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Selbst-Emancipation · 1891-11-16 · Heft 22 (16.11.1891) · p. Seite 7

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Journal
Selbst-Emancipation
Volume
1891
Issue
Heft 22 (16.11.1891)
Date
1891-11-16
Page
Seite 7 (sequence 7)
Language
German
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Seite 7. Nr. 22. Se l b st- Ein a» c i p a t i o ». (Sie Iudenhetze in Slaröduö.) Der bei der Judenhetze in Starodub angerichtete Schade» zählt nach Millionen. Bei ganz wohlhabenden Leuten wurden den Inden geraubte Gold- und Silbersachen aufgefunden. 170 Personen find verhaftet, darunter mehrere Hausbesitzer. DerHauPtanstifter, ein reicher Bürger, ist verschwunden. Bei den Hetzen sind fünf jüdische Mädchen so schändlich Gehandelt worden, daß sie seitdem gestorben sind. (Nichts Neues bei Judenkrawallen in Rußland.) — Auch in der russischen Stadt Po gar haben Unruhen statt gefunden, wobei 18 Juden erschlagen, mehrere hundert mißhandelt und 15 Häuser eingeäschert ~ wurden. (Aaron Kirsch) beabsichtigt einen Congreß aller jüdischen Hauptgemeinden der Welt zurBerathung über die russisch-jüdische Frage für das Jahr 1892 einzuberufen. Wir halten es für angezeigt, dass sich die Zions- Vereine speciell, namentlich in Rußland, bei Zeiten Umsehen, damit sie zu diesem Congresie geladen werden. (Aus Rumänien) schreibt man dem „Israelit und Jeschurun" unter Anderem folgendes: „Ich habe schon bei anderen Gelegenheiten gesagt, daß wir hier wirkliche Freunde unter den politischen, d. h. christlichen Zeitungen nicht haben und daß nur der Abonnentenfang solche veranlaßt, einige Zeit mit „Bildung", „Humanität", „Fortschritt" und ähnlichen-schönen Dingen zu Gunsten der Israeliten zu paradiren, bis sie sich so weit gefestigt haben, ohne diese bestehen zu können, um den „Stecken mit den zwei Ecken" gegen sie umzudrehen. Ein schlagendes Beispiel hierfür geben uns der neuestens in Braila in's „Da-Sein" getretene „Secolul", der das Blaue vom Himmel verspricht, gegen den aber die schon vom vorigen Jahr her bestehende „judenfreundliche" „Egalitatea Brailei" mit den Worten polemisirt: „Secolul" schmückt sich mit ihin nicht gehörigen Federn, um die Israeliten zu bethören, die er mystificirt, um sie — rupfen zu können." — Mit den Ehikanen und Hetzen rumänischer Israeliten infolge der nur besürchteten „Invasion" russischer wird von den Unterbeamten fortgefahren. Der Kaufmann Julius Berkowitz . der auf dem Local dampfer von Galatz nach Tulcea (in Rumänien, aber jenseits der Donau) ankam, mußte trotz rumänischer Legitimationspapiere und Angebot einer Caution von 20.000 Fr. zurück; dasselbe geschieht zwischen Galatz-.Braila und an den Bahnhöfen, wenn man keinen Paß vorweist, den man aber als rumänischer Israelit nicht haben kan», wenn man im Lande reist. Der Ortsschulze M a r c a n von Paltinisch sorgt mit der Ausweisung von Israeliten für seine Dorfkirche, indem er die Einwohner instruirte, jeden Juden, der zur Einkassirung von Forderungen ins Dorf käme, abzusangen, da er ihnen 6 Fr. pro Kopf auserlegt, die zum Bau der Kirche (oder seiner Tasche!) dienen sollen. Versteht sich, bleibt es nicht bei den 6, sondern es werden auch 10 und 20 Frcs. abgenommen und die Betreffenden sofort vertrieben, so daß deren Forderungen verfallen. Der ehrenwerthe „Primär", der von dem neuen Geschäft so schön profitnt, hat übrigens „gute" Antecedenzien; er hat nämlich voriges Jahr einen daselbst wohnhaft gewesenen vom Kriege 1877/78 her naturalisirten Israeliten M. Fr u ch tm a n n ermordet und wurde dafür vom Tribunal des Antisemitennestes Dorohoj zum Lohn — freigesprochen." (Kranzöstsche Antisemiten.) In der französischen Kammersitzung vom 12. d. M. hat der Abgeordnete Laur eine antisemitische Brandrede vom Stapel gelassen, worin er sogar die Ausweisung der Juden verlangte. Die Blätter verkünden jubelnd, daß über die von Laur beantragte Tagesordnung ' (Mißbilligung der Finanzpolitik der Regierung) mit 431 gegen 32 Stimmen die einfache Tagesordnung angenommen wurde. Wir halten 32 „öffentliche" Antisemiten resp. Antisemitengenoffen in Frankreich für eine bedenkliche Ziffer. Was wäre wohl, wenn Frankreich so viel Juden hätte, als