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Selbst-Emancipation · 1891-10-02 · Heft 19 (2.10.1891) · p. Seite 7

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Journal
Selbst-Emancipation
Volume
1891
Issue
Heft 19 (2.10.1891)
Date
1891-10-02
Page
Seite 7 (sequence 7)
Language
German
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Nr. 19. S et b st - E mancip at i o n. Seite 7. (Zur Auswanderrmgsfrage). Die „Saale- Zeitung" bringt in ihrer neuesten Nummer folgende , Mitheilung aus Berlin: „Einer Anregung des Bankiers! S. von Bleichrödcr Folge gebend, hat der Reichs-! kauzlcr das Auswärtige Amt angewiesen, auf diplomatischem Wege bei der brasilianischen Regierung die im großen Mäßstabe geplante Einwanderung russischer Israeliten zu befürworten. Dem kaiserlichen Gesandten in Rio sind in diesem Sinne bereits Instruktionen ertheilt worden. Auch weilt dort seit .etwa 8 Tagen ein Delegirter des lübischen'Centtal-CöjmtSs/d»is die Leitung dieser Ansiedlung in die Hand genommen hat." — Gegen die Einwanddtung mittelloser russischer Juden hat die Regierung von K a n a d a zu Zwangsmitteln gegriffen. Sie hat den Dcmpfschifffabrts-GeseUschnftcn angezeigt, sie werde sie für den Unterhalt hilfloser russischer Juden,, welche 'durch ihre Fahrzeuge in Kanada gelandet würden, verantwortlich machen: eine Anzahl der in dieser Woche ^augekommenen Juden sei absolut ohne alle Geldmittel. — In Woloczesk verwehrte» die österreichischen Grenzbehördcn vierzig jüdischen Emigranten ans Rußland den Uebertritt auf österreichisches Gebiet. Nach längeren Nnterhandlnngen wurden die russischen Gendarmen, welche die Rückkehr der Auswanderer'auch nicht mehr gestatten wollten, zur Nachgiebigkeit gezwungen, drohten jedoch mit dem nächsten Personenzuge die Auswanderer wieder nach Oesterreich expediren zu wollen. — Dem Berliner „Lokal-Anzeiger" wird von authentischer . Seite geschrieben: „Bei dem bekannten ' Philantropen Simm e l, dem rührigsten Mitgliede des Berliner Comitös zum Schutze der anSgcwiescnen ruffischen Juden, gehen täglich aus Äiußland zahlreiche Gesuche ein, doch den Auswandererstrom in erster Linie nach Palästina zu leiten, besonders alle ackerbautreibenden Petenten. Die Absicht, sie in Südamerika anzusiedeln, stößt dort bei den Emigranten vielfach auf Schwierigkeiten. Die große Mehrzahl wünscht vielmehr nach Kanaan ausznwandern, um dort als Bauern ihr Dasein zu fristen." (In Philadelphia), Vereinigte Staaten von Nordamerika macht sich eine so starke antisemitische Strömung geltend; daß sich die Polizei veranlaßt sah, Maßregeln zum Schützendes Lebens und Eigenthums der Juden zu treffen. . (Golusblüthen ) Der Breslauer Amtsrichter Wiedemann mag die Juden nicht. Er schreibt pseudonyme Briefe antisemitischen Inhaltes an Redaktionen und Privatpersonen. Neulich hat er auch im Parteienverkehr seinem Antisemitismus die Zügel schießen lassen. Einem jüdischen »'Kaufmann, der sich dem Strafverfahren gegen einen Schuldener taut -l prix nicht anschlicßen wollte, sagte Herr Wiedemann nach langem fruchtlosen Zureden: „Ich werde Ihnen sagen, weshalb Sie sich den Strafantrage nicht anschließen: Sie sind jüdisch und X. (der Schuldner) ist auch jüdisch." — Bei Danzig nahe der ruffischen Grenzen gibt es einen Seebades et. Z o p p . o t. Daselbst beleidigte neulich ein 'Nachtwächter zwei jüdische Damen und schlug deren Begleiter, einen Juden aus Warschau. Der herbeigeholte Wachtmeister tröstete die Mißhandelten mit den Worten: „In Rußland kommen noch ganz andere Geschichten als solche vor." — Der Gutsvcrwalter des „einflußreichen" vGroßbcsitzers : T. Lecca kam über die Brücke bei Holt, Bezirk Bacau (Rumänien) und wollte dem israelitischen Aufseher das gesetztliche Brückengeld