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Selbst-Emancipation · 1891-10-02 · Heft 19 (2.10.1891) · p. Seite 2

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Journal
Selbst-Emancipation
Volume
1891
Issue
Heft 19 (2.10.1891)
Date
1891-10-02
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
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Seite 2. haben. Sie waren aber keineswegs verpflicht t zu erforschen, w e l ch e Freiheit uns: noththut; sie Haien ihre Schuldigkeit, indem sie. erlauschten, wonach unsere Volksseele^ begehrte.: In uns aber regte sich kein Spürchen von Sehnsucht nach wahrer Erlösung, nach nationaler Wiedergeburt; das Ziel aller Wünsche war die Gleichberechtigung und die Verschmelzung mit den Völkern. .Sollten^ nun diese jüdischer sein, als die Juden selbst, und ihnen mehr bieten, als sie selbst verlangten? So gewöhnten sie sich ebenfalls in der sogenann-" ten Assimilation das Heil der Juden "und' —' der Christen zu sehen, und nur unter diesem Vorbehalte wurde uns die „Freiheit" gewährt, die. Freiheit im Golus.. Wie Gefangenaufseher überwachten uns nun unsere nichtjüdischen Mitbürger, um sich zu überzeugen, ob wir uns nur . ja'recht assimiliren^ ob sich die erwiesene Gnade nur ja. recht lohne. Es mag nun nicht -Alles ganz-nach .ihrem-Sinne.gegangen sein, — wir glauben es gerne, ine, frevle Mmaiürlichkeit nichk gelang^und üur-<mdralzerstörend wirken konnte, — da wurden sie verstimmt; die alte nur mit äußerster Mühe zurückgedämmte Abneigung gegen das Judenthum' gewann wieder die Oberhand und eine Periode begann, welche nicht mehr durch die Worte:' Fr eiheit im Golus characterisirt ist, für welche vielmehr die Bezeichnung: Das Golus in Freiheit besser paßt. Diese Äenderüng der Sachlage haben wir uns, wie gesagt,'selbst zuzuschreiben. Die Arier sind, man mag sonst jüdischerseits mit ihrer Art und Weise sich nicht befreunden können, ritterlich und für hohe Ideen empfänglich. Sie hätten uns verstanden und uns auch geholfen, wenn wir kühn den Wunsch in die Welt hinausgerufen hätten: „Laßt uns frei, ganz' frei sein, laßt uns unsere Kräfte in eigenem' Wirkungskreise entfalten, läßt uns unsere Geschichte wieder aufnehmcn!" Statt dessen aber kamen wir mit zugestutzten Wünschen, schwächliche Epigonen kraftvoller Vorfahren. So haben wir unser Los redlich verdient. Wer keine andere Freiheit ersehntj als die Freiheit iin Golus, der hat sich würdig erwiesen, sich unter den Hieben des Golus in Freiheit zu winden. Doch gehen wir nicht zu strenge in's Gericht mit uns. Als wir den Weg der Assimilation^ betraten, haben wir da nicht einem höheren Zwecke gedient, haben wir nicht Aufklärung und Bildung unter die verfinsterten und ungebildeten jüdischen Massen bringen, haben wir sie nicht aus die Bahn des Fortschritts bringen wollen? Jawohl," es ist Thatsache, daß den Besseren unter uns diese Ziele vorschwebten — die Schlechteren handelten nur aus rein praktischen Gründen — aber es war wieder nur ein Jrrthum, auf diesem' Wege zu solchem Ziele gelangen zu wollen. Was wurde erreicht? Ein größer Theil des jüdischen Volkes ficht noch jetzt trotz seiner hohen Bildüngsfähigkeit und seinem ausgesprochenen Bildungsdrange der Bildung fremd, oft. feindselig gegen-' über. Ein anderer Theil' hat' nur einen' äußern Bildungsfirniß angenommen, ist aber innerlich" hohl und sittlich