Deutschland oder Oesterreich, und nicht' im Gegentheile noch weniger als die Stadt Wien allein? (Jen Antisemitismus der d:utschen Studentenschaft) schildert ein jüdischer Student in einem Leitartikel der Magdeburger „Israelitischen Wochenschrift" in recht drastischer Weise, indem er erzählt, wie er, nicht als Jude erkannt, ein Semester hindurch in intimster Freundschaft mit christlichen Studenten in einer kleinen deutschen Universitätsstadt gelebt habe, von denselben aber wüthend beschimpft worden sei. als er ihnen seine „Confession" nannte. Er schließt mit folgenden Worten, welche auch sehr gut auf unsere österreichischen Verhältnisse paffen: „So steht's mit der studentischen Jugend unserer Zeit. In erschreckend großen Schaaren iü sie durch das Gift unserer Zeitkrankheit (Wir würden sie die Krankheit aller Zeiten nennen. Die Red.) inficirt. Und das sind die Berufenen, die als Lehrer der Menschenliebe und der Humanität das Volk unterweisen und die Jugend heranbilden sollen. Das sind die künftigen Beamten in der Verwaltung, in der Justiz, die den Rechtsgedanken, das suum euigue, über alles hoch halten und vertheidigen sollen. 0 tsmpora!" (Sie zionistische Bewegung in Kngkaud.) Die Sonntag, den 2. d. M. in London stattgehabte zweite Delegirtenversammlung der englischen „Chow owe 2 io n" -G e se l l s ch as t e n, zu welcher sich 21 Delegirte eingesunden hatten, und welche unterVorsitz des Herrn Elim H. D'A v i g d o r tagte, faßte wichtige Beschlüsse, darunter über die Aussetzung eines Preises von 15 Pf. Sterl. auf das beste e n g l i s ch - h e b r ä i sch e Conve rsati onsb u ch, und wegen Ueberreichung einer Massenpetition an das Londoner „ruffisch - jüdische Comitö" um Verwendung eines Theiles der von demselben gesammelten Gelder zu Gunsten der hilfsbedürftigen Juden in Palästina. — Genaueres über die Delegirtenversammlung hoffen wir in nächster Nummer zu bringen. (In Süd-Afrika), und zwar in Durban, ist ein Paläfttna-Colonisationverein gegründet worden, welcher mit dem Londoner Zionsvereine in Verbindung treten wird. (Sie „HcsterreichifiLe Wochenschrift^) des Abgeordneten Dr. Bloch bringt aus eineni an und für sich unwesentlichen Anlässe einen sehr schmeichelhaften Artikel für die Idee der Colonisation Palästinas, welchen wir mit großer Freude gelesen haben. Zu diesem Gefühle veranlaßte uns vor allem der Umstand, daß sich besagter Aufsatz, so weit er sich mit der culturellcn Bedeutung der Palästina-Colonisation befaßt, im Gedankengangc völlig mit dem in Nr. 7 des 3. Jahrganges der „Selbst-Emancipation" veröffentlichten Borlrage unseres Chefredacteurs „die Mission des Judenthums, einst und jetzt" deckt, ja manchmal sogar in den Worten an denselben erinnert. Es ist doch wirklich schön, wie gleiche Gedanken ost den gleichen Ausdruck finden! Der Artikel ist aber auch ein erfreuliches Symptom, denn, wenn die „Oesterreichische Wochenschrift", welche nebst vielen anderen Vorzügen auch den besitzt, die augenblickliche Stimnmng der leitenden Kreise nachzuempfinden, so entschieden und eindeutig die Zionsidee favorisirt, so hat das was zu sagen. Vivat soguous! (Astiniikationsfrüchke). Zu einer sehr bedauerlichen Ausschreitung kam es 11. October am Vorabend des jüdischen Bersöhnungstages in einer im alten Ghetto in Venedig gelegenen Synagoge. Als sich die Gläubigen gegen 5 Uhr Nachmittags zum Gebete versammelt hatten, traten plötzlich fünf junge Leute, von denen sich drei gleichfalls zur mosaischen Religion bekannten, unter lautem Lärmen und Johlen in den Tempel und versuchten den Vorbeter von dem Betpulte zu verdrängen. Als sie von den Tempeldienern zur Ruhe verwiesen wurden, stürzten sie sich mit Knütteln, die sie bisher verborgen gehalten hatten, auf einzelne Gemeindemitglieder und schickte» sich an, den Vorhang vor dem Allerheiligsten in Stücke zu reiße» und die Thorarollen zu besudeln. Es entstand nun zwischen den Tempelschändern und den in ihrer Andacht gestörten Israeliten ein Handgemenge, das schließlich in eine große Prügelei ausartete. Der Uebermacht zeigten sich die jungeu Leute nicht gewachsen und ergriffen die Flucht In ihrer Verwirrung konnte,r sie jedoch den Ausgang nicht finden, und geriethen in das kleine Betzimmer des