Selbst-Emancipation
- Journal
- Selbst-Emancipation
- Volume
- 1891
- Issue
- Heft 22 (16.11.1891)
- Date
- 1891-11-16
- Page
- Seite 5 (sequence 5)
- Language
- German
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Nr. 22. Selbst- CF' m ci n c i p n t i o u. ihre Heilversuche an dem Judenthum unternahmen, niit demselben Erfolge, welchen Naturärzte eben haben. Einige schlugen ailmäligen Uebergang zrun Christenthum vor, welchen Vorschlag deren Kinder sofort in's Praktische übersetzten. Andere ließen sich in den Gemeindevorstand wählen und befriedigten ihren Tharendrang, indem sie dem Christenthum abgeschaute Einrichtungen auf das Judenthum übertrugen. - Seien wir aufrichtig! Die Wiedergeburt des I u d e n t h u m s, wie sie sich heute.yor.unseren Augen trotz aller A n f e i» d u n g e n vollzieht, ist wie immer, von der Wissenschaft ausgegangen. Der Kampf, der weder ausbleiben kann noch soll, gehört in das Gebier der Wissenschaft. Im künftigen Judenthume wird nicht derjenige am meisten zu sagen haben, welcher am wenigsten davon versteht." —. . Im Wesentlichen, fuhr der Vortragende fort, seien es zwei bedeutsame, zwei der edelsten Eigenschaften, die das Geschichtsstudium in einem Volke ausbilde.- Selbstachtung und Schamgefühl. Insofern Gr ätz zur Ausbildung dieser Eigenschaften beigetragen, sei er als unserer Gemeinschaft vorzüglichster Erzieher zu nennen und dies sei s e i n d r i t t e S V e r d i e n st! Durch ihn mit der Vergangenheit bekannt gemacht, fühlen wir jetzt: ^wir sind wer und wir wollen wer bleiben. Mit den Einführungsworten aus dem 11. Band der Grätz'sche» Geschichte schloß Dr. Güdemann, mit reichlichem Beifall belohnt, seine Vorlesung. , Im Vordergründe dieser Vorlesung stand nicht, wie man nach deren Ueberschrift und insbesondere nach den einleitenden Worten derselben hätte erwarten dürfen, die Person des Dr. Grätz — denn die Vorführung des intimen Bildes, wie es sich dem Freund, dem Schüler, darhot, ist uns der Vortragende schuldig geblieben — sondern jene ausführlich wiedergegebene Begriffsbestimmung des historischen Judenthums, welche in den Satz auslief, daß allein die Geschichtskenner die Berufenen seien. Selbst die Stellung Gr ätz' zum historischen Judenthum wird mit dem Worten: „Apostel und Vollstrecker" kurz abgethan. Dem reichen Gegenstände, den man, wie cs scheint, »ach verschiedenen Gesichtspunkten behandeln kann, hat Dr. Güdemann diesmal eine Glorificirung von Geschichtskennern entnommen. A. H. Wien, am 2. November 1891. Original-CorrespondenM. Oesterreich-Ungarn. Wien, den 13. November 1891. Im Club der „Deutschen Nationalpartei" sind bezeichnende Veränderungen vorgegangen. Weil einige Mitglieder desselben in der bekannten Affaire Schneider gegen die Mißbilligung des Stimmzettel -Correctors gestimmt hatten, traten die beiden Abgeordneten Engelb. Pernerstorfer, ein der Socialdemokratie sich nähernder Deutschnationaler, und Victor v. Kraus, ein nicht besonders judenfreundlicher Deurschnationaler, -aus dem Club aus. Dafür rraten die bekannten Antisemiten gemäßigter Richtung Dr. Robert P a t t a i und P o l z h o f e r in den Club ein. "Die deutschnationale „St ei »wen der - Partei" ist also, wie vorauszusehen war, ganz in antisemitisches Fahrwasser gerathen. Der Wiener niederösterreichische Landes- -schulrath hat die von der Wiener israelitischen Culusgemeinde beschlossene Wiedereinführung des hebräischen Bibeluuterrichtes in den Schulen genehmigt. Wien, 3. November 1891. De» verflossene» Samstag hatte der Schreiber dieser Zeilen die Gelegenheit. zwei jüdischen Versammlungen