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Selbst-Emancipation · 1891-10-02 · Heft 19 (2.10.1891) · p. Seite 6

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Journal
Selbst-Emancipation
Volume
1891
Issue
Heft 19 (2.10.1891)
Date
1891-10-02
Page
Seite 6 (sequence 6)
Language
German
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Seite 6. S e l b st - E m a n c i p a t I' o n. Nr. 19. gebildet hat, respcctive nicht lange hat behaupten können, so hat das seinen Grund darin, baß Niemand den Muth und Energie hatte, einen Anfang zn machen, und daß wir, gewöhnt an das „lLisser aller" unserer früheren Herren, der Türken, dem lieben Gott die Sorge überließen, das unseren unglücklichen Brüdern aus Rußland widerfahrene Unheil gutzumachen. Glücklicherweise ist den, nicht mehr so. Die eifrige Thätigkeit der Palästinavereine Europas hat, wiewohl hier nur als schwaches Echo anlangend, genügt, um die in tiefen Schlaf versunkenen Geister aufzurütteln. Es hat daher nur wenig Mühe gekostet, hier einen Verein nach dem Muster des „Admath Jeschurun" in Wien zu gründen. Dieser Verein nennt sich „Or Sion". Schon am 3. Tage nach seiner Gründung zählte er bereits 30 Mitglieder und diese Zahl wächst so rasch, daß man mit aller Sicherheit Voraussagen kann, daß noch vor Ende dieses Monats die ganze aufgeklärte Jugend unserer Stadt sich unter den Banner des Vereines geschaart haben wird. Die Bedeutung des neuen Vereines ist mit Rücksicht auf die hervorragende Stellung Philippopels in Bulgarien und die nächste Nachbarschaft der Türkei, sowie auf den bekannten nationalen Character der spagnoolischen Israeliten, eine ganz besondere. Türkei. Palästina. Jerusalem, den 16. September 1891. Man erzählt hier von einem Briefe, den der Hiesige gegenwärtig in Constantinopel weilende Banqüier, Herr Josef N a b o n hieher gerichtet habe, wonach der Kauf eines großen Grundcomplexes im Ostjordanlande durch die Barone Edmund Rothschild, Hirsch und Herrn Bleichröder perfect worden sei und der Sultan seine Genehmigung ertheilt habe. Im Anschlüsse au diese Nachricht verlautet, daß sich das bekannte Einwanderungsverbot nur auf die Städte Jaffa, Jerusalem und Hebron bezieht, nicht aber auf die übrigen Städte und das stäche Im Nachhange zu meiner Correspondenz in der vorigen Nummer Ihres gesch. Blattes theile ich Ihnen noch mit, daß Herr Professor Halevy aus Paris den ihm zu Ehren Versammelten unter Anderem erzählte, daß sich Baron Hirsch neulich öffentlich geäußert habe, er habe sich nach den letzten Ereignissen auch der Idee der Colonisation Palästinas zugewandt.*) Begreiflicher Weise erregte diese Mittheilung bei den Zuhörern größte Sensation und viel Freude. Amithi, *) Das stimmt mit vielen anderen Nachrichten überein, so mit dem oben gemeldeten angeblichen Bodcnankauf im Ostjordanlande an dem sich auch Baron Hirsch bethcillgt haben soll; ebenso mit einer Nachricht des „Wiener Tagblatt", wonach Herr White, Bevollmächtigter des Baron, behufs Verhandlungen mit der r u s s i s ch e n Regierung über die Colonisation Palästinas durch Juden, in Petersburg erwartet wird. Gerade die letztere Nachricht ist um so auffälliger, als das „Wiener Tagblatt" systematisch den Baron Hirsch verherrlicht und die Palästinasachc bisher ganz todtgeschwiegen hat. Uebrigens verstehen auch die meisten jüdischen Zeitschriften die Zwecke der jüngst gegründeten „Jewish Colonisatton Assoziatton" in der Weise, daß auch Palästina und Syrien in den Bereich ihrer Thättgkeit gezogen werden sollen. . . * Anm. der Red. Lhronik. (Professor Dr. Heinrich Grätz.) Unter überaus großer Theilnahme fand am 10. Septbr. Vormittag 10'/«Uhr die Beerdigung des Professor Or. Graetz von der Leichenhalle in Breslau statt. Die weite, mit exotischen Blattpflanzen und mit Blumen-Arraugements reich decorirte Halle konnte die große Zahl der zur Trauerfeierlichkeit Erschienenen kaum saffen. Es' hatten sich cingefunden die Lehrer und Hörer des Fränkel'schen Rabbiner-Seminars, das Curatorium dieser Anstalt, der Rector und mehrere Profefforcn und Dozenten der Universität, Vorstand und Repräsentanten der Synagogen-Gemcinde, sowie Deputirte vieler Wohlthätigkeitsanstalten, fast sämmtliche Rabbiner der schlesischen Gemeinden, und eine große Zahl von Seelsorgern israelittscher Gemeinden außerhalb Schlesiens. Auch aus der Ferne waren viele ehemaligen Schüler und Freunde hcrbeigeeilt und umstanden, zum Theil im Ornat, die Bahre des großen Meisters, der Gemeinde-Rabbiner Or. Roscnthal hielt die eigentliche Trauerrede. Er gab darin eine Darstellung der Graetz'schen wissenschaftlichen Thätigkeit und erschöpfte nahezu den Gegenstand. Es sprachen noch Seminarlehrer Or. Rosin, Rabbiner Or. Maybaum aus Berlin im Namen der Berliner Hochschule für die Wissenschaft des Judenthums, Professor Or. Bacher aus Budapest im Namen des Lehrkörpers der ungarischen Landesrabbineranstalt. Hierauf trugen jetzige und frühere Schüler des Seminars den Sarg zum Grabe. Ehe der Sarg der Erde übergeben wurde, rief Rabbiner Or. Walter dem verehrten und geliebten Lehrer ein schönes, wohlgeformtes Abschiedswort ini Namen der gegenwärtigen Hörer des Rabbinerseminars nach. ., Zur Lebensgeschichte Graetz .haben wir noch den wichtigen Umstand nachzutragcn, daß der große Geschichtsschreiber im Jahre 1873 Palästina (Noch nicht belehrt!) Aus Kuttenb e r g in Böhmen wird der „La u b h ü tt e" geschrieben : „Auf eine etwas eigenthümliche Art hat es der hiesige Cultusvorstand für gut befunden, seinen Loyalitätsgefühlcn anläßlich des Geburtsfestes unseres allergnädigsten Monarchen Ausdruck zu geben. Obzwar der Verein seinen Tempel, Religionsweiser und Cantor besitzt, wurde doch ohne Grund von der Veranstaltung eines Festgottesdienstes abgesehen; dafür bethciligte sich aber der gesammte Cultusvorstand an dem Hochamte in der kathol. Kirche. Auf welche Art derselbe dort seine Andacht verrichtete imd mit welchen Blicken er von den kathol. Andächttgen betrachtet wurde, das zu beurtheilen sei jedem Einzelnen überlasten." Der Berichterstatter der „Laubhütte" hat mit seiner am Schlüsse der Nottz ausgesprochenen Meinung, daß durch ein solches Vorgehen das Kuttenberger antisemitische Journal nicht werde zum Schweigen gebracht werden, entschieden Recht. — (Russische Juden in Wien.) Die russisch-jüdischen Flüchtlinge, welche, wie wir in voriger Nummer berichteten, größtentheils im Gemeindearrest der Leopoldstadt Unterkunft fanden, wurden von der „Israelitischen Allianz" verköstigt und dann nach Oswiecim geschickt, von wo aus sic nach Amerika befördert werden sollen. Wir misten aber, daß von Oswiecim viele Emigranten nach Rußland zurückgeschickt werden oder dort überhaupt nicht weiter Gegenstand der Sorge sind. (Neue Genossenschaften) für Bodenkauf in Palästina haben sich in Astrachan und Bak u, sowie in kleineren Städten Wolhyniens gebildet. (Jüdische Colonie in Nordamerika.) Die Verwalter des Hirsch'schen Fonds haben eine erste Colonie in der Grafschaft Kap May im Staate New-Iersey gegründet. Die Colonie heißt Woodbine und besteht aus 5100 Acres- Landes. Gemüsegärtnerei und Obstzucht werden einstweilen die Hauptbeschäftigung der Colonisten bilden. Später will, man Schuhe-, Glas- und Tuchfabriken errichten. Die Colonie wird 250 Familien zählen. Jeder Ansiedler muß 2000 Dollar baar besitzen. Er bekommt zum Kostenpreise eine Farm von 15 Acres und außerdem eine Fläche für späteren Gebrauch, sobald er sich als Landwirth bewährt und es sich gezeigt hat, daß er nicht nur speculircn will. Ein Haus von 4 bis 6 Zimmern soll für jede Familie gebaut werden und den Ansiedlern soll Geld für den Anbau des Landes vorgeschosten werden. Dafür werden die Grundstücke mit Hypotheken belastet zu einem 5proccntigrn Zinsfuß. In Woodbine werden zur Zeit Straßen gebaut und Brunnen gegraben. Zwei Häuser sind schon fertig und bewohnt. Die Schule für die Kinder der Colonisten ist in Dennisvillc, drei englische Meilen entfernt. (Kinder-Antisemitismus.) Die Berliner „Tägl. Rundschau" vom 23. v. M. meldet wörtlich: „In der Glasfabrik in Milville im Staate New Jersey legten die dort neben den Erwachsenen thätigen Knaben die Arbeit nieder, um die Beschäftigung von 14 Juden zu verhindern.- Die. Fabrik 'wurdes in Folge .dessen geschlossen und über etwa 3000 Personen die Arbcitssperre verhängt.; : (Oberst Albert Goldsmid,) der bekannte Londoner Zionist, weilte jüngst in Paris, wo er in Sachen der Colonisation Palästina's mit den Spitzen der dortigen israelitischen Gemeinde conferirte. (Aus dem Westen.) Aus Dublin, Irland, wird der in B a l t i m ore erscheinender „Hapisgah"geschricben, daß der dortige Palästina- Colonisationsvercin nach einjährigem Bestände 60 Pfund Sterling (über 700 fl.) an den Hauptverein in London abgcführt hat. — Demselben Blatte wird aus B o st o n .(Ver. Staaten) von der daselbst erfolgten Gründung eines aus jüdischen Jünglingen bestehenden nationalen Vereines „Bnej Zion." berichtet. Der Verein bezweckt die Eröffnung einer jüdischen Lesehalle uud Bibliothek. (Die Eröffnung fand am 17. Elul im Vcreinslocale, Hannover-Street 170 statt.) Die Gründung einer Schule für hebräische Sprache und Geschichte, und die Veranstaltung von Versammlungen behufs Besprechung wichttger jüdischer Angelegenheiten. (Die Dacht Israel.) Neulich brachten viele politische Zeitungen und jüdische Blätter die Nachricht von einer dem Baron Hirsch gehörigen Jacht „Israel", welche zur Colonisationszwecken verwendet werden solle, und von einem Toast, den Graf Wimpsfen in Algier auf Baron Hirsch als Erbauer des Schiffes ausgebracht haben soll. Die „Allgemeine Ztg. d. Judth." veröffentlicht nun folgende Zuschrift: „Geehrter Herr! In Ihrer Nummer vom 4. September finde ich eine Notiz über die Jacht Israel und einen Toast, den Graf Wimpffen in Algier ausgebracht haben soll. Als Besitzer der besagten Jacht theile ich Ihnen mit, daß hier ein Jrrthum obwalten muß, ich stehe mit dem Baron Hirsch nicht in Verbindung und brauche die Jacht für meine eigenen Zwecke. Berlin, 14. September. Hochachtungsvoll Paul Fried m a n n. *) (Aus Rußland.) Die „Nowoje Wremja" meldet, dem Ncichsrath werde demnächst eine Vorlage des Ministers des Innern über die Judenfrage zugehen. Sie basirt auf dem durch die Conferenz der Generalgouverneure von . Wilna, Warschau und Kiew unter dem Vorsitze des Adjunkten des Ministers des Innern, P l.e h w e, zusammengestellten Material.. — Nach einer „Standard"-Meldung aus Petersburg hat der russische Minister des Innern einen Gesetzentwurf ausgearbeitet, demzufolge die Fremden, welche ansgewiesen worden sind, ohne Proceß nach Tobolsk deporttrt werden, wenn ihr eigenes. Land sic nicht aufnehmcn will. Diese Maßregel werde, wenn sie in Kraft trete, hauptsächlich die Juden und Polen berühren. *) Siehe Artikel „Madjan" in dieser Nummer.

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