Selbst-Emancipation
- Journal
- Selbst-Emancipation
- Volume
- 1891
- Issue
- Heft 23 (1.12.1891)
- Date
- 1891-12-01
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
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Nr. 23. Unfere Absicht ivar die beste. Wir wollten unser Volk wieder ausleben lasten, wollten heilen seine Gebreste und seine eiternden Wunden. Was haben wir aber erreicht? Wir haben unser Volk nicht nur nicht neubelebt, sondern vielmehr seine Leiden vermehrt, indem wir ihm die trügerische Hoffnung, daß wir das heilige Land ohne jede Vorbereitung erwerben könnten, einflößten. Wir wollten unser Volk von seinen Lustgeschäften emancipiren, wollten, daß es seinen Boden bebaue und sich im Schweiße seines Angesichts sein Brob verdiene. Unser Wille war gut, aber unsere Methoden n d Praxis waren schlecht. Denn wir haben unsere Brüder nicht gelehrt, von ihrer Hände Arbeit zu leben, sondern auf die Hilfe der Wohlthäter zu warten und ihre Hände den diversen Comitäs und Privatpersonen bittend entgegenzustrecken. Wir haben zu der alten „Chalnkah", welche im früheren Palästina ein hartnäckiger Ausschlag an unserem Volkskörper war, eine neue „C h a lü k ah" er f u n d en. Unsere ersten Pioniere, jene jungen Männer, welche sich für die heilige Sache der Colonisation opferten, haben wir zu Atmosennehmern und Gnadenbrod-Essern gemacht, welche noch heute von fremdem Willen abhängen und Moralpredigten und Vorwürfe anhören müssen. Wir wollten das Ehrgefühl, das Bewußtsein der Menschenwürde in unseren Brüdern beleben und heben, wollten sie lehren, ihren Wert und ihre geistige Kraft erkennen, für ihren nationalen Bestand mit Opfermuth zu kämpfen und nicht vor jedem Wichte sich zu beugen, der ihre Rechte kränkt und ihre Würde mit Füßen tritt. Was heben wir aber im Laufe der letzten zehn Jahre gethan? Wir haben unseren jungen Bauern das Restchen Ehrgefühl genommen, welches ihnen das Golus gelassen hat, indem wir ihnen Aufseher aufhalsten, zu deren Sclaven sie wurden. Wir haben sie ein unterwürfiges und speichelleckerisches Benehmen gegenüber diesen ihren Wächtern gelehrt. Wenn wir so fortfahren, werden wir unseren Brüdern in Hinkunft mehr Böses öufügen, als dies unsere Feinde und Widersacher bisher gethan haben. Wir wollten die Parteien innerhalb unseres Volkes in einem Punkte vereinige», wollten die Breschen in der Mauer Israels verstopfen. Aber wir haben in der Wirklichkeit neue Spaltungen hervorgerufen, indem wir alle jene Zionisten von 'uns stießen, welche hell und weit in die Zukunft blickten. Die Einigkeit Israels ward unter unseren Händen zur Einigkeit einer kleinen Partei, welche Vogel-Strauß-Politik trieb. Wir wollten uns üben, von den Völkern unser gutes Recht, nicht Gnade und Wohlthat wie ein Volk armseligen Ursprungs, zu verlangen. Was haben wir aber tatsächlich gethan? Wir glaubten uns ins heilige Land hiueinschmuggeln zu können, schön sachte und fein stille. Als wir aber auf frischer That ertappt und von den kleinen Paschas eins übers Ohr erhielten, heulten wir wie die kleinen Kinder und verzweifelten. Wir waren so unvorbereitet, daß uns, die wir ein vollkommenes Gemeinwesen auf Sand hatten bauen wollen, der erste Schlag rathlos machte. In Polen hatten wir uns unseren Unterhalt da¬ S e l b st - E ni a n c i p a t i o n. durch verschafft, daß wir auf Verlangen des gestrengen adeligen Herrn „ma jofis“ sangen, und da glaubten wir etwa unser Land damit wieder erwerben zu können, daß wir dem Pascha etwas Vorsingen und vor ihm Possen reißen. Wenn schon der Existenzkampf des Einzelnen in unserer Zeit viel Geistesarbeit und Mühe braucht, um wie viel mehr tiefen Verständnisses und umfassender Vorbereitung bedarf dieser Kanipf in Bezug auf eine ganze Nation. Wir zogen nach Palästina aus, wie Benjamin haschlischi in der gleichnamigen Erzählung des berühmten Jargondichters S. Abramowitsch. Benjamin machte sich auf, mit einem Stückchen weißen Brodes von den drei Sabbatmahlzeiten, ohne einen Wegweiser, ohne Plan, die verschollenen zehn Stämme Israels zu suchen. Kaum befand er sich außerhalb der Mauern seines Heimatsortes, als ihn ein Polizist nach dem Passe fragte und darauf ohrfeigte, was dem merkwürdigen Reisenden Thränen erpreßte und alle Hoffnung benahm, die zehn Stämme zu finden. Wir Zionssreunde kamen zu dem Volke nicht als Cnrpsuscher, welche ihnen den Magen mit Mixturen füllen und seine Krankheit verlängern, nicht als Bader, um ihm den Glauben und mit diesem das Herz auszuschneiden, sondern als wohlunterrichtete Aerzte, welche das Uebel mit der Wurzel beseitigen wollen. Wir erklärten, den Geist des Lebens in den Leib unseres gedrückten und gedemüthigten Volkes einhauchen zu wollen. Wofür gelten wir aber jetzt in den Augen unserer Volksgenossen? Für Träumer und Schwärmer. Und warum? Deshalb, weil