Selbst-Emancipation
- Journal
- Selbst-Emancipation
- Volume
- 1891
- Issue
- Heft 21 (2.11.1891)
- Date
- 1891-11-02
- Page
- Seite 7 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 21. Sell> st - E in a 11 c i v» a t i o n. Chronik. (?>ie Berliner Jelegirtenconfereuz). Am 20. Occober begannen in Berlin die Verhandlungen der vom geschästsführenden Ausschüsse des deutschen Central- Comitvs sür die russischen Juden einberufenen, sehr zahlreich besuchten Vertrauensmänner-Versommlung aus Deutschland und dem Aus lande ihre Berathungen. Vertreten sind Nordamerika, Frankreich, Dänemark, Holland, Oesterreich-Ungarn, ferner alle größeren Städte Deutschlands. Die Versammlung wählte zu Präsidenten: Justizrath Meyer (Berlin), Dr. Goldmann (Newyork), Loeb (Paris), Dr. Stern (Wien), Simonsen (Kopenhagen), zum stellvertretenden Präsidenten Commercienrath Goldberger (Berlin), zu Schriftführern Carl Emil Franzos (Berlin), Rechtsanwalt Breslauer (Berlin), Dr. Goldzieher (Budapest), Dr. Bamberger (Königsberg). Eine Eröffnungsrede des Vorsitzenden leitete die Verhandlungen ein. — Dieselben ergaben in allen wesentlichen Punkten volle Uebereinstimmung in den Anschauungen über die Rothwendigkeit und die Mittel der Hilfsaction. Die Versammlung beschloß die Veröffentlichung eines von Carl Emil Franzos (Berlin) entworfenen Aufrufes zu Geldbeiträgen, da die Bedürfnisse steigen. Die von Commercienrath Goldberger und Rechtsanwalt Breslauer erstatteten Berichte ergeben, daß eine Blenderung in der Haltung der russischen Regierung nicht zu erwarten und die Fortsetzung der bisherigen Hilfsaction für die bedürftigen Opfer der Administrativ- Maßregeln nothwendig sei. Freiwillige, nicht bedürftige Emigranten werden nicht unterstützt. Das Somit« in Deutschland mußte zuletzt etwa 3000 Köpfe wöchentlich befördern. Carl Emil Franzos erstattete einen sehr eingehenden Bericht über den Stand der Eolonisations- Frage. — Davon sprechen wir an anderer Stelle des Blattes. (Heinrich Grätz.) Unter diesem Titel schrieb Herr Dr. Moritz Güdemann, Rabbiner und Prediger der Wiener israelitischen Cultusgemeinde, ein Feuilleton für die „Neue Freie Presse". Herr Dr. Güdem a n n hat sich der schwierigen Aufgabe — die Schwierigkeit liegt in dem Treffen des für die „N. Fr. Pr." geeigneten Tones — ohne Fehl und Tadel entledigt. Weniger konnte wahrlich nicht über die wahre Bedeutung Gr ätz', des Vaters der jüdischen Volksgeschichte, geschrieben und mehr nicht gethan werden, um Grätz zu einem — man könnte fast sagen — deutschliberalen Professor der Geschichte seiner jüdischen „Glaubens genossen" herabzustempeln, als dies in dem besagten Feuilleton geschehen ist. Nur in der Gegenüberstellung der „Wärme" des Grätz'schen Geschichtswerkes zu der „fast bis zur Preisgebung des eigenen. Bekenntnisses gesteigerten Objectivität" J o st's ist ein leiser Ansatz zu gerechter Würdigung Grätz' gelegen. Was vor und nach dieser Parallele steht, ist geringwertig und nichtssagend, und es thut einem das Herz weh, einen Denker wie Güdemann vor den Opportunitätibedürfnissen eines Weltblattes auf wissenschaftliche Wahrheit gegen sich und Andere verzichten zu sehen. Oder ist es anders zu nennen, wenn Güdemann gleich im ersten Satze seines Feuilletons von Grätz' „Geschichte der Juden" als von „einem unvergänglichen Denkmale deutschen Forscherfleißes" spricht? Wenn schon Güdemann ein so entschiedener Anhänger der Assimilation ist, als diese Stelle ihn kennzeichnet, (obwohl wir schwer glauben können, daß ihm bei einigem Nachdenken die Lächerlichkeit obigen Ausspruches nicht bewußt würde), — so sollte er doch wenigstens in der Zeit des Antisemitismus, welcher so gerne dem Juden uneigennützige Forscherlust und Forscherfleiß abspricht, diese Eigenschaften, so sie bei einem Juden sich finden, als jüdisch vindiciren. Wir sind übrigens überzeugt, daß er eS ja gerne thäte, und wäre der Feuilleton iu einem speciell jüdischen Blatte erschienen, keinen Augenblick gesäumt hätte, es zu thun, — doch was macht man nicht einer „N. Fr. Pr." und im besten Falle einer tausendfältig getäuschten Hoffnung zu Liebe, durch solche Preisgebungen des eigenen Volksthums die Gunst der arischen Welt