verkümmert.' Bei diesem Theile bestcht die ' Bildung in den geschniegelten und gestriegelten Manieren eines Schacherers, von' S'e l b st - E m a n c i p a t i-o n. ' -^wahrer Bildung : d. i. Veredlung des - Gcmüthes ^nnd Verstandes ist bei ihm keine Rede.. Die paar wirklich Gebildeten, d. h. Edlen ’ an Herzen und Weisen an Geist, sind es: gewiß nicht durch die Assimilation geworden, sic sind vielmehr trotz derselben an dem immer noch lebenskräftigen Stamme des. Judenthums erblüht. i'Jjl KLer A-sttzt) müß rauch B? sagen, i Jener Theil der Judenheit. der auch heute noch nicht von der Assimilation beleckt ist,-wollte das A nicht ^sagen, dr. wollte, in den Treubruch, ain Volke nicht willigen, und'blieb daher auch von asten Vcilletäten des Assimilationsjudenthums verschont. Dat für aber, nahm.::,« auch die civilisatorischen Elemente desselben nicht in sich auf, er verblieb -die-dunkle-reaktionäre-Masse^ an der alle Fortschrittsideenbeharrliche scheiterten und scheitern. Jene Juden aber, welche nur zu willig dein Lockrufe, der .Verschmelzungstheoretiker folgten, fügten -ebenso - willig dem Verrathe am angestammten .Volke -den.'Verrath an der' hohen reinen ' Siltlichkeit-desselben^ hinzu. -Der äusschreitendste Materialismus, gedankenloses Geckenthum, Protzigkeit und Anmaßung setzen den Werth der ohnei hin so schwachen Bildungselemente herab, die sie. in sich aufnahmen. Aufklärung und Bildung, Freiheit und Fortschritt gedeihen dort am besten, wo keine unnatürlichen Verhältnisse, keine Zwitterstellungen, keine Halbheiten walten. Aeußerlich und innerlich Jude, mußte der, Jude sich Gewalt anthun, um j dem Nichtjuden ähnlich zu scheinen. Eine gewisse nervöse Erregtheit mußte'der Folgezustand dieser ewigen nie ganz erfolgreichen Bemühungen sein. Unter, dieser Erregtheit' krankte die Seele des jüdischen Volkes und in diese kranke Seele sollten die höchsten Jbeale her Menschheit einzich'en? Wie sollte Derjenige, der aüfpassen mußte, daß sein Aussehen'nicht allzu' semitisch 'sei, daß seine Stimme keinen jüdelnden Tönfäll habe, " daß sein Name nicht allzu jüdisch 'klinge, dazu geeignet sein, wahrhafte Bildung in sich aufzunehmen und zu verarbeiten?^ Leute,'deren.'Hauptsorge es war, dem bewunderten Arier abzügücken, „wie er sich räuspert .und wie er'spuckt", sollten das geeignete Material' für eine Cultursendung abgcben? Das war der große Jrrthum, in den man nachgerade System brachte und der immer weiter von der'Wahrheit sich entfernte. Was seine ersten Prediger selbst noch nicht dächten nnd verkündeten, nämlich die angebliche Bildun'gsfcindlichkeit und Lächerlichkeit des alten Judcnthums, ' lehrten ihre' radicaleren Schüler. Kein Wort war zu derb, um diese Gesinnung aüszudrücken, kein Hohn zu scharf, um das eigene Volksthum zu beleidigen. ' Die „mosaische Confession", jenen letzten Pietätsrest 'der ' Bahnbrecher der Assimilation duldeten' ihre Lehrlinge bereits nur mit verächtlichem Widerwillen. "Man war in den neuen'Götzendienst so berrännt, daß.man die zunehmende Verkümmerung' der sittlichen Moral der Juden, daß man den herannahenden Gewittersturm des Antisemitismus' nicht merkte. - - ' Der Jrrthum hatte sich bitter gerächt'' und "dennoch findet^er noch Gläubige; es ist' eben schwer ein Vorurcheii zu'bannen und wenn es auch durch' Vernunft und ‘ Erfahrung widerlegt . - Nr.