Selbst-Emancipation
- Journal
- Selbst-Emancipation
- Volume
- 1891
- Issue
- Heft 19 (2.10.1891)
- Date
- 1891-10-02
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
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Nr. 19. Selbst-Emancipat^on. isinus, da Leute, welche weder den Charakter des russischen Juden, noch die Strömungen innerhalb des russischen Judenlhums kennen, noch auch sich jemals mit Colonisaüonsfragen beschäftigt haben, mit ihren individuellen, subjectiven Ansichten hervortreten, ohne auch nur im Geringsten die Verantwortlichkeit ihrer Handlungsweise zu ahnen. Derselbe Herr Traubenberg, der schon vor wenigen Monaten gegen Palästina aufgetreten ist, sah sich vor ein paar Wochen wieder veranlaßt, gegen Palästina und für Argentinien eine Lanze zu brechen. Wir haben keineswegs die Absicht, gegen diesen Herrn eine Widerlegung zu schreiben, da von ihm auch nicht ein einziger origineller Grund angegeben wird, wohl aber verlohnt es sich, zur Erbauung einmal die Kampfesweise der Gegner zu betrachten, da sie nicht selten wiedcrkehrt. Zuerst beanständet er die Gewißheit dessen, daß Palästina fruchtbar ist, da alle geographischen Schriftsteller von der „seit 2000 Jahren immer mehr zugenommenen Verwilderung nnd Verödung des Bodens sprechen, dessen Anbau nicht viel geringere Schwierigkeiten erfordern würde als noch urbar zu machender Boden". Der Herr T. citirt nicht einen einzigen Schriftsteller, obzwar seitens der Zionisten öfters die betreffenden Stellen aus den berühmtesten geographischen Werken von Ritter, Robinson, Zwiedeneck, Socin rc. angeführt worden sind. Weiter schreibt der Artikelschreiber: „2. Daß der Zug des Herzens bei den russischen Glaubensgenossen nach Palästina führt, kann bedingungsweise zugegeben werden. Beruht denn aber dieser Zug auf besseren Kenntnissen, die sie vom Lande haben, oder nicht vielmehr auf unklaren Phantasien und mißdeuteten prophetischen Weissagungen, denen man in Zeiten der Bedrücknng eine Bedeutung und Beziehung zur Jetztzeit beilegt?" Es ist also dem Herrn T. unbekannt, daß. es eine nationale Beivegung gibt, welche fern von jeder religiösen Sch wärm e r e i, nur auf den neuesten politischen Systemen beruht. Ebenso weiß er nicht, daß an der Spitze der palästinensischen Angelegenheiten die hervorragendsten Geister des russischen Judenthums, wie Dr. Pinsker, Advocat Margulis, Eisenbahndirector Syrkin, Augenarzt Mandelstamm rc. stehen, da er später meint, die durch unklare Vorstellungen hervorberufenen Wünsche der Leute dürfen für uns nicht maßgebend sein, „da wir für sie denken solle n". Welche Kühnheit! Während ein Mann, wie M a k o w e r, welcher zu den einflußreichsten Männern des deutschen Israel gehört, die russischen Juden ermahnt, selber für sich zu sorgen, getraut sich Herr Tr. für die ganze russische Judenheit zu denken. Später wird die Toleranz des türkischen Volkes bezweifelt. „Diese treffliche Eigenschaft muß sehr neuen Ursprungs sein. Man darf von der Toleranz der Sultane, allenfalls noch der türkischen Regierung sprechen, nimmermehr die Toleranz der Türken rühmen." Wie es möglich ist, daß die Sultane und die türkischen Gouverneure, welche, doch auch türkischen Ursprungs sind, innerhalb vier Jahrhunderte niemals gegen die Juden im osmanischen Reiche eine Verfolgung in Scene gesetzt haben, diese Thatsache wird natürlich nicht erklärt. Es wäre übrigens hinreichend, nur darauf hinzuweisen, daß die türkische Bevölkerung, welche den Christen gegenüber stets so feindselig ist, noch niemals an den Juden ihren Zorn ausgelassen hat. Jndeß, die Geschichte