Selbst-Emancipation
- Journal
- Selbst-Emancipation
- Volume
- 1891
- Issue
- Heft 21 (2.11.1891)
- Date
- 1891-11-02
- Page
- Seite 6 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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(Seite i>. Se l b st - Em auc i p at i o n. Nr. 21. mitgenommcu. Jetzt scheint aber auch das russische Volk seine Passivität in der Judenfrage wieder ausgeben zu wollen; es läßt wieder seine Stimme und seine Fäuste in neuen Judenhetzen hören resp. fühlen. Schon im Sommer, vor einigen Monaten, gab es in Rußland mehrere kleinere Judenkrawalle. Größeren Maßstabes ist der am letzten Versöhnungstage in S t a r o d u b (Gouv. Tschernigow) vorgekommene Krawall. Die Geringfügigkeit des Anlasses zu demselben zeigt, wie unsicher die Lage der Juden in Rußland ist. Die Juden in Starodub öffneten am Erew Jom kippur, einem Sonntage, ihre Geschäfte, wozu sie unter Hinweis darauf, daß am vorhergehenden Sonnabend und am darauffolgenden Versöhnungstage die Geschäfte geschloffen sind, die behördliche Erlaubniß erhalten hatten. Dies erregte die Russen so sehr, daß sie am Montage (Jom kippur) in die jüdischen Läden einbrachen, dieselben ausplunderten oder die vorräthigen Maaren vernichteten. Damit begnügte sich aber der aufgebrachte Pöbel nicht, sondern steckte auch viele jüdische Häuser und Läden in Brand und machte auch den Versuch, eine Synagoge sammt den Besuchern zu verbrennen. Letz-' tere konnten sich noch retten, das Gotteshaus selbst ging in Flammen auf. Die Polizei wandte alle Mittel an, das Volk zu beruhigen, aber vergeblich. Der Polizeivoi sicher (Isprawnik) wurde sogar vom Pöbel geprügelt. Erft als aus Kiew mit'dem Schnellzuge Soldaten in Starodüb anlangten, wurde die Ruhe hergestellt. Jetzt finden daselbft viele Verhaftungen statt. Ganz genau sind die Begebenheiten des schrecklichen Tages noch nicht bekannt. Die Zeitungen schweigen davon. In allen benachbarten Städten herrscht große Aufregung und Panik. Die ersten Gerüchte waren sehr erschreckend. Man erzählte, daß die Synagoge von den Ruffen umzingelt und von allen Seiten in Brand gesteckt worden wäre und so alle darin Versammelten verbrannt wären, daß der Polizeivorsteher ermordet worden wäre u. s. w. Zum Glück erwiesen sich diese Gerüchte als höchst übertrieben. Den letzten Nachrichten zufolge fanden keine Todesfälle statt, die Juden verloren n u r (!) ihr Hab und Gut. Leiber ist zu befürchten, daß der Krawall in Starodub nicht vereinzelt bleiben wird. Die Lust, Juden zu prügeln, ist bei den Ruffen ziemlich groß und es werden sich wohl viele Nachahmer der Staroduber Helden in anderen Städten finden. Auch in unserer Stadt sieht man jetzt oft Ansammlungen von Bauern, welche mit Freude von dem zu Starodub Geschehenen sprechen. Der Eine meint, daß es sehr gut wäre, wenn die Juden in unserer Stadt so gehaul würden, wie die in Starodub. Ein Anderer glaubt, man solle die Juden von Nomny nach Starodub schicken, damit sie nach Verdienst von den dortigen Russen behandelt werden u. s. w. Solche freundliche Gefühle gegen uns herrschen allerorten in Rußland. J. L—r—. tzkisaöethgrad *), 22. October 1891. Vor 30 Jahren unterdrückte man die Griechen in Syrien, und die russischen Juden waren die Ersten, welche für die Griechen Gelder sammelten. Den Dank statteten die Griechen auf Korfu *) Aus dem Russische» übersetzt. ab. Heuer wurde Erew Jom Kippur in der Odessaer Synagoge zu Gunsten der Hungernden im Saratoiver und anderen Gouvernements 1500 Rubel gesammelt. Dafür dankten die Bürger von Starodub. Die Staroduber Unruhen waren eine Copie der vor zehn ."liren hier stattgefundenen. Dasselbe Zerstören von Häusern, dieselbe Plünderung der Gen> llbe, dasselbe Zerreißen der Thora-Rollen, bieieujeii Mordthaten, dieselben Schändungen. Die Unruhen dauerten mehr als vierundzwanzig Stunden. Abends kamen die Bauern aus der Umgebung mit Mägen, um die Beute nach Hause zu schaffen. Man hätte glauben sollen, daß nach dem vor einigen Monaten erlassenen Ukas, welcher den Aufstand eines Theiles der Bevölkerung gegen den zweiten mit Verschickung in die entferntesten Gegenden Sibiriens bedroht, alles ruhig sein werde. Aber nichts weniger als das. Gleich nach dem Erlasse begannen Unruhen in Elisabethgrad, die aber schnell unterdrückt wurden. Jetzt haben sie sich desto stärker in Starodub erneut. In nächster Zeit kommt im Reichs rathe die Judenfrage aus die Tagesordnung. Als Berathungs-Material dienen: 1. Der Vorschlag der Commission unter Leitung des Grafen Pah len, welche von 1883 bis 1888 gearbeitet hat; 2. Der Vorschlag der Commission unter Leitung des Grafen Plehwe; 3. Die Vorschläge aller russischen Gouverneure im Sinne der Beschränkung der Rechte der Juden; 4. Uebersetzungen der ausländischen Gesetzgebung, insofern sie gegen die Juden gerichtet ist, (Besseres war in diesen Gesetzgebungen wohl nicht zu finden); und 5. Wünsche mancher Judengemeinden. Dieses ganze Material läßt die Juden nur Ungünstiges ahnen. Die Stimmung der russischen Juden wird durch folgenden Umstand noch gedrückter: Sie sind gewohnt in ihren ausländischen Brüdern ihre Vertheidiger zu sehen. Nun hat in Berlin eine Conserenz jüdischer Notabel» aus ganz Europa stattgefunden, »nt über die A u s w a nd e rung der Juden zu berathen. Die russischen Juden sehen also, daß man auswandern muß, was sie gewiß nicht angenehm berührt. In den russischen Zeitungen sind neue Projekte betreffs Colonisirung von Juden in Egypten erwähnt. Die bezüglichen Gerüchte sind sehr unbestimmt. Ich will in Hinsicht darauf nur Eines bemerken und wünsche, daß es als Warnung diene. Schon als ich in Alexandrien war, beschäftigte .sich ein allen durch Alexandrien nach Palästina reisenden Emigranten wohlbekannter Schwindler, F., in Alexandrien mit diesem Projeeie. Dieser Manu befaßt sich mit allem Möglichen, am meistem aber mit der Ausbeutung der Emigranten. Also Vorsicht! Zwi. Koumo, 14. Oktober. 1891.. Die „Birsewija 'Wjedomosti“ („Börsen Zeitung") vom 30. September d. I., Nr. 270 bringt folgende Nachricht: „Demnächst steht dem Neichsrathe die Durchsicht eines umfangreiche» Projektes über die jüdische Frage bevor, welches von einer Conimiffion unter dem Vorsitze des Gehilfen des Ministers des Innern, Geheimraths W. K. von P l e h v e, ausgearbcitet worden ist. Wie bekannt, war diese Commission berufen, eine Arbeit zu vollbringen, welche von vorhergehenden Commissionen begonnen war. Eine derselben war im Jahre 1883 unter dem Präsidium des damaligen Ministers des Innern, Gebeiinrath Ma kow, gegründet worden. Nach deffcn Ableben wurde der Vorsitz in der „hohen Commisiion zur Durchsicht der für die Juden im Reiche geltenden Gesetze" auf den früheren Iusurminlstcr Graf Pah len Allerhöchst übertragen. Genannte EomNliffion hörte die Meinungen sämmtlichcr Gouverneure über die jüdische Frage und saimneltc die Ansichten der jüdischen^ .Hauptgemeinden über Maßregeln zur Lösung dieser Frage. Die größere Mehrzahl der Gouverneure äußerte sich dann zu Gunsten einschränkender Maßregeln, dagegen formulirten die