anzuwohnen, welche, wiewohl beide sich in hervorragendem Maße mit dem jüngst verstorbenen Geistesheros unseres Volkes, mit G r ä tz befaßten, in grellem Contra»« zu einander standen. Der politische Verein „O e st e r r e i ch i s ch - i s r a e litis ch e Union" hielt seine erste Versammlung in dieser Vereinssaison ab, deren Tagesordnung als erben Programmpunkt einen Vortrag des Wiener Oberrabbiners Dr. G ü d e m a n n über „H. Grätz und seine Geschichte der Juden" anfwies. Am selben Abendnur etwas später, begann der das 18. Semester des akademischen Vereines „Kadimah1 einleitende Geselligkeitsabend, welcher mit einer kurzen Gedenkrede dcö Vereinspräscs, Herrn sind. med. I. S o m m e r auf Grätz eröffnet wurde. Der Vortrag des Dr. Güdemann war äußerst lehrreich, aber ebenso innig und warm. Die „Selbst-Emancipation" hatte in voriger Nummer ganz richtig vcrmuthct, daß Güdemann in demselben ganz andere Accente anschlagen werde, als in dem von ihm in der „Neuen Freien Preffe" über Grätz veröffentlichten Feuilleton. Zwar sehlten auch dem samstägigen Vortrage die Halbheiten und Widersprüche nicht, in welche die Assimilanten verfallen, wenn sie ihre Ueberzengung mit ihrer zuweilen sehr großen Liebe zum Judenthume in Einklang zu bringen trachten, und die uns Nationaljuden so unbeschreiblich lächerlich dünken. Doch man dars billigerweise nicht zu viel auf einmal verlangen. Rom ist nicht in einem Tage erbaut worden. Es gab Stellen im Güdenmnn'schen Vortrag, welche der nationaljüdischen Anschauung sehr nahe kamen; aber der Tenor desselben im Allgemeinen war freilich noch ganz derjenige der Assimilationsaera, die nur noch ein Berufsjudenthum der Rabbinen und Gelehrten, aber kein Laien-, kein Volksjudenthum kennt. Wie wenig übrigens ein anders gehaltener Vortrag einem Theile des Publikums der „O e st e rre i ch i s ch - i sr ae l i ti sch e n U n i o ii" behagt hätte, zeigte sich in der dem Vortrags folgenden unerquicklichen Debatte. Hof- und Gerichtsadvocat Dr. Moriz Frankl erklärte nämlich das diesjährige Programm des Vereines, wonach das Hauptgewicht aus die Haltung von Vorträgen gelegt werde solle, für verfehlt und forderte dementgegen eine lebhaftere Besprechung, „actueller Tagesfragen" zur Bekämpfung des Antisemitismus. Der gute Mann hat also an den Wahldebatten der Vorsaison mit welchen der Verein viel kostbare Zeit verzettelte, nicht genug; er will in dem vorjährigen Genre fortarbeiten. und jeden zweiten Samstag in Khuners Restauration ein Stück Antisemitismus aus der Welt schaffen. Als wenn nicht genug antiantisemitische Thätigkeit im Parlamente und in der Preffe herrschen, als wenn es nicht eigene Blätter geben würde, welche dieses Thema schon bis zum Ueberdruß variiren — ohne, nebenbei gesagt, das überhaupt unsterbliche Rischus nur um ein Haar verkleinert zu haben. Geärgert, und ohne die Entgegnungen abznwarten, welche Dr. Frankl nach Zeitungsberichten von mehreren Seiten, darunter auch vom Abgeordneten Dr. Bloch zu Theil wurden, begab sich der Correspondent Ihres Blattes zu dem in der nächsten Nähe stattfindenden Geselligkeitsabend der „K a d i m a h", von „Alt - Israel" zu „Jung - Israel", und kam gerade noch recht, um die herzlichen aber in ihrer Schlichtheit doppelt wohlthuenden Eröffnungswerte des * Vereinspräses über Grätz zu hören. Die Versammlung — es waren bei hundert Studenten und alle in Wien lebenden „alten Herren" des Vereines erschienen, — nahm die Ansprache mit großem Beisalle auf, und lauschte auch den die Tendenz des Vereines erläuternden Ausführungen des Mitgliedes sind. zur. Jacob K o h n mit gespannter