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Selbst-Emancipation · 1891-10-02 · Heft 19 (2.10.1891) · p. Seite 4

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Journal
Selbst-Emancipation
Volume
1891
Issue
Heft 19 (2.10.1891)
Date
1891-10-02
Page
Seite 4 (sequence 4)
Language
German
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Selb st - Em ancipati o u. Nr. 19. in der Seidenraupenzucht unterrichtet werden, damit jede Colonisienfamilie in ihrem eigenen Hause dieselbe betreiben könne. Die gewonnene Seide hat sich nach genauer, fachmännischer Untersuchung als vorzüglich erwiesen. Was den Wein der Colonic betrifft, so wurde die Lese des vorigen Jahres nach Frankreich ausgeführt. Da R i s ch o n noch ungefähr 2000 Dunam unbebauten Bodens besitzt, so ist zu hoffen, daß es in einigen Jahren bei 2 Millionen Neben und einige hunderttausend Bäume besitzen wird. Viel wird wohl auch zur Hebung der Colonie der Umstand beitragen, daß in ihrer Nachbarschaft letzthin vermögende Privatpersonen 1850 Dunam (166 Hectar) Bodens angekaust haben. Die Lage der Colonie ist eine sehr reizvolle. Von der Spitze des Berges aus sieht man im fernen Osten die majestätischen Gipfel des Gebirges Juda, etwas näher die ■ alten Städte Ramleh und Lydda, im Westen nach den weißen dünen das blaue Mittelmcer, im Norden und Süden zahlreiche arabische Dörfer und jüdische Colonien. Die Ansicdlung Risch o n l'Z i o n besteht aus zwei geraden, breiten unter einem rechten Winkel zusammentreffenden, mit Bäumen dicht besetzten Straßen mit 42 steinernen Häusern, unter welchen sich neun zweistöckige befinden. Jedes Colonistenhaus hat zwei bis sechs Zimmer, eine Küche, einen Stall, einen mit einem Steinwall umgebenen Hof und mir.'. Gemüsegarten von sechs Dunam. Die Zahl der Colonistenfamilien ist von 18 im Jahre 1882 auf 35 im letzten Jahre gestiegen. Die Bevölkerungsziffer aber hat sich vor 54 Seelen (November 1882) auf 383 Seelen (Juli 1891) gehoben. Davon sind: Landwirthschaftliche Colonisten sammt Familien 170 Seelen, Taglöhner: 95 Seelen, Handwerker sammt Familien: 44 Seelen, Verwaltungspersonale: 74 Seelen. Die Anzahl der nicht Landwirthschaft betreibenden Bewohner von R i s ch o n ist, wie in S i ch r o n auf Rechnung der großen Arbeiten zu setzen, welche hier ununterbrochen ausgeführt werden. Jüdische Taglöhner verdienen sich hier wöchentlich bei 5 fl. Die zwölf Handwerker der Colonie sind meistens Tischler und Schmiede. . Das Verwaltungspcrsonalc besteht aus dem Director, seinem Secretär; 1 Obcrgärtner, 3 Gehilfen, 1 Weinbereitungslciter, 1 Seidenzuchtleiter, 2 Maschinenmeistern; 1 Arzt, 1 Apotheker und Gehilfen; 1 Chirurgen, 1 Hebamme; 3 Lehrern und 1 Lehrerin; 1 Schächter, 1 Dorbeter und 1 Bethausdiencr. In Anbetracht der Umstände, daß Ri s ch o n zuerst unter den Schutz des bekannten Wohlthäters kani und daß sie I a fff a am nächsten liegt, ist ihre Dircction zugleich die Oberleittmg für alle unter dem Schutze des Protectors stehenden palästinensischen Colonien. Die Colonisten von R i s ch o n sind fast sämmtlich intelligente Leute. Viele unter ihnen sind gute Hebräer nnd besitzen eine gründliche allgemeine Bildung, drei haben europäische Hochschulen besucht. Die Colonie hat eine kleine Bibliothek und erhält einige Zeitschriften. Aber die Colonisten sind auch vortreffliche, practische Landwirthe geworden. An verschiedenen Anstalten und Einrichtungen ist R is ch o n l'Z i o n beinahe so reich wie S i ch r o n. Ein schönes dreistöckiges, vor kurzem erst auf dem höchsten Punkte der Colonie aufgeführtes Gebäude beherbergt eine hübsche Synagoge, sowie eine Knaben- und eine Mädchenschule, welche von 38 Schülern, resp. 31 Schülerinnen besucht werden. Lehrgcgenstände und Unterrichtssprache sind hier dieselben, wie