Selbst-Emancipation
- Journal
- Selbst-Emancipation
- Volume
- 1891
- Issue
- Heft 21 (2.11.1891)
- Date
- 1891-11-02
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
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Nr. 21. Selbst - Ein a iicipatioii. Seite 3. Westens ermöglichen, die jüdischen Massen des Westens zu bekehren und eine großartige Organisation zu schaffen. Das ist unsere innige Bitte au unsere Gesinnungsgenossen in Rußland, welche auf uns angewiesen sind, wie wir auf sie. Sie hängen von unserem Willen ab, unsere größere Bewegungsfreiheit zu benützen, wir von ihrem Willen, uns ihre Machtmittel zur Verfügung zu stellen. Der Zionismus, die national.jüdische Idee selbst bedeutet schon an sich einen n e u e n C o u r s im Judenthum; nun heißt es auch innerhalb des Zionismus einen neuen C o u r s befolgen: Erstrebung des Zieles durch Bildung einer g r o ß e n v o l k s b e l e h r e n d e n u n d v o l k serziehenden zionistischen Partei. Zu diesem Werke rufen wir alle Gesi nnun gsg en o s s en außerhalb und i nnerhalb Rußlands auf und bitten sie, den vorstehenden Ausführungen, sowie den noch zu erwartenden diesbezüglichen Enunciationen b esandere Beachtung zu schenken und im Sinne derselben vorzugehen. Nur der neue Cours führt unser Volk ans rettende User. B. Der Judenhaß und die Parteien im Deutschen Reiche. Vor Kurzem hat unser „Verein. zur Abwehr des Antisemitismus" die dritte Lieferung seines „Antisemiten-Spiegel" herausgegeben. Der Verein, dessen Führer im Anfänge so siegesgewiß waren und dem Antisemitismus bald das Lebenslicht ausblasen zu können glaubten, sieht sich hier bereits zu folgendem Zugeständnisse an die „Pessimisten" unter den Juden veranlaßt: „Seit dem Erscheinen des zweiten Heftes des „Antisemiten-Spiegels" ist die antisemitische Bewegung, auf deren Ausdehnung wir im ersten Hefte die Aufmerksamkeit lenkten, nicht schwächer geworden. Der Eifer der Führer der Bewegung ist gewachsen; mit Wort und Schrift haben sie besonders in ländlichen Bezirken Boden zu gewinnen gesucht. Die Zahl der antisemitischen Zeitungen, Brochüren und Flugblätter ist erheblich größergeworden. Der „Antisemitencatechismus" erscheint bereits in der 12. Auslage." Wer freilich die Thätigkeit der Antisemiten in Deutschland etwas verfolgt hat, dem will diese Auffassung des Abwehrvereines doch immer noch zu „optimistisch" erscheinen. Die Begründung dieses Vereines hat eben die Antisemiten nur noch zu heißerem Kampfe angespornt. Man sehe sich doch einmal in den deutschen Städten die großen antisemitischen Plakate au, in denen zum Besuche großer Volksversammlungen, zum Ankäufe pöbelhafter Hetzschriften u. s. w. aufgesordert wird! Mau scheue sich doch einmal nicht mehr, einen Blick in die antisemitischen Zeitschriften zu werfen, auch wenn mau daraus die noch so unliebsame Thatsache ersehen sollte, wie der Antisemitismus eine Gegend Deutschlands nach der anderen occupirt, wie er sich überall einnistet und festen Fuß faßt. Wie Pilze schießen aller Orten auf dem Boden des Deutschen Reiches die antisemitischen Zeitungen empor; selbst im demokratischen Schwaben gedeihen sie, und selbst die alte freie und Hansestadt Hamburg muß sich ein antisemitisches Blatt, das sich „Die Abwehr" betitelt, gefallen lassen. Allein mancher wird wohl dem gegenüber darauf Hinweisen, daß die Stärke der antisemitischen Parteien doch immer noch eine höchst geringe sei, daß die Antisemiten ja im Reichstage nur 5 Sitze unter 397 inne hätten. Nun wir wollen nichts Böses prophezeien und unsere Gedanken über die nächsten Neichstagswahlen zurückhalten und anstatt dessen lieber wieder die dritte Lieferung des „Antisemiten-Spiegel", der doch den deutschen Juden ein so willkommenes Büchlein ist, reden lassen. Es heißt daselbst „Man darf sich freilich vorerst keiner Illusion hingeben — es gibt bei uns auch in den nicht ausge sprochcn antisemitischen Parteien stille Freunde des Antisemitismus, welche zwar zu feige sind, sich öffentlich als Anhänger so culturwidriger Bestrebungen zu bekennen, die aber doch, wo sie können, der antisemitischen Agitation Vorschub leisten." Wenn dann der „Antisemiten-Spiegel" weiter sagt, daß die offenen Antisemiten doch wenigstens bekämpft werden könnten, so hat er sich damit selbst das Zeugniß ausgestellt, daß er außer Stande ist, den „stillen" Antisemitismus überhaupt bekämpfen zu können. Zu den stillen Antisemiten rechnet der Antisemiten-Spiegel offenbar vor allem Mitglieder der großen c o nservativen Partei, da er in seiner ersten Lieferung nur die drei verschiedenen sich selbst „Antisemiten" nennenden Parteien aufzählt. Eine merkwürdige Auffassung ist es freilich, die Partei der intoleranten protestantischen Orthodoxie und des altpreußischen Junkertums, die einen Stöcker als Fraktionsmitglied und die zum „rituellen Morde" auf Korfu in naher Beziehung stehende „Kreuzzeitung" als ihr Hanptorgan aufzuweisen hat, den „stillen" Antisemiten beizuzählen. Wer sich mit den wahren „stillen Freunden" des Antisemitismus beschäftigen will, der wird sich schon nothgedrungen mindesteus bis zu den Freiconservativen begeben müssen. Da kann er beobachten, wie die Herren Abgeordneten sich bei den Judendebatten fast stets in Stillschweigen hüllen, während die Zeitungen, an der Spitze die Berliner „Post", fast in alle Vorwürfe gegen die Juden — nur in „milderer Form" — miteinstimmen und wie sie „unseren jüdischen Mitbürgern die Gleichberechtigung wahren", dieselben jedoch von noch mehr Aemtern — „auf administrativen Wege", würde man in Rußland sagen — ausschließen wollen, als sie bisher schon ausgeschlossen sind. Ehrlicher in ihrem Antisemitismus ist immerhin die mächtige u l t r a m o n t a n e (katholische) Partei. Da wurde doch wenigstens, als der ihr aiigehörige Abgeordnete Brandenburg bei den großen Judendebatten in diesem Frühjahr den Ausschluß von Juden von der juristischen Carriere verlangte, von seinem Parteigenossen B ö d i k e r erklärt, daß er und wohl die meisten seiner Freunde „nicht derartig antisemitisch" wie der Abgeordnete Brandenburg wären. Doch zeigt sich die ultramontaiie Presse — und die Presse ist immer einflußreicher — gleichfalls meist antisemitischer als die ultramontanen Parlamentarier. Um von den gelegentlichen antisemitischen Ausfällen der Berliner „Germania", des Centralorgans der Partei, zu schweigen, sei hier nur darauf hingewiesen, daß der „Aiitisemitenkatechismus" verschiedene rheinische ultramontaiie Blätter, wie die „Trierer Landeszeitung", die „Bonner Reichszeitung" und andere für würdig erachtet, in einer Reihe mit der „Kreuzzeitung" und dem Stöcker'schen „Reichsboten" zu neunen. Neuerdings hat die ultraiiiontane „Donau-Zeitiu i" im Verein mit der conservativen „Süddenis e» Landpost" den Antisemitismus auch in Baiern angefacht. Von einer „stillen" Freundschaft der Ultramontanen zum Antisemitismus kann also eigentlich keine Rede mehr sein. Wollen die Führer des Abwehrvereines diese stillen Freunde auffinden, so mögen sie doch vor allem einmal in ihre» eigenen Reihen Umschau halten.' Da fand sich unter anderen Unterzeichnern ihres Aufrufes auch Prof. Biedermann, der Führer der sächsischen N a t i o n a l l i b e r a l e n, der auf einem Parteitage im vorigen Jahre die Aeußerung gethan hat, die mittlere Stellung der nationalliberalen Partei gehe z. B. auch daraus hervor, daß man ihr von antisemitischer Seite vorwerfe, daß sie die Juden verhätschele, von freisinniger, daß sie selbst antisemitisch sei. Da fand sich auch der nationalliberale Abgeordnete von E y n e r n, der einmal auf einen Vorwurf des Abgeordneten Rickert, daß die Nationalliberalen auch offen antisemitisch agitirende Konservative bei den Wahlen unterstützt hätten, einfach zur Antwort gab: „Man liebt es auf freisinniger Seite, die Juden als die Bedrückten hinzustellen; nun sehen Sie sich doch einmal die jüdischen Zeitungen an." Die beiden Aeußerungen bedürfen keines Commentars *). Um die Judenfreundlichkeit der 'Nationalliberalen recht kennen zu lernen, studiere man doch einmal ihre großen Zeitungen, wie die „Hamburger Nachrichten", die „Kölnische Zeitung" und besonders das „Leipziger Tageblatt", über dessen stetig zunehmenden Antisemitisiiius die Antisemiten selbst in Verwunderung gerathcn sind. Den von den Nationalliberalen gegen den Antisemitismus zn führenden Kampf hat das officielle Parteiorgan, die „Nationalliberale Correspondenz", lediglich mit dessen Verwandtschaft mit dem Socialismus begründet. Diese Verwandtschaft ist dann also wohl der eigentliche Grund, weßhalb so viele Nationalliberale dem Abwehrvereine beigetreten sind. Ohne den „latenten" Antisemitismus der Nationalliberalen würoen ja auch die directen Uebergänge aus ihrem Lager in das antisemitische, wovon z. B. neulich die „Ulmer Schnellpost" ein Beispiel gegeben hat**i, ein völliges *) Tief beklagt muß es mm werden, daß die von Juden rcdigirte» deutschen Zeitungen Herrn v. Evnern ein scheinbares Recht zu seinem 'Ausspruchs gegeben haben, sie, die sich stets in altkluger Weise in alle möglichen Angelegenheiten der Welt mischen, bei dem geringsügigsten Unrecht, das einem deutschen Bauern von einem vandrath gethan wird, in pomphasren Worten mit erheuchelter sittlicher Entrüstung die Zustände des Staates geißeln, für die ge-; meinsten Brutalitäten aber, die an Juden verübt werden, meistens kein einziges Wort übrig haben. **) Vielleicht wird man gegen obigeS Beispiel einzuwenden haben, daß die „Ulmer Schnellpost" ja nur aus Ranküne gegen ihre Eoncurrcntiir, die demokratische „Ulnier Zeitung" und gegen den localen Führer der Ulmer Demokraten, der zufällig Jude sei. das antisemitische Banner aufgepslanzt habe. Doppelt traurig für uns, müssen wir da antworten, wenn man kein