Selbst-Emancipation
- Journal
- Selbst-Emancipation
- Volume
- 1891
- Issue
- Heft 22 (16.11.1891)
- Date
- 1891-11-16
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
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Nr. 22. Seite 3. Helte» die palästinensische Idee verstehen. Am besten ist diese Wahrheit in der letzten Zeit bewiesen worden. Kaum waren viele Personen nicht wegen der Idee, sondern, um Geschäfte zu machen, hierher gekommen, als sie sich beeilt haben, in die ganze Welt hinauszuschreien,. daß kein Land schlechter als Palästina sei. Ich war gerade zu der Zeit in Konstantinopel, als die jüdische Masse, welche nach Palästina hingeströmt war, zurückreiste. Ich spreche nicht von der Menge, welche thatsächlich in Palästina gelitten hatte und deswegen noch einigen Grund hatte, üble Gerüchte zu verbreiten, aber ich begegnete solchen, welche gekommen tvaren, um Land 311 kaufen, aber keine Anhänglichkeit zu Palästina besaßen; sie schnitten mir iü die Seele mit ihren Erzählungen über die Noth an Palästina. Es war mir unmöglich, mit ihnen zu streiten; sie pflegten mir immerfort zu erwidern: „Wir fahren sckon zurück und Sie junger Enthusiast, gehen erst hin und wissen noch nichts". Die Menge aber, etwa 200 Personen, ging durch die Stadt und flößte denen Furcht, ein, welche sich erst nach der Urheimat begaben. Baron Hirsch sandte ihnen, einen Francs täglich und befahl ihnen, auf das Dampfschiff zu warten, welches sie nach Argentinien führen sollte. Je mehr wir uns den Hafenstädten näherten, desto schrecklicher wurden die Nachrichten über das Elend und über die strengen Maßregeln in Jaffa. Zum Theil war es wahr, aber man ließ uns von allen Dampfschiffen nach einigen überwundenen Schwierigkeiten in die Stadt hinein. Desto glücklicher war ich in Jaffa, als ich mich überzeugte, daß das von mir auf dem Wege Vernommene 511111 großen Theil erlogen und daß dies darum, geschehen war, weil solche Leute nach Palästina gekommen waren, die die palästinensische Idee nicht verstanden. Vielleicht werdet Ihr mir erwidern, daß ja dann nur gebildete Leute in Palästina wohnen werden. Darauf hin will ich nur ein entgegengesetztes Factum anführen. Die 200 Arbeiter, welche außer den Colonisten in der Colonie sich befinden, arbeiten für 8 Piaster pro Tag (1 Frcs. — 6 Piaster), sie essen in einer gemeinschaftlichen Küche, viele schlafen unter freiem Himmel auf Stroh, sie führen also das Leben echter Arbeiter. Das Lebensalter derselben ist von 10 bis 50 Jahren; der Grad der Intelligenz sehr verschiedenartig; die frühere Beschäftigung ebenfalls sehr mannigfaltig. Und unter allen gibt es nicht eine» Einzigen, selbst keinen Knaben, der nicht das Ziel der Kolonisation Palästinas verstehen möchte. Von Klein bis Groß sind alle begeistert und bereit, für das heilige Land durch Feuer und Wasser zu gehe». Und so ist, wie ich schon bemerkt habe, fast das ganze Publikum in Palästina gestimmt; diejenige, welche gleichgiltig sind, wandern bei der ersten Gelegenheit zurück. Hauptsächlich muß man aber dafür Propaganda machen, daß viele cultivirte Juden und speziell aus Westeuropa hierherkommen, da es vieles zu bessern und zu ändern gibt. „Zurück l“ Von einem palästinensischen Colonisten. Ein neues Unwetter ist über Israel hereingebrochen. Von allen Seiten verfolgt, glaubte es hier die Ruhestätte, hier ein Stückchen Erde zu finden, wo es: sich ein Nest für seine Kinder bauen kann, ein Winkelchenwo es im Schweiße seines Angesichts dem Boden die Nahrung für seine Familien abgewinnen kann. — Und plötzlich tönt ihnen auch hier das strenge Verbot entgegen: „Zurück!" Wohin? — Nie werde ich den Eindruck vergessen, den