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Selbst-Emancipation · 1891-10-16 · Heft 20 (16.10.1891) · p. Seite 5

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Journal
Selbst-Emancipation
Volume
1891
Issue
Heft 20 (16.10.1891)
Date
1891-10-16
Page
Seite 5 (sequence 5)
Language
German
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Nr. 20. S e l b st - E man e i p a. t i o n. England. London, am 9. Tischri 5652. Mit dem neuen Jahre hat auch die Saison für die zionistische und nationalhebräische Sache, wofür seit der denkwürdigen großen Versammlung unter Vorsitz des Herrn Montague, in der Oesfenttichkeit über den Sommer weniger gethan wurde, hier begonnen. Eine Uebersetzung der Brochure „Autoemancipation" von Dr. Pinsker in's Englische ist von Herrn Finkelstein besorgt worden, der sich auch schon durch Uebersetzung der russischen Brochure „Die Renaissance des jüd. Volkes rc." von Lilien b lum, verdient gemacht hat. Die englische Uebersetzung der „Autoemancipation" soll nach den Festtagen in Druck erscheinen, und steht zu hoffen, daß sie zur Klärung der Ansichten über den Weg, der bei der Realisirung der Baron Hirsch'schen Colonisationspläne cinzuschlägen ist, beitragen wird. Allem Anscheine nach werden die Würfel hierüber hier in London fallen, wo nicht nur der ofsicielle Sitz des Comitäs der jüdischen Colonisirungs-Gescllschaft, sondern auch thatsächlich der Sitz der meisten Unterzeichneten Theilhaber der Gesellschaft ist. Andererseits wird 'ivon den „Chovevei Zion" dafür Sorge getragen werden, die Colonisation im Lande unserer Väter zu fördern und die Schwierigkeiten zu beseitigen, die neueren Datum's sind. Es sollen fortan wiederum wie im letzten Winter, alle 14 Tage Versammlungen abgehalten werden und möglichst viele unserer englischen Brüder dadurch zum Beitritt zu dem Chovevei Zion-Verein und zur treue» Arbeit für unsere Bestrebungen bewogen werden. Solche Versammlungen sind es gewesen, welche die hiesige Zionisten zu dem gemacht haben, was sic heute sind: eine der besten und zielbewußtesten, wenn auch bisher wenig praktischen Truppen im Kampfe für die Wiederaufrichtung unseres Volkes. Mit jeder Versammlung wuchs nicht nur die Zahl der Mitglieder der Chovevei Zion, sondern vermehrte sich auch und wuchs die Theilnahme für Erez Israel und das jüdische Nationalgefühl der einflußreichen englischen Brüder, die einmal für die Sache gewonnen, ihr ganzes Können und ihren ganzen Einfluß in deren Dienst stellten. Den Reigen solcher Versammlungen im heurigen Winter, von welchen wir noch großen Erfolg erwarten, eröffneten gestern die Chovevei Zion im Dsten der Stadt. Es präsidirte Herr Joseph Prag. Derselbe wies auf die beabsichtigte häufigere Abhaltung von Versammlungen hin; zuvor las er noch einen Brief des Führers der englischen Nationaljuden Oberst Goldsmid vor, in welchem derselbe sein Bedauern darüber ausdrückte, daß er wegen eines in seinem Wohnhäuse am selben Tage ausgebrochenen Feuers vielleicht am Erscheinen verhindert sein werde. Herr Prag ertheilte dann Herrn Dr: Hirsch, dem Secretär der Chovevei Zion in London, das Wort. Derselbe beleuchtete' an der Hand der Paul Dimidow'schen Brochure „Wo hinaus?" den Colonisationsstand in Palästina, erklärte nichts gegen 'Argentinien sagen zu wollen, weil doch Erez Israel ohnehin nicht Raum für alle Vertriebenen biete, und versicherte zum Schluß, daß von einflußreicher Seite versprochen wurde, bei Unterstützungen aus dem Fondsfür die russischen Juden, mit dessen Sammlung dieser Tage begonnen wird, auch Palästina zu bedenken. Stach Herrn Dr. Hirsch erhielt Herr M a c o b i das Wort. Allein