Selbst-Emancipation
- Journal
- Selbst-Emancipation
- Volume
- 1891
- Issue
- Heft 21 (2.11.1891)
- Date
- 1891-11-02
- Page
- Seite 5 (sequence 5)
- Language
- German
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Nr. 21. e l b stEIII aII c i p a r! o n. Unverständlich bleiben ganz und gar die Worte „nach gewissenhaftester Prüfung"; darunter sollte man sich eigentlich etwa denken, daß eine Commission zur Erforschung Palästinas und zur Besichtigung der Colonien gesandt worden ist, was aber durchaus nicht der Fall ist. Es wäre .nur zu wünschen, daß der Beschluß der Palästinenser in Paris, eine größere Commission, aus Fachleuten und Zionisten bestehend, nach dem heiligen Lande zu entsenden, bald zur Wirklichkeit werden soll, damit die zionistische Partei die Möglichkeit habe, mit genauen 'Angaben und zissermäßigen Belegen hervorzutreten. Sonst kann sie Aeußcrungcn, wie die obige, nur auf Grund einzelner Behauptungen und früherer Beschreibungeil widerlegen, nicht durch protokollarische Aufzeichnungen. Wahrlich, noch nie ist eine so kunstgerechte Zerstreuung der Juden, wie iu der letzten Zeit, vorgenommen worden, noch nie ist mit solcher Conseqnen; und Energie seitens der Assimilation, seitens der wirklichen Antisemiten, gehandelt worden. Wandervolk, heißt es, schnüre deine Bündel, wir werden dich schon einguartiren, daß man dich nicht merkt, verleugne dann deine Abstammung, bettle um fremde Gewohnheiten, um frank Lehren, bis mau dich vergißt! Zwar wird sich auch diesmal die Theorie der Bekenner der Amalgamirung als falsch und trügerisch Herausstellen, wie noch bis jetzt stets die Assimilatoren, sei es in Alexandria, sei es in Spanien, sei es in Deutschland, schließlich von ihren Jd-althürmen herabgestürzt wurden; es steht indeß fest, daß durch den Berliner Beschluß die Zionsbewegung gehemmt wird, da deren Fortschreiten absolute Einigkeil bedingt. Den Zionisten in Rußland möge es aber gesagt sein, daß sie nicht zum wenigsten selber daran Schuld sind, da sie eine unverzeihliche Gleichgiltigkeit gegenüber den Plänen des hiesigen Centralkomitees an den Tag gelegt haben, obzwar sie es doch wissen sollten, daß es sich in diesem Falle nicht nur um die Millionen handelt, welche dem Komitee zur Verfügung stehen, sondern um den Einfluß, welchen es aus den größten Theil der reichen und intelligenten deutschen und österreichischen Juden ausübt, da es die Fäden der ganzen deutschen Judenheit in den Händen hat. Warum sind keine Deputationen ans verschiedenen Städten hierher gesandt worden, warum sind keine Petitionen gerichtet worden, damit der innere Wille der russischjüdischen Volksmasse kund gegeben werden sollte? Niemals hätte es das hiesige Komitee gewagt, gegen die sehnlichsten Wünsche einer zahlreichen Volksgemeinschaft zu handeln, in despotischer Weise das Elend derselben zu benutzen, um die siiehenden russischen Juden an ein fremdes, verhaßtes Land durch Ackerbau zu ketten. Vergebens hatte manche Stimme von hier aus nach dem Osten herübergetönt, die Zionisten gemahnt, ihre Thätigkeit auf kurze Zeit nach einer anderen Seite hinzulenken, sie verhallte ungehört, indeß hier gegen die Geschichte unseres Volksthums gesündigt ward. Gäbe es jetzt einen Propheten, so hätte er Stoff genug für seine belehrenden Ergüsse, um auf der einen Seite die deutschen Inden ob ihrer geradezu ungeheuerlichen Furcht vor den Argusblicken des Antisemitismus zu geißeln, andererseits den russischen Zionsfreunden den Mangel an Thatkraft und opferbereiter Organisation vorzuhalten. Berlin, 28. October 1891.Z L. M. Original-Correspondenzen. Oesterreich-Ungarn. Wien, 30. October 