-19. ist. Den Weg zur Freiheit, zur wahren Freiheit -und hiemit zu stetem und sittlichen Fortschritt kann das jüdische-Volk nur-durch sein-Voltsthum finden. Von hm wird cs vertrauensvoll die Aufklärung überuchmeu, die es, von fremder Hand geboten, zurückstößt; in ihm wird es die Sittlichkeitshöhe wieder erklimmen, von der es 'hinabstürzte. Nicht die Bände,. welche uns mit diesem unserem Volksthum verknüpfen, gilt es zu lösen, nein, die Fesseln gilt cs zu brechen, welche uns an unser trauriges GoluSschicksal geschmiedet haben. Bereu e n wir das Erstcre versucht zu haben, und nehmen wir üno vor, das Zweite i» Angriff zu nehmen. Das ist die N e u e, das sind die guten Vorsätze, welche die ernsten Feste - des beginnenden Jahres auf dem Gebiete unserer Volksgemeinschaft von uns -'-fördern. Kommen , wir dieser. Förderung, nach, dann ist es möglich und wahrscheinlich, daß eine neue Lichtzeit für unser Volk hcranbreche, daß es gesunde in allen seinen Theilen, — sich . und der Mensch heit z'ui'n Heile.- ' < ' < ' - 7 ■- vB Einer, der für die russischen Juden denken will. Wenn auch, jene' Erregungwelche im'Anfänge dieses-Sommers die deutsche Judenheit ob ■ ihrer gedrückten Brüder ergriffen-hatte; vorüber ist, so bleibt doch, noch das Interesse für die. ,-russi- >schenr jJuden '.im'Höchergrulid'x?:? AM Cüriosum möge die Thatsache erwähnt werden, daß' der Justizrath M a k 0 w c r,- welcher 'sichgroße Verdienfte um die osteuropäischen. Israeliten; erworben hat, in der „Allg. Z. v. I." einen Mahnruf an die Juden im Czarcnrciche richtet, 'in welchem er sie auffordcrt, die bisherige Äbsperrungsmcthöde in Kleidung; Sitten und Erziehung aüfzugeben, da sie'noch mindestens ein halbes. Jahrhundert, : bis zur Verwirklichnng der großen.Colonisations- . plane, zum größten Theil in ihren alten Wohnsitzen werden-bleiben müssen. Verlangt Herr M., daß sie sich die asiatischen,russischenForiiien aneignen sollen, daßsie sich den Samojeden assimiliren und die bisherige Absicht,;aus verschiedenen Gründen. -sich zu europäisiren, aufgeben.sollen? Wenn Mahnrufe auf die. getretenen, russischen Juden eine thatsächliche Wirkung Haben sollen, so müssen sie vor allem vom nationalem Selbstbeivnßtsein durchweht 'sein und hauptsächlich Vorschlägewirthschaftlicher oder socialer. Tendenz' enthalten.: Diese , sicherlich, .wohlgemeinte Aufforderung, des, Herrn M. dagegen, welche vielleicht, in den.hebräischen Zeitungen wiedergegeben werden wird, da es ' ausdrücklich gewünscht ' wird," wird in Rußland nur' wie eine bittere Ironie' klingen,' da selbst die; beredtesten Anwälte - der -Assimilation, welche . während.mehrerer Jahrzehnte , für., ihr Ideal mit Selbstaufopferung gestritten und gekämpft haben, ihre Thätigkeit aufgcgeben und mit frischen Kräften an der Wicderaufrichtung eines Culturisräels - auf nationaler Grundlage zu-arbeiten begonnen haben. Im klebrigen ist die, Entwickelung selbst m einer nationalen, europäischen Erziehung, .welche das . höchste Streben russisch-jüdischer Jünglinge ist, kaum denkbar, da die Lage der.'Juden itt Rußland eine so schwankende ist,' daß von positiven Plänen'während dieses - Zustandes ewiger Angst und Pein kaum die;Rede.-sein kann- . Es ist darum sehr erfreulich, daß die Frage des „Wohin" mit derselben Energie erörtert wird, leider' häufig mit einem unverzeihlichen Dilettant-

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