in S i ch r o n Jacob, — der Unterricht selbst aber steht hier auf höherer Stufe. Arabisch und französisch werden gründlich gelehrt. Des Hebräischen sind die älteren Knaben und Mädchen in dem Grade mächtig, daß sie es auch außerhalb der Schule als Umgangssprache benützen können, und sic thun dies auch mit Vorliebe. In absehbarer Zeit wird Hebräisch die einzige Umgangssprache der Colonic sein. — Von den übrigen Anstalten der Colonie sind der bereits obenerwähnte Keller,*) das ebenfalls bereits erwähnte Seidenraupenhaus, die Maschinenwerkstätten u. s. w. hervorzuhcben. So nimmt denn R i s ch o n l'Z i o n vermöge der Bequemlichkeit und Schönheit seiner Lage, seiner Gebäude und Anstalten, vermöge des Rcichthums seiner Weinberge und Gärten, und schließlich vermöge seines wunderbarer Klimas den ersten Platz unter den jüdischen Colonien in Judäa ein, und verdient, neben S i ch r o n Jacob, eine der Perlen der jüdischen Colonisatton in Palästina überhaupt genannt zu werden. *)Unlängst wurde der Keller und das Verwaltungsgebäude telefonisch verbunden. Aladian. (Zur Warnung.) Krakau, am 27. September 1691. Vor einigen Tagen kam hier ein Herr- Paul Friedman n aus Berlin nebst einem Begleiter an und erklärte, er hätte die Absicht, in dem von ihm in einer unlängst erschienenen Brochure*) beschriebenen biblischen Lande Madian (Midian) eine jüdische Colonie zu gründen. Zu diesem Zwecke wandte er sich an das hiesige von der Israelitischen Allianz zur Sichtung der russischen Emigranten eingesetzte Comitä, damit dasselbe ihm die entsprechende Zahl von tauglichen Individuen zuführc. Davon benachrichtigte begab ich mich sofort zum Herrn Fried mann und ersuchte ihn, er möchte mit Rücksicht auf die öffentliche Natur seines Unternehmens mir etwas Näheres über seine Pläne mitthciten. Herr Friedman, welcher Christ**) ist, erklärte, er wolle im nordwestlichen Arabien, östlich von der Halbinsel Sinai unweit der Stadt Akabah eine jüdische Colonie gründen, wozu er die russischen Emigranten verwenden möchte. Das Lnnd seid ort freistehend und da das im Jahre 1875 kodificirte egyptischc Gesetzbuch, dem auch das obenerwähnte Land untersteht, erklärt, daß freistehende Ländereien dem Occupantcn als Eigenthum gehörten, werde er die Grundstücke nicht einmal den Beduinen abkaufen, sondern dieselben occupiren und sich dort ansiedcln. Auf meine Frage, ob die Colonie eine landwirtschaftliche sein solle, erklärte Herr F., daß er es darauf erst für späterhin abgesehen habe; zuerst sollen Häuser gebaut, Gärten angelegt undumzäunt, sowie auch Handwerke betrieben - werden. Sobald er den Beduinen, deren Begriffe über das Mein und Dein noch sehr lax sind, den nöthigen Respect (!) beigebracht haben und sobald er nur die nöthige Zvhl von .... Gewehren besitzen werde, erst dann sollen auch weitere umfassende Grundcomplexe zum Zwecke des cingentlichen Anbaues occupirt werden. Daß sich die Beduinen eine derartige Behandlungsweisc nicht so ohnewciters werden ruhig gefallen lassen, das sicht wohl Herr F. selbst ein und istauch auf gewisse militärische Maßnahmen gefaßt. Zur Colonisation sollen in erster Linie Handwerker benützt werden, für deren Producte Herr Friedman n in Arabien bei dem Mangel eines jeden Gewerbes ein großes Absatzgebiet zu finden hofft. Meine weiteren Fragen, dahin gehend, was für einer Sprache sich die Colonisteu in der Zukunft bedienen werden und ob er auch in geistiger Beziehung ettvas für jene thun werde, beantwortete Herr Friedmann damit, daß chie *) „Das'Länd Madian" von P. Friedmann, Berlin. 1891.» **)Jüdischer Abstammung. Die Red. Hauptsprache der Colonisten die arabische sein solle, die etwaige Ausbildung der jungen Generation aber überlasse er der — „Alliance Jsraclitc". Dies und noch andere abgegebene Erklärungen brachten mich zur Ucbcrzcugung, daß wir cs hier mit einem rein s p c c u l a t i v c n Unternehmen von h ö ch st abenteuerlicher N a t u r zu thun haben, woran auch die Thatsache nichts ändern kann, daß der kluge christliche Unternehmer dazu russische Emigranten,- also Leute ohne Heimat, ohne Dach und Fach verwenden will. Und wollte man auch nur für einen Augenblick daran zweifeln, so genügt es, den zwischen Herrn Fricdinann und den 10 Familien, die sich bereits entschlossen haben, ihm Folge zu leisten, abgeschlossenen Vertrag dnrchznlesen. In diesem Vertrage verpflichtet sich Herr Friedman n, den anderen Vertragsthcil an Ort und Stelle zu schaffen, ihn dort mit Kleidung, Kost, Wohnung und einigen Gulden monatlich zu versorgen; hingegen verlangt er von demselben unbedingte n Gehorsam und D ien st leist ungen auf jedem ihm zu g e wi e s cn c.n Gebiete. Die Leute sollen zuerst - militärisch ausgcbildet werden^ so heißt cs im Vertrage, und werden dann, nachdem die Häuser aufgebaut sein werden, in erster Reihe Wächterdienste zu leisten haben, wodurch unsere schon früher ausgesprochene Vermuthung, daß es auch eventuell zu einem blutigen Rencontre kommen kann,- nur noch mehr Wahrscheinlichkeit erhält.*) Des weiteren-verspricht Herr Friedmann, daß,wer nach2Jahren inderColonie zu bleibeu gcivillt sein wird, ein Haus und Grundstücke (wie viel?), im entgegengesetzten Falle aber die Reisespesen nach London erhalten wird. Wer aber nicht den vertragsmäßigen Gehorsamleistet, wird ausgewicsen und erhält gar keine Reisespesen. .. Dies ist der Grundtenor des Vertrages, den, wie bereits erwähnt, schon 10.russische Emigrantcn- Familien hier unterfertigt haben, .und den noch 20 Familien unterschreiben sollen, da Hcrr.-Fricdinann mit 30 Familien seine Reise antreten will. ■ Bei der Unterfertignng des Vertrages vermittelte, das obenerwähnte hiesige Comitä, welches auch-die Verantwortung für das Geschehene tragen muß, nachdem Herr Fricdinann officicll nur mit dein Comitä zu thun hatte. Dieses scheint sich offenbar dieser Verantwortung nicht bewußt-zu sein und ist übrigens auch in der Lage, die Verantwortung auf andere Schultern zu wälzen. Zur Sicherung aller Ansprüche der Colonisten erlegt nämlich Herr Friedmann einen Betrag von 5000 fl. (!) in einer Wiener Bank — und diese grandiose Sicherstellung hat wohl, die Wiener Allianz, an welche sich das hiesige Comittum Rath wandte, veranlaßt, telegraphischzu antworten: „H e r r n Fri ed m a n n m e ralisch uuter stützen.'' Ich meinerseits kann vor dem-Anschlüsse a n H e r r n Fried in a im ,. der gegenwärtig Galizien bereist, um noch 20 Familien für sein Unternehmen ausfindig zu machen, nur eindringlich st warnen und auch die übrigen jüdischen Blätter ersuchen, diese Warnung zu veröffentlichen. Saul Raphael. Nachbemerkung der Redaktion. Wir haben über das Projcct des Herrn F r i c d m a n n in unserem Blatte bereits gesprochen und erklärt, selbes wegen der großen Nähe Madians zu Palästina gegenüber den argentinischen und anderen *) Der § 1 des in Siebe stehenden Vettrages läutet wörtlich: „N. N. verpflichtet sich Herrn Paul Friedmann gegenüber, demselben bei deffenExpedition zur Erforschung und Ansiedlnng in Nordwest-Arabien während 2 Jahren vom >. November 1891 bis zum 1. November 1893 zu dienen, auch beit in Arabien nöthigen Nachtdienst und im Falle eines räuberischen Angriffes auch Waffendienst zur Abwehr desselben zu verrichten. Zn diesem Zwecke wird N. N. unter Anleitung militärischer Führer den Waffendienst erlernen und ausüben, wird sich allen Verordnungen, Reglements und Vorschriften, welche Herr Paul Friedmaiiil oder sein Stellvertreter erlaßt, unterwerfen und den Befehlen pünktlichst Folge leisten."

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