sogenanten „Lehrhauses", das dicht am Tempel gelegen ist. Sie suchten die Thüre von innen zu verriegeln, diese wurde jedoch gestürmt, und es entspann sich in dem engen Raume ein wilder Kampf. Die drei Missethäter, die der jüdischen Religion angehörten, wurden wegen ihrer Tempelschändung so übel zugerichtet, daß sie sich kaum noch von der Stelle rühren konnten. Die ganze Polizei des Nachbarviertels mußte aufgeboten werden, um die Ordnung wieder herzustellen. Von einem Polizeihauptmann commandirt, besetzte» gegen 50 Polizisten den Tempel, und nahmen die fünf Uebelthäter fest. Die Bösewichter gehören den sogenannten „besten" Familien oer Stadt an. — So schreibt „Israelit und Jeschurun" nach „Graudenzer Gesellige". (Rersonaknachricht.) Unser Gesinnungsgenoffe, Herr Moritz Pachtmann in Drohobycz, Obmann deS dortigen Vereines „Haibri", wird am 17. d. M. mit Fräulein Mina Hamerman in Drohobycz getraut werden Einzefendet. (Für Form und Inhalt dieser Rubrik ist die Redaction nicht verantwortlich.) An die zionistischen und uakionak-jüvischen Vereine. „Der neue Cours", den wir jetzt einschlagen müffe», wird gewiß auch von unseren Vereinen, selbst solchen, die direkt zu Colonisationszwecken gegründet werden, zu befolgen sein. Neberall muß jetzt Agitation getrieben werden. Diese aber läßt sich am leichteste» durch Verbreitung unserer Zeitschristen, besonders der „S e l b st - E m a n c i p a t i o n", die unsere Prinzipien am klarsten und entschiedensten vertritt, bewerkstelligen. Deshalb ist es gewiß jedem unserer Verein» zu empfehlen, auf eine größere Anzahl von Exemplaren der „Selbst-Emancipation" zu abonnieren, und dieselben solchen Leuten zuzusenden, die man u gewinnen hofft. Ganz abgesehen von der materiellen Förderung, die unsere Sache dadurch erfährt, können auf diese Weise allmählich weite Kreise von uns erobert werden. Ganz besonders könnten die akademischen Vereine und Verbindungen wie die Wiener „Kadimah", die Czcrnowitzer „Hasmonäa", de: „Jüdisch-Wissenschaftliche Verein" in Dresden u. s. w. aus diese Weise unter hren Kommilitonen Propaganda treiben: die dadurch erwachsenden Kosten würden ja leicht durch "Abschaffung minder wichtiger jüdischer Zeitschriften wieder zu decken sein. Es bedarf gewiß keines Wortes weiter, unsere von höchster Begeisterungcnt flammten nationaljüdischen Studenten an die Ehrenpflicht zu mahnen, die sie ihrem Ideale schuldig sind. , vr. L. M agdeburg, 7. November. * Geehrter Herr Redact eur!*) Nach dem Muster des Wiener akademischen Vereines „Kadimah" haben sich auch in anderen Städten ähnliche Vereiile gebildet, wie die „jüdisch-wiffenschaftlichen Vereine" in Berlin und Dresden, „Zion" in Lembergdie Hasinonaca in Czernowitz und in letzter Zeit auch ein jüdisch-wiffenschaftlicher Verein in Kertsch. Allen diesen Bereinsgründungen liegt die nationaljüdische Idee zu Grunde, für welche sie von der allergrößten Wichtigkeit sind. Gerade jetzt, nach der letzten Krise in der Palästtnasache ist die Existenz solcher Vereine von ganz besonderer Wichtigkeit, welche für den Zionismus vorbereiten und die Gesinnung stärken. Namentlich im Westen Europas, wo das nationale Bewußtsein der Juden noch sehr, sehr schwach ist, haben die genannten Vereine eine große Aufgabe. Man muß daher trachten, sie zu erhalten. Die größte Schwierigkeit findet dieses Streben in der mangelnden jüdischen Ausbildung der Mehrzahl der Mitglieder. Von einer entjudeten Generation in ihrer Kenntniß des Judenthums, seiner Geschichte, Sprache und Literatur vernachläßigt, bringen sie nichts mit als ihre durch die Macht der Verhältnisse gewonnene national-jüdische Ueberzeugung. Solche Elemente müssen aber erstsdas Judenthum kennen lernen, um als ganz überzeugt zu gelten. Der Lehreraufgabe unterzieht sich oft nur ein hebräisch gebildetes Mitglied, mit dem das betreffende Vereinsgebäude steht und fällt. Die Folge dieses Umstandes ist ein Mangel an Borträgen, welche den ersten und wichtigsten Punkt der Vereinsthätigkeit bilden sollten. Dem ließe sich nur durch eine Vereinigung aller dieser Vereine nach dem Grundsätze: Einer für Alle, Alle für Einen abhelsen. Eine Centrale *) Aus dem Russischen übersetzt.

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