Selbst-Emancipation
- Journal
- Selbst-Emancipation
- Volume
- 1891
- Issue
- Heft 20 (16.10.1891)
- Date
- 1891-10-16
- Page
- Seite 7 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 20. S e l b st - E m a n > e ii p a t-i o n. Seite 7. Literarisches. Wandkarte von Palästina von Markus Löwy in Preßburg. 3. Auflage (siehe Annonce). Wir halten es für unsere Aufgabe, diese Karte, die von einein verdienten greisen jüdischen Gelehrten zum Gebrauche für Schule und Haus eingerichtet wurde, allen Gesinnungsgenossen auf das Wärmste zur Anschaffung zu empfehlen. Die zahlreichen an den Rändern der Karte angebrachten historischen Anmerkungen im Bereine init der Ausführlichkeit der Karte selbst, sind geeignet, das Studium der Geografie Palästinas äußerst bequem zu machen. Auch die neuen C o t o n i e n sind auf der Karte verzeichnet und auf deren Gründung und Beschaffenheit bezügliche Anmerkungen vorhanden. Belletristisches. Vavid Alroy. Aon Benjamin d'JSraeli, Lord of Beaconsfield. 18. Fortsetzung. Der „Fürst der Gefangenschaft" stand zitternd, mit aus den Boden gesenkten Augen da. und hielt sich athemlos an einer Säule. Und als er sich endlich ein wenig-erholt hatte, und cs wagte wieder aufzuschauen, sah er, daß sich die Fürsten wieder niedergelassen, ihren ruhigen und leidenschaftlosen Gesichtern nach, ohnstreitig! seine Gegenwart nicht bemerkend. Dies aber gab ihm! Muth,. und so schritt er denn, nach jeder Seite der - Halle abwechselnd hiustarrcnd, mit festem, aber vielleicht! nur durch Verzweiflung gesicherten Schritte vorwärts. - Er gelangte zu den beiden Thronen, die von den anderen ' abgesondert in der Mitte der Halle ständen. Auf dem einen faß eine edle Gestalt, weit über gewöhnliche Größe, mit übereinandergeschlagenen Armen und gesenkten! Blicken. Ihr Fuß ruhte auf einem zerbrochene» Schwerte! und zersplitterten Scepter, welches bewies, daß sie ein König sei, trotz des mit keiner Krone geschmückten Hauptes. Auf dem gcgenübcrsteheuden Throne saß eine ehrwürdige Gestalt» mit weit herabflicßendem Barte, in ein weißes Gewand gekleidet. Ihr Gesicht war schön, obgleich alt. Das Alter hatte sich hier eingeschlichen ohne seine Schwächen, und die Zeit sie bloß mit ^sanfter Würde und feierlicher Anmuth bekleidet. Das Gesicht des Königs mar mit einem himmlischen Blicke nach oben gerichtet, und indem, er so mit Augen voll Liebe und Preis und Dankeserguß in die Höhe schaute, schienen seine Finger die bebenden Saiten einer goldnen Harfe zu berühren- Und weiter hin, und hoch über allen, auf einem Throne, der sich über die ganze Breite der Halle erstreckte, erglänzte eine erhabene Erscheinung, das Auge des hinstarrenden Alroy glanzvoll blendend. Fünfzig Stufen von Elfenbein, jede Stufe von goldenen Löwen -bewacht" führten zu'einem Throne von Jaspis. Ein funkelndes Licht ergoß sich schimmernd von dem strahlenden Diadem und dem leuchtenden Angesichte Dessen, der auf dem Throne saß — schön wie ein Weib, aber majestätisch wie ein Held. In der. einen'Hand hielt er den Siegel in der anderen ein Scepter. Als Alroy den Fuß des Thrones erreicht hatteblieb er stehen, und sein Herz entsank ihm. Und er betete einige Minuten lang in schweigender Andacht, und ohne eS zu wagen, den Blick zu erheben, schritt er die erste Stufe zum -Throne hinauf, und die zweite und dritte, und so weiter mit leisem, schwankenden Tritte, bis er die neunundvierzigste erreichte. Der. „Fürst der Gefangenschaft" erhob seine Augen. Er stand vor dem Monarchen, Gesicht zu Gesicht. Vergebens versuchte es Alroy, dessen Aufmerksamkeit auf sich zu ziehn, oder seinen Blick zu fesseln. Die großen schwarzen Augen voll übernatürlichen Glanzes schienen