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Selbst-Emancipation · 1891-10-16 · Heft 20 (16.10.1891) · p. Seite 6

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Journal
Selbst-Emancipation
Volume
1891
Issue
Heft 20 (16.10.1891)
Date
1891-10-16
Page
Seite 6 (sequence 6)
Language
German
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S e l b'st - E m a n c i p ä t l on- Rr^ 20. mit seiner ganzen Familie — nicht einmal seine alte kranke Mutter wurde geschont, und seine Kinder holte man aus der Schule — neuerdings festgegcnommen, nach 25stündiger Haft auf einen Wagen nach Rußland (Tauroggen) geschafft. Der dortige Jsprawnik hatte aus Gefälligkeit die Grenze geöffnet. Nach Chweidan gebracht, blieb die Familie daselbst etwa 14 Tage; um schließlich wieder nach Preußen zurückgeschickt zu werden. Inzwischen hatte der Landrath von Heydekrug behufs der Hereinbringung der Vollstreckungskostcn Alles, was sich auf dem Grundstück Blo ch's vorfand, verkaufen lassen, so daß dieser außer seinem Grundstück, das er nicht bewohnen darf, nichts mehr oder sehr wenig sein eigen nennt. Gcgenwärttg weilt Bloch in Memel, wo er neuerliche Schritte macht, um im Lande bleiben zu dürfen. — Der jüdische Kaufmann Julius Frank in Radegast (Anhalt), der einzige Jude des Ortes, wurde, als er abends vor seinem Hause stand, vom Schlage gerührt. Seine Frau, halbtodt vor Schreck, rief um Hilfe. Es siel aber den Nachbarn, trotzdem sie die Hilferufe, hörten, nicht ein, denselben Folge zu leisten. Auch als der Leichnam des Mannes, der viel für die Stadt geleistet hatte, nach dem benachbarten Cöthen gebracht werden sollte, legte kein Radegaster Hand an, um den Sarg. auf. den Leichenwagen zu heben, und keiner gab sich Mühe, dem Wagen auch nur einige Schritte zu folgen. Frank hatte sich und seine zahlreiche Familie ehrlich durchgebracht. Die Hinterbliebenen wollen nach Berlin übcrstedeln. Radegast, wo auch die Kinder Fra nk's stets in der Schule verhöhnt wurden, ist ihnen begreiflicher Weise widerwärtig geworden. . (Aus Ungarn.) In Tckpio-Szele predigt im dortigen Tempel der neologen jüd. Gemeinde ein Rabbiner Lichtenst c i n die Identität d er jüdischen'Religion mit der des Christenthums. Der Sohn dieses Mannes ist Irrenarzt in Budapest und behauptet,; daß sein Vater krank sei. Soviel wir wiffen, ist L i ch t e n st e r n mit den Miffionären innig liirt. Dieselben versuchen es in Ungarn, wo die Assimilation florirt, mit diesem hochassimilatorischen. Rabbiner, während sie in Rußland, wo das Judenthüm' national geworden ist, die famose „national-jüdische christgläubige Bewegung" unter Leitung des famosen Rabbinowitsch aus Kischineff angezettelt haben.— Daß die guten Leute noch immer nicht müde werden! Glauben sie, denn wirklich noch nach so, vielen Mißerfolgen, daß ihnen die Juden ' auf den Leim gehen werden? Alle ihre vertheilten, Bibelchen und Traktätchen üben fast gär keines Wirkung aus, und geht 'einmal Einer auf ihre Anträge ein, dann sind, sie erst recht die Gefoppten. Uebrigens, werden wir noch gelegentlich auf diese eigenartigen Fanattker ausführlicher zurückkommen. („Die Arbeit") betitelt sich eine von Ch. R. Reichend e r g seit 15. d. M. in Wien herausgegebene Monatsschrift, , Das Blatt be-, zeichnet sich, als „Organ zur Förderung der Arbeitsgelegenheit für die arme Bevölkerung Galiziens und der Bukowina, ohne Unterschiä der Confeffion". Der Redacteur scheint langathmige Titel zu lieben, das zeigte er schon, gelegentlich, der Herausgabe einer von uns bereits besprochenen Studie über die Verwendung der Baron Hirsch- Sttftung. „Die Arbeit" ist auch nichts anderes als eine Fortsetzung jener Brochure, nur daß das Blatt den „confesstonslosen" Character. annimmt. Die uns vorliegende Stummer führt die Idee, der armen Bevölkerung. Galiziens durch