die Botschaft, zurückkehren zu müssen, auf einen armen Inden machte. Es war, wie wenn er sein Todesurtheil vernommen hätte. „Brüder", rief er, „es gibt keinen Ort, keinen Strand, den wir S e l b st - E m a n c i p a t i 011. betrete» dürfen. Aus Rußland vertrieb man mich, weil ich Jude bin, und als ich von dort nach Oesterreich gieng, auch von da als russischen Juden. Ich gieng nach Berlin. Auch dort ließ man mich nebst vielen Anderen nicht ein; da wandte ich mich nach Hamburg und schiffte mich nach Amerika «in. Die Seereise kostete mich den Rest meiner Kräfte, aber ich betrat das „Land der Freiheit." Jedoch auch von hier brachte man mich, da ich das nothwenbige Geld nicht bei mir hatte, gewaltsam auf das Schiff zurück. „Z u r ü ck!" hieß es wieder. Wohin? — rief ich. Erbarmet Euch meiner und werft mich ins Meer, den Haien zum Fräße! Kaltblütig antworteten die freien Bürger des „Landes der Freiheit": „Zurück!" Ich kam wieder nach Europa, wo mich Spott und Schimpf erwarteten. Da dachte ich noch an ein Land mit Hoffnung, im Glauben, es werde mich offenen Armen empfangen. „Zurück! Zurück!" Und ich habe keine andere Hoffung mehr. Nein! Hier oder nirgends!" Der Mann konnte vor Schluchzen nicht weiter sprechen. Ohnmächtig fiel er hin; weinend umstanden ihn Männer , Frauen und Kinder, seine Leidensgenossen. Inzwischen vergieng die Zeit, Mittag und Abend kamen. Die Küstenwache wich nicht vom Platze und trieb einerseits die landen wollenden, anderseits die herankommenden Jaffaer Inden zurück. Der erste, der zweite, der dritte Pfiff! Das Schiff kommt in Bewegung, es dampft nach Port-Said ab und schleppt hunderte Opfer mit sich, welchen es nicht einmal vergönnt war, das geliebte heilige Land zu schauen. Gebeugt und gebrochen stand ich an der Meeresküste, sah dem Schiffe nach, bis es ans meinen Horizonte verschwand, und hörte im Geiste die Worte von ihm herübergellen: „Wohin? Wohin?" Wo seid Ihr unsere Geisteshelden, unsere Streiter für die Ideale des Volkes? Warum lasset Ihr die Köpfe hangen? Warum bleibet Ihr auf halbem Wege stehen? Hat Euch etwa der neuerliche Ruf „Zur ück!" Schrecken eingejagt? Oh, „Zurück!" heißt es n 11 r, damitwir unsere Kräfte von Neuem sammeln und lernen, was wir künftighin zu thu 11 haben, um das Ziel zu erreichen. Wie viel Tausende haben wir verloren, als wir uns in Amerika niederließen wie viel Opfer brachten wir der Colonisation in Argentinien. Was würden unsere Freunde sagen, — von den Zionsgegnern gar nicht zu sprechen, — wenn hier Alles dies vorgekommen wäre, was in Argentinien geschah? Ich will davon absehen, daß in den 1830er und 1860er Jahren die Colonisten Argentiniens schwere blutige Kämpfe mit den Rothhäuten zu bestehen hatten, wobei alle Grenzstädte unter Mord und Plünderung zu leiden hatten, aber noch in den 1880er Jahren mußte sich General R a c a mit den Indianern abgeben, welche die Ansiedler nicht in Ruhe ließen. Haben diese Ereignisse die ersten Pionniere in Argentinien von ihrem Beginnen abgehalten? Mehren sich nicht von Tag zu Tag die spanischen, französischen und schweizerischen Colonien im Lande? Als aber einmal während der letzten 10 Jahre im Umkreise der palästinensischen Colonien ein Araber an einem Juden einen Raubmord begieng, wie er im civilisirten Europa lOmal täglich vorkommt, da konnte man nicht genug über die Gefahren der Colonisation und die „furchtbaren" Beduinen sprechen. „Zurück! Zurück!" Konnten wir Anderes erwarten? Wo gäb's denn ein Land, civilisirt oder wild, das nicht Hungernden und Elenden wenn sie maffenhaft auf einmal kommen, ein entschiedenes „Z u r ü ck!" entgegenrufen würde? Leute, die nicht Geld für ein