Selbst-Emancipation
- Journal
- Selbst-Emancipation
- Volume
- 1891
- Issue
- Heft 20 (16.10.1891)
- Date
- 1891-10-16
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 20. Selbff-Emancipat^ion. Seite 8. stellen berechtigt ist, sondern auch wirklich stellt, so müssen wir, da wir zerstreut und zerstückt, und auch vielfach in Sprache und religiöser Ueberzeugung gespalten sind, nie als Hauptforderung vergessen: „D i e Einheit der G e s a m m t j u d e n h e i t." Der müßige und häßliche Kampf zwischen Orthodoxie und Reform und wie sich alle die religiösen Richtungen nennen mögen, muß eingestellt, der garstige Streit zwischen den vermeintlichen Nationen, den russischen, deutschen, ungarischen Juden u. s. w. muß beigelegt werden. Wie wir nur einen Gott haben, so haben wir auch nur ein Judenthum, das alle umfassen soll, ohne Rücksicht darauf, ob sie gläubig oder ungläubig sind, ob sie mehr oderweniger glauben. Unsere Judenfrage ist eben s o eine nationale als eine sociale Frage und kann durch religiöse S tr eit i gk e i t en n ich t g e l 5 st, sond e rn nur noch mehr verwickelt werden. Vor Allem aber darf man die Einheit der Gesammtjudenheit nicht dadurch antasten, daß man sich für etwas Besseres hält als seinen vom Glücke minder begünstigten Volksbruder. Gerade bei uns in Deutschland insceniren von Zeit zu Zeit unsere Religions-Juden eine kleine Hetze gegen ihre russischen Glaubensgenossen. Der bärtige ,sP o l l a ck" mit den Kaftan und den Schläfenlocken (Haarlocken) will dem nach seiner Meinung auf den Gipfel der' modernen Kultur stehenden „jüdischen Deutschen" nicht mehr gefallen. Letzterer sucht einen Sündenbock für die Vorwürfe, die ihm theils mit Recht, theils mit Unrecht von seinen Gegnern gemacht werden, und findet ihn im „Pollack". Er redet sich ein, daß der osteuropäische Theil des jüdischen Volkes mit Jargon und Schläfenlöckchen die Judenfeindschaft aus dem Grabe, in dem sie friedlich neben dem. Mittelalter schlummerte, heraufbeschworen hat. Namentlich will auch der Börsenjude, der doch gewiß am Antisemitisnius nicht mitschuldig ist, durchaus etwas Besseres sein als sein Bruder im slavischen Osten. Und doch sind die Unterschiede zwischen den Juden der verschiedenen Länder und Staaten nicht in ihrer Anlage begründet, sondern in den Verhältnissen und in der verschiedenen Behandlung, die den Juden alle Zeit zuteil geworden ist und die — man denke nur an England und Rußland — noch heutzutage die verschiedenartigste ist Der Gesammtcharakter der Juden dagegen ist ein einheitlicher, und zeigt noch heute — von den Verheerungen durch das Golus abgesehen — dieselben Grundzüge, wie zu den Zeiten der Propheten, der Makkabäer und der letzten Kämpfe beim Untergange des Staates und beim Aufstände des Barkochba. Warum gelingt es uns Nationaljuden nun so schwer, diese Einheit zu einheitlichem Streben zu veranlassen? Bei Beantwortung dieser Frage stoßen wir zuerst auf einen Mangel, der sich am empfindlichsten fühlbar macht — den Mangel einer uns allen gemeinsamen Sprache. Zwar darf nicht übersehen und muß vielmehr nachdrücklichst betont werden, daß auch heute noch die hebräische Sprache, wiewohl von so Vielen unverstanden, ein einigendes Band um die versprengten Reste Israels schlingt. Aber die Einigung behütet nur vor den letzten Consequenzen -der räumlichen Zertheilung und ist nicht im Stande, Positives zu schaffen. Soll aber letzteres geschehen, so muß die hebräische Sprache mehr als ein theoretisches Einheitsmoment, sie muß wirkliches Verständigungsmittel der Juden der verschiedenen Länder werden. Es nruß darauf