Selbst-Emancipation
- Journal
- Selbst-Emancipation
- Volume
- 1891
- Issue
- Heft 22 (16.11.1891)
- Date
- 1891-11-16
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 4. Selb st - E in a ii c i p a t i o n. Ne. 22. schon längst alles, nationale Gefühl erstorben glaubten, ja die wir nicht einmal für fähig, er-, achteten, die nationale Idee und den Palästinagedanken in ihrer Reinheit zu verstehen; die wir für Mumien hielten, feurige Kämpfer für unsere Sache hervor. Hervorragende Rabbiner (g’onim im hebr. Original) wie N. Samuel M oh i l i wer, R. Jacob N e i n c s, N. Mordechai Eliaschbcrg aus Bousk zogen aus, um im Herzen des Lölkes für die Colonisation Palästinas Platz zu machen, und zeigten ihre Stärke und ihren Muth am Tage des Kampfes. Reiche, welche wir uns in ihrem Golde sittlich und geistig erstickt glaubten, öffnete» ihre Geldbeutel. Aber auch von den Ärzten, Anwälten und Gelehrten, welche sich unter die Völker gemischt, ihre Manieren angenommen und die Sitten ihres Volkes abgestreift halten, bereuten viele ihre Zugendsünden, näherten sich ihrem Gotte im Himmel und dem Volke seiner Wahl auf Erden. Gar Viele lernten damals einsehen, daß unsere Hoffnung, als Volk aus unserem Boden wiederzuerstehen, nicht gänzlich vernichtet fei. Wir alle begannen des Gnadenbrodes, der vom Tische unserer Schmäher und Verfolger gefallenen Brosamen überdrüssig zu werden. Für jeden einzelnen Schlag, den uns die „Barfüßler" versetzten, erwarben wir uils zehn reine, edle Seelen. Lieb wurden uns die Leiden, welche uns zu unserem Heile heimfuchten. Auch in den Ländern des Westens, im Centrum der Aufklärung, im Geburtslande der Gleichberechtigung wurde die Stimme Jacobs, wenn auch sehr leise, gehört. Auch dort begann unsere Jugend Zeitschriften und Broschüren zur Verbreitung der nationalen Idee heranszugeben. Die Vereine „Bnej Zion", „Chovcvei Zion", „Nehcmim", „Bnej Moscheh", „Achwath Zion", „Dorsche Zion",. „Lemaan Zion" u. s. w. wurden ■ in Paris, Petersburg, Berlin, Moskau, Odessa und anderen großen und kleinen Städten des In- und Auslandes gegründet. . Man begann auch fünstmdzwanzig- und fünfzigjährige Jubiläen unserer Volksmänner und Schriftsteller zu feiern, an die man früher ganz vergessen hatte Mau sandte ihnen Adressen und Telegramme zu Hunderten und tausenden. Auch unsere großen Todten feierten wir durch Gedenkfeste, an welchen nationale Reden gehalten wurden. Smolensky, der die nationale Idee in die Jugend verpflanzt hatte, kam nach Petersburg, die jüdischen Studenten, erst jüngst zu ihrem Volke zurückgekehrt, empsiengen ihn mit beispiellosem Jubel. Sie trugen ihn ans den Schultern und spendeten ihm eine Ehrengabe. Die Vornehmen veranstalteten ihm zu Ehren ein Bankett, bei dem die Finanzaristokratie, die Gelehrten, die Schriftsteller, die Journalisten erschienen. Alle sprachen von der nationalen Sache, der Belebung der Sprache, und dergleichen mit warmem Empsinden. Alle Versammelten fühlten, daß die Götzen der Äsiimilation wankten aus ihren Thronen und sich anschickten, deu Helden Israels Platz zu machen. S m o l en s ky gieng nach Moskau, wo ihn derselbe begeisterte Empfang erwartete. Mehrere Jahre hindurch veranstaltete unsere Jugend in den großen Städten Geselligkeits- und literarische Abende, deren Erträgniß zionistischen Zwecken gewidmet war, und wobei sie'die Gelegenheit benützte, die nationale Idee zu verbreiten, namentlich auch unter dem' schönen Geschlechte. Selbst, viele jüdische Schüler und Schülerinnen der Gymnasien wurde» damals gute Juden und Jüdinnen und zionsfreundlich. Auch fanden sich Literaten und Kritiker, welche den Muth hatten, de» Weisen und Dichtern Israels die Wahrheit-zu sägen, daß sie nämlich nur fremden