1891. Das jüdische Interesse concentrirt sich, hierzulande bekanntlich auf die das Judenthum angehenden Vorgänge im Reichsrathe. Und da gab es in dm letzten zwei Wochen gar viel des Pikanten. Allen voran wäre die Verurtheilung des Abgeordneten Schneider zu erwähnen, welche dessen Stimmzettel-„Corrigirung" fast auf allen Seiten des Hanfes fand. Nur die Jnngczechen stimmten in ihrer brennenden Liebe zu Schneider nicht in das allgemeine Verdammungsurtheil ein, wiewohl es sich ja hier nur um eine Frage des Anstandes und der Ehrlichkeit handelte, die mit der judenfeindlichen Gesinnung nichts zu thun hat; gehören ja so viele derer, welche gegen Schneider austreten, nicht zu den besonderen Freunden Israels. Die Jungczechen nähern sich aber schon bedenklich jenem Punkte, wo der Judenhaß aufhört und der Antisemitismus beginnt. Das haben sie auch während der Budgetdebatte gezeigt, wo Dr. Vafchaty und Graf Kaunitz antisemitische Redewendungen nicht scheuten. Dabei gilt es zu bedenken, daß die Jungczechen fast die ganze czechische Nation vertreten, deren antisemitische Gesinnung dadurch gekennzeichnet ist; namentlich geht es in Pilsen, das sich zum Centrum des böhmischen Antisemitismus auszuwackisen scheint, recht hoch her. — Ein anderes parlamentarisches Ereignis, welches viel Aufregung verursachte, war die am 20. d. M. stattgehabte Debatte über die Errichtung von Aerztekammern. Abgeordneter Schneider benützte auch dieses Thema, um über die Juden herzufallen, indem er die jüdischen Aerzte auf die gemeinste und lächerlichste Weise verdächtigte. Er fand in Abgegeordneten Dr. Bloch einen Gegner, der ihm ordentlich heimleuchtete. Wenn der Antisemiiismus resp., was hinter dieser Vignette steckt, nämlich der uralte, unsterbliche Judenhaß besiegbar wäre, wenn die antisemitischen Gelüste eines Volkes durch rednerische Leistungen gezügelt werden könnten, wenn der Judenhaß überhaupt aus Logik reflectiren würde, daun könnte man sagen, daß Dr. Bloch und mit ihm das Judenrhum einen großen Sieg errungen haben. In den letzten Tagen fanden neue Wahlen für den Bezirksausschuß des zehnten Gemeindebezirkes, Favoriten statt. Dieselben endeten nach hartem Kampfe mit einem Sieg der Liberalen, welche im Bezirksausschüsse die Zweidrittelmajorität besitzen werden. Wenn die „Wiener Sonn- und Montagszeitung" dieses Ereignis mit Jubel begrüßt und schon das Ende des Antisemitismus voraussieht, so entspricht das ganz dem Geiste des Blattes und der österreichischen Presse überhaupt — einem Geiste, der fast nicht über den Tag des Erscheinens hinaussieht. Es ist schon oft genug von nationaljüdischer Seite über dieses Thema gesprochen worden, leider mit wenig Erfolg. Diese Wahlsreuden würden ja an sich, wie jede Albernheit, nicht schaden; wenn nur nicht aus ihnen die Vernachlässigung der wahren Volksinteressen hervorgehen würden. Wien, 18. October 1891. Der akademische Verein „Kadimah" hat folgenden Aufruf am schwarzen Brette der Universität angeschlagen: Commilitonen! Stammesgcnoffcn! Der akademische Verein „Kadimah" tritt in das XVIII. Semester seines Bestandes. Unbeirrt verfolgt er das Ziel, durch Pflege der jüdischen Geschichte und Literatur, durch Abhaltung von Vortrags- und DiScusiionsabendcn, durch 'Anschaffung einer entsprechenden j Bibliothek und zahlreicher einschlägiger Zeitschriften, das Gefühl der nationalen Znsaininengehörigkeit und! brüderlichen Liebe unter der jüdischen Studentenschast i Wiens zn wecken und zu pflegen.! Wir laden daher Euch, jüdische Brüder und Eomiiiilitonen. ein, unserem Vereine, wo Euch warme Bruderherzen entgegcnschlagen, beizutreten und mit uns gemeinsam