Stückchen Erde hatten, kamen auf Baron Rothschild und das Odessaer Comitv rechnend. Schmiede, Klempner und andere Arbeiter kamen, bevor es noch eine Industrie im Lande gibt. Sie irrten in den Straßen umher, — ohne Hilfe. Was wäre das Ende der Colonisation gewesen, wenn nicht dieses Verbot erlassen worden wäre? Das Verbot war kein Unheil, sondern Rettung. „Zurück!" d. h. wir müssen von vorne anfangen, eine gesunde und vernünftige Organ i s a t i 0 n schaffen. Wir müssen die Regierung überzeugen, daß auch wir eine solche Colonisation nicht wollen, daß wir zu unserem Ziele nicht kommen wollen durch das Unglück des Landes. Dann werden die Pforten des Landes uns nicht länger verschloffen bleiben, dann wird Stein an Stein sich fügen zu dem stolzen Baue, den wir ansfüdren wollen. Dann wird die furchtbare Frage „Wohin?" die befriedende Antwort erhalten: „Dort, wo die Ceder . . ", dorthin, wo unsere Brüder zehn Jahre vorgearbeitet haben, dorthin, wo uns jüdische Dörfer traulich grüßen und uns zurufen: Thut Eure Pflicht! Geduld und Arbeit werde» die Einöde in ein Paradies umwandeln." Nicht „Zurück!" sondern „Vorwärts! Vorwärts!" im wahrsten Sinne dieses Wortes wird dann unser Losungswort sein. ^x. An die Zionisten in Rußland*). Vor zehn Jahren, nach den Unruhen im südlichen Rußland, und, nachdem wir zur Einsicht gekommen waren, daß in unserem engen Ansiedlungs - Rayon weder Luft noch Licht noch Speise für unseren Körper und unsere Seele vorhanden seien, gaben die Schriftsteller Israels und seine Besten die Losung aus: Jung und alt, mit Weib und Kind wollen wir nach dem Berge Zion gehen. Dort wollen wir unfern heiligen Boven bearbeiten; mit dem Schweiße unseres Augesichs wollen wir ihn düngen, mit unserem Herzblut tränken. Unsere jugendlichen Brüder, welche auf den Hochschulen studirten, schrieben auf ihre Fahne: „Belebung der Nation und des Landes"; sie erneuerten den fast vergessenen Schwur der Väter: „Wenn ich dein, Jerusalem vergesse, so werde meine Rechte vergessen." Sie vertauschten ihre Doctor-Diplome mit Pflugschar und Winzermesser. „Wir wollen leben, ein lebend Volk auf unserem Boden, in unserem Lande, gleich allen anderen Völkern", — riefen wir die Jungen, und Alle, die ein jüdisch Herz im Leibe und Blut, nicht Wasser in den Adern hatten, deren Seele durch Erniedrigung und Elend nicht verhärtet worden war, sammelten sich um uns. Wehe dem Schriftsteller, der es wagte, an der Erfüllung unserer Hoffnungen zu zweifeln! Wehe dem Manne, der es versuchte unsere Ideale zu verkleinern! „Zionsfeinde, unsere Niederreißer, unsere Verwüster" rief e i n Schrei der Entrüstung ihnen aus unserem Munde zu. In jener Zeit erstand auch unsere Literatur zu neuem Leben und verjüngte 'ich. Tageszeitungen, Wochen- und Monatsschriften, Jahrbücher entstanden und blühten. Neue Sterne leuchteten auf am Himmel unserer Sprache. Die bittere, resignirte Frage des hebräischen Schriftstellers: „Für wen plage ich mich?" hörte für ihn auf, denn jetzt wußte er für wen er arbeitete und sich mühte. Die hebräischen Schriftsteller gelangten zu einem stets wachsenden, gebildeten und verständigen Leserkreise, der gespannt ihren Worten lauschte. Eine neue Erscheinung tauchte in unserer Literatur auf: Academischgebildete Männer widmeten sich derselben, und was noch mehr ist, Schriftsteller mit einer bestimmten Tendenz. Unsere natioiialgesinnte Jugend ' erstritt viele Siege. Den Vornehmsten der Assimilanten, Leon L e w a n d a s. A., und seine Freunde zog sie zu sich herüber und machte die flammendsten Zionsfreunde aus ihnen. Anderseits giengen auch aus den Reihen der Ravbinen, in denen wir *) Aas de n h en übersetzt.