Selbst-Emancipation
- Journal
- Selbst-Emancipation
- Volume
- 1891
- Issue
- Heft 18 (18.9.1891)
- Date
- 1891-09-18
- Page
- Seite 6 (sequence 6)
- Language
- German
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Seite 6. S e l b st - E m a n c i p a t r-o n. Nr. 18. Original- Korrespondenzen. GesterreiH-Angarn. Horazdowitz, den 7. September 1891. Das „Prager Tagblatt" bringt in seiner gestrigen Nummer einen Artikel: „Eine dritte Nationalität" in Böhmen. Anlaß zu demselben ist die in ier Raudnitzcr Stadtvertretung vom Schutreferenten und Gemeinderath Brodsky gelegentlich der Wahl in den deutschen Ortsschulrath gemachte Aeußerung, daß die Juden in Böhmen eine dritte Nationalität bilden. Schon daraus, daß sich die meisten Raudnitzcr Israeliten bei der Volkszählung von 1880 zur deutschen, bei der von 1890 zur czechischen Umgangssprache bekannten,., geht, hervor, daß die Umgangssprache nicht das maßgebende Merkmal der Nationalität bilde. Diese Auffassung hat nun, wie das „Prager Tagblatt" sich ausdrückt, die Prager Judenschaft als „schweren Unglimpf" empfunden. Sie ließ den Fabrikanten Rudolf Becher gelegentlich einer Synagogeneinweihung folgende czechische Worte sprechen: „An der berufensten Stelle unserer Stadt ist uns Juden die Beleidigung in's Antlitz geschleudert worden, als ob wir weder der einen noch der anderen Nationalität, sondern der semitischen Nationalