Selbst-Emancipation
- Journal
- Selbst-Emancipation
- Volume
- 1891
- Issue
- Heft 19 (2.10.1891)
- Date
- 1891-10-02
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/3092672-3092739-3092758--0744-3093730- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Abonnements-Preise: (Zusendung inbegriffen) $tx Vesterieich-Ungnrn gonjjäijrig fi. >> „ Deutschland „ Mk- S „ Rußland „ Rbl. 4 „ die übrigen Länder „ jrcs w „ Amerika „ Doll. 2 halb- und olerteljähriges Abonnement zu den entsprechenden Thellbeträgen. Vas Abonnement kann mit jeder Nummer beginnen. Einzelne Lremplare ZS kr. Organ der Jüdisch-Nationalen. Herausgeber: Dr. Siegmund Elkan. Chefredakteur: Dr. Nathan Birnbaum. | Redaction u. Administration: Wien. 2/3 Matzgaff» Nr. 4. Sprechstunde: Täglich von 1—2 Uhr Nachmittag«. Erscheint zu Anfang und Mitte jeden Monats. Nr. LS. Wien, 2. Oktober 1891. IV. Jahrgang. Inhalt: Reue und gute Vorsätze. — Einer, der für die russischen Juden denken'will. — Die jüdischen Colonien in Palästina. — Madjan. — Hirsch. — Original-Cor respondenzen: Lemberg. Kertsch. London. Philipoppel. Jerusalem. — C hronik. — Literarisches. - der Redaction. — Corresp. der Administration. — Sprechsaal. — Belletristisches: David Alroy. — Anzeigen. Ein Manifest des Baron - Eingesendet. — Corresp. Gesinnungsgenossen! Verbreitet die Lelbst-Gmancipation! IV Die nächste Nummer erscheint am 16. Oktober 1891. "W, Die P. P. Abonnenten werden darauf aufmerksam gemacht, daß am 1. Oktob.1891 ein neues Abonnements-Quartal beginnt, und werden um baldigste Einsendung der fälligen Pränumerationsgebnhre» ersucht. Die Administration. Reue und gute Vorsätze. Ein leidenreiches, thränenvolles Jahr liegt hinter uns. Was mag das neue uns bringen?- Schmer legt sich uns diese Frage aufs Herz. Die an und für sich schon so ernststimmenden Feiertage werden heuer in noch ernsterer Stimmung verbracht werden. Es wird wohl im Hirn des allereinfachsten Juden eine Ahnung dessen dämmern, daß vor dem riesigen Leide der jüdischen Allgemeinheit, das winzige Einzelschicksal verschwindet, daß nicht bloß den Individuen, daß der Gesammtjudenheit ein glücklicheres, ein besseres Jahr zu wünschen wäre, als das vergangene gewesen ist. Im denkgewohnten Theile unserer Stammesgenoffenschast wird diese Dämmerahnung zum klaren Gedanken werden. Gedanken aber sind die Keime von T h a t e n, und diese im kommenden Jahre reifen zu sehen, ist unsere Hoffnung an der Schwelle desselben. Thaten? Wurde bisher nicht genug gethan? Unsere Brüder in Rußland und Griechenland haben vor Regierungshaß und Volkeswuth die Flucht ergreifen müssen. Man erwartete sie an den Grenzen mit alten und neuen Kleidern, mit heißen: Kaffee und kräftiger Suppe. Ja, man war noch vorsorglicher, man bereitete auch Eisenbahnbillets und Schiffskarten vor, welchen freilich leider die in den meisten Fällen hinterdrein so nothwendig werdende Retourkarte fehlte. Kann mehr verlangt, mehr gethan werden? Sind nicht alle Gesetze der „Humanität" erfüllt worden? Run, es gibt Leute, welche merkwürdigerweise meinen, daß man allerdings mehr hätte leisten können, und gestehen wir es nur offen, wir national gesinnten Juden sind es gerade, welche diese seltsame Ansicht haben. Doch nicht davon wollen wir heute sprechen, was man hätte thun sollen, und noch thun soll, um dem Unglücke der verfolgten Juden emigermaßen wirksam zu begegnen. Wir haben darüber schon genug gesprochen und werden wohl auch im neueu Jahre reichlich Gelegenheit haben, uns über dieses Thema zu verbreiten. Diesmal soll uns vielmehr die Frage beschäftigen, wieso es kommt, daß die Juden in