Selbst-Emancipation
- Journal
- Selbst-Emancipation
- Volume
- 1891
- Issue
- Heft 22 (16.11.1891)
- Date
- 1891-11-16
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 2. günstig situirt; - aber gerade darum dürfen sie nichts unversucht lasten, um allmälig zum Ziele zu kommen. Wenn nur ein Zionist im Cultusrathe einer Gemeinde sitzt, so ist schon viel gewonnen. Gesinnungsgenosten! Betheiliget Euch in thätigster Weise an den Gemeindeangelegenheiten, namentlich an den Gemeindewahlen! Glaubet nicht, daß es ein Ding von untergeordneter Bedeutung sei, das Euch hier empfohlen wird. Es mag von einigem Nutzen sein, jüdische und dabei auch jüdisch denkende und fühlende Reichsrathsabgeordnete durchzusetzen, aber es ist ungleich weittragender, nationaljüdische Cultusvorstände in den Cultusrath, sei es auch der kleinsten Provinzstadt, zu entsenden. Jene können zumeist nichts Anderes thun, als die Lügen und Uebertreibungen der Judenfeinde zurückweisen, was bekanntlich nie ein Geschäft von bleibendem Erfolge ist; diese aber können an derjenigen Erziehung des jüdischen Volkes theilnehmen, aus welcher demselben dauerndes Glück erstehen wird. Jene befriedigen augenblickliche, diese geschichtliche Bedürfnisse Israels. Gesinnungsgenosten! Organisirt Euch für Gemeindewahlen und Gemeindeangelegenheiten! — Vertrauet Eurereligiösen und nationalen Interessen nur Männern an, w elch e ihr jüdisches Volk lieben, dessen Sprache schätzen und begünstigen, und vor einem selbstständigen politischen. Gedanken nicht fi.'.rcytsam erzitten! Thut es Euretwegen, um Eurer Kinder und der Zukunft Israels willen! _ B. EinLriesaus der ColonieRechowoth *). Rechowoth, im Tischri 5652. Theure Freunde! Voll innerer Freude, aber nicht ohne Erregung, gehe ich daran, die erste Eorrespondenz aus unserem theueren Vaterlande an Sie zu richten. Wie soll ich nicht erregt sein, da ich an die Erfüllung einer so schwierigen Pflicht herantrete, der Pflicht eines correspondirenden Mitgliedes von Palästina aus? Zwar bin. ich vom Wunsche erfüllt, möglichst gut und wahrheitsgetreu diese Aufgabe zu erfüllen, aber ich bitte mit mir Nachsicht zu haben, wenn sie meine Kräfte übersteigen sollte. In dem ersten Briefe will ich nur den allgemeinen Eindruck wiedergeben, den auf mich Palästina gemacht hat, während ich die Absicht hege, in den folgenden Briefen außer den Tagesereignissen eine genaue Beschreibung dessen, /was ich sehen und hören werde, vornehmlich der Eolonien zu liefern. Da ich schon mehr als einen Monat in Palästina mich befinde, so fühle ich mich berechtigt, offen den allgemeinen^ Eindruck, welchen ich von unserer lieben Urheimat gewonnen habe, wiederzugeben; das wird nicht mehr ein Eindruck des Momentes, ein Zustand der Entzückung, welcher leicht vorübergeht, sein. . Ich bin in Palästina gerade zu der Zeit angekommen, da die strengsten Maßregeln gegen die Einwanderung der russischen Juden getroffen waren. Da ich dies schon früher gehört hatte, so blieb ich im Konstantinopel, wo ich mich mit türkischen Dokumenten - versehen habe, welche natürlich nicht so leicht zu erlangen sind. Von *) Dieser Brief der oben in abgekürzter Form veröffentlicht ist, wurde vom Studiosus Rosenblum an den „Ruffisch-jüdischen wissenschaftlichen Verein" in Berlin gerichtet. ' Selbst-Emaiicipat ion. Jaffa reiste ich am nächsten Tage nach Rechowoth, . wo ich als Arbeiter bis jetzt wohne. Nie werde ich die erste Reise von Jaffa nach Rechowoth - vergessen. Wir fuhren etwa um 4 Uhr. ab. Darüber, daß das Wetter herrlich war, wird mau selbst in palästinensischen Romanen nicht berichten, so daß ich es nicht zu erwähnen