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Selbst-Emancipation · 1891-11-02 · Heft 21 (2.11.1891) · p. Seite 2

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Journal
Selbst-Emancipation
Volume
1891
Issue
Heft 21 (2.11.1891)
Date
1891-11-02
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
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Selbst-i ncipatioii. Rr. 21. ihm nicht nahegeht, Opfer zu bringen, oder weil er die wahre Natur der Sache ahnt und ihr mißtraut, da sie ihm fremd geblieben ist. Aber auch die Sammelzionisten in Deutschland, die es bis auf zweitausend Mark im Jahre bringen, haben gewiß keinen Grund, mit dieser Leistung zufrieden zu sein. Mag sein, daß sie mit diesen Sümmchen mehrmals im geeigneten Augenblicke einer palästinensischen Colonie beisprangen und aufhalfen, aber welche Summen hätten die Sümmchen werden können, wenn eine eifrige und rege Agitation überall hin ihre Fühler ausgestreckt hätte, wo deutsche Juden wohnen! Die Agitation hätte nichts geholfen? Das kann nur der sagen, dem die ideale Begeisterung abgeht, der ihre Wirkung auf die Massen nichi kennt. Durch „Wohlthätigkeits"-Vereine, und, indem man dem noch immer herrschenden Assimilationsjudenthum in Deutschland und Oesterreich um den Bart geht, wird Zion nicht erlöst werden. Es liegt auch etwa keine Respektirung des modernen Judenthums in diesem Vorgehen, vielmehr eine durch nichts begründete, liefe Verachtung der ungeheuren Summe von Intelligenz und Gemüth, über welche die nicht-zionistische Judenhcit verfügt. Wie könnte man sonst so leichten Herzens auf die Mitwirkung derselben verzichten und sich mit den paar Pfennigen begnügen, die man ihr abbcttelt? Mit Agitation und Propaganda ist es aber bei uns Zionisten schlecht genug bestellt. Es ist kein Plan und keine Ordnung, keine Regel und kein System in unserer Agitation und wir haben daher auch, strenge genommen, noch gar nicht das Anrecht auf den Namen einer Partei, den wir uns zuweilen beilege». Ja, wenn es ginge, in dem Sinne nicht Partei zu sein, daß wir schon das ganze Judenthüm umfaßten, dann könnten wir auf das Parteisein verzichten. Da aber die Partei ein unvermeidliches Durchgangsstadium zur allgemeinen Geltung einer Idee ist, so ist es wahrhaft betrübend, daß wir noch nicht einmal bei diesem Durchgangsstadium angelangt sind. Wir müssen also trachten, das Versäumte nachzuholen und Partei zu werden. Haben wir bas erreicht, dann können wir erst daran denken, auch über das Parteisein hinanszuwachsen. Es gibt nun Zionisten, welche alle Hoffnung aufgegeben haben, die österreichischen und deutschen Juden zur nationaljüdischen Lehre zu bekehren. Nichts ist unbegründeter als diese Hoffnungslosigkeit; sie ist noch ungerechtfertigter als die Hoffnung, daß diese Juden von selbst Zionisten werden. Uebrigcns sind diese Hoffnungslosigkeit und diese Hoffnung gewöhnlich in denselben Individuen vereinigt. Sie finden sich bei Jenen, welche das mitteleuropäische Judenthum in den Kreis des Zionismus hineintäuschen, welche es unter dem Vorwände derWohlthätigkeit, Humanität u. s. w. zu materiellen Opfern für die Zionsidee veranlassen wollen; bei jenen, welche-Zion aufbauen wollen — aus dem Säckel der Juden, aber ohne den Willen und den Geist derselben; bei jenen, welche das Haus mit dem Dache zu bauen beginnen. Sie, die so denken, irren gewalttg. Sie sind in letzter Zeit geringer an Zahl geworden, aber sie sind noch häufig genug, um uns staunen zu machen, daß die letzte Krise innerhalb unserer Gesinnungsgenoffenschaft nicht aufklärender gewirkt hat. Hei, wie vor dem Verbote der Pforte, dem ersten gewichtigeren Hinderniffe, der ganze officielle Zionismus in Rußland zerstob! Wie denn auch anders, wenn man der Agitation, der Verbreitung der nationalen Idee eine nur ganz untergeordnete Bedeutung zuschrieb, und alle Kraft daran setzte, ein paar tausend Juden nach Palästina hineinzubringen? Wie denn auch anders, wenn man sich in einem fort eine Verwechslung der russisch-jüdischen Emigrationsfrage mit der Frage der Wiederbelebung der jüdischen Nation zu Schulden kommen ließ und so beiden Fragen nicht gerecht wurde? Die Colonien, welche unter dieser Aera in Palästina gegründet wurden, konnten nur den Charakter des Versuches haben, sie waren und sind nur Anfenerungen, welche eine geschickte Agitation zu benützen hat. Es war ein großer Fehler, sie als mehr zu betrachten, sie zum Hauptzwecke zu machen und ihnen alle Kräfte zuzuwenden, die man auf der anderen Seite der Agitation entzog. Es war ein Fehler, der sich bitter gerächt hat, daß man über die C o l o n i'e n die P a l ä st i n a-J d e e s e l b st vergaß. Die Agitation, die wir entfalten muffen, soll aber eine ausgiebige oder lieber gar keine sein. Darin liegt die Schwierigkeit. Woher aus unserem kleinen Kreise die Mittel