Mustern folge», daß sie keinen Sinn für unsere Leiden haben und daß sie an unsere Wiedergeburt nicht glauben. Andererseits fanden .wir Nationalgesinnte und Zionssreuude unter unseren Weisen und Rabbinen vergangener Jahrhunderte, und gaben deren Werke mit vielem Erfolge heraus. Auf allen Veiten, wohin wir uns wandten, trafen wir aus Zion, aufseine Beschreibungen, seine Bilder, seine Karten und die Porträts der hervorragenden Zionisten. Die reichsten und vornehmsten Juden Rußlands giengen von Haus zu Haus, von Thür zu.Thür, um Bildnisse Moses Montesiores zu verkaufen,. deren Ertrag den palästinensischen Colonistcn zu Gute kam. Bei Verlobungen, Hochzeiten, Todesfällen, bei allen freudigen und traurigen Gelegenheiten wurde für Zion gespendet. Es entstanden allenthalben in Rußland eigeiie Gotteshäuser und Lehrstätten (Laibe miärascb) der „Zionsfreunde." Täglich entsprangen viele neue große Gedanken unseren Köpfen, z. B. jüdische Hochschulen in Palästina zu gründen, in Paris ein jüdisches Gymnasium.mit hebräischer Unterrichtssprache in's Leben zu rufen u. a. dgl. Die Begeisterung Vieler war so groß, daß sie dem Baron Edmund Rothschild in Paris zürnten, der als Einzelner, sei er auch, wer er sei, ein Werk aussühren zu können glaube, an welchem das ganze Volk Theil nehmen Das leuchtendste Zeichen jener schönen Zeit einer mächtigen jüdisch - nationalen Bewegung war aber die Belebung der hebräischen Sprache. Man begnügte sich nicht damit, sie zu lernen, man wollte sie auch zur Umgangssprache der Juden machen. Kaum war die „Sefah bcrurah“ in Jerusalem gegründet, entstanden ähnliche hebräische Sprachvereine in großen und kleinen Städten Rußlands. Man glaubte die Zeit sehr nahe, wo die Juden wieder Hebräer geworden sein werden — im vollen Sinne dieses Wortes. Bejahrte und gelehrte Männer, Ärzte, Rechtsanwälte und. Ingenieure gaben sich Mühe, ihre Zunge an die hebräische Sprache zu gewöhnen. Wer es wagte, an einer Belebung der hebräischen Sprache in allerkürzester Zeit zu zweifeln, galt bereits als Ketzer. Auch die Mädchen nahmen an dem Streben zur Einführung der hebräischen spräche Theil, wie auch manche von ihnen die Rednerbühne betraten, um in der Sprache der Propheten zu sprechen. Man beschloß die Herausgabe von Wörterbücbern, Encyclopädien und Referaten der „Safah berurah“ - Vereine. Bald hörte man hebräische Gespräche aus der Straße, im Bethause,, in den Geschäften und in den Gasthäusern. Ja, damals fühlten wir Alle, daß wir ein Volk, ein großes, erhabenes Volk, ein Volk mit einer unvergleichlichen Literatur, daß wir das Volk der höchsten Sittlichkeit seien. Es wareine Zeit, welche eine herrliche Aera einzuleiten schien. Und doch gieng der Sturm in matte, schlaffe Windstille über! — --(Fortsetzung folgt). Rüben Brainin. Ein Vortrag des Dr. Güdemann über Gratz. Die diesjährigen Vortragsabende __ der „Oestcrreichisch - israelitischen Union" erössnete Se. Ehrwürden Herr Dr. M. Güdemann mit der Vorlesung: „H. Gr ätz und seine Geschichte der Juden." Mit lebhaftem, allseitigem ■ Beifalle begrüßt, ergriff Dr. Güdemann das Wort. Nach einer kurzen Einleitung, in welcher Redner seines persönlichen Verhältnisses zu Gr ätz, dem besten Sohne der jüdischen Gemeinschaft, gedachte und ans Grund desselben eine genauere Schilderung des Mannes, ein Bild des Menschen, der bei der gebotenen Zurückhaltung des Geschichtsschreibers im Werke nicht voll zum' Ausdruck komme, in Aussicht stellte, wies er aus den große» Leserkreis der Grätz'schen Geschichte hin, als aus einen ihrer größten Erfolge. Denn das Verständniß der hebräischen Literatur», wie. das Interesse für wissenschaftliche Darstellungen, sei vor Gr ätz ein io geringes gewesen, daß es der Vermittelung