industrielle Unlagen, welche sich auch für die Unternehmer rentabel gestalten würden, aufzuhelsen, in sachlicher Weise aus, und hoffentlich werden die folgenden Nummern hinter .der ersten nicht zurückbleiben. Es ist zwar.einigermaßen befremdend, daß dem Redacteur die „Fabriksschlotte" gar so große Bewunderung abringen und er das Elend der Fabriksarbetter nicht zu kennen scheint; aber man kann seinen Standpunkt begreiflich finden, wenn man das Elend des Galiziers und namentlich des galizischen Judenbetrachtet und' findet, daß es noch gräßlicher ist, weil die Arbeitsgelegenheit fast ganz mangelt. (Bortrag.) Samstag, den 10. d. M. hielt Herr cand. jur. I. K o h n im akad. Vereine „K a d i m a h" in Wien einen höchst interessanten ' Vortrag über „die Geschichte der Juden in Polen", welcher von den zahlreich erschienenen Mitgliedern und Gästen mit großem Beifall ausgenommen („Admath Israel"), der Palästina- Colonisattonsverein in Stryj hat zum Vcrsöhnungstage einen Aufruf erlassen, der theils in hebräischer Sprache, theils in deutscher Sprache mit hebräischen Lettern in beredten Worten zu Spendenlcistungen auffordert. (Die „Allgemeine Zeitung des Judenthums") in Berlin versieht einen die Colonisation Palästinas vertretenden Artikel unseres gesch. Gesinnungsgenoffen Dr. M. I. B odenheimer mit folgender Redactionsbemcrkung: „Dem Grundsatz der Unparteilichkeit getreu (die „A. Z. d. I." nennt sich nämlich „ein unparteiisches Organ für alles jüdische Interesse". Die Red.) öffnen wir auch einem Gegner unserer Anschauungen gern die Spalten der A. Z. d. I., obwohl wir gestehen, daß uns auch diese Aueßerungen des geschätzten Mitarbeiters nicht in der llcberzeugung zu beirren vermochte, daß Palästina' und überhaupt der Orient nicht für die Colonisatton der russischen Juden geeignet sind. Im' klebrigen erklären wir hiemit diese unftuchtbare (!) Zcitungspolemik (Der Kampf für und gegen Palästina geht nämlich schon durch mehrere Nummern der „A. Z. d. I." und ist der zionsgcgnerische Kämpfer ein gewisser, Herr T r a u b enber g, mit dessen Ansichten wir' uns schon in unserem Blatte beschäftigt haben. Die Red.) für abgeschlossen." (Die Lage der russischen Inden.) Der amerikanische Politiker Poutney-Bigelow hat eine dreimonatliche Reise durch Südrußland gemacht und will auf derselben bemerkt haben, daß d-.e Juden gegenüber den Deutschen, Polen und anderen nichtorthodoxen Christen noch oerhältnißmäßig am wenigsten leiden. Wir wollen mit ihm über das Mehr oder Weniger nicht streiten und begnügen uns damit, einen Satz aus seinem Urtheile, daß er einem Berichterstatter der „New-Iorker affociirten Presse" gegenüber äußerte, wiedcrzügeben. „Die Juden", meint er, „mit ihren Geldgeschäften, gewohnt von einem' Lande nach dem anderen zu ziehen, leiden vielleicht am wenigsten." ' ' (In Zawierci»,) Russisch-Polen, haben am 12.' und 13. September a. St. Judcnunruhen stattgefunden." (Korfu.) Nach einer Meldung des amtlichen Telegraphen theilt die in Athen erscheinende Zeitung „Ephimeris" mit, daß die ' gerichtliche Untersuchung evident den, Nachweis erbracht. hat,, daß das Mädchen, dessen Ermordung, seiner Zeit, die Unruhen aus Korfu hervörgerufen, nicht , nur' jüdischer Abstammung war, sondern' auch bis zum Tode sich bei seinen jüdischen Verwandten ausgehalten hat. Damit fällt auch für den beschränktesten Kopf der Grund zur Annahme eines rituellen Mordes. — Interessant ist der Umstand, daß die Zeitung „Ephimeris" der famosen „Kreuzzeitung" als Häuptquelle für die Annahme eines rituellen Mordes'diente. , , (Rumänien) benützt vergnügt die russisch-, jüdischen Ereignisse und. die angeblich russischjüdische „Invasion", um auch etwas zu leisten. Locale Volkszählung^,Ausweisungen u. s.w.sind auf. der Tagesordnung. So wurde z, B. in Co- , manesü dem Juden Josef A r g i n