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Selbst-Emancipation · 1891-10-16 · Heft 20 (16.10.1891) · page 1

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Journal
Selbst-Emancipation
Volume
1891
Issue
Heft 20 (16.10.1891)
Date
1891-10-16
Page
– (sequence 1)
Language
German
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AbonnemcntS-Preise: (Zusendung inbegriffen) Lär Desterreich-Ungarn ganzjährig fl. 4 „ Dculschland „ Mt. 8 » Rußland . Rbl. 4 „ die übrigen Länder „ Zrcs iv Halb- und vierteljähriges Abonnement zu den Das Abonnenient kann mit jeder Nummer Einzelne Lremplare (8 kr. Organ der Jüdisch-Nationalen. Herausgeber: Chefredacteur: Dr. Siegmund Elkan. Dr. Nathan Birnbaum. Erscheint zu Anfang und Mitte jeden Monats. Redaction n. Administration: Malzgaff« Nr. 4. Sprechstunde: Täglich von 1—2 Uhr Nachmittags. Unfranklrte Briefe werden nicht angenommen Wien, 1«. Oktober 1891. IV. Jahrgang. Inhalt: Die Emancipationsfeier in Frankreich. — Beiträge zur jüdischen Frage I. — Programmgemäß. — Podhajce. — Origin al-Cor respondenzen: Wie». Wien. Krakau. Radautz. Elitabethgrad. London. Jerusalem. — Chronik. — Literarisches. — Eingescndct. — Corresp. der Nedaction. — Corresp. der Administration. — Inserate. Gesinnungsgenossen! Verbreitet die selbst Emancipation! gV Die nächste Nummer erscheint um 2. November 1891. 'W Wir ersuchen um schleunige Cinsendung der rückständigen Pränumerationsgebühren. Die Administration. Die Lmancipationsfeier in Frankreich. Ein an Zahl zwar unbedeutender*), dagegen an Bildung und Einfluß hervorragender Bruchtheil der Judenheit beging in den letzten Wochen eine große Gedenkfeier. Das französische Judenthum feierte am 27. September das hundertjährige Jubiläum seiner Emancipation. In der That verdient das Datum, an welchem zum ersten Male in Europa die völligeGleichberechtigung der Juden zum Principe und Gesetze erhoben wurde, für ewige Zeiten gemerkt zu werden. Umsomehr muß es aber auffallen, daß der hundertste Jahrestag dieses für die allgemeine und für die jüdische Geschichte gemeiniglich als epochal bezeichneten Ereignisse nur den Character einer internen Feierim engen Kreise des französischen Israel an sich trug. Man hätte doch glauben sollen, daß dieser Gedenktag für die Juden aller civilisirten Länder zu festlicher Begehung geeignet wäre. Haben ja die geistigen Leiter der europäischen Judenheit in den letzten Jahrzehnten keine andere treibende Kraft ihrer Wirksamkeit gehabt, als den brennenden Wunsch nach Gleichberechtigung! War ja so lange das Erringen derselben das höchste und und einzige Ziel der jüdischen Politik — wenn unter solchen Umständen dieser Ausdruck erlaubt ist! Woher also plötzlich die Thatsache, daß das französiisch-jüdische Fest unter den Juden des übrigen Europa nur ein so schwaches Echo erweckt hat? *) Nach der diesjährigen Volkszählung gibt es 67,000 Juden in Frankreich, wovon 43,800 in Paris. Man könnte die eben durch die Einancipations- und Assimilations-Aera hervorgcrufene Schwächung des jüdischen Solidaritätsgefühles als theilweise Ursache der erwähnten Erscheinung ansehen. Doch wäre dies nicht richtig. Denn wenn das Princip der Enteinigung im Judenthume noch so stark wäre, als es vor einigen Jahren war, so würden zur Feier dieses Princips die Juden der verschiedenen Länder ihre Einheit schon wieder finden. Auch hätte die übliche Angst vor den christlichen Gönnern, „wodurch zumeist unsere modernen Juden zur Bekämpfung des nationalisraelitischen Gedankens^getrieben werden, in diesem Falle nicht einmal einen