brauche; denn hier ist. das Weiter fast immer herrlich. Zunächst fährt man auf der Jerusalemer Chaussee anderthalb Stunden, zwischen Apfelsinen- und Citronenbäumen; auf dem Wege erheben sich hie und da stolze Palmen und sonstige Bäume, welche für unser Vaterland charakteristisch sind; unaufhörlich ziehen die Karawanen von Kameelen hin und her, durch den Lärm der Araber und das Geschrei der Esel und Kameele entsteht ein originelles Concert. Nachdem wir an der Ackerbauschule „Mikweh- Jsrael", welche im Grün und Fruchtgärten verschwindet, vorbeigefahren waren, ohne anzuhalten, wandten wiruns von dem Hauptweg nach dem Süden. Während der Fahrt trafen wir ziemlich oft Brunnen, von denen einige ein sehr schmackhaftes Waster haben (bekännlich - ist das ein Mangel Palästinas); besonders angenehm ist das Waster im Brunnen „Ain Djeb" neben dem arabischen Dorse „Jafur". .Von nun an führte der Weg durch öde Felder; in' der Ferne erschien ein Wachtthurm, welcher früher zur Bewachung des Weges, der nach Jerusalem führt, diente, jetzt aber unbewohnt ist, Bald erblickten wir die auf einem erhöhten "Orte befindliche Colonie „Rischon Lezion". Es ist mir unmöglich, Euch zu schildern, was ich beim Anblick dieses herrlichen jüdischen Dorfes empfunden habe. An der höchsten Stelle steht die Synagoge und am entgegengesetzten Ende ist das große' Gebäude des Weinkellers sichtbar; diese beiden Häuser ragen vor allen anderen hervor. Ueberhaupt macht die Colonie den Eindruck eines kleinen Städtchens nach vollkommen europäischem Muster. Ungemein auffallend ist der Unterschied zwischen einer israelitischen Ansiedelung und einem arabischen. Dorfe, welches letztere man leicht für eine Maste von Erdhügeln, welche mit Moos bewachsen sind, ansehen kann; das sind einfach Lehmhütten ohne Fenster und Thüren, welche auf einen Hügel labyrinthartig.zerstreut sind. Dagegen sind in der Colonie alle Häuser aus Stein,-viele zweistöckig mit Balkons, die Straßen sind breit, mit Alleen besetzt, kurz die Eolonien oder, wie die Araber sie nennen, die „Compagnien" müssen schon allein durch ihr Aeußeres eine gewaltige Bedeutung für die Civilisirung des Landes haben. Als wir uns Rischon näherten, war die . Sonne bereits untergegangen, und nachdem wir mehrere Passagiere abgesetzt hatten, fuhren wir weiter. Kaum waren wir 8/4 Stunden gefahren, als uns der Ferne helle Lichter entgegenschimmerten. Das war wieder die jüdische Colonie „Wad-el-Chanin". Es mag Euch vielleicht lächerlich erscheinen, aber ich muß es gestehen, daß ich mich einigemal zu kneifen suchte, um mich zu überzeugen, daß ich nicht schlafe, und daß dies alles nicht ein Traum sei. Wahrlich, das Gefühl, .welches mich übermannt hatte,, war zu heftig. Es war eine herrliche, Helle, warme Nacht, vom . Meere wehte ein leiser Wind, der Mond, welcher eben im Osten emporgetaucht war, beleuchtete die Kette der Jehudäischen Berge, und inmitten des. ganzen Panoramasso nah von einander, die dem Herzen so lieben Eolonien. Bei Wad-el-Chanin setzten wir wieder einige Passagiere ab und machten uns schnell nach Rechowoth auf. Noch weit von dieser Colonie vernahmen wir die Klänge von Liedern; wir fuhren nun auf den Berg hinaus, während das Dorf sich im Thale befindet. Ich war sehr überrascht, als ich in einer so jungen Colonie so viele erleuchtete Fenster, zweistöckige - Häuser, überhaupt-solches Leben erblickte. Wir legten nun unser Gepäck bei einem der Colonisten nieder und näherten uns einem Hause, in welchem Rr. 22. eine große Gesellschaft, Wein trinkend, saß und Lieder sang. Es wären lauter Landsleute, welche die Abreise eines Mannes aus