t a r u, einem der wenigen durch Naturalisation Beglückten und gewesenen Soldaten barsch bemerkt, daß in Rumänien „jeder "Jude" einen Paß'haben inüsse. Als aber A rg i n t a r u, da nicht nur "ein natu-' ralisirter," sondern auch ein bloß im' Lände geborener Jude keinen Paß haben muß, einen solchen auch wirklich nicht vorweiscn konnte, wurde er in die Volkszählungsliste als „mit nicht geregelter bürgerlicher Position", d. i. als Ausweisungscandidät eingetragen. Ausweisungen von Juden kämen in den Kreisen Braila, Bailau. s. w. vor. Man sicht, wie weit es mit der angeblich in der parlamentarischen Verfassungsform liegen sollenden Garantie für ein besseres Loos der Juden her ist. (In Paris) fand am 29. September im israelitischen Tempel der Rue de la Victoirc die feierliche Jnstallirung des neuernannten Groß-' rabbiners von Paris, des Herrn , I. H. Drei-' f u ß, statt. Der Großrabbiner von Frankreich, Herr Zadoc - Kahn, sowie der neuernannte Großrabbincr von Paris hielten Ansprachen. ", (Der jüdische Soeialistenführer Kohan) aus Rew-Iork hat sich auf dein Brüsseler Arbeitercongresse damit gebrüstet, daß das von ihin redigirte socialistische Jargonblatt „A rb e i tcr-Zeitu n g" 8000 Abonnenten zähle. Die „Hapisgah" in Baltimore versichert, daß es bloß 3000 habe und Herr Cohän einfachsaufschneide. ' (Aus Amerika.) ' Am' 28. September fand iu New-A o rk eine Versammlung statt,, welche über Maßregeln zur Unterstützung der aus Rußland nach Amerika geflüchteten Juden berathen sollte. Es waren 75 hervorragende Israeliten aus allen Theilen des Landes anwesend. Zum Präsidenten wurde Lewis S c a s o n g o o d aus Cincinnate gewählt. Man entschied sich für Ernennung' eines Exccutiv-Comitäs, das den Operationsplan ' der Organisation, deren Gesetze u. s. w. entwerfen und darüber ' der Versammlung berichten sollte. Das Execntiv-Comit6 trat sofort zusammen und berichtete später über' eine Reihe von Beschlüssen, welche einstimmig ängenommen wurden. Die Organisation heißt: ,/Comit6 behufs Verbesserung der Verhältnisse der russisschen Flüchtlinge." Der Zweck des Comitäs ist,' den russischen Flüchtlingen Heimstätten und Beschäftigung zu > verschaffen, ihnen Unterricht in der englischen Sprache ertheilen zu lassen und sie zum Ackerbau und zu industriellen Beschäftigungen zu ermuntern. Wie mitgetheilt wurde, sind seit'Septeniber vok! Jahres bis August d. I. 56,727 russisch-jüdische Flüchtlinge in Skew-Z)örk angekominen, ' (Die Colonien des Baron Hirsch.) Die' Zeitungen berichten über die beginnende Errichtung von Colonien in, Kleinasien (bei Smyrna)' und! im südöstlichen Argentinien. Die erste argen-, tinische Cöloni? werde,,nach dem Vornamen, des Barons, Mauritio, heißen. . , . (Personalnachrikhten.) -r- Unser Gesinnungsgenosse, Herr Ingenieur Moritz H o,r n in Stanislau, hat sich mit Fräulein Toni Pohl, aus Brezany verlobt.,—Unser Gesinnungsgenosse, Herr Dr.,,Siegmund St rach, Secundararzt im allgcm. Krankcnhause in Wien, hat. sich mit Frl.. Adele-,S ch i m e t.s.ch.e k aus Austerlitz verlobt.,^-. Der Vater des! verdienten, Rabbiners -Dr< M. G r ü n w a l d in- Jungbunzlau, feiert . Erev Sukkoth seinen 70. Geburtstag. , Der Jubilar, sieht auf, ein langjähriges, segensreiches Wirken als Religionslehrer in Bisenz, Ung. Ostrau ,und! Ung. Hradisch zurück und verbringt jetzt seine alten Tage in. Bisenz. ^—, Herr. Obcrcantor Bau e r vom türkischen Tempel in . Wien hat von der hohen Statthalterei die Eoiicession. zur Er- , richtung-einer, Cantorenschule nach sephardischem , Ritus erhalten. — Herr A. Z. Z up.ni k, Re-. dacteur, der, „Drohobyczer Zeitung", . hat durch den Tod seiner Frau einen.herben Verlust, erlitten.—Herr B en -Ic h ud a,, Redacteur des, „Haor" in Jerusalem, hat seine Gattin verloren.

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