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Selbst-Emancipation · 1891-10-16 · Heft 20 (16.10.1891) · p. Seite 4

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Journal
Selbst-Emancipation
Volume
1891
Issue
Heft 20 (16.10.1891)
Date
1891-10-16
Page
Seite 4 (sequence 4)
Language
German
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Seite 4. S e löst - E m an ei p at i o n. m 20. Verwalter des bekannten Baron Hirsch-. Fonds eine Anzahl von ihren früheren. Besitzern verlaffener Farmen angekauft und mit aus .Rußland ansgewaiüwrten Juden besiedelt worden. Da die Farmen aber nicht groß und nicht ertragreich genug sind, um sämmtlichen dort angesiedelten Colonisten Lebensunterhalt zu gewähren, sahen sich viele der Letzteren genöthigt, sich nach einem anderen Erwerbszweig umzusehen. Die meisten derselben verlegten sich auf das Hausirergewerbe, und die Folge war, daß die Städtchen und Dörfer des mittleren Connecticut von Hausirern geradezu überlaufen waren. Da die Concurrenz derselben eine so große, mag es wohl vorgekommen sein, daß sich manche Hausirer den biederen Farmern des Netmeg-Staats ihre. Schuhbandel, Stecknadeln und sonstigen Kostbarkeiten etwas gar zu aufdringlich anzupreisen bemühte, vielleicht gar dabei unverschämt wurden; kurz, die Folge ist, daß sich unter der dortigen Landbevölkerung eine regelrechte antisemitische Bewegung. entwickelt hat, die sich jedoch nicht gegen die schon längst im Staate unfähigen Js-. raeliten, welche ja alle gute amerikanische Bürger sind, sondern ausschließlich gegen die erst kürzlich und in Masse eingewandertcn russischen Juden richtet. Aehnliches wird, übrigens auch aus Philadelphia, Pa., Rochester, N. 2)., und anderen Jnlandstädten und Dörfern berichtet." In den verschiedenen Artikeln, welche wir für Palästina, und gegen Amerika veröffentlichten,, hoben wir stets die Gefahr des Rückfalls in den Schacher hervor, welche jüdischen Colonisten, in Amerika drohe. Wir entwarfen . ein Art Programm des Mißlingens jüdischamerikanischer Eolonisation; nach dem Vorstehenden scheint dieses Programm inne gehalten zu werden. Die „A. Z. d. I." hat aber Unrecht, wenn, sie in einer Anmerkung nur von „von uns , (der „A. Z.d. I.") hänfig genug vorausgesagten Folgen der ungeordneten vorzeitigen Auswanderung" spricht. Auch die Gründung , der palästinensischen Colonien geschah in Folge einer ungeordneten, vorzeitigen Auswanderung, sie haben auch darunter zu leiden gehabt, aber vor dem Wiederherabstnken zur Schacherei und Hausirerei des Golus blieben, die Ansiedler bewahrt. . Daß das nicht geschah und nicht so leicht geschehen kann, ist. eben einer ,, der schwerwiegendsten Vorzüge der Colonisatiyn in Palästina. '. . r . *) Rodhajce. Mel Staub wirbelte in den letzten Wochen' die sogenannte Podhäjcer Affaire in - Galizien auf. Dieselbe wirst ein grelles Licht auf die -Beziehungen der Polen zu uns Juden. Nach dem, was man so oft hört, hat es wirklich den Anschein, als ob uns wirklich die Polen für sich gewinnen wollen; als ob sie es ehrlich bedauern; daß sich die dunklen jüdischen Massen mit einer chinesischen Mauer umgeben, und ihnen die polnischen Ideale nicht zugänglich seien. Wir hören auch den Appell an den gebildeten Theil der Judenheit, daß er mit allen Kräften Einfluß auf 'diese Masten zu erlangen; und diesen zur - Affimilation zu benutzen - trachte. Sollte ein solcher an die Mische Intelligenz gerichteter Appell nicht glauben machen, daß wenigstens die intelligenten Inden als Polen, als Söhne einer Mutter, als würdige Mitglieder des polnischen Volkes betrachtet werden, und so also gleiche Rechte