und die Geographie werden vom Herrn Traubenberg nicht sonderlich geachtet, da er auch nicht ein einziges ichtiges Factum zur Bekräftigung seiner vernichtenden Behauptungen anführt. Daß aber die russischen Juden den Schutz des russischen Consuls begehren, ist darauf zurückzuführen, daß dieselben von Rußland nicht völlig ausgeschlossen' sein wollen, wo doch die meisten Verwandten derselben wohnen. Komisch klingt es, wenn Herr Tr. später angibt, im Jahre 1850 sei Palästina von 600,000 Einwohnern bevölkert gewesen, so daß man nicht fehl gehe, jetzt eine Million zu zählen. Die geographischen Kenntnisse desselben müssen also aus Büchern aus dem Jahre 1850 geschöpft werden; warum zieht er denn nicht gleich ältere Werke heran, aus welchen er ersehen könnte, daß vor 2000 Jahren 4 bis 5 Millionen unsere Urheimath bewohnt haben? Die Vermuthung aber, welche in Betreff der jetzigen Einwohnerzahl ausgesprochen wird, ist bekanntlich falsch, da sich thatsächlich auch jetzt nur 600,000 Einwohner in Palästina befinden. Weiter heißt es: „Was wollen die 5'/, Millionen Quadratineter Acker sagen, die Rothschild an die russischen Juden verschenkte. Hinter dieser angestaunten Zahl stecken noch lange nicht 2000 Morgen, die für etwa 100 Familen ausreichen." Diese der „S e lb st - E m a n c ip a t i o n" entnoinmene Nachricht ist wegen der falschen Umrechnung Anlaß zu vielen Mißverständnissen gewesen. Nach der „S.-E." hatte Rothschild die Absicht gehabt, 300,000 Duman Landes an die russischen Juden zu verschenken; dies wären beinahe 300,000,000 Quadratmeter, welche für 2500 Familien sicherlich Raum genug enthalten würden. Die Nachbarländer werden übrigens vom Herrn Tr. gar nicht berücksichtigt, ferner wird es als selbstverständlich vorausgesetzt, daß die Colonisation Argentinien's billig ist und den russischen Juden zum Heil gereichen muß. Es wäre zu weitläufig, auf einen Vergleich zwischen Argentinien und Palästina anzustellen, was mir uns noch Vorbehalten, aber wir wollen schon jetzt die Thatsache erwähnen, daß Colonien, welche vom argentinischen Staat unterstützt wurden, in denen echte Bauern angesiedelt und gewaltige Capitalien verwendet worden sind, doch erst nach Decennien einen ganz mittelmäßigen Erfolg aufzuweisen vermochten. Der einzige Vorzug Palästina's bestehe nur darin, daß von Südrußland aus eine viel bequemere und billigere Zugänglichkeit des Landes sei, ivoher die immerhin noch bedeutende Strömung nach Palästina zu erklären sei; dem widerspricht die Thatsache, daß fast alle volksthümlichen Palästinagenoffenschaften im Westen Rußlands (Warschau, Wilna, Riga, Bialystok, Kowno, Minsk rc.) gebildet worden sind. Zuletzt kommen wir auf die sondere Nichtachtling der Wünsche der jüdischen Volksmasse zurück. Das mögen alle Colonisatoren wohl bedenken, daß ohne die innere Zustimmung der russischen Juden alle derartige Unternehmungen nieinals gedeihen können; nur die Consequenz und wirkliche Hingebung der Zionsfreunde haben die blühenden palästinensischen Colonien geschaffen, nur das Ideal hat aus Kausleuten in der Urheimath schlichte Bauern gemacht. Berlin. Q. m. Die jüdischen Kolonien in Palästina. Rischon l'Zion. (Schluß.) R i s chon l'Z i o n befindet sich 150 Kilometer südöstlich von Jaffa in einer Gegend, welche die Araber „Ajun Kara" nennen. Es liegt neben der großen Carawanenstraße von Jaffa nach Gaza, und ist 8 Kilometer von der Chaussäe Jaffa-Jerusalem und ebenso viel vom Meere entfernt. Diese in Hinsicht auf Leichtigkeit! des Verkehres so günstige Lage wird noch günstiger dadurch, daß die Colonie von allen Seiten