wir den seit zwei Jahrtausenden an schwerer Krankheit Darniederliegenden in einem Augenblicke auf die Füße stellen wollten, bevor wir noch versucht hatten, die Krankheit selbst zu bekämpfen und den Kranken durch kräftige Diät zu stärken. Wir wollten die Besten unserer Jugend, welche sremdem Volksthume dienten, gewinnen, wollten unsere großen Geister, die auf dem Felde Anderer arbeiteten, durch eine große, lebhafte, andauernde Arbeit zu uns herüberziehen. Was haben wir aber gethan? Wir haben sie mit beiden Händen von uns gestoßen, wir haben sie uns entfremdet durch unsere kleinen und kleinlichen Thaten, welche den Stempel des Krämerthums und nicht eines großen Gedankens an sich trugen. Unsere Engherzigkeit hat sie abgeschreckt. Indem wir alle unsere Thatkraft nur für Pfennigesammeln aufsparten, ließen wir geistiger und moralischer Thätigkeit keinen Spielraum. Wenn wir wahrheitsliebend sein wollen, müssen wir eingestehen, daß die Weisen unter uns rustischen Juden, auch soweit sie wahre Zionsfreunde sind, kein Vergnügen an der Arbeit finden konnten, welche wir wie Ameisen verrichteten — wirr durcheinanderlaufend, in komischer Hast, - um ein winziges Körnlein zu bergen. Wir haben die ganze Colonisationssache ausschließlich auf das ökonomische Gebiet hinübergespielt, darauf abzielend, die materielle Lage unseres Volkes zu verbessern. Das war ein Jrrthum, denn unsere Frage „Sein oder Nichtsein?" ist keine Frage des Brodes. Wir wollten eine frische, fröhliche Arbeit beginnen und haben uns noch eine Sammelbüchse eingewirthschaftet, haben! noch eine Last auf die müden Schulten des ewigen Wunderes geladen. Zehn Jahre hindurch waren wir thätig, ohne zu wissen, was die Zionsfreunde in Europa und Amerika machten, und ohne uns mit ihnen zu vereinigen. Die Presse ist die stärkste und - mächtigste Waffe in unserer Zeit, aber wir haben uns ihrer im Allgemeinen nicht bedient. Wir sahen nicht ein, daß es nöthig sei, unser Volk zu stärken, bevor wir es führen in das Land seiner Väter. Wir sahen nicht ein, daß so lange nicht ein neuer Geist in unserem Volke walten, die Ortsveränderung allein ihm nicht nützen wird. Zehn Jahre lang vermengten wir die Frage der augenblicklichen Hilfeleistung für Israel mit der Frage seiner ewigen Rettung. Fast zwei Jahrtausende weilen wir schon im Exile, ohne die Geduld zu verlieren und plötzlich wollen wir mit einem halsbrecherischen Salto mortale erlöst werden — durch Wohlthäter, während eigene Kraft noththut, in einem Augenblicke, während hiezu eine ganze Generation nöthig ist. Wort und Schrift und der Geist in beiden, sind seit jeher unsere Kampfmittel, die eivilisirten Völker Europas haben sie von uns gebrauchen gelernt. Und gerade wir sollten die That vor den Gedanken setzen, wo doch die That ohne den vorgängigen Gedanken ein Unding ist? Der letzte Erlaß der türkischen Regierung wird uns wohl über unfern bisherigen Jrrthum in dieser Beziehung aufgeklärt, und uns gezeigt haben, was unser Programm für die Zukunft zu sein hat. Das wollen wir nun auseinandersetz :n. Buben Bramin. (Schluß folgt.) Gericht über die am 15. November 1891 abgehaltene ordentliche Generalversammlung des Vereines zur Förderung der Colonisation Palästinas „Admath Jeschurun“ in Wien. Der Präsident, Herr Dr. M. T. S ch n i r e r erklärt die Versammlung für beschlußfähig und ertheiltdem Schriftführer, Herrn Dr. O. Kokesch das Wort, welcher untenfolgenden Rechenschaftsbericht über die Vereinsthätigkeit im Vereinsjahre 1890/91 verliest. Nach Vorlesung desselben erstattet der Cassier Herr Julius Götzl den Bericht über die Cassagebarung und erklären die Cassarevisoren Herren N. Blumenfeld und A. S a u b e r b e r g, daß sie nach vorgenommener Revision Cassa und Bücher in vollkommener Ordnung gefunden haben. Nach diesen osficiellen Berichterstattungen ergreift der Präsident Herr Dr. M. T. S ch n ir e r das Wort und hebt einige für die Vereinsleitung maßgebende allgemeine Gesichtspunkte hervor. Vor allem constatirt er, daß die grausamen Verfolgungen unserer Brüder im Osten die Existenzberechtigung, ja die Nothwendigkeit des Vereines „A.ärnatb Jeschurun“ auf's deutlichste bewiesen haben. „Wir thaten unser Möglichstes — sagt Redner— um diesen Aermsten der Armen, die auf ihrerWanderung hierher geriethen, moralisch und materiell beizustehen. Bei den äußerst beschränkten materiellen Mitteln, die uns zu Gebote standen, konnten wir selbstverständlich nach dieser Richtung relativ wenig leisten — wenig im Verhältnis zu dem was Noth that, nicht Unbeträchtliches aber im Berhältniß zn unseren Kräften. Unserer Auffassung von dem Zwecke und Ziele der Colonisation Palästina's entsprechend, mußten wir uns darauf beschränken, Unterstützung nur solchen Auswanderern zu gewähren, welche in Palästina Niemandem zur Last fallen könnten.