schaffen, welche solche Agitation braucht? Die Antwort liegt in dem Worte: Organisation. Die Organisation ist die Vorbedingung einer gedeihlichen Agitation. Organisirt waren wir bisher nicht, wenigstens nicht als zielbewußte Partei, Die Organisation ist nicht mit territorialer Beschränkung gedacht. Vorläufig existirt in keinem Lande der Welt die Vorbedingung zu einer nutzbringenden Besonder-Organisation. Im Westen und in der Mitte Europas ist unsere numerische Stärke gering; was könnten wir österreichische, Zionisten z. B. — oder, gar wie manche wollen, die Zionisten in den einzelnen Ländern der Monarchie — in Sachen der Agitation leisten? Wir würden auf Schritt und Tritt dem Gespenste des GeldmangelZ begegnen. Können wir in absehbarer Zeit auch nur die erste Forderung einer größer angelegten Agitation, die Verwandlung der „Selbst-Emaiicipation" in ein Wochenblatt, durchführen, geschweige denn, daran denken anderssprachige Organe, wie etwa ein polnisches und ein deutsch-jüdisches, zu gründen und zu halten, Broschüren herausgeben und zu verbreiten, Wanderprediger nach allen Richtungen der Windrose auszusenden? Was aber den Osten betrifft, so liegen die Verhältniffe dort so, daß den Zionisten, wie allen anderen Juden daselbst, die Bewegungsfreiheit mangelt. Alles, was sie erreichen konnten, war eine Organisation der Colonisationsvereine, welche zwar imposant genannt werden muß, aber keine Organisation der Partei ist und nicht die Dienste einer solchen thut. Bereits beginnt sich unter den ruffischen Zionisten das Verständnis für best Fehler zuregen, den sie mit ihrer zehnjährigen einseitigen Colonisationspolitik, oder bester Nichtpolitik, begangen haben. Schon fangen sie an einzusehen, daß man einem Volke nicht auf dem Wege philisterhafter Schlauheit oder handelsmännischer Finesse ein Land gibt, daß man eine Nation nicht materiell erlösen kann, bevor man sie nicht geistig erlöst hat, daß man, um es offen herauszusagen, nicht Politik macht im Wege des Geschäftes und der milden Gaben. Diese Ansicht, wie gesagt, verbreitet sich immer mehr auch in Rußland und nur von ihrem vollständigen-Durchbruche daselbst ist das Heil für unsere Sache zu erwarten. Denn nur dann wird der russische Zionist, der zu Hause mit Schwierigkeiten zu kämpfen hat, die einzig richtige Lösung der Organisations- und Agitationsfrage finden. Er wird den Schwerpunkt der Organisation nach dem Westen verlegt, er wird die Agitation der Zionisten des Westens reichlich unterstützt ivissen wollen. Die russischen Zionisten bilden auch jetzt, n a ch der letzten Krise, eine große Zahl; i h r Votum zu Gunsten einer allgemeinen zionistischen Organisation würde ansschlaggebend sein; die oppositionellen Stimmen würden angesichts dieses Votums verstummen. Und dabei braucht diese Organisation weder eine complicirte, noch eine geheime, noch eine separate Wünsche terrorisirende sein. Die Erklärung einer w e st- oder mitteleuropäischen Stadt zum C e n t r u m d e r B e w e g n n g, die periodische Abhaltung von Congressen daselbst, die Aufstellung eines Parteiprogramms und die Nominirung von Führern für die einzelnen Länder und die einzelnen Wirkungskreise bei diesen Congressen — das ist der ganze Apparat dieser Organisation. Ohne Ende wäre der Segen derselben für unsere Sache. Wie der Feldherr mit kundigem Blstke den weiten Kriegsschauplatz durchmißt und dorthin Truppen und Munition dirigirt, wo sie gerade am nöthigsten sind, so könnte die zionistische Organisation die Agitation immer gerade dorthin lenken, wo es am meisten zu thun gibt. Jede Zersplitterung von Kräften wäre vermieden, und es wäre ein Leichtes, überallhin den nationalen Gedanken mit seinen beiden Hauptprincipien : P a l äst i ir a und hebräische Sprache zu verpflanzen und das ganze Volk zu schulen zum Kampfe für sein historisches Recht und sein Glück. Ein mit solchen Truppen geführter Kampf müßte bald und sicher zu den größten praktischen Erfolgen führen. Doch dies Alles ist so lange nicht möglich, so lange sich uns die r u s s i s ch e n Z i on i st e n nicht anschließen, so lange sie nicht in Massen den neuen C o u r s einschlagen, der in diesem Artikel empfohlen wird. Sie mögen einsehen, daß sie ohne die a u ß e r r n s s is ch e n. I u d e n nicht fertig werden können, andererseits aber mithelsen müssen, diese in größerer Menge für die Zionssache zu gewinnen. Alles, was sie opfern werden, um eine große, zionistische Partei im übrigen Europa zu schaffen, wo sie frei im Lichte des Tages ihre Ziele verfolgen darf, wird hundert- und tausendfach durch die Früchte dieses Opfermuthes ausgewogen werden. Sie mögen fortfahren, die bestehenden Colonien zn schirmen, aber sie mögen noch mehr die Palästinaidee unterstützen, indem sie es den Zionisten des

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