mit den Polen zu Haben verdienen? Die Podhäjcer Affaire gibt unseren Assimilatoren eine demüthigende Antwort auf diese Frage/ ' Herr Dr. Sigmund Lilienseld und sein Bruder nahmen Güter-im Kreise- Podhajce (Ost-Galizien) von einer Versicherungsgesellschaft' in Krakau nur in Pacht (nicht - etwa ins - Eigen- Aus dem Polnischen übersetzt. thum), und sofort begannen alle inländischen Zeitungen Alarm darüber zu schlagen, daß diese Gütern» fremde (!) Hände übergegangen seien, daß diese.Gesellschaft, indem sic diese Güter Juden gegeben habe, eine unpatriotische (!), unbürgerliche (!), antinationale (!) That begangen habe, daß das eine „nationale Expropriation" sei u. s. w. So schreiben die angesehensten Zeitungen, und was erst die anderen? Mehrere Wochen wird nun schon die Angelegenheit besprochen und man läßt nichts unversucht, um den Juden die Pacht zu entreißen. - . . . ... Wenn schon die Polen selbst offenherzig und deutlich ihr Verhältniß zu den.Juden besprechen,-haben da noch die Herren Mitarbeiter der „Ojczyzna". das Gewissen, uns die Assimilation zu empfehlen? Dürfen wir . uns weiter an unsere arischen Brüder halten und uns ihren moralischen Fußstößen aussetzen? . Haben wir noch wenig Demüthigung und Schande erfahren? Wir haben selbst ein Vaterland, das unselige; suchen wir . daher nicht fremde und. uns versperrte. - Indem wir vor fremden Thüren betteln verlieren wir die Zeit zur Arbeit für die Sclbstemancipation! Tarnow, Zom Gedaljah 5652. ’ Ein gewesener Pole. ' Original- Korrespondenzen. Gefterreich-Angarn. Wien, den 15- Oktober 1891. Das Parlament ist eröffnet. Damit beginnt auch die Hochsaison für den Antisemitismus .und den Antiantisemitismus. Die änison morte war übrigens auch lebendig; und in den Spalten manches jüdischen Mattes und der „Wiener Sonn- und Montagszeitung" wurden dem Antisemitismus große Schlachten geliefert. Zu den gedruckten Kämpfen werden nun Redekämpfe sich gesellen, welche man dann inden Blättern behaglich weiterspinnen kann. S ch n cid e r, der übrigens seine parlamentarische Thättgkeit in dieser Session mit - einer Wanderung durch alle Reichrathsbänke, auf welcher . er Wahlzettelin seinem Sinne ,^corrigirte",' begann; wird wieder ..die Worte jüdischer Abgeordneter für eitel .Wind, hinnehmen; und diese werden wieder, so oft es ihnen ihre christlichen Parteigenossen nicht verübeln, Philippiken gegen den Antisemitismus - loslässen. Dr. B h k wird gewiß wieder aus - dem Borne polnischer Humanität und Duldung Balsam lauf -die wunden Herzen der Juden träufeln, uneingedenk dessen, daß .die nächsten- Ferien-seinen-Ideen ein-zweites „Podhajce" bereiten l können, —l- Auch.der „Verein' zur-Abwehr des - Anttsemittsinus" wird wohl. int - Winter seine . Thättgkett wieder schärfer aufnehmen. Die Lage der. Juden verschlimmert sich Hierzulande. Die drei Buben -im Alter von.9 . bis 14 -Jahren, welche; am Kol nidre-Abend faustgroße Steine durch die Fenster des Tempels im Wiener Bezirke Rudolfsheim schleuderten, / sind ein böses Symptom, denn es liegt viel. Sinn im kindischen Spiel: Krakau, den 9. October 1891. Die hiesige Feuerversicherungs-Gesellschaft „Florianka" hat einen Gütercomplex bei Podhajce an die Herren Lilienthal undConsorten auf 20 Jahre verpachtet. Wer da nicht die Jeremiaden der gesummten polnischen Presse gelesen hat! Da wurde die - ,;Florianka" recht hergenommen, insbesondere . ihr Director, daß er so unpatriottsch gehandelt, einem- Juden, wenn auch unter für die Gesellschaft sehr günstigen -Bedingungen polnischen Boden auf so langer Zeit zu überlassen: Nicht nur die -bekannten antisemitischen Blätter wie „Curjer polski", ^Noiva" Reforma", auch der officielle „Czas" und andere Blätter, welche immer bei jeder paffenden- und unpassenden Gelegenheit von der Toleranz und Noblesse, der galizischen Polen.den Juden gegenüber prahlen, auch, sie warfen sich mit einem Heißhunger auf dieses Thema, forderten ungestüm die Gesellschaft auf, den Vertrag mit Lilienthal zu lösen, und den Director der „Florianka". zur Demission zu zwingen. Ja noch weiter, der Gesellschaft wurde die Lösung des Vertrages als conditio sine qua non gestellt und mit einer Agitation gedroht, welche den Bestand der „Florianka".in Frage stellen konnte. . Jetzt geben die polnischen Blätter Contredampf. Herr Lilienthal tritt vom Verttagc zurück, und jetzt herrscht lauter Jubel auf der ganzen polnischen Linie. Ein hiesiges polnisches Blatt bemerkt zu der Resignation Li lienth al's, daß dies eine wahre patriotische That sei, und daß alle Polen Herrn L i l i e n: h a l zu Dank verpflichtet seien. (!) Wer lacht nicht über diese Tragikomödie? Was unsere Assimilanteii dazu sagen mögen? ■ l,:-: -Auch zum Capitel der jüdischen Eolonisation bietet dieses Intermezzo eine Lehre. Wir sollen, nur dort Colonicn gründen und fördern, wo man uns den Vorwurf „Du bist hier fremd" incht machen kann. 8.?. Radantz, 5. October. 1891. Am zweiten Neujahrstage hielt unser - verehrter Rabbiner,, Herr I. K u n st a d t, eine treffliche. Predigt, inwelcher er namentlich gegen.den Judifferentismus. seiner Gemeinde zu Felde zog und-schließlich die Bildung eines localen Hilfscoinitäs für die russischen Juden aussordertc. . Seine -Predigt. war - von warmem jüdischen Patriotismus durchweht, und wird. hoffentlich nicht wirkungslos verhallen. Der Kreis der hiesigen Nationaljuden erweitert sich stetig und ist die Bildung eines Palästina - Colonisationsoereincs . in Aussicht. genommen. . vv. Kußtanö. *) Elisabethgrad; den 28. September 1891. Gestern wurde im Bethause der hiesigen „Chowawe Zion" eine Traucrfeicr nach dem verstorbenen Geschichtsschreiber Professor G r a etz veranstaltet. . Der Präsident des Vereines, Herr- Tein k i n, characterisirte^ die - Persönlichkeit-und die Thätigkeit des - Verblichene»: Dann las-- Herr Kaniewsky eine Uebersetzüng derbeiden Artikel über Graetz in der.letzten Nummer der „S.-E." vor. Hiemit schloß der officielle Theil der Gedächtnißfeier. Im darauf-folgenden privaten Theile der Feier hielt Herr Temkin eine glänzende Rede, welche sich mit der Bekämpfung derin -letzter Zeit > unter den Zionisten eingcrissenen Deroute beschäftigte. Er unterschied drei Gattungen; von -Zionisten: Zionisten aus Princip; Zionisten, welche -nur in-Folge der neuen-beschränkenden Gesetze sich der Bewegung angeschlossen hatten; Zionisten, welche es aus Opportunitätsgründen geworden waren. Letztere gehören zu jener Claffe von Menschen, - die ihren- Mantel nach dem Winde drehen. In der gegenwärttgen Krise trete dieser Unterschied sehr klar zu Tage: Hierauf -wies der Redner, indem er die ganze Geschichte der Zionsbewegung aufrollte, nach, daß unsere Sache schon schlimmere Zeiten überstandcn habe, als die gegenwärtige ist. Zum Schluffe gab Herr T e m k i n eine Uebersicht der Thätigkeit der Chowewe Zion im Laufe des letzten Jahres und wies nach, daß das Colonisätionswerk bedeutend zugenommen habe. So sei z. B. die Colonie Katra schon fast gänzlich eingerichtet, seien Grundstücke von fast 300,000 Dunam angekauft worden u. s. w. Herrn Temkin gelang es mit seiner Rede, den. anwesenden Zionisten neuen Muth einzuflößen. Zwi. *) Aus dem Russischen übersetzt.

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