zurückzuerobern? Für solchen Preis kann man schon Grätz einen „deutschen Forscher" nennen, denselben Grätz, der das deutsche Volk mit sehr scharfen, ja mit zu scharfen Ausdrücken in seinem Werke charakterisirt hat und der in seinem ganzen Thun und Laffen das gerade Gegentheil eines Deutschen gewesen ist. — Dr. G ü d em a n n gibt sich wohl Mühe, die ominösen Aeußerungen Grätz' über das deutsche Volk abzuschwächen, aber gelungen ist ihm dies wahrlich nicht. Der diesbezügliche Theil des Feuilletons ist der allerschwächste. — Herr Dr. Güdemann hält auch am 31. Oktober d. I. bei einem Vereinsabend der „Oesterreichisch-Jsraelitischen Union" einen Vortrag über „H. Grätz und seine Geschichte der Juden", der mit Rücksicht auf das Auditorium wahrscheinlich — diese Notiz ist nämlich vor dem 31. October geschrieben — doch ein wenig anders ausfallen wird, als das Feuilleton über dasselbe Thema. («rofelkor Wilhelm Dächer) am Rabbinerseminar in Budapest, Schüler des sel. Professor Dr. Grätz, hat es unternommen, die kritische Bibelausgabe, von welcher der Verstorbene nur einige Bogen corrigiren konnte, zu ediren. Der erste Theil, den Text der letzten Propheten enthaltend, wird binnen Kurzem erscheinen. (Naböinerseminar in ZSien.) Der Fonds zur Errichtung eines Rabbinerseminars in Wien beläuft sich gegenwärtig auf 300.000 Gulden. Baron Alfons von Rothschild hat letzthin 100.000 Gulden gespendet. (tzuklusgemeinde-Sprengek in Galizien.) Der Minister für Cultus und Unterricht, Dr. Freiherr v. Gautsch, hat in Ausführung der §§ 3 und 4 des Gesetzes vom 21. März 1890, betreffend die Regelung der äußeren Rechtsverhältniffe der israelitischen Religions-Gesellschaft. mittelst Verordnung vom 2. April d. I. die Cultusgemeinde-Sprengel in Galizien festgesetzt und abgegrenzt. Nach dieser Verordnung haben in Galizien 252 israelitische Cultusgemeinde» zu bestehen. Die Eintheilung und Abgrenzung dieser Cultusgemeinde- Sprengel, die in einem der Verordnung beigeschlossenen Verzeichnisse enthalten sind, haben mit 1. Jänner 1892 in Wirksamkeit zu treten. Von diesem Zeitpunkte «»gefangen sind diese 252 Cultusgemeinden als im Sinne des Gesetzes vom 21. März 1890 constituirt anzusehe». Bis dahin bleibt der Bestand der bisherigen Cultusverbände aufrecht. (Herr ZI- M- Arainin), der rühmlichst bekannte Mitarbeiter des hebräischen Tagblattes „llamolitr" und Vorkämpfer der jüdisch-nationalen Idee, ist aus seinem bisherigen Domicile in Moskau zu dauerndem 'Aufenthalt nach Wien übersiedelt. Indem wir ihn, den wackeren Mitstreiter, namens der österreichischen Gesinnungsgenossen herzlichst begrüßen, drücken wir die Hoffnung aus, daß sein Wirken hier ebenso segcnbringend sein werde, als in seinem Heimatlande. Andererseits erwarten wir aber auch, daß die Vereine „8noz Zion" in Witesbk und „Chovavc 8latst ewer" in Moskau, deren Gründer er ist, in seinem Geiste zu wirken fortfahren werden, indem sie auch weiterhin die reine nationale Idee und den Gedanken der Wiederbelebung der hebräischen Sprache, den er besonders angelegentlich zu verwirklichen sucht, auf ihr; Fahne schreiben werden. (Aus der Cürkei) wird gemeldet, daß die Pforte ein Verbot der Einwanderung von Juden und zwar nicht blos der russischen, aus, wie der Großvezier erklärte, rein hygienischen Gründen erließ. Das Verbot beziehe sich nur auf Einwanderung in Massen und sei durch die sanitären Uebelstände hervorgerufen worden, welche dieselbe, »ameiirlich in Konstantinopel zur Folge gehabt habe. — Eine noch seltsamere, aber wenig glaubwürdige Nachricht bringt die „Schlesische Zeitung" aus Palästina. Darnach stünde die Ausweisung aller seit 1885 in Palästina eingewanderten Juden, auch derer, welche türkische Unterthanen geworden seien, bevor. Wir meinen, daß die württembergische Templercolonie, aus welcher die Nachricht stammt, mit derselben nur ihre geheimen Wünsche verrathen hat. — Eines ist aber klar: der neue Cours, den wir im Leitartikel dieser Nummer anempfehlen, wird immer nothwendiger. (Zk. Aabinowitsch), der berüchtigte Gründer der Judenchristengemeinde in Kschinew, befindet sich einer dem „Hamagid" aus Ungarn zugekommenen Correfpondenz zufolge gegenwärtig in Budapest, wo