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Selbst-Emancipation · 1891-11-02 · Heft 21 (2.11.1891) · p. Seite 4

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Journal
Selbst-Emancipation
Volume
1891
Issue
Heft 21 (2.11.1891)
Date
1891-11-02
Page
Seite 4 (sequence 4)
Language
German
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Seite 4. Lelbst - E m a ncipation. Nr. 21. Räthsel sein. Trotz alledem bewerben sich die Nationalliberalen immer noch eifrig um die Stimmen der Juden. Zur Ehre der letzteren muß denn wenigstens jedoch das bemerkt werden,, daß fast nur noch derjenige Theil von ihnen, der schon ganz außerhalb des Judcnthums steht, Leute, die ihre Kinder oder auch sich selbst taufen lassen und sich umso frecher mit ihrem eigenen Antisemitismus zu brüsten pflegen, in je höherem Maße sie selbst die Unarten des Golus besitzen, der nationalliberalen Partei noch nicht abtrünnig geworden sind. Je mehr sich die Juden von den Nationalliberalen abgewandt, um so mehr glauben sie in ihrem Anschlusie an die freisinnige Partei, innerhalb deren sie sich gewisiermaßen als eine besondere Gruppe zu betrachten scheinen, das ewige Heil gefunden zu haben. Nun, es mag vielleicht der Mehrzahl der freisinnigen Führer- Ernst mit ihrer Entrüstung über den Antisemitismus sein; daß er es nicht allen ist, haben z. B. die Besitzer der „Bosiischen Zeitung" bewiesen. Wie wenig aber die freisinnigen Wählcrmasjen diese Entrüstung theilen, geht keineswegs blos aus der Thatsachc, daß sie einem Böckel'schen Antisemiten zu einem Neichstagssitze verholfen haben, hervor. Wie muß es, fragen wir, um diese Entrüstung stehen, wenn;. B. hier in Magdeburg ein jüdischer Führer der Freisinnigen eine angebotene Reichstagscandidatur, die er an sich, wie er sagte, sehr gern annehmen würde, lediglich mit der Begründung, daß er als Jude eine geringere Stimmenzahl als andere freisinnige Candidaten auf sich vereinigen würde, abgelehnt hat? Wie muß es um diese Entrüstung stehen, wenn die Freisinnigen in ihren Versammlungen, wo sie nur irgend können, den Antisemitismus gar nicht zur Besprechung bringen und nur auf die hohen Zölle, die dreijährige Dienstzeit u. s. w. ihre Angriffe richten? Die freisinnigen Führer wissen eben nur zu gut, welchen großen Schaden sie sich selbst mit Angriffen auf den Antisemitismus zufügen würden. Da wird dann ein besonderer „Verein zur Abwehr des Antisemitismus", in den auch die Nationalliberalen hineingezogen werden, begründet, schon um das Odium der Judenvertheidigung nach Möglichkeit von der freisinnigen Partei abwälzen zu können. Kaum besser als mit der freisinnigen Wählerschaft wird es auch mit derjenigen der kleinen demokratischen Partei (Volkspartei) stehen, welche die freisinnige in gewissen Districten Süddeutschlands völlig ersetzt. Zudem scheint selbst den Führern der Partei der demokratische Gedanke weniger Hauptsache, als besseres Mittel kennt, einer Gegenpartei Ungelegenheiten zu bereiten, als gerade auf uns Juden loszuschlagen! Hat doch auch Stöcker in letzter Instanz nur eine protestantische Hierarchie im deutsche» Reiche errichten wollen und ist doch auch den, Fürsten Bismarck der Antisemitismus zum Zweck der Niederwerfung der liberalen Opposition gewiß nicht unwillkommen gewesen. Umgekehrt bedienen sich ja in Rumänien gerade die Oppositionsparteien des Antisemitismus als trefflichen Kampfmittels gegen die Regierung, und haben in Bulgarien neulich die Zankowisten aus gleichem Grunde das Blutmärchen wieder einmal aus das Tapet gebracht. das partikularinische, süddeutsche (meist spcciell schwäbische) Interesse zu sein. Die norddeutsche Demokratie aber hat keinen einzigen Wahlerfolg aufzuweisen. Zum Schluffe noch die s o c i a l d c m okratische Partei, deren Verhältniß zum Judenthum bereits . in einem früheren Aufsatze der „Selbst-Emancipation" in verschiedenen Beziehungen beleuchtet worden ist'; jedoch mag hier noch einiges nachgetragen werden. Es läßt sich nicht leugnen, daß diantisemitischen Parteien von der socialdemokratischen immerhin mehr als von den bürgerlichen befehdet werden. Freilich muß schon der Umstand, daß die Socialdemokratcn nächst den Antisemiten die rührigste Agitation treiben, diese beiden Parteigruppen häufiger unter einander als mit anderen Parteien in Streitigkeiten gerathen lassen. Dann ist es aber noch ein ganz besonderes Moment, das die Socialdemokraten die antisemitische Agitation fürchten läßt: der socialistische Zug, der dem Antisemitismus stark anhaftet, macht denn doch dem Socialismus selbst viel zu viel Concurrenz, als daß er bei dem auch in der deutschen Arbeiterwelt bestehenden Judenhasse für die socialistische Partei ungefährlich sein sollte. Der Grundton, der durch die socialistischen „Vertheidigungen" der Juden denn auch immer wieder durchklingt, ist denn auch nichts weiter als der Satz, daß es doch auch reiche Leute gäbe, die keine Juden wären. Die gerechte Befürchtung, daß der Antisemitismus gerade durch seinen socialistischen Anstrich die Arbeiter die Endziele der Socialdemokratie vergessen lassen könnte, nicht etwa ein Gefühl