ihrer Stadt feierten, der gekommen war, um Ethrogim zu kaufen. Wir gingen zu dem offenen Fenster, frugen nach dem Grund der Freude und begannen ein lebhaftes' .Gespräch. Als die Colonisten erfahren hatten,, daß wir Neuangekommene seien, stellte man uns zwei Flaschen. Wein auf das Fenster hin und wir tranken auf den Erfolg der Colonisation. Hier befand sich auch ein sehr typischer Beduine mit einem Gewehr, der.beständige Wächter der Ansiedelung und außer ihm ein junger Mann, etwa achtzehn Jahre alt, und zwar einer von den Arbeitern,' ebenfalls mit einem Gewehr. Neben - dem Araber wacht . nämlich der Reihe nach ein Ardeiter und den Lohn dafür muß die Administration an die Kaste „Bikur Cholim" entrichten. Am nächsten Tage ging ich in das Comptoir der Administration, nahm mir ein Arbeiterbüchleiu und begann im Felde zu arbeiten. Dieser Monat ist für mich so schnell verflossen, daß ich ihn kaum gemerkt habe. Treu dem festgesetzten Programme,' arbeite ich die Hälfte des Tages im Felde und benütze die andere zur Erlernung der hebräischen und arabischen Konversation. Ich habe die Absicht, von Colonie zu Colonie wandernd, in dieser Weise' mindestens zwei Jahre ein studentisches. Arbeiterleben zu führen, um mir Kenntuiste aus allen Gebieten,- welche für die Colonisation nothwendig sind, anzueignen, damit ich sie nachher an Ort und Stelle anwende. Wer wirklich den Eolonien praktischen Nutzen bringen will, darf nicht etwa ineine spezielle landwirthschaftliche Lehranstalt eintreten, sondern cs ist bester, wenn er sich mit Büchern versieht und dann jede durchgelesene Seite in praktischer Thäiigkeit durchmustert; er wird auch für jede Erscheinung eine theoretische Erklärung im Buche finden. Indem ich in dieser Weise verfahre, fühle ich, daß meine Kenntnisse und Erfahrungen mit jedem Tage wachsen. Außerdem werde ich innerhalb dieser 2—3 Jahre mich vollkommen mit den Verhältnissen der Eolonien vertraut machen und mich acclimatisiren. Was aber mein studentisches Arbeiterleben "in- Palästina . anbetrifft, so ist es unvergleichlich angenehmer als das rein studentische Leben in Europa. > Erstens lebe ich in einem Lande, in welchem mir jedes Sandkörnchen lieber ist als das ganze Europa; zweitens lebe' ich in einem Lande mit einem herrlichen Klima, mit einer wunderbaren Flora; ich lebe in der freien Natur, ausschließlich mit meinen hebräischen Brüdern, wo es fast keine nichtjüdischen Interessen gibt; für andere mag es vielleicht ein zu enger Rahmen des Lebens sein, für mich' ist er weit genug. Doch vor allem, ich höre oft die Klänge unserer Nationalsprache; um dieses einen Vergnügens^ willen bin ich bereit, auf alle Herrlichkeiten des' europäischen Lebens zu verzichten, wo man gewohnt ist, die hebräische Sprache zu den todten zu zählen. - Überhaupt bin ich so von unserer Heimat und von dem blühenden Zustand der Eolonien, den ich mir auch im Traume nicht so gedacht habe, entzückt, daß ich mir das Wort gegeben habe, niemals eigenwillig das heilige Land zu verlassen. ' Es gibt etwa 200" Arbeiter in unserer ~ Colonie; das Leben ist-sehr lustig. An den Abenden ist gewöhnlich überall Gesang, Musik und Tanz. Kürzlich war die Hochzeit eines ' Arbeiters; da spielte ein eigenes Orchester, - nämlich zwei Geigen, eine Flöte, ein Clariuette und eine Trommel, und die ganze Nacht wurde getanzt. Uebrigens darf man sich nicht denken, daß unsere Arbeiter keine Sorgen haben; dieselben führen mehr eine dem Geistigen zugewandte Existenz. . Überhaupt wird die Colonisation Palästinas nur durch wirkliche Palästinenser bewerkstelligt werden, d. h. durch Leute, welche in allen Einzeln-