fähig, alle Dinge zu.durchdringen und alle Dinge.zu erhellen, aber-sie blitzten, ohne einen Strahl auf Alroy zu werfen. Bleich wie ein Gespenst stand der Pilger, dessen Wanderschaft jetzt am Endpunkte zu sein schien, kalt und -zitternd vor dem Gegenstände all seines Strebens, all seiner Mühen. Aber er dachte an sein Vaterland, sein Volk, seinen Gott, und während seine stumme Lippe den Namen Jehovah's ausnthmete, streckte er-den Arm feierlich-ans und griff mit edler Festigkeit nach dem'unwiderstehlichen Scepter seiner Vorfahren. Und als er es ergriffen, verschwand alles vor seinen Augen.- Stunden oder Jahre könnten für ihn verflossen sein, als Alroy wieder zum Selbstbewußtsein gelangte- Seine Augen langsam öffnend, warf er "einen mrbe- -stimmten Blick umher. Er lag in der Höhle von Gethsemane, hingestreckt auf den Boden. Der Mond war untergcgangeu und der Morgen angebrochen, nur ein einzelner Stern glänzte über den Scheiteln der dunklen Gebirge. Langsam bewegte er seine Glieder, dann wollte er die Hand erheben zu seinem wirren - Haupte, aber sie hielt ein Scepter! Die Erinnerung an das Vergangene kehrte ihm zurück. Er versuchte aufzustehen, und fand, daß er in den Armen eines nieuschlichen Wesens ruhte. Er wand sein Haupt — und begegnete dem sorglichen Blicke Jabastor's! Siebenter Abschnitt. „Euer Schritt ist unstät, Oheim." „So wie mein Geist." „Es wird alles wohl gehen." „Mirjam, wir haben die besten Tage überlebt. Bereite Dich vor auf Kummer, liebes Mädchen. Ich sorge nicht für mich selbst, denn ich bin alt, und das Alter macht uns alle zu Helden. Ich habe geduldet, , und kann noch mehr erdulden. Je näher wir unserenl | Ziele kommen, desto gehärteter scheint unser Geist zu! werden. Ich habe meinen Wohlstand mit der Arbeit - eines gedankenvollen Lebens erbaut, in einem Morgen! zusammenstürzen, und mein Volk, obgleich nur ein; schwacher Ueberrest, doch noch ein Volk, zerstreut ge-! sehen und schlimmer noch. Ich habe geweint über daS-; selbe, obgleich keine Thräne selbstsüchtigen Gcams je j diese verlebte Wange benetzte. Und wäre ich allein — - aber ach! Das ist der Schmerz! Der Trost meiner Tage! ist jetzt meine Sorge. Meine thcure Mirjam mit mir I im Gefängniß, in der düster» Zelle des Kerkers."! „Weint nicht um. mich, theurer Oheim. Lieber j laßt uns beten, daß uns unser Gott nicht verlasse." i „Wir wußten es nicht, als wir uns wohl be-! fanden. Unsere Stunden flössen ruhig dahin, und da j murrten wir. Im Gedeihe» murrten wir, und jetzt sind - wir hart gezüchtigt und mit Recht. Die Kunde des i Vergangenen ist Israels Verderben. Das Vergangene j ist ein Traum, und in der wachenden Gegenwart sollten j wir ihn von uns scheuche»,-diesen entnervenden Schatten, j Warum wollten wir frei sein?-Wir murrten gegen dir i Gefangenschaft. Dies ist Gefangenschaft. Diese dumpfe,! düstre Zelle, wohin man uns brachte, damit wir sterben, j O Jugend, rasche Jugend! Dein Wesen ist Zerstörung.! Noch gestern ein Kind'. . . es ist'mir'als ob'ich ihn . noch gestern in diesen Armen nährte, als ein unbel fangenes Kind . . . und jetzt ist unser Haus gefallen! durch 'seine ‘ That! Ich will > daran 'nicht denken, "es - könnte mich zum Wahnsinn treiben."