des Dr. Michael Sachs bedurfte, um die Veitsche Buchhandlung zum Verlegen der Grätzscheu Geschichte zu bewegen. E r st G r ä tz habe die jüdische Wissenschaft populär gemacht, und das sei sein erstes Verdienst. Sein, klarer, fließender Vortrag, seine Wärine, die sich dem Leser mittheilt, seine plastische Anordnung des Stoffes bei Vermeidung der unangenehmen Zuthaten eines gelehrten Schriftstellers seien die Erklärung hiefür und unterscheiden sich so wohlthuend von dem allzu esoterischen Charakter der jüdischen Schriftster, welche zuerst in unserem Jahrhunderte jüdische Dinge bearbeiteten. Diesem Umstande gegenüber verschlage es nichts, wenn Gr ätz in dem einen oder andern Punkte geirrt. Die wiederholten Auflagen, die Uebersetzungen in's Französische, Englische, Hebräische seien die beste Kritik des Werkes, lebende Zeugeii dafür,. daß der Sinn sür die jüdische Geschichte in breiten Kreisen unserer Gemeinschaft wach gerufen worden sei. und hoffentlich nicht wieder einschlafcn werde. Für den Bestand des Judeiithuins sei aber die Erweckung dieses Sinnes von der größten, unschätzbarsten Bedeutung; b aß. G r ätz z u r ' Erhaltung desselben wesent l i ch beigetrqgen, sei sein zweites Verdienst. Hier gab Redner eine Begriffsbestimmung des „h i st o r i s ch e n I u d e n t h u m s", welches: Dr. Zacharias Frankl als Programm sür seine Wirksamkeit., ain Breslauer Seminar aufgestellt und welchem in Dr. Grätz der eigentliche Apostel und Vollstrecker erstanden: ,: , „Das Judenthu»! hat seine Geschichte; sie ist nicht immer dieselbe gewesen und wird nicht immer dieselbe bleiben. Es hat sich im Laufe der Zeit wiederholt mit veränderten Verhältnissen absinden müssen und abzusinden vermocht. In diesem Vermögen beruht seine Lebenskraft und sein Bestand. Veränderungen vollzogen.. sich den innewohnenden Gesetzen gemäß; deswegen können wir von einer gesetzlichen Entwickelung des Judeiithuins reden. Das Judeiithum kann aber auch nur als das historische Judcnthum fortleben, und wer zn seiner Entwickelung beitragen will, muß die Lebensbedingungen und das Ziel kennen, wie sie in seiner Geschichte hervorgetreten sind. Wie ein Arzt seinem Berilfe nur dann vorstehen kann, wenn er in der Physiologie/ d. i. der Kenntniß des Lebens und seiner Gesetze unterrichtet ist und pathologische Anatomie, b. i., Kenntniß der Veränderungen, welche Krankheitszustände im Organismus herbeiführe», innehat, so kann es für das Judenthum keinen Arzt geben, der nicht dessen Geschichte — denn Geschichte ist pathologische Anatomie — kennt; und wer nicht seine Geschichte kennt, der darf ihm auch kein Recept. verschreiben. Unser Jahrhundert, welches einen der folgenschwersten Wendepunkte des Judenthums bedeutet, hat sich diese Wahrheit nicht immer vor Augen gehalten. Durch die von Mendelssohn ausgegangene Bewegung entstand in weiten Kreisen das Bestreben, das Judenthnm mit der Zeit in Einklang zu bringen. Leider standen die damaligen Rabbiner nicht auf der Höhe der Aufgabe, welche die Zeit ihnen gestellt hat: Die Geschichte des Judenthums war ihnen vollständig fremd. In dein ganz gleichen Verhältnisse der spanischen, arabischen Juden hatten die damaligen Rabbiner der von der Zeit dargebotenen Erscheinungen sich bemächtigt: sie eigneten sich die arabische Sprache, Bildung Md Wissenschaft an und stellten beide in den Dienst des Judenthums, das sie eben durch dieses Verfahren zu neuer Blüthe brachten. In der Mendelssohn'schen Zeit hingegen wollte man weder von der deutschen Sprache noch von der deutschen Wissenschaft etwas Hören; die Folge war, daß man ganz außer Contact mit der Zeit kam, jeden Einfluß verlor und daß diejenigen, welche Berufsärzte.hätten sein sollen, als Natnrärzte