nicht entrichten. Der während des darüber entstandenen Disputs hinzugekommene L e c c a schlug den Aufseher H e r s ch k o w i tz mit der Faust in die Augen derart, daß sie ihm anschwollcn. Darauf ließ' er noch dessen Vater und Bruder arretiren und als ein anderer Bruder nach der Polizei ging, um sich über das Schicksal derselben zu erkundigen und Aechzen und Stöhnen hörte, sah er nach dem Einschlagen einer Scheibe, daß sein Bruder mit einem Dolch blutig zugerichtet war. Nach solchen Gräuel» kräht in Rumänien kein Hahn, denn Lccca ist „einflußreich" und allmächtig: oft ge- - langen sie gar nicht in die Ocffentlichkeit. Literarisches. apy ms» von s - v- Versailles (Druckerei Cerf et fils, 59 Rue Duplessis) 5651 Die kaum 11 Seiten umfassende hebräische Brochüre ist höchst beachtenswert. Nachdem in der Einleitung auf die gegenwärtig so prekäre Lage des jüdischen Volkes hingewiesen, und die Colonisation des heiligen Landes mit einer frappirend kurzen, aber sehr richtigen Begründung empfohlen ist, wird ein praktischer Vorschlag gemacht. Es sei ein allgemein jüdischer Kongreß in eine der großen Städte Europas einzuberufen, der sich mit der Rettung Israels auf nationalem Wege zu befassen haben solle. Zu diesem Zwecke solle derselbe ein ständiges Comit^ aus ehrlichen Volksfreunden, denen für ihre Arbeit der Lebensunterhalt gewährt werden solle, einsetzen, welches die ganze Bewegung zu leiten haben werde. Die Geldmittel sollen durch eine Art Bank, deren Natur die Bröchüre genau beschreibt, aufgebracht werden. Der Verfasser weist daraus hin, .daß auf diesem Wege hunderttausenden Stammesgenossen eine Existenz als 'Ackerbauer und Handwerker gegründet werden könnte, während die darbende jüdische Intelligenz durch Beamtenstellen durch ihre Lerufsausübung in den Kolonien aus ihrer Nöth gerettet werden könnten. Wie gesagt, die Bröchüre ist sehr beachtenswert und ihre Vorschläge sind im Principe zu billigen und sollte an deren Realisirung herangegangen werden. (Angesendet. Sehr geehrter. Herr Redacteur! Es ist sehr erfreulich, zu sehen,, wie die Spenden für den Fond zur Vergrößerung der „Selbst-Emancipation" im Wachsen, begriffen, sind. Da aber, wie jedein Gesinnungsgenossen klar sein wird, gerade jetzt die Zeit drängt, unser-Organ möglichst bald zu vergrößern, so wird dieses Anwachsen noch ein weit stetigeres werden müssen. Speciell betreffs der Einsendung von Postmarken mögen hier einige Vorschläge gemacht werden.! Es genügt nicht, die eigenen Posimarken einzuj senden, sondern man muß auch bei Fretinden und j Bekannten sammeln. Da es ferner in Anbe-! tracht der zu erreichenden Höhe des Erlöses nicht ' nur darauf ankonimt, möglichst viele, sondern l insbesondere möglichst seltene Marken zu erhalten, i so niögen die geehrten Parteigenossen vor Allem darauf aufmerksam gemacht sein, daß alte,! jetzt nicht mehr bei der Post zu verwendende! Marken wegen ihrer Seltenheit einen bedeutend? höheren Wert als jetzt übliche besitzen, weshalb j wir besonders alte Briefschaften durchinnstern lassen und selbst durchmustern mögen! Besonderen! Werth haben auch ganze Couverts und Kreuz-! bände mit eingedruckten Marken, ganze Post- > karten u. s. w., ferner Marken aus kleineren! Ländern; mögen unsere geehrten Parteigenossen j in Serbien, Rumänien, Bulgarien, Palästina, re. deshalb ganz besonders fleißig sammeln. Bei Briefen an Parteigenossen selbst empfiehlt es sich, möglichst viele Marken aufzukleben (z. B. in Deutschland statt einer Zwanzigpfennigmarke eine Fünfpf.- und 5 Dreipfennigmarken); nur mit seltenen Briefmarken beliebe mau hier Ausnahme zu macheil (z. B. in Deutschland mit der Fünfundzivanzigpfenniginarke). Geldsammlungen können auf alle mögliche Art gemacht werden. Ganze Vereine können z. B. die Reste der Cigarren und Cigaretten ihrer Mitglieder sammeln und den Erlös derselben einsenden.