! „Oheim, theuester Oheim, wir leben zusammen, - und wir-wollen zusammenfterben,und-bcide-nn Liebe: aber ich beschwöre Euch, sprecht nicht so harte Worte gegen David." (Fortsetzung folgt.) Eingesendet. (Für Form und Inhalt dieser Rubrik ist die Redaction nicht verantwortlich.) Sehr geehrter Herr Redacteur! In Ihrem geschätztem Blatte vom 1. Juli l. I. erschien eine Correspondenz aus Kamenetz- Podolsk, in welcher mitgetheilt wurde, daß in Folge der von Herrn S ch o r an den Direktor des dortigen Gymnasiums gerichteten 'Bitte um einen christlichen Hauslehrer,' von demselben''eine Verordnung erlassen worden sei, demzufolge den jüdischen Schülern das Recht, Lectionen zu geben, gänzlich entzogen wurde. Als gewesener Hauslehrer dei Herrn Schar, der die Gelegenheit hatte, ihn durch 1'/« Jahre genau kennen zu lernen, sowie auf meine verläßliche Mittheilung aus Kamenetz-Podolsk gestützt, gebe ich im Interesse der Wahrheit der Meinung Ausdruck, daß die oben genannte Correspondenz keinen Glauben verdient und wahrscheinlich von einem persönlichen Feinde des Herrn Sch o r geschrieben ivurde. — Den jüdischen Schülern zu Kamenetz-Podolsk ist bis jetzt das Recht, in jüdischen Häusern Lectionen zu geben, nicht entzogen worden. Ferner hat Herr Schar, wie ich genau iveiß, während der letzten Ferien einen jüdischen Lehrer, Herrn stud. med. Ni unk aus Dorpat, was nicht der Fall gewesen wäre, wenn Herr Schar wirklich die erwähnte Bitte an dem Director des Gymnasiums -gestellt hätte. Ich muß noch hiirzufügen, daß Herr Schar ein begeisterter Nationaljude und schon deshalb eines derartigen Vergehens nicht fähig ist. Mit vorzüglicher Achtung S tu d. m e d. Jacob R o s e n b l ü t h, derzeit in Wie». An unsere englischen und nordamerikanischen Stammesn. Glaubensgenossen ohne Unterschied der Parteistellung! Die hiesige „Israelitische Wochenschrift" ent hielt in ihrer letzten Rümmer eine Schilderung des unsäglichen Elends unserer aus Rußland vertriebenen Brüder, die der Feder eines Augenzeugen, des Lehrers I. Speyer aus der preusssich-rusfischen Grenzstadt Eydtkuhnen entstammt. Speyer hat die Aufmerksamkeit insbesondere auch auf die beklagenswerthen jungen Mädchrn gelenkt, die man tagtäglich ohne jeden Anhang durchwandern sehe, und deren Zukunft sich unschwer errathen lasse. In der That kann es wohl kaum einem Zweifel unterliegen, -daß fast alle diese heimaths-, familien-, mittel- und beschäftigungslosen Mädchen der Schande anheimfallen werden, wenn nicht von Seiten unserer Stammesgenossen in England und Nordamerika, wohin sich ja, wenn auch England meist nur als Durchgangsstation dient, der Auswandererstrom größtentheils richtet, diesem traurigen Schicksal bei Zeiten vorgebeugt werden wird. Wir sehen, wie z. B. die Deutschen Vereine gegründet haben, um sogar solchen Mädchen ihres Volkes, die durch eigene Schuld gestrauchelt sind, wieder emporzuhelsen; und wir Juden sollten zaudern, die durch fremde Barbarei in's Unglück gestoßenen Töchter unseres Volkes vor dem Abgrunde zu retten? Wer noch ein Herz für Israel hat, der arbeite mit an dem Werke, von Israels Jungfrauen die unverschuldete Schmach abzuwehren! Mancherlei kann da gethan werden, was sich hier nicht alles aufzählen läßt: man kann die jungen Mädchen iu anständigen jüdischen Häusern als Dienstmädchen unterbringen, besondere Heimstätten für sie errichten u. s. w. Schreiber dieser Zeilen wendet sich deshalb an alle ' Leser -dieses Blattes in England und Nordamerika und wohin sonst immer die Answanderer kommen mögen, mit der dringenden Bitte, seinen Gedanken weiteste Verbreitung zu schaffen, und ersucht ganz besonders auch sämmtliche jüdische Zeitungen dieser Länder ohne Unterschied der Parteistellung, für die in großem Maßstabe zu -o r g a n k s i'r c n d e Ausführung seines Gedankens wirken zu wollen. Möge ein jeder.Jsraelit, gleichviel welcher Partei er auch angehören mag, sich dessen bewußt werden, daß es zu seinen dringendsten, aber auch zu seinen schönsten Pflichten gehört, unsere unglücklichen, unschuldig in der Welt hertimgehetzten Schwestern der Menschheit und unserem Volke zw retten und zu erhalten. Magdeburg, t>. October 18dl. Dr. L.