die edle Sache des Vereines zu fördern. mod. Drd. Ign. Sommer stad. med. Gust. Götzl dz. Präses. dz. Schriftführer. In seiner Plenarversammlung vom 17. October v. I. hat der Verein beschlossen, den Erben! des Herrn Med. Dr. Richter s. A. für die dem! Vereine gespendete medicinische Bibliothek, die eine große Zahl von werthvollen Werken und Zeitschriften enthält, den besonderen Dank des Plenums ausznsprechen. Hälsen, 26. October 1891. Vorgestern Abends fand hier eine czechisch-antisemitische Versammlung statt, welche sehr gut besucht war. Kaufleure, Handwerker und Arbeiter hatten sich zumeist eingefunden, um den eigens aus Prag berufenen Redner, einen antisemitischen Redacleur, anzuhöreii. Derselbe nannte unter anderem den Antisemitismus das Band, welches Alt- und Jungczechen vereine und sie zu erfolgreicher Thätigkeit gegen Deutsche ^nnd Juden verbinden solle. Der Schluß dieses Ansspruches ist zwar nicht ganz logisch, denn der Antisemitismus ist der gemeinsame Punkt, aus welchem sich sogar Deutsche und Czechen und überhaupt die einander gehässigsten Stämme begegnen, aber Logik hat nie zu den starken Seiten eines Christlich-Sozialen, wie der erwähnte Redacteur einer ist, gehört. Die Versammlung beschloß auch die Gründung eines czechisch - antisemitischen Vereines. Jetzt werden unsere böhmischen Juden wohl bald den „Unglimpf" verstehen lernen, daß sie „eine dritte Nationalität im Lande" seien und das wird in mancher Hinsicht recht heilsam fein. Akoczow, 27. October 1891. Wer den Unterschied zwischen jüdisch-nationalem Leben, Denken, Fühlen und Streben und dem idcallosen Nachäffungsdasein der Assimilation gut einsehen will, der besuche die Stätten, wo sich das geistige Leben drr Anhänger dieser Richtungen eoncentrirt: die Vereine und die sogenannten Casinos. .Hier, bei der größten Werthschätzung des Eigenen, openes Herz und Auge und gebührende 'Anerkennung für alles Gute und Edle, komme es. woher es wolle, dort bei, oder beffer, durch die höchste Geringschätzung alles Jüdischen, nur ein Streben nach Aneignung arischer Culturauswüchse. „Zur Verbreitung von Aufklärung und Fort schritt" wurde hier vor einigen Jahren ein Verein unter dem Namen „Postep“ (Fortschritt) ins Leben gerufen. Als probates Mittel zur Verbreitung von Aufklärung wurden einige „juden-liberale" Wiener und einige polnische, antisemitische Tagesblätter angewendet. In diese von Licht und Aufklärung umgebene Stätte verlor sich kein Wiederhall der herzerhebenden, großartigen jüdischen Bewegung und dem Programme getreu, wurde hier nur dem Fortschritte am „grünen Tische" gehuldigt. Der Erfolg dieser Aujklärungsmethode blieb nicht aus. Als der berühmte hebräische Schriftsteller Herr Braudes bei seiner Durchreise aus Anregung unseres Gesinnungsgenossen, Herrn I. Eidelberg, in diesem Vereine dem Prof. G r ä tz eine» Nachruf widmen wollte, erschienen auf die Einladung hin nur einige wenige Personen, die meist Nichtmitglieder sind. Ja, einige der erschienenen Mitglieder fanden den Muth, mit Nichtbeachtung des anwesenden .Herrn Braudes sich wie allabendlich an den Kartentisch zu setzen! Kann, frage ich, auch ein Verein mit jüdisch-nationaler Tendenz so sinken? — Trotz dieser ihm angethanen Schmach, ließ sich jedoch Herr Braudes von der winzigen Schaar der Entrüsteten bewegen, seine» Nachruf in einem Privatlocale zu halten. Diesem geistreichen, von jüdisch-nationalem Gefühl getragene» Nachrufe wurde der gebührende Beifall zutheil. Rußland. Womny, 20. October 1891. Lange hat es bei uns in Rußland keine Krawalle des Volkes gegen die Juden gegeben. Desto mehr hat uns die Regierung in den letzten Jahren