*) *) In 2 e st e r r e i ch speciell ist das Sammeln von Cigarrenresten unthunlich, weil das Tabakmonopol ihrer Verwertung entgegensteht. Die Red. Vor allem freilich sind directe Geldzuwendungen nötig, auch da, wo es unsOpfer kostet, die wir ja ohne Bedenken auf den Altar unseres Volkes zu legen jed erzeit bereit sein müssen. Magdeburg, 21. September 1891. vr. L. Nachbemerkung der Nedaetion: Der geehrte Herr Einsender hat ganz richtig betont, daß gerade jetzt die Zeit drängt, unser Organ;u vergrößern. Bei dem bisherigen Teinpo der Sammlung ist es nun ganz ausgeschlossen, daß wir bald die nothwendigste Vergrößerung, die Umgestaltung in ein Wochenblatt, werden durchführen können. Soll dieses unser erstes Ziel bald erreicht sein, so müssen reiche Gesinnungsgenossen — und es gibt deren jetzt schon genug — es übers Herz bringen, sich mit großen Summen an der Fundirung zu betheiligen. Belletristisches. Vavid Alrop. Von Benjamin d'Jsraeli, Lord of Beaconsfield. 17. Fortsetzung. In der Gebirgskette, die sich vom Oelberge zum Flusse Jordan hinzieht, befindet sich die große Höhle von Gethsemane, eine gewaltige Oeffnung, ein Werk der Natur und Kunst, das vor undenklichen Zeiten entstand. — Denn an den hohen Balsaltsäulen sind sonderbare Charaktere und unnatürliche Gestalten ausgehauen, und an vielen Orten sind die natürlichen Verzierungen durch Bildhauerhände zu symmetrischer Täfelei und wunderbaren Capitälen vervollständigt worden. Ein Werk, das, wie nia» sagt, von bezwungenen und gefangenen Geistern für den großen König gearbeitet worden. Es war Mitternacht. Der kalte Vollmond schimmerte im glänzenden. Lichte auf das enge, von allen Seiten durch schwarze kahle Berge geschloffene Thal. Ein einzelnes Wesen stand an dem Eingänge in die Höhle. Es war Alroy. Er nahm Stein und Stahl aus seinem Gürtel, zündete sich damit eine Fackel a», und trat alsdann ein. Je weiter er vorschritt, desto enger wurde die Höhle. Eine Schaar Fledermäuse flog aus und verlöschte seine Fackel. Er bückte sich, zündete sie wieder an und bemerkte, das er auf einem kunstvollen Boden gehe. Die Gallerie, in der er sich befand, war von großer Ausdehnung, und senkte sich nach und nach tiefer. Da sie in gerader Richtung mit dem Eingänge der Höhle fortlief, blieb das Mondlicht lange sichtbar. Fast zwei Stunden ging der „Fürst der Gefangenschaft" in dieser Galerie fort. Ein entferntes Geräusch eines Wasserfalls nahm immer mehr zu, und jetzt bemerkte er an dem ganz nahen Getöse und Geplätscher, daß er an dessen 'Rande stehe. ES war sehr finster. Sein Herz bebte. Er untersuchte erst den Boden, ehe er weiter schritt. Plötzlich zischte der Schaum weiter vor, und löschte wieder die Fackel. Die drohende Gefahr erfüllte ihn mit Schrecken, und er trat einige Schritte zurück, versuchte es, aber vergebens, seine gänzlich durchnäßte Fackel wieder anzuzündcn. Sein Muth verließ ihn; alle Anstrengung schien erfolglos. Schon stand er im Begriffe, sich der Verzweiflung hinzugeben, als eine in der Dunkelheit ihm gegenüber sich verbreitende Helle seine Aufmerksamkeit auf sich zog. Eine kleine glänzend rothe Wolke schien auf ihn zuzusegeln. Sie öffnete sich; ihrem Schooße entquoll ein silberner Stern; dann verschwand sie. Aber der Stern blieb, und warf einen langen Streifen zitterndes Lichts auf den breiten und wogenden Strom, der jetzt schäumend und wirbelnd sich von allen Seiten Alroy'S Augen enthüllte. Diese rettende Erscheinung belebte den abenteuernden Pilger wieder. Ei» dunkler Schatten im Vordergründe, der den Lichtstreif unter-

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