Aufmerksamkeit. Im weitern Verlauf des Abends fanden auch die Herren Dr. Moriz S ch n i r e r als Präsident des Vereines „Admath Jeschurun" und Dr. Nathan B i r nb a u m Gelegenheit, Ansprachen an die Versammelten zu halten, welche von stürmischem Applaus begleitet Ivaren. Die Vereinsmitglkeder, Herren »lud. mod. Isidor S ch a i i t und stud. med. Karl P o l l a k besorgten den heitern Theil des Abends, indem sie durch ihre gelungenen prosaischen und poetischen Humoristica mit großem.Erfolge an das Zwerchfell ihrer dankbaren Hörer appellirten. Erst in später Nachtstunde löste sich die Versammlung ans, welche ein schönes Bild des herzlichen und durch eine groß« Idee geweihten Zuantineillebeits vec jüdisch - iiationaleit Studenten Wiens bot. Zu bemerken wäre auch, daß sich einige in Wien studircnde. Mitglieder der Ezernowitzer akademischen Vereinigung „H a s m o n a e a" eingesunden hatten, nud mit Jubel begrüßt wurden, wofür ihr Wortführer Herr »lud. mod. Samuel Josef B i e r e r in warme» AnSdrücken dankte. Stryj, den 10. November 1891. Herr Maser Abraham Stern, Ausschußmitglied des hiesigen Colonisationsvereines „Admath Israel", dessen Obmann zu sei» ich die Ehre habe, hat, begeistert für die Idee der Colouisirung Palästiua's den Entschluß gefaßt, ohne auf welche Beitragsleistung seitens der in Galizien bestehenden Eolonisirungsvereine zu restectiren, seinen Geburtsort um» seinen Verwandtcnkreis zu verlassen, um im heiligen Laude sich »iederzulassen. Die Colonisiruugsvereii'.e haben ihn mit Legitimationen ansgestattet und zum correspondirende» Mitglieds resp. Berichterstatter ernannt und überdies hat der hiesige Verein „Admath Israel" gestern am Vorabende seiner Abreise ihm zu Ehren ein Abschiedssest veranstaltet. — Die zahlreich Versammelten waren sichtlich gerührt angesichts des strammen und beherzten jungen Mannes — er zählt 24 Jahre — und beim Vernehmen seiner Abschiedsworte, welche darin gipfelten, falls er die Berichte, bezüglich der bestehenden Colonien, als der Wahrheit entsprechend finden werde, für die hieraus wartende Schaar kräftiger intelligenter junger Leute die nöthigen Vorbereitungen zu treffen. — Gott segne sein Vorhaben! Jlogen Lipschütz. Deutsches Reich. * Aerkin, 11. November. Der „Russischjüdische wissenschaftliche Verein" hat am Sonnabend, 31. October, feine während der Ferien unterbrochene Thätigkeit wieder ausgenommen. Als einer der größten Studentenvereine ist derselbe innerhalb der letzten zwei Semester zu einer bedeutenden Macht emporgewachsen. Nicht nur ist es ihm gelungen, fast die gesammte russisch-jüdische Studentenschaft in Berlin zum national-jüdischen Princip zu bekehren und durch seinen landsmannschaftlichen Charakter sogar bei solchen Personen das jüdische Selbstbewusstsein zu wecken, welche absolut kein Verständnis für jüdische Interessen besaßen, sondern auch die Zionsidee in andere Städte Deutschlands hinausgetragen und selbst in Rußland auf gewisse jugendliche Kreise einzuwirke». Wohin auch immer ein Mitglied des hiesigen Vereins versprengt wurde, dahin brachte es klare Begriffe über den nationalen Gedanken und inniges Mitgefühl für das Marterleben unserer Brüder mit. Auch unter deutsch-jüdischen Jünglingen wurden Propaganda sür den Zionismus durch häufige deutsche Abende gemacht, den national gesinnten aber diente der Verein zur inneren Kräftigung. Ein besonders reges Lebe» entfaltete derselbe im Sommer, als durch die Ereignisse in Moskau die Aufmerksamkeit aller auf die wechselvolle Existenz des jüdischen Volkes gelenkt wurde, als alle nur von dem einen Wunsche erfüllt