er aber wenig Erfolge aufzuweisen hat. Wir wären nur neugierig, ob er auch in dieser Metropole der Assimilation sein christliches Glaubensbekenntniß mit nationaljüdischen Ornamenten versieht, wie er dies in Rußland gewohnt ist? Wir glauben nicht, denn das jüdische Volk ist das allerletzte, was dem Manne am Herzen liegt. (Herr Lagneau), ein bekannter französischer Gelehrter. wieS in einem Bortrage auf die Immunität des jüdischen Stammes gegen epidemische Krankheiten hin, welche Regel nur da eine Ausnahme findet, wo die Juden in Ghettos und übervölkerten Quartieren zusaininengedrängt sind. Als Hauptursache dieser Jmmu- ’ nität gab er Mäßigkeit an. Andererseits wies der Vortragende auf die große nervöse Erregbarkeit der Juden hin, welche die Quelle ernstlicher Krankheiten ist. Welchen Grund mag diese Erscheinung haben? Wir glauben ihn in der Lebensuud Leidensweise der Juden zu sehen. Das Golus kann den Menschen, die es peinigt, keine Nerven von Stahl lassen. (Aus London). In der Sitzung des russischjüdischen Comitös. welche anfangs October abgehalten wurde, zeigt der Schatzmeister an. daß der .Mansion House Fond" von, Jahre 1883 fast erschöpft sei; es wurde deshalb beschlossen, sofort einen neuen Ausruf zu erlassen. An der Subscription haben sich die Herren N. M. Rothschild und Söhne mit 10.000 Psund Sterling (etwa fl. 120.00»), Julian G o lösch m i d t mit 3000 Pf. St., N. R a p h a e l und Söhne mit 4000 Pf. St. und S. Montag ue und C o m p mit 2000 Pf. St. betheiligt. Bis 21. October waren 55,487 Pf. St. (weit über fl. 600.000) an Speitde» eingelaufen. (Merkwürdig oder nicht?) Ein Correspondent der „Allg. Ztg. v. Jdth." erzählt, daß ein jüdischer Banquier in Frankfurt a. M. einen jüdischen Angestellten, der am kosest stasestanad trotz des von beiden chriftj lichen Procuristen des Hauses unter einer „sür daS! Judenthnm beleidigenden und unfeinen Bemerkung" eri haltenen Verbotes vom Geschäfte weggeblieben war, j entlassen habe. Derselbe Correfpodent 'findet es nun sür „merkwürdig", daß der Name des betreffenden! Banquiers unter dem Frankfurter Aufruf des „Vereins j zur Abwehr res Antisemitismus" figurirt. Wir finden l es nicht für merkwürdig. Mag es in unserer nur auf j Phrase und Flitter bedachten Zeit noch genug Exem-; plar« solcher „Abwehrenden" geben! (-»arnelk), der verstorbene Führer der Iren, war »ach einer von seiner Mutter einem Zeitungscorrespo,identen gegenüber gemachten Angabe, spanischjüdischer Abstammung. P a r n e l l trug auch stets seine Sympathien für die Jude» offen zur Schau. Im Jahre 1888 unterdrückte er in der Stadt Cork durch seinen Einfluß den Ausbruch einer antisemitifchcn Be wegung. _ Cingesendel. (Für Form und Inhalt dieser Rubrik ist die Redaction nicht verantwortlich.) Geehrter Herr Redacteur! Wenn auch das 8uiclcotst-Fest schon vorüberge rauscht ist, so dürste eS doch kein Anachronismus sein, nachträglich über den Festesstrauß einige Worte zu sprechen, die geeignet wären, auch für die Zukunft vom Nutzen zu sein. Ich ineine selbstverständlich nicht jenen „Strauß", den Herr Dr. Bloch mit so „schneidiger" Gewandtheit mit Ehren-„Schneider" unter allgemeinem Beisalle aller Wohlanständigen in, österreichischen Parlamente so ruhmvoll ausgesochten hat, ich meine vielmehr pur« et slmplo den veritablen Festesstrauß, den jeder religiöse Israelit am Sulclcotst-Feste segnend zu schwingen verpflichtet ist. Wenn schon von jeher nach der sinnigen Deutung unserer Weisen das Schwingen des Festesstraußes einen Sieg der jüdischen Idee andeutet, und zwar einen, unblutigen Sieg der aus Jsrael's Quelle rein und unverfälscht entströmenden Gottesidee, einen Sieg, dessen friedlicher Charakter in dem den Festesstrauß domini, renden Palmenzweige den unverkennbarsten Ausdruck findet — so war an den jüngst verflossenen Festtagen dieser Festrsstrauß auch ein Sieg der national-jüdischen Idee, sür deren weitere Verbreitung ilnd Vertiefung hoffentlich mit diesem Feste eine neue, hoffnungsvolle, vielversprechende Aera beginnen dürfte. Daß sich nämlich eine große Anzahl unserer Glaubensgenossen dazu verstanden hat. nur solche Ethrogim znr Benediltion zu benutzen, die auf dem heiligen Boden Palästinas