Selbst-Emancipation
- Journal
- Selbst-Emancipation
- Volume
- 1891
- Issue
- Heft 21 (2.11.1891)
- Date
- 1891-11-02
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Elisabethgrad.! der Redaction. — Correspondenz der Administration. - - Sprechsaal. — Inserate. EesillNltllgLMLssen! Verbreitet die Selllst FmLNliMtilln! gflgT Die nächste Nummer erscheint am! 16. November 1891. -« j Wir ersuchen utn schleunige Einsendung der rückständigen PrännmerationSgebühren. Die Administration. Der neue Cours. (Ein Wort an alle Zionisten.) Das verflossene Jahr stand für das österreichische Judenthum unter dein Zeichen der Wahlen. Sobald die Feiertage vorüber waren und der Herbst ins Land tarn, begann es im jüdischen Lager sich ju regen. Man rüstete sich aller Orten zu den Reichsrathswahlen, deren liberalen Ausfall zu fördern selbstverständlich als erste Pflicht galt. Mit diesen theils stillen, theils lauten Vorbereitungen vergieug der Winter und so sehr gellte der Schlachtruf der Wahlen in. aller Ohren, daß die dumpfen Klagerufe, welche den Beginn der großen Judenkatastrophen in Rußland bezeichneten, fast ganz überhört wurden. Als aber der Reichsrath glücklich zu Stande gebracht war, setzte sich die Wahlausregung gelegentlich der Wiener Gemeindewahlen fort. Bei denk Umstande, als Wien an der Spitze der antisemitischen Bewegung marschirt und als es eine über 100.000 Seelen zählende jüdische Gemeinde besitzt, verfolgte das gesammte österreichische Judenthnm die Wiener Eommunaltvahlen mit demselben regen Interesse, als die vorhergcgangenen Parlamentswahlen. So erhielt sich die Wahlausregung bis in ben Frühling. Als sie endlich vollends wich, hatte das österreichische Judenthnm seinen ganzen Vorräth an jüdischem Interesse ausgegeben; sein jüdischer Athem war ihm ausgegangen und es brauchte den ganzen Sommer,, um sich auszuschnausen. Nun ist die Sommerruhepanse vorüber, die Feiertage sind vorbei. Ein w ah le n lo ses Jahr nimmt seinen Anfang. Das heißt ein Jahr, welches uns österreichischen Zionisten größere Erfolgsaussrchten bietet. Freilich sängt es bereits mit den üblichen Scharmützeln zwischen Antisemiten und Antiäntisemiten an. Wieder droht der verhängnisvolle Jrrthum von unserem Volke in Oesterreich speciell Besitz zu nehmen, als wäre der Kamps gegen den Antisemitismus der Kampf für das Judenthnm, als wäre er der erste und einzige Punkt eines jeden jüdischen Programmes. Doch, das darf uns nicht mit allzu großer Besorgnis erfüllen. Schließlich wird ja doch in unserem Volke der verführende Glaube an die endliche Gnade der Arier erschüttert werden, die rindksche Hoffnung an eine definitive Niederlage des Judenhasses aus Israels thörichtem Herzen schwinden und an die Stelle dieser seit einem Jahrhundert traditionellen Wahngewebe der Glaube an Rettung durch eigene Kraft, die Hoffnung auf eine nationale Wiedergeburt treten. Die Söhne unseres Volkes sind hartnäckig, schon die Bibel nennt sie so, aber die Schärfe ihres Verstandes müßte eine grobe Lüge sein, wenn sie nicht am Ende ihre Hartnäckigkeit ansgeben und die Dinge so sehen würden, wie sie sind. Ihre Hartnäckigkeit wird nicht dauernd auf dem Niveau jenes Götzcn-Zustandes bleiben, den die heilige Schrift mit den Worten bezeichnet: Sie haben Augen und sehen nicht, Ohren und hören nicht. Wir Zionsfreunde dürfen uns aber nicht mit dem billigen Tröste zusriedengeben, daß dem jüdischen Volke von selbst, resp. in Folge der Ereignisse die bessere Einsicht kommen werde. Es ist ja wahr, daß keine Partei vorwärts kann, deren Ziele von der Geschichte nicht gewollt sind; es ist aber unrichtig, wenn man daraus, wie man das manchmal hören kann, die Ueberflüssigkeit von Agitation und Propaganda folgern will. In dieser tadelnswerthen Ansicht liegt nichts anderes als eine Art modernen Fatalismus, welcher nur lähmend und hemmend wirkt. Wenn tausende oder hunderttausende Menschen von demselben historischen Gedanken bewegt werden, und wenn sie mit allen Mitteln darnach trachten, auch Andere zu seinen Anhängern zu machen, um ihn desto schneller zu realisiren, so . handeln sie allerdings nicht nach vollkommen freiem Willen, sondern es treibt sie der Wille der Zeit; aber ihre Thätigkeit, ihre Agitation, ihre Propaganda sind die Werkzeuge, die ausschließlichen Werkzeuge dieses letzteren Willens. Die Agitation und - Propaganda sind daher das erste Erfordernis jeder nach Geltung ringenden Partei, über deren Aussichten erst der dauernde Erfolg oder Mißerfolg jener belehrt. Agitation! Das ist das Zauberwort, das uns die Herzen unserer Mitbürger erschließen wird. Wenn wir in Oesterreich agitiren werden, mit Hochdruck agitiren werben, so werden wir mit unserer Ueberzeugmig endlich durchdringe». Die russischen Zionisten konnten sich den Luxus des sogenailntcn „praktischen" Zionismus noch einigermaßen erlauben, wiewohl er auch ihnen theuer zu stehen kam. Sie hatten, durch die Verhältnisse unterstützt, gleich anfangs eine nach Huiiderttausenden zählende Anhängerschar. Deshalb haben sie, wenn sie es auch glücklich fertig brachten, nach zehnjähriger Arbeit einen großen Theil ihres Anhanges zu verlieren, doch wenigstens in dieser Zeit das unschätzbare Agitation s mittel: Colonien geschaffen und sich dadurch ein bleibendes Verdienst erworben. Können wir österreichische und deutschländische Zionislen ihnen darin nachthun? Gewiß nicht, denn wir haben nicht von vorneherein die Legionen von Anhängern, welche jene hatten und : welcke sie sich zu erhalten und zu vermehren so j wenig fähig zeigten. Unsere Leute sind gezählt,; und da sollten wir innerhalb dieses kleinen i Kreises nur an das praktische Cotoiiisatlonswerk! denken, nur die paar Gulden und Kreuzer auf die kleinlichste Art und Weise von Anhängeril und Nichranhängern zusammenzuscharen trachten, statt um die Ausbreitung unseres Gedankens, der nur so seiner endgiltigen Verwirklichung zugesührt werden kann, bemüht zu sein. Die Thatsachen haben speciell in Oesterreich bewiesen, wie wenig Gewinn, abgesehen von dem entgehenden Nutzen der Agitation, dieser Sammelzionismus bietet. Wer einmal gibt, ohne die Sache zu kennen, gibt ein zweites Mal nicht mehr, entweder, weil er bereits müde ist, für etwas, das