der Vorsitzende hatte die Rechnung doch ohne die wahrhaft aufopferungsvolle Hingabe an unsere Sache von Seite des Herrn Oberst Goldsmid gemacht. Wie es eben einem echten Militär geziemt, ließ sich Colonel G o l d s m i d durch die ausgestandene Gemüthserregung nicht abhalten, zu erscheinen. Er kani gerade bei den ersten Worten des Herrn Macobi. Grenzenloser Jubel begrüßte ihn. Die Versammelten, gegen 2000 Personen, erhoben sich größtentheils von den Sitzen, schwenkten die Hüte und brachten donnernde Hochs aus. Seit der letzten großen Versammlung zur Unterzeichnung der bekannten Petition hatte Herr G o l d s m i d keine Gelegenheit genommen, vor den Chovevei Zion in weiterer Öffentlichkeit zu sprechen; es war aber den: Publicum nicht und kannt geblieben, daß er in der Zwischenzeit keineswegs die Hände in den Schoß gelegt, sondern, daß er Reisen unternommen, Unterredungen gehabt und Berathungen beigewohnt, mit einem Wort, daß er rastlos für die Sache gearbeitet habe. Dies erklärt den begeisterten Empfang, der ihm bereitet wurde. Herr M a c o b i verzichtete auch seinerseits auf die Fortsetzung seiner begonnenen Rede, um Herrn Goldsmid sprechen zu lassen. Colonel Goldsmid begann in seiner klaren und ruhigen Weise. Er erzählte von seiner Conferenz mit den russischen, deutschen und pariser Choveve Zion, erklärte dann, daß man in England auch bald an die Gründung einer Colonie in Palästina gehen müsse, dabei wären vorzüglich die schon in Palästina Befindlichen als Eolonisten zu berücksichtigen. Es müsse auch für die hebräische Sprache etwas gethan werden; ein Preis soll ausgesetzt werden für ein hebräisches Converjationsbnch, das den Kindern der Chovevei Zion znm Gebrauch in die Hand gegeben werden solle. Mit dem Chef-Rabbi solle darüber verhandelt werden, was bei der Erziehung der jüdischen Kinder in London in dieser Hinsicht gethan werden könne. Man müsse endlich einmal den Geist des Ghetto abschüttcln und immer eingedenk der nationalen Zukunft bleiben. Redner streifte auch den Umstand, daß die letzthin hier cingewandcrten Juden sich nicht naturalisirt haben. Dies habe insoserne Nachtheile für sie, als sie bei etwaiger Auswanderung nach Palästina noch als russische Juden behandelt werden würden und ihnen die Landung demzufolge auch nicht gestattet würde. Auf das Verbot der Landung russischer Juden in den Häfen Palästinas übergehend, erklärte Herr Golds ni i d, daß eine Delegation an den Sultan zur Erlangung eines Firmans geplant werde. Es sollen über diesen Punkt noch weitere Verhandlungen mit der „Alliance Jsraelite Universelle" stattfinden. Reichlich gespendeter Beifall folgte den Ausführungen des Redners. Herr M a c o b i nahm alsdann seine vorhin unterbrochene Rede wieder auf. In dem idiomatischen Deutsch, das allgemein von den Juden verstanden wird, hielt er eine seiner glänzendsten Reden. Es war nur eine Stimme darüber, daß der Redner an diesem Abend, dem ersten Vcrsammlungsabcnd der Chovevei Zion in diesem Jahre, sich selber übcrtroffen habe. Der erste Theil seiner Rede war ein Meisterstück sowohl nach Form, soweit davon bei dem Dialecte die Rede sein kann, wie nach Inhalt. Seine Argumente für die Colonisation waren schlagend und überzeugend, seine Ausführungen über die Juden in der Zerstreuung trafen den Nagel aus den Kopf und seine Widerlegung der gegnerischen Einwürfe war so zermalmend, und wo sie sich ßcgen die „religiösen" Widersacher, d. h. die Gegner ans „Religion" wandte, so treffend und von solch' glücklichem Humor und manchmal niederschmetterndem Witze, daß es begreiflich erscheint, wenn ein englischer Christ, der einer