von großen arabischen Dörfern (Bet-Dedjan, Sarafend, Safria, Dschabna, Dschasur,) von anderen jüdischen Colonien (Ekron, Wadi-el Chanin, Gderah, Rechoivoth) lind sogar von Städten (Lydda, Ramleh) umgeben ist. Die Ansiedlung*) selbst, liegt auf einem Bergesabhang, ihre Felder auf benachbarten Hügeln und in den Thälern. Hier ist der Boden sandiger Thon, dort kalkiger Lehm, im Ganzen aber allzu sandreich, was ihn für den Getreidebau selbst nicht geeignet macht. Dagegen eignet er sich für den Weinbau, für Oel- und Maulbeerbaumpflanzungen ausgezeichnet, iveniger für Orangen-, Citronen und andere Obstbäume, welche eine reichlichere Bewässerung benöthigen, als sie Ri schon l'Zi o n bieten kann. Die Colonie erfreut sich eines vorzüglichen äußerst gesunden Klimas. Während des ganzen Sommers und selbst während der zwei heißesten Monate, August und September, wo in anderen Orten des Landes eine erstickende Hitze herrscht, wehen hier von 10 Uhr Früh bis 4 Uhr Nachmittaglinde Winde, welche die heiße Luft bedeutend abkühlen. Wie gesund hier das Klima ist, beweist auch der Umstand, daß von der Gründung der Colonie ab bis zuin Herbste 1889, also durch volle sieben Jahre kein einziger Todesfall in derselben vorgekommen ist. Ja, noch mehr, Colonisten, die mit verschiedenen Brust- und Magenleiden hierher gekommen waren, erholten sich hier und fühlen sich jetzt vollkommen gesund. Im Jahre 1886 kaufte der Protectvr der Colonie für dieselbe noch angrenzenden Boden im Ausmaße von 3600 Dunam (324 Hectaren) hinzu, so daß sie gegenwärtig ungefähr 7000 Dunam (630 Hectar) Boden besitzt. Die Umwandlung von Getreidefeldern in Weinberge nnd Baumpflanzungen nimnit hier mit jedem Jahre noch größere Dimensionen an, als in S i ch r o n Jacob, so daß heute der Getreidebau bereits nur auf die minimalsten Bedürfnisse der Colonie selbst eingeschränkt ist. Während im Jahre 1882 1680 Dunam, also die Hälfte des Bodens mit Weizen, Gerste, Sesam, Gemüsearten besäet ivurde, ist im Jahre 1890 diesen Saatpflanzen bloß ein Flächenraum von etwas über 1200 Dunam, also bloß 17"/„ des jetzigen Coloniegrundes eingeräumt worden. Dagegen nimmt der Weinbau welchen man 1884 bloß auf 200 Dunam mit beinahe 60.000 Reben betrieb, gegenwärtig 3800 Dunam mit 1,200.000 Reben ein. Außerdem besitzt Rischon l'Z i o n mehr als 20.000 Maulbecr-, Oel- und Mandelbäume, deren Zahl übrigens täglich wächst, und eine „Bajara" (Orangeu- und Citronengarten) von 30 Dunam mit 6000 Bäumen. Dieser Garten, sowie die B.nmischule der Colonie werden von zwei Brunnen bewässert, deren Wasser durch Dampfpumpen in zwei steinerne Reservoirs getrieben wird. Ueberhaupt sind der Weinbau und die Seidenraupenzucht die beiden Culturen, welche Rischon l'Z i o n eine glänzende Zukunft versprechen. Denselben lenkt sich auch die Hauptaufmerksamkeit der Leiter der Colonie sowie der Colonisten selbst zu, und scheut auch diesbezüglich der Protector der Colonisation vor keinen Kosten zurück. Alljährlich werden immer neue und verschiedene Sorten französischer, amerikanischer und indischer Reben gepflanzt, um eine für den Boden von Rischon l'Z i o n bestgeeignete und in geschäftlicher Hinsicht einträgliche Weinrebe auszubilden. Ein großartiger Keller, für Wein- und Liqueurerzeugung,der über 200.000 Francs kostete und mit allem Zugehör und Maschinen ausgestattet ist, wurde gebaut. Außerdem ivurde ein geräumiges Seidenraupenhaus eingerichtet, in welchem die Frauen und Kinder der Colonisten *)Letzthin haben zwei Colonisten einen regulären Diligencen-Berkehr zwischen Rischon l'Z i o n und Jaffa eingerichtet.