingeborenen" Inden vermittels großer Straßenplacate geladen hatte. Was sich da abspielte, ist zu lächerlich und confus. Aslan erklärte die Judenfrage durch