hingearbeitet werden, daß möglichst b a l d die Mehrzahl der Juden das H e b r ä i s ch e wenigstens v e r st e h e. Ein vielversprechender Anfang ist schon gemacht. Doch darf nicht auf halbem Wege stehen geblieben werden. Mit allen Mitteln muß getrachtet werden, die Kenntniß der hebräischen Sprache unter den Juden zu verbreiten. Namentlich aber ist es Pflicht eines jeden Nationaljuden, der es mit seiner nationalen Gesinnung ernst meint, und durch die Schuld der vorigen Generation kein Hebräisch gelernt haben sollte, sich die hebräische Sprache anzueignen. Ein Nationaljude ohne Kenmniß der hebräischen Sprache ist eine Halbheit, und etwas Halbes hat noch nie etwas Ganzes hervorgebracht. Wie sich aber nur derjenige wirklich mit seinem Volke unterhalten kann, der dessen Sprache gründlich versteht, so kann auch nur der wirksam für sein Volk eintreten, der den Geist der L i t er a t ur u n d G e s ch i ch t e desselben kennt. Ein wenig jüdische Geschichte ist mehr werth als Hunderte der salbadernden Predigten, die von unseren den christlichen Geistlichen nachahmenden Rabbinern von Stapel gelassen werden. Ja wohl! ' ein bischen jüdische Geschichte! Erzählet doch unserem kraftlosen Geschlechte von ihren Vätern, den Makkabäern, von dem Todes- und Verzweiflungskampfe um Jerusalem, von dem Ringen eines Barkochba, von den Tausenden und Abertauseuden Blutzeugen unserer Station; erzählet ihnen auch von dem Dichter des hohen Liedes, von einem G a b i r o l, von einem I ehuda Halevi, und vergeßt auch nicht einen I e s a j a h, einen Maimonides, einen Spinoza. Ja wohl! nur ein bischen jüdische Geschichte! Und Ihr werdet Wundersehen, wie die jüdischen Patrioten aus dem Boden hervorwachsen werden. Wer aber jemals des zweifelhaften Glückes theilhaftig geworden ist, in einer jüdischen R e l i g i o n s schule mit der Religion seiner Väter bekannt zu werden, der weiß, wie es mit dem jüdischen Geschichtsunterrichte aussieht. Da werden einige Phrasen gemacht, allenfalls einige intereffante Anekdoten zum Besten gegeben, aber von einer Geschichte der Juden ist nicht viel zu finden. Fragt doch einmal einen solchen absolvirten Religionsschüler nach I eh u d a h Halevi! Er wird gestehen, den Namen L e v i .schon öfters gehört zu haben, aber was weiß er von unserer Dichtersonne Jehudah Halevi? Gewöhnlich nicht einmal den Namen! Und es gibt noch Leute, — sie nennen sich „Reformer" — die den hebräischen Sprach- und den Geschichtsunterricht zu Gunsten des theoretischen Religionsunterricht es beschränktwiffen wollen. Oh, über die Armseligen, die nicht wissen, daß der jüdische Geschichtsunterricht wahrer praktischer Religionsunterricht ist. Ihre theoretischen, philosophisch sein wollenden Redensarten werden aus dem Kinde einen rechnenden Geschäftsmann machen; die jüdische Geschichte dagegen macht aus jüiein Juden, der sich mit ihr beschäftigt, der sie kennt, einen idealen Menschen. Was hat wohl der Menschheit mehr Ethik beigebracht, philosophische Sätze von allgemeiner Menschenliebe oder die geschichtliche Gestalt des idealen M o s e h? Das Kind und der Jüngling, welche den I e s aj a h oder das Deuteronomium aus dem Hebräischen ins Deutsche übersetzen, werden mehr sittliche Vervollkommnung aus diesem Sprachunterricht schöpfen, als diejenigen, welche in ihrem R e l ig i o n sunterricht mühsam abstracte „fünfzehn Sätze" auswendig lernen. Unser israelitischer Geschichtsunterricht, unser hebräischer Sprachunterricht ist wahrhaftiger, praktischer Religionsunterricht und unsere Religionsschule wird erst dann anfangen, eine wahre Religionsschule, zu werden, wenn sie aufhört eine Religionsschule zu sein und zu einer „jüdischen Schule" wird, wie sie ja immer im Volksmunde heißt. In einer solchen Schule wird die hebräische Lectüre die sittlichen Begriffe läutern, wird die Geschichte unseres Märtyrerstammes seine Spröß- I linge mit einem Idealismus und einer.Opferfreudigkeit erfüllen, wie sie I e h u d a h's würdig ist. Freilich darf dann die Geschichte nicht tendenziös gefärbt werden, wie es mit einziger, rühmlicher Ausnahme des großen G r a e tz, fast alle seine kleinen und kleinlichen Nachbeter und Nachtreter mehr oder minder gethan haben. Wenn die Geschichte nur um der Geschichte selbst willen gelehrt wird, erst dann wird sie die Früchte zeitigen, die wir aus solchen Wurzeln und aus solchem Stamme erwarten dürfen. Dann werden wir wahre Juden haben, wovon die Phrasen der „Reformer" nicht einen einzigen erzogen haben, während sie Hunderte und tausende aus der jüdischen Intelligenz zum Taufbecken führten. Doch genug davon. Die Zeiten, wo jene Männer allein das Judenthum regieren durften, sind vorüber, und ne würden nicht so über die Nationaljuden schreien und zettern, wenn sie nicht sähen, daß sie ihnen das Heft schonaus den Händen gerungen haben. Auch die alten rel ig iö s-na t i a l en Formen des Judenthums sind nur geeignet, das altjüdische Volk zu erhalten; in jedem Volke tragen die alten Volksüberlieferungen mehr kur Erhaltung des nationalen Wesens bei, als theoretische Erörterungen. Dadurch soll aber keineswegs irgendwie auf die religiöse Ueberzeugung der Leser eingewirkt werden; denn für eine p olitische Partei, wie es die nationaljüdische ist, muß die Religion die Privatsache eines jeden einzelnen bleiben, aber es ist unsere persön-iche, private Ansicht, daß Israel ein viel zu religiöses Herz hat, um sich für die Dauer an dem modern-indogermanischen Materialismus genügen zu laffeu. Doch wir wollen gewiß nicht auf religiöse Streitfragen eingehen, weil wir, wie gesagt, der festen Ueberzeugung sind, daß diese von der nationalen Partei ferngehalten werden müssen. Aber wir wollen an diese Erörterung die wiederholte Mahnung knüpfen, Israel möge die d o g m a t ischen Zwistigkeiten ruhen lassen, dagegen an den alten nationalen Formen und Formeln der Religion (wie man zu sagen beliebt) allerseits möglichst festhalten, und die religiöse Frage erst dann zu einem endgiltigen Austrage bringen, wenn man die Judenheit auf nationalem Wege sicher unter Dach und Fach gebracht hat. Wollen wir Niemandem in seiner Ueber zeugung Schranken auferlegen, wollen wir aber andererseits auch nie vergessen, daß a l t j üdische Art und Sitte das ihrige dazu beitragen werden, das altjüdische Volk zu erhalten. Frei denken und conservativ handeln, daß sei unsere Parole. Sind wir aber durch allgemeine Kennln ß der hebräischen Sprache, der jüdischen Geschichte und Literatur, durch Erhaltung der religiös-nationalen Formen unter Beilegung des religiösen Parteihaders zur Einheit derGesammtjudenheit im Exile gelangt, dann haben wir uns völlig fähig gemacht zur Erfüllung unserer national-jüdischen Hauptpflicht, zur Lösung der socialjüdischen Frage durch die Colonisation Palästenas, zu unserer p o s i t i v st e n Leistung. (Ein weiterer Artikel folgt) Magdeburg. Heinrich- Programmgemäß. Die „A llgeineine Z e itung des Juden thums" bringt folgende Correspondenz aus Amerika, welche wir, ohne die Verantwortung für die Schreibweise, derselben zu übernehmen, vollinhaltlich zum Abdrucke bringen: New-Aork, 20. September. In North Linn, einem Township in der Nähe von New- London, Conn., sind seitens der Skew - Jorker