Schimmer von Berechtigung. Kein liberaler Deutscher z. B. würde stch daran stoßen, würde eine verdächtige Franzosenliebe darin finden, wenn auch die deutschen Juden das Einancipationsjuüiläum begehen würden, als Demonstration für die Idee der Judenemancipation. Und doch ist diese Demonstration nicht erfolgt. Doch ist die Gelegenheit, dem lauschenden Volke das Heil der Assimilation zu predigen, den Segen des Aufgehens unter den Völkern zu verkünden, nicht ergriffen worden? Warum? Weil die Gläubigsten der Gläubigen in ihrem Glauben an die Dauer der Emancipation schwankend, weil ihre größten Bewunderer kleinlaut geworden sind, weil der ganze stolze Phantasiebau einer nationalisirten „mosaischen Religionsgenossenschaft" in seinen Grundvesten erschüttert ist. Wenn die Spitzen des bisherigen Systems noch immer nicht ganz begreifen wollen, daß jetzt ein anderer Wind weht, so wird diese Begriffstützigkeit eben nicht lange mehr anhalten. Ihre geringe Theilnahme am Emancipationsfeste zeigt, wie gelockert bereits der assimilatorische Disciplin ist. Ein Ruck noch und der ganze Spuck eines mit „Culturmission", „Freiheit" und anderen klingenden Worten reichlich verbrämten Volksverrathes wird der Geschichte angehören. Auch die französischen Juden, so sehr sie allen Grund haben, mit ihrer Behandlung seitens der Franzosen zufrieden zu sein, so sehr sie ein Gebot der Dankbarkeit und des Tactes erfüllen, wenn sie die ihnen vor 100 Jahren ertheilte Emancipation feiern, — auch die französischen Juden sind von dem neuen Geiste, der d,«rch Israel weht, bereits angehaucht worden. Bereits finden sich Männer unter ihnen, welche der Zionsidee huldigen, und dadurch documentiren, daß sie von der Emancipation nicht das Heil des jüdischen Volkes erwarten. Wen, es klar geworden ist, daß die Chancen der Emancipation steigen oder fallen, je nachdem der Procentsatz der jüdischen Mitbürger eines nichtjüdischen Volkes in die Höhe geht oder sinkt, für den wird auch die Emancipation nur einen verhältnißmäßigen, provisorischen, veränderlichen Werth haben; der wird Frankreichs geringeren Judenhaß, zugleich aber auch begreifen, warum selbst in diesem sprichwörtlichen Lande der Freiheit die Stimmung keineswegs mehr so judenfreundlich ist. wie ehedem. Die Emancipation wird von den meisten Völkern viel zu antijüdisch verstanden, als daß sie dem Judenthum helfen könnte. Die arischen Nationen — mit Ausnahnie vielleicht der Engländer — gewähren die Eniancipation nicht um der reinen Menschlichkeit willen, bedingungslos oder höchstens unter der selbstverständlichen Bedingung der Vaterlandsliebe. Nein, sie machen »inen Vorbehalt, dem nachzukominen den Juden sehr schwer, nahezu unmöglich ist, so daß, was auf der einen Seite gegeben wird, auf der anderen wieder genommen erscheint. Der Jude soll für das ihm verliehene freie Bürgerthum alles, was ihm bisher lieb und theuer war, seine Ueberlieferungen und Erinnerungen, seine Wünsche und Hoffnungen aufgeben; er soll die Fahne verlassen, unter der er für die Versittlichung der Menschheit Jahrtausende lang gekämpft hat; er soll seinem eigenen Volksthum, das noch so viel ethische Kräfte, so viel culturelle Säfte in sich birgt, den Todesstoßgeben. Wenn er aber nicht will, wenn er nicht kann? Was nun! Was das Wollen betrifft, so heißt auch wirklich die Mehrzahl des Volkes in innerster Seele den Treubruch nicht gut, wenn sie auch manchmal die Gemeinplätze ihrer Führer gedankenlos nachplappert. Die Minderzahl aber, ivelche mit vollem

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