Versammlung der Chovevei Zion im vorigen Jahre beiwohnte und 50 Pfund Sterling dem Vereine zukommen ließ, schreiben konnte, daß nach dem Beifall, den er die versammelten Juden dem Mr. M a c o b i zollen sah, er den jüdischen Mazzini vor sich zu sehen glaubte. Rach der Rede des Herrn Macobi wurde die Versammlung mit der üblichen Danksagung des Präsidenten geschlossen. Alle Versammelten nahmen den Eindruck mit, daß nach einem so glücklichen Anfang der diesjährigen Agitation eine Reihe großer Erfolge in Zukunst zu erwarten stehe. Ben-Arjeh. Türkei. P u l ä st i u a. Jer»sa1e,u, 2. October 1891. Herr Unioersitätsprofesjor Josef Hatevy aus Paris, von dessen Aufenthalt in Jerusalem ich Ihnen neulich erzählte, besuchte in den letzten Tagen die Eolonien. Er wurde überall mit allen Ehren empfangen und ließ sich besonders angelegen sein, den Coloniste» die Pstrge der hebräischen Sprache auf das wärmste zu empfehlen. Speciell in Sichron Jacob hielt er eine besonders zündende Ansprache über dieses Thema und forderte auf, sich im Falle eines Würtermangels an den wieder begründeten hebräischen Sprachverein in Jerusalem zu wenden. Große Freude bereitete es Professor H a l e v y sich mit der Fran des Eolonisten C i p r i n eine Viertelstunde laug hebräisch unterhalten zu können. In R i s ch on l'Zi»n erzielten die Eolonisten für Trauben einen Erlös von 17000 Frcs., um 8000 Frcs. mehr als im Vorjahre. Unterstützungen werden in Folge dessen nur mehr zwei Eolonisten erhalten, da die anderen einen die Höhe der Unterstützungen übersteigenden Gewinn durch Verkauf der Trauben hatten. Demnächst wird zu keltern begonnen werden. Der Bau einer neuen großen Kelter ist schon für die allernächste Zeit geplant, da sich die bisherige zu klein erweist. Auch die Eolonien Gadrah und'Pethach T h i k w a h haben ihre Trauben zu günstigem Preise verkauft. Es verlautet, daß der Leiter des Executivcomites des Odessacr Palästina - Vereines in Jaffa, Herr Ingenieur T e m k i n, nach Snkkolh von seiner Reise nach Europa zurückkehren wird. Amithi. Lhronik. (Golnsblüthen.) In voriger 'Nummer berichteten wir von den antisemitischen Privatvergnügungen des Aintsrichters W i e d e m a n n in Breslau. Wir erzählten aber nicht von dem Gerüchte, wonach ihn dieselben seine Richterstelle gekostet hätten, weil wir in Bezug auf solche Sagen sehr ungläubig sind. Thatsächlich hat Herr Wiede mann nach Beendigung eines zweimonatlichen Urlaubs am 1. October seine amtliche Thätigkeit ivieder aufgcnoinmen. — Der jüdische Schindelmacher und Dachdecker Hirsch Bloch in Heydekrug (Ostpreußen) hatte es daselbst zu einigem Wohlstand gebracht. Im Jahre 1874 kaufte er sich ein Grundstück, auf welchem er neben seiner Dachdeckerei für seine Frau eine Bäckerei einrichtete. Trotz alledem und obwohl der Mann schon über 33 Jahre im Orte wohnte, wurde er 1885 ausgewiesen. Ueber ein Gesuch der Bewohner des Kreises' Heydekrug, worin Bloch als unentbehrlich bezeichnet wurde, und weil sich seine Heimat nicht ermitteln ließ, durste er bleiben. Im Jahre 1889 traf ihn eine neuerliche Ausweisung. Man wollte seine Heimat in dem russischen Städtchen Chweidai» ausfindig gemacht haben, und sollte sein eigentlicher Name G luchsein. Der Stadtrath von Chweida» wollte von ihm nichts wisse», und ließ ihn wieder über die Grenze nach Preußen spediren. Nach Heydekrug zurückgekehrt, wurde er eingejperrt und erst wieder freigelasfen, als sich herausstellte, daß er doch der wirkliche und wahrhaftige Bloch sei. Doch mit des Golus Mächten ist kein ewiger Bund zu flechten. Im August d. I. wurde er

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