der Humanität, ist es, ivas die große Mehrzahl der deutschen Socialbemokraten zum Kampfe gegen den Antisemitismus treibt. Daß die Antisemiten in der That socialdemokratische Stimmen erobern können, hat sich bei der in der „Selbst-Emancipation" erwähnten Reichstagsuachwahl in Eassel gezeigt. Die Schilderung der Stellung der einzelnen deutschen Parteien zum Judcnthnme war einmal, nothwcndig, weil leider die deutschen Juden immer noch von bestimmten Parteien Rettung vor dem Antisemitismus erhoffen. Würden sic endlich einmal einsehen, daß etwaige künftige Wahlerfolge der Freisinnigen nichts weiter als einen Sieg des freihändlerischcn Princips über das schutzzöllnerische, der Socialdemokraten nichts weiter als einen Triumpb der deutschen Arbeiterclasse über die Bourgeois in Deutschland zu bedeuten hätten, so stünde es wohl endlich auch zu hoffen, daß sie ihre Kräfte nicht länger in kleinlicher Autheilnahme an den Kämpfen der deutschen Parteien verzettelten und statt dessen vielmehr nur das eine große positive Ziel der eigenen nationalen Errettung, der Wiedergeburt Israels in seiner eigenen Heimat verfolgten. Kaum jemals hat es eine Zeit gegeben, die mit so eindringlicher Sprache uns Juden an das, was unsere Pflicht ist, gemahnt; kaum jemals aber auch eine Zeit, die uns die Ausführung unseres Werkes so aussichtsreich hätte erscheinen lassen: nun so ist es denn auch an uns, uns nicht mehr als kleinliche Krämerseelen zu zeigen, sondern Mann für Mann am großen Werk der Befreiung selbstthätigen Antheil z^u n e h m e n, auf daß wir nicht einst vor unseren Kindern und Enkeln vor Scham zu erröthen haben, wenn es von unserer Zeit einmal heißen sollte: „Aber der große Moment fand ein kleines Geschlecht." Magdeburg, 9. October. —.— Die Berliner Delegirtenverjammlnng. Die Delegirtenversammlung zur Berathung der russischen Judenfrage, welche vom hiesigen „Deutschen Centralcomitü für die russischen Juden" am Dienstag, den 20. October, Hierselbst einberufen war, hat einen Beschluß von principieller Bedeutung gefaßt, nämlich eine jüdische Colonie in Brasilien anzulegen. Ehe dieser Beschluß von der Versammlung gut geheißen wurde, gab, wie die „Voss. Ztg." berichtet, der bekannte Romanschriftsteller Earl Emil Franzos als Referent einen eingehenden Bericht über die Frage der Colonisation der russischen Juden. Danach sei in Europa nur die europäische Türkei in Frage gezogen worden, hingegen ein sehr bedeutender Theil Australiens, in Afrika namentlich der Süden, in Asien die asiatische Türkei, insbesondere Palästina, Anatolien und Chpern. Das Berliner Comitv sei n a ch g e w i s s e n h a f t e st e r Prüfung zu der einhelligen Ueberzenguiig gekommen, für die von ihm zu begründende Colonie jedenfalls von P a l ä st i n a a b z us e h e n. Als derjenige Welttheil, wo sich die Anlegung von Colonien für die Verfolgten am meisten empfehle, sei Amerika zu bezeichnen; das Berliner Comitä hade, da in Nordamerika von der dortigen I u d e n s ch a f t, i n Arge n t in i e ii von Baron H irsch colonisirt werde, sich als sein Arbeitsgebiet das mittlere Brasilien erwählt. Nach langer Besprechung gab die Versammlung die vom Redner beantragte Zustimmung zur Fortsetzung der Vorarbeit in dieser Hinsicht. Trotzdem also an der Sitzung mehrere Zionsfrcunde Theil genommen haben, so Dr. H. Hildesheimer, Isidor Loeb und Erlanger aus Paris, ist es ihnen doch nicht gelungen, den assimilatorischen Geist zu bannen und das Verständnis; für die wahrhaften Interessen der gesammteii israelitischen -Ration zu wecken. Denn es wäre eine völlige Täuschung, wenn die Palästinenser etwa glauben möchten, daß hier aus rein öconomischen Gründen Brasilien der Vorzug gegeben worden ist; nein, das Ganze ist ein Sieg der alten, aber noch immer mächtigen Assimilation. Allen Assimilanten war es ein Dorn im Auge, daß drüben im Osten Millionen von^ Juden so zusammengedrängt lebten, daß unwillkürlich ein gewisses nationales Leben sich entwickelte, welches alle Lehren der Selbstzersetznng zu Schanden machte; nunmehr jedoch, da die osteuropäischen Juden durch strenge Gesetze aus ihrem Heim vertrieben werden, bietet sich die Gelegenheit, das bezeichnete Uebel abzuschaffen. Die russischen Inden sollen in alle Vier- Winde zerstreut werden, eine Stadt soll nur einen und eine Provinz höchstens zwei Juden bekommen, damit der Antisemitismus durch die fremde Erscheinung nicht wechgerufen werde, das Judenthum aber nach langen Kämpfen echter Ueberzengungstreue sich endlich durch eigenen Willen in schmählicher Weise auflösen solle. Wie wären sonst die Worte von Franzos zu erklären, daß Brasilien aus dem Grunde gewählt sei, weil in den anderen Gebieten Amerikas bereits Colonien gegründet werden? Warum ließe sich denn nicht eine Vereinbarung mit Baron Hirsch treffen, daß an einer Stelle colonisirt werde, damit die Juden nicht zersplittert den Abkömmlingen der alten Erbfeinde gegenüberstehen sollen? Oder ist es etwa aus Mitleid für die Brasilianer geschehen, damit sie auch ein bischen Judenthum hinein bekommen?

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