West- und Mitteleuropa den richtigen Hilfsweg noch immer nicht erkennen.. ' Was hindert sie noch, einzusehen, daß es unsere Sache ist, das aus der Heerstraße der Geschichte einhereilende Nationalunglück der Juden einzuholen und niederzuschlagen, nicht aber auf gewundenen Seitenpfaden ihm nachzuhumpeln, und seinen Vorsprung immer größer werden zu laffen? Gerade die Neujahrsstimmung ist es, auf die wir rechnen, wenn wir diese ernste Frage an das Gewissen unserer Stammesbrüder stellen. Sind ja das Neujahrsfest und der bald darauffolgende Versöhnungstag für das Gros unseres Volkes Tage, welche der Reue einerseits und den guten Vorsätzen andererseits gewidmet sind. Warum sollte also nicht wenigstens an diesen Tagen ein vom Herzen kommendes Wort wieder zum H.rzen dringen, und Reue und gute Vorsätze auch auf dem Gebiete des Volksthums zur Geltung kommen? »Aschamnu, bagadnu,* — „Wir haben Schuld auf uns geladen, wir sind treulos worden," so beginnt das Bußgebet, welches der Jude am Versöhnungstage und auf dem Sterbebette verrichtet, indem er sich reuevoll auf die Brust schlägt. Auch das ganze Judenthum des ganzen gegenwärtigen Jahrhunderts, voran seine Führer und Berather, sollte sich hinstellen, vor den Richterthron der Geschichte und zerknirscht ausrufen: „Wir haben Schuld auf uns geladen, wir sind treulos worden." Wir haben unsere Vergangenheit und unsere Zukunft opfern wollen, — um ein Linsengericht, um eine gute Miene der Söhne Japhet's. Wir haben unser viertausendjähriges Culturvolk leichten Herzens verleugnet, um unseren „noblen" Passionen fröhnen zu können. Als wir, auf der Erde zerstreut, den Ackerbau verlernten, kein Handwerk erlernen durften, dem Schacher und Wucher zu Tausenden verfielen, so konnten wir ausrufen: „Unsere Hände sind rein, Ihr Arier habt uns dorthin getrieben, wo wir nun sind. Unsere Schuld komme auf Euer Haupt." Als wir, wie das Thier des Waldes verfolgt und gehetzt, nach dem Gelde lechzten, wie der Durstige nach Wasser, weil es unsere Stellung befestigen konnte, als wir im brennenden Gelddurfte Schaden litten an Leib und Seele, konnten wir alle Verantwortung auf unsere barbarischen Verfolger überwälzen. Nichts aber durfte uns zwingen, unser ureigenes Volksthuin, Leben von unserem Leben, von uns zu schleudern. DieserTreubruch ist schwer zu entschuldigen, er ist eine schier unverantwortliche Concession an unsere gedrückte Lage, die sich übrigens gerade damals wesentlich aufzuhellen begann. In den Tagen der bittersten Noch hatten wir tapfer ausgrharrt auf unserem Standpunkte, freilich in leidender nicht in thätiger Energie, — der erste Schimmer einer besseren Zeit machte uns fahnenflüchtig. Will man aber auch für diese schauderhafte Unnatur noch nach einer Entschuldigung suchen, so kann sie nur in einem verhängnißvollen Jrrthum gefunden werden, »kolhaambisch’gagah* „Das ganze Volk sündigte im Jrrthum", wie es in den Gebeten der großen Feste, vor welchen wir stehen, heißt. Ja, es war ein Jrrthum, ein Versehen, ein Mißverständniß. Aber der Jrrthum wächst sich immer mehr zur Schuld aus, je starrsinniger darin verharrt wird, je hartnäckiger Israel sich dagegen wehrt, den Jrrthum einzusehen, wieivohl ihn furchtbare Ereignisse immer mehr als solchen enthüllen. Unser Jahrhundert löste so manche Feffeln, und namentlich schaffte es geknechteten Volksstämmen die Freiheit. Ein glühender Enthusiasmus durchzog Europa und ruhte nicht, bis so manches geschichtliche Unrecht gesühnt war. Es hieße den Völkern unseres Welttheiles Unrecht thun, wollte man nicht zugeben, daß sie in der Zeit der Völkerbesreiung auch an uns gedacht