jüdischen Gemeinden ihre Wünsche folgendermaßen: Zuerst wünschen sie eine Erweiterung der Rechte, ihre Kinder bilden zu können; dabei wurde von ihnen in Vorschlag gebracht, falls das Procentverhältniß der lernenden Juden in den allgemeinen Schulen nicht aufgehoben werden kann, Specialschulen für Juden in'den ihnen zum Wohnen angewiesenen Gouvernements zu errichten. Ferner wurde von den jüdischen Gemeinden auf den Umstand hingewiesen, daß es, da gegenwärtig ein Strafgesetzbuch ausgearbeitet wird, unzeitig wäre, eine Vefügung zu erlassen, wonach es den Juden absolut verboten wird, Geschäfte mit geistigen Getränken zu betreiben. Ein derartiges Verbot sei umsomehr überflüssig, als das Gesetz vom 25. Mai 1885 die Hauptvergehen gegen das Getränkegesetz vorgesehen hat. Weiter wünschten die jüdischen Gemeinden vollständige Aufhebung des Gesetzes vom 2. Mai 1882 und Einräumung des Rechtes, Grund und Boden pachten zu dürfen mit Ausnahme von Ländereien, die den Bauern gehören. Nachdem die Commiffion des Grafen P a h l e n die beiderseitigen Meinungen gehört hatte, trat sic an die ihr gestellte Ausgabe heran, arbeitete viele Projekte aus unter Hinzuziehung von Parallelacten der ausländischen Gesetzgebung für Juden und mit umfangreichen Erläuterungen, welche zusammen 10 größere Folianten ergaben, die ausschließlich an die höchsten Repräsentanten der Reichsgewalt vertheilt wurden. Die Endbeschlüsse der Commission Pah len blieben und bleiben noch immer ein strenges Geheimniß. Jin Mai 1888 ist diese Commiffion aufgelöst und sind ihre Arbeiten eingestellt worden. Gleich darauf wurde eine neue Commission unter dem Vorsitze des Gehilfen des Ministers des Inner», des Geheiinrathes W. K. von P l c h v e einberufen. Zur Mitbcrathung wurden zugezogen: die Gcncralgouvcrneure, einige Gouverneure und Vicegouverneure. Letztere Commission hat ein allgemeines Gcsctzprvject für Juden ausgearbcitet, dessen Grundbestimmungen gegenwärtig dem Neichsrathe zur Bestätigung vorliegen, während die einzelnen Verordnungen bereits in der vorjährigen Session des Neichsrathes bestätigt' und in der Praxis gleich den übrigen diese Frage betreffenden Gesetzen angewendet werden." Aus Vorstehendem geht leider deutlich hervor, daß neue Einschrälikliilgen in kurzer Zeit zu erwarten sind. — Die Hauptverwaltung der russischen Eisenbahnen erließ vor einigen Tagen die Verordnung, wonach die Inden in den Eisenbahnwartesälen Buffets nicht in Pacht nehmen dürfen, resp. bereits gepachtete wieder sofort ausgeben müssen. Bekanntlich sind viele Buffets dritter Claffe, wie in Kowuo, Wilna, Dünaburg und auf vielen andercn Stationen, von Juden gepachtet; dieser- Broderwerb ist ihnen nun durch obigen Erlaß genommen. LI. 8. Kreme ntschng*) (Polt. Gouv.), 17. Oktober 1891. In der letzten Nummer der „Selbst- Emancipation" las ich von der Eröffnung einer jüdischen Bibliothek in Boston. Ich theile Ihnen nun mit, daß auch hier vor vier Monaten Dank den Bemühungen mehrerer Jüdischnationaler eine derartige Bibliothek sammt Lesezimmer mit Erlaubuiß der Behörde eröffnet wurde. Die Bibliothek befindet sich vorläufig noch in ivenig beneidenswerther Lage und erfreut sich nur geringer Unterstützungen. Die Gründer aber geben als wahre Freunde ihres Volkes und seiner Sprache die Hoffnung auf Besserung nicht auf. In Starodub (Tschernigower Gouv.) haben laut hier eingelangter Privat-Telegramme am Jom kippur blutige Unruhen der russischen Bevölkerung gegen die jüdische stattgesnnden. L. N. W. *) Aus dem Russischen übersetzt.