Selbst-Emancipation
- Journal
- Selbst-Emancipation
- Volume
- 1891
- Issue
- Heft 20 (16.10.1891)
- Date
- 1891-10-16
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 2. Selbst-Emancipation, Nr. 20. Bewußtsein vom jüdischen Volksthüm abzüfallcn bereit ist, vermag nicht ihren Willen wider alle Naturgesetze dürchzusetzen. In ihr selbst — bis auf die winzige Schaar der auch zur Taufe und Mischheirat Entschlossenen — erhält sich die jüdische Eigenart. Und das macht aller Liebe Müh' umsonst. Mehr braucht gemeiniglich der Arier nicht, um über Undank zu jammern. Das- ' selbe Nationalsgefühl, das ihm selbst als ein nothivendiges Requisit der Volkschrc erscheint, verargt er dem Juden. Das Verlassen des eigenen . Volksthums, das ihm selbst als schwärzestes Verbrechen gilt, dünkt ihm erste sittliche Pflicht des Juden. Diese wunderliche Anschauung schimmert schon durch die Worte hindurch, welche Graf Clairm o n t - Tonerre zu Gunsten der Judenemancipatton in der französischen Nationalversammlung vom Jahre 1791 sprach: „Wir haben", sagte er, „keine Verpflichtung'gegen eine jüdische Nation, aber gegen die Juden als Individuen: Wenn sie den Titel französischer Bürger entnehmen mit allen seinen Verpflichtungen, so sollen sic sich auch aller Vortheile desselben erfreuen. Wenn sie die Franzosen als ihre Brüder behandeln, wenn sic ihr Blut für das Vaterland vergießen (und sie haben es gethan), so sind sie Franzosen^. Doch ließe sich dieser Ausspruch des Grafen Clair mo nt noch immer so erklären, als gebe der Graf ein Streben der-Juden als Natton als berechtigt zu, und halte nur die Franzosen in dieser Beziehung für unverpfiichtet; als verlange er nur Vaterlandsliebe, nicht nationale Assimilirung Seine Worte gestatteten uns. Juden noch, nebst unseren Pflichten gegen das Vaterland auch unseren Pflichten gegen das eigene Volk zu genügen. Aber wir Juden machten von diesem Rechte keinen Gebrauch. .Wir selbst waren es, welche die obenerwähnte seltsame Ausbildung der arischen Auffasiung der Judenemancipation begünstigten. So muß es uns nun recht sein, wenn die europäischen Völker und wir selbst erst auf dem Umwege des Antisemitismus zur Ueberzeugung zu gelangen beginnen, es müffe uns als Nation geholfen werden. Diese Ueberzeugung. bricht sich thatsächlich Bahn und ihr gehört die Zukunft. Die Emancipation hat sich nicht bewährt, in der S el bst - E m a n c ip at i o n liegt das Heil. Die Emancipatton bedeutet vorübergehende, bruchstückweise Hilfe, die Selbst-Emancipatiou ist die allgemeine, dauernde und durchgreifende Rettung Israels. Die Emancipatton hat Schmerzen gelindert, die Selbst-Emancipation wird heilen. Durch die Emancipaüon wurde das Golus nur betäubt, durch die Selbst-Emancipation. wird es behoben werden. Der emancipirte Jude blieb der Spielball der Völkerlaunen, der aus eigenem Boden seßhafte Jude wird erst wahrhaft frei sein. Dies haben hunderttausende von Juden erkannt und sind. ru thätigen Kämpfern für die Selbst- Emancipation Israels, für die R e c o l o n i s a - tion Palästinas geworden. Davon scheint allerdings Pater Hyacinth Loyson von ,der gallikanischen Kirche in der Rue d'Arras in Paris nichts.zu wissen. Dieser Geistliche hielt aus Anlaß des jüdisch-französischen : i Emancipations-Festes in seiner Kirche, eine den .: Juden wohlwollende Predigt. Wir sind natürlich weit davon entfernt, diesen Äct der Toleranz! herabsetzen zu wollen, aber man wird uns auch! nicht zumuthen, daß wir eine Rede kritiklos hinnehmen > sollen, bloß weil sie. aus Freundesmunde KommtiDen chumänensSinn -des Herrn 'Pfarrers». in Ehren, — will es uns doch bedünken, daß er mit einigen seinen Aeußerungen entweder noch, .sehr stark in.den oben besprochenen, Anschauungen, einer bedingten. Gleichberechtigung wurzelt oder sich von den sogenannten „Judenblättern" nasführen läßt. Wie wir nämlich der „Ntuen Freien Presse" entnehmen, — sie registrirt da mit einer strammen Pünktlichkeit, welche freilich auch in Bezug auf Nachrichten über Existenz und Fortschreiten der national-jüdischen Beivegung erwünscht wäre, — hat Herr Loyson, nachdem er die obenerwähnten Worte des Grafen CIairm o it t - T one r r e citirt hatte, seinen andächtigen Zuhörern" betheuert^ „däß init Au s n äh nie d er Juden im Orient, welche ein Neu- Jerusale.m träumen, kein Israelite sich nach P a l ä st in a s c h n e". Und der gute Pater Loy son glaubte noch zur Erheiterung seines.Publicums seinen Sermon mit der Anekdote schließen zu müssen, wonach ein „geistreicher"*) Jude, hem man „von der Wiederaufrichtnng des Königreiches Juda" sprach, gesagt habe: „Was mich betrifft, so würde mich dies durchaus nicht geniren — unter. der Bedingung, daß ich zum königlichen Botschafter in Paris ernannt würde." Wir wollen davon absehen, daß diese einfach dumme, wenn auch in. Hinsicht auf die Gei sinnungsmedrigkeit mancher. Juden.. leider wahre Anekdote, vor lauter Alter, schon .runzlig ist, daß ferner solch' eine zotenhafte Verhöhnung eines Ideales wohl an, der Börse und im Cafchause Vorkommen kann, nicht, aber in die Kirche paßt — und wollen lediglich unserem Staunen über die Unwissenheit des Pater Loyson in jüdischen Angelegenheiten Ausdruck geben. Würde er die moderne Zionsbewegung und deren Ausbreitung kennen, würde er wissen, daß nicht „die Juden des Orients", sondern die Blüthe der an europäischen Hochschulen ausgebildeten jüdischen Intelligenz, zwar nicht „von Neu-Jerusalem träumt" aber für die Wiederaufrichtung der jüdischen Natton auf palästinensischem Boden wirkt, — dann hätte er vielleicht doch seine Rede anders geschlosien. Doch, wir zürnen ihm keineswegs. .Seine Intentionen können ja die besten sein und sind es gewiß auch. Er ist einer der vielen wohlgesinnten Christen, -die sich aus dem Sprachrohr des Assimilattons-Judenthums, der Tagesprxsie, ihre Meinungen, über die Juden .und die Judenfrage heraushören. Einer mehr oder, weniger von dieser Gattung macht die Sache an sich nicht schlimmer oder bester. Aber, cs kann für uus kein Gewinn sein, wenn gerade eine Enuntiation, wie die des Pater Loyson, als eines Mannes *) Das wird,.^oohl ein naher Verwandter der „geistteichen" Dame sein, von der in den' letzten -zwei Nummern die. Rede war.. ... .... von Gewicht, von der Presse aufgegriffen und dem horchenden Israel als Trostesbotschaft und Heilslehrc verkündet wird.' Doch wie lange noch? Nicht lange mehr — so hoffen wir — wird sich Israel täuschen lasten, nicht lange mehr wird es so thöricht sein, das Silber und oft auch nur Blech der, E m a n c i p a t i o n dem Golde der S e lb st- ',.Em,än cipatio'ri vorzüzieh'cn/ .Selbst-Emancipation ist die hoffnungsreiche neue Losung des jüdischen Volkes. B. □ Beiträge zur jüdischen Frage. Von einem deutschen Juden. .I. Wie der polnisch-jüdische Chassid bei allein, was er thüt, sich fragt: „Was sagt dazu der Rebbe?", so hat auch der deutsch-jüdische Phili- . ster einen „Rebbe", nach dem er sich richtet. Dieser „Rebbe" wird in allen jüdischen Angelegenheiten um Rath gefragt. Wird z. B. ein jüdischer. Verein, begründet, so. ist die erste Frage: „Wie werden wir den Verein nennen, wie werden wir die Statuten äbfästen, damit nur der „Rebbe" keinen Anstoß nimmt?" Der „Rebbe" regiert das deutsche..Judenthum als absoluter Selbstherrscher, er ist. unfehlbar und niemand wägt es, ohne auf 'ihn Rücksicht zu nehmen, mit irgend welchen Angelegenheiten' der Judenheit in die Meffcntlichkeit . zu; treten, damit er ja nicht ungehalten iverde. Und, ebenso, wie. der.. Chassid nur dann fröhlich zu sein sich gestattet, „wenn der Rebbe hott geheißen frehlich .sein," —, . wie es im Jargonlicde -lautet —- sogetraut sich auch der deutsche Jude nicht, sich der Fröhlichkeit hinzugeben, wenn! er - fürchtet, s daß sein „Rebbe" damit nicht cinoerstaudcn sein iverde. Der „Rebbe" übt auf die deutsche Judenheiteinen mindestens ebenso großen Einfluß aus, als der heilige Vater in Rom auf die katholische Christenheit. Wer ist nun aber dieser große gewaltige „Rebbe", der das doch sonst so autoritätsfeindliche Judenthum in Deutschland tcrrorisirt und tyranniflrt?-Es ist ein Mann, der sich dieses, seines Einflusses wohl kaum bewußt ist, es ist — Dr. Otto Böckel, der große Antisemitenhäuptling von M a r b u r g. „Auch die Juden anderer' Länder' haben solche „Rebbes", deren Einfluß sie sich willenlos hingeben. Es ist aber klar, daß' die. Selbst- Emancipation des jüdischen Volkes nicht vor der Emancipatton von diesen „Rebbes" eintreten kann. Zuerst muß Israel eingesehen haben, daß nicht der Verteidigungskampf gegen' den Änttsemitismus das hauptsächlichste oder gar das einzige Jntereste der Judenheit ist, — ein Vcrtheidigungskampf ist ja immer nur etwas N e.g a t i v e s. Die Abwehr des Änttsemitismus ist ja nur eines von den kleinen Mittelchen, welche'der Arzt benutzt, um seinem Kränken ' eine moiäentane Erleichterung zu verschaffen, , aber durchaus kein Radikalmittel, zur Hebung der Krankheit. Denn der Änttsemitismus selbst ist nur ein Symptom der Krankheit, nicht , diese , selbst. Als Symptom fällt er uaturgemäß in die Augen, und wird dann von den Unkundigtn für' die Krankheit selbst angeseheu. . Um aber in positiver Form und daher wirksam , für . ihr Wohl eintreten. zu /können, bedarf eine Nation, zumal.wenn ihr.jedes staatliche oder territorielle Centtmn. fehlt, vor allem der Einheit' und Einigkeit 'im Wollen und Handeln. Wenn dieses schon an und'für sich eine Forderrung ist, die jede auch stattlich geeinigte . und geordnete ötation an ihre Glieder nicht nur zu