Selbst-Emancipation
- Journal
- Selbst-Emancipation
- Volume
- 1891
- Issue
- Heft 23 (1.12.1891)
- Date
- 1891-12-01
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
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Selbst - Emancipation. empor, donnert manihnen die fanatischen Glaubenssätze der Assimilation entgegen. Hier ruht das Geheimnis des bisherigen Mißerfolges des Zionismus im westlichen Europa sowie im Allgemeinen. Gesagt muß endlich werden, was leider so lange verschwiegen wurde: Es gibt keine Verwirklichung der zionistischen Idee ohne vorhergehende Niederwerfung der Assimilation, sowie man eine verfallene Baracke erst einreißen muß, bevor man ein prächtiges Gebäude an ihre Stelle setzt. Jene russischen Zionisten, welche au die Delegirtenconferen; petitionirten, mögen sich bei Herrn Franzos dafür bedanken, daß er ihre Memoranden von seinem Standpunkte anmaßender Ueberlegenheit ziemlich wegwerfend abthat. Wenn er aber nach einer absichtlichen oder unabsichtlichen Entstellung der von ihnen angeführten Gründe unter dem Beifall der Anwesenden ausrust: „Das sind höchstens fachliche Gründe dafür, daß wir uns umsomehr verpflichtet fühlen sollten, selbst wenn diese Sturm- und Drangzeiten lange vorüber sein werden, uns um die russischen Juden auch in Friedenszeiten zu kümmern, damit bei ihnen andere, den unseren verwandte Anschauungen einziehen", so ist es Sache besonders der russischen Zionisten, diesem civilisatorischen Protzenthum mit ihren fortgeschritteneren, frischeren, natürlicheren und reineren Anschauungen verbessernd und überzeugend entgegenzutreten. Sie müssen diesem hochmüthigen Manne zeigen,'daß er es nicht mit de- und wehmüthigen Golus- und Ghettojuden, nicht mit Nurbetern und nicht mit Nachbetern zu thun hat. sondern mit einem selbstbewußten Geschlechte, mit einer thatenfrohen und unabhängigen Partei, welche ihm weit voraus ist — ihm, dem Anwalt einer bereits fossil werdenden Richtung. Sie müssen alles daran setzen, um den Einfluß jener Männer zu brechen, zu welchen auch Franzos gehört, jenen Ein- -fluß, der das Phantom eines entnationalisirten Judenthums künstlich am Leben erhält. Sie müssen mit allen Mitteln darnach trachten, daß — um Franzos' Worte zu variiren — bei den westeuropäischen Juden andere, den ihrigen verwandte Anschauungen einziehen. Sie sollen das Ihrige thun; wir, das kleine Häuflein westeuropäischer Gesinnungsgenossen werden ihnen redlich helfen. Das ist die Hauptaufgabe, welche nun allen Zionisten obliegt. Man wird dem entgegenhalten, daß der Zionismus auch oder nur aus einem anderen Wege zum Ziele gelangen könnte. Non ölet — heißt es vom Gelde. Man sammle Geld bei Freund und Gegner, bei dem letzteren unter den verschiedensten unschuldigen Titeln. Wie bald sei einer wohlthätig! Nur recht diplomatisch! Wozu die Leute ohne Grund aufregen; wenn sie das „jüdisch-national" nicht vertragen können, dann erfreue man ihre Ohren mit der „mosaischen Glaubensgenossenschaft" und besteure sie von Humanitätswegen. Der Rath würde sich hören lasten, aber die Sache hat einen Hacken. Ebenso wie die Escamotage von Colonisten nach Palästina nicht ungestört blieb, so werden auch die wohlthätigen Taschenspielerstückchen nicht glücken, welche das Geld hiefür aufbringen sollen. Wenn eine Idee wie die unserige deren Verwirklichung — sagen wir es ohne Scheu heraus, wir vergeben uns nichts .dadurch — so schwer ist, realisirt werden soll, dann muß ein andauernder Strom von einsichtsvoller Begeisterung das Volk durchfluthen. Das kürzlich crlastene Verbot der Einwanderung von Juden nach Palästina sei nur ein administratives, leicht zu beseitigendes, heißt es. Wir sind davon überzeugt und niemand wird froher sein als wir, wenn der Tag seiner Aufhebung heranbricht. Aber man bedenke, daß es bereits einmal vor einem Jahrzehnte bestand; wie bald nach seiner jetzt erwarteten Aufhebung kann es wieder in Kraft treten, wenn nicht Zustände geschaffen werden, die diese Wiederholung unmöglich machen. Die für directe Colonisationszwecke bei „Wohlthätern" gesammelten Gelder flössen schon einmal reichlicher, dann versiegten sie; sollten sie wieder zu fließen beginnen, wie bald werden sie dann wieder versiegen, wenn nicht mittlerweile die Wohlthäter zu bewußten Zionsfreunden geworden sein werden. Die ruckweisen Erfolge addiren sich auch nicht. Durch jede Unterbrechung ist das übrigens rein mechanische Resultat der vorausgcgangciien Arbeit wieder aufgehoben, sowie jedes neuerliche Hungrigwerden die vorausgegangene Sättigung tilgt. Nur der Wille des ganzen Volkes kann einen dauernden und wahren Erfolg erzielen. Er kann über alle Hindernisse, seien sie welcher Art immer, hinüberhelfen; darum muß es Hauptsorge der ruffischen und anderen Zionisten sein, diesen Willen anzuregen, die westeuropäischen Juden und die Nichtzionisten unter den Inden des Ostens zu überzeugen — von der moralischen Aermlichkeit der Assimilation und der Erhabenheit der Z i o n s i d e e. Wenn aber dieses Streben der positive Inhalt des neuen Courses bilden soll, welchen die Zionisten jetzt einschlagen müssen, so ist eine zweite Lehre, welche wir ans den Verhandlungen der Berliner Delegirtenconferen; schöpfen können, geeignet, den negativen Inhalt unseres neuen Programmes abzugcben. Herr Dr. H i l d e s h e i m e r hat in seiner giänzenden Rede den Satz ausgesprochen „Es ist grundfalsch anzunehmen, daß Letztere (die Häupter der russischen Zionisten) etwa die Alternative stellen: hie Palästina, hie Argentinien, hie Amerika. Das Umgekehrte ist der Fall: „neben diesen Ländern auch Palästina", so lautet ihr Programm". Wir haben nicht die Ueberzeugung, daß alle Zionisten Rußlands so denken, aber zu wünschen wäre es. Zu wünschen wäre, daß endlich einmal (die Verwechslung der Palästinasache mit der rustisch-jüdischen Auswanderungsfrage aufhöre. Wenn auch die ruffische Judenfrage den äußeren Anstoß zur Zionsbewegung gegeben hat, so besteht dennoch kein innerer Zusammenhang zwischen den beiden Fragen und daß man einen soschen künstlich schaffen wollte, hat viel Unheil und Mißverständnisse, hat die ganze bisherige Colonisations„-Praxis" hervorgerufen. Diese Verwechslung lag freilich nahe und daher mag sie für die Vergangenheit entschuldigt iverden. Daraus folgt aber nicht, daß man den bereits als solchen erkannten Fehler fortsetze. Es ist daher auch nicht nöthig, immer und immer Rr. 23. - wieder gegen die anderen Colonisationsgebiele zu polemisiren. Klar, ist, daß jetzt für Hunderttausende von Juden Platz zu finden ist; diese alle können nicht in das in jeder Beziehung noch unvorbereitete Palästina gebracht werden, dürfen es auch nicht, da man dadurch unsere Sache nur gesährden könnte. Wenn man, wie Herr Dr. Hildesheimer aussührte, „denjenigen, welche ans eigener Kraft oder mit nicht ganz genügenden Mitteln nach Palästina gehen wollen, die Möglichkeit' hiezu verschafft", so ist in dieser Hinsicht und, vom Standpunkte des bloßen Wohlthätigkeitswerkes genug geschehen. Das Gros der russisch-jüdischen Auswanderer möge man noch vorläufig in andere Länder ziehen lassen, welche zwar nicht die'. Vortheile Palästinas, gegenüber der russischen. Heimat jedoch mannigfache Verbesserungen der Lage bieten. Verzagen wir darob nicht! Wenn einerseits die von Dr. Hildesheimer angekündigte Organisation der C o lo n i s a ti o n s - thätigkeit, welche sich von höheren Gesichtsvunkten wird leiten lassen als die bisherige Colonisationspraxis, einige augenblickliche Hinder- niste beseitigt, sowie Palästina für die Aufnahme größerer Einwanderungen vorbereitet und andererseits die von uns geplante Organisation d er A g i t at i o n den dauernden Erfolg unserer Sache verbürgt haben wird, daun werden wir auch die Mehrheit der Flüchtlinge in ihr geliebtes und begehrtes Ahnenland, auf die Heimatserde Israels führen können. Aber nur nicht überstürzen! Nicht ruckweise, sondern stetig müssen wir sortschreiten. Wir müssen uns vor Augen halten, daß es uns nicht darauf ankomnu, einige tausend russische Juden recht und schlecht gerade in Palästina unterzubringen, sondern daß wir ein Werk vollsühren wollen, welches Israel für alle künftige Zeiten der Nothwendigkeit entheben soll, Delegirtenconferenzen, wie die letzte Berliner, einzuberusen. Stören wir darum die Kreise Jener nicht, welche sich mit diversen Colonisationen und anderen Hilssactionen beschäftigen. Ja, wenn wir nur nicht mit solchen Wohlthaten für den Augenblick unsere jüdische, unsere nationale Pflicht für die Zukunft vollkommen erfüllt wähnen, so können und sollen wir sogar an diesen Unternehmungen uns betheiligen. Halten wir die mitleidige T h a t u n d d a s n a t i o n a l^e Werk auseinander, dann werden wir unsere Kräfte am richtigen Orte ein setzen. Und gerade daran hat es ja leider bisher am meisten gefehlt. B. Än die Zionisten in Rußland*). (Fortsetzung.) Die in der Colonisarionssache eingetretene Stille wollen wir nun in doppelter Hinsicht betrachten: Erstens im Hinblick auf die Vergangenheit, indem wir Alles, was wir im Verlaufe der letzten zehn Jahre gethan und erreicht haben, unparteiisch prüfen wollen; zweitens mit Bezug auf die Zukunft, in welcher wir vorbereitet und mit ftischen Kräften ausgerüstet in den Daseinskampf unseres Volkes ziehen müssen. Was haben wir gethan? Das gerade Gegentheil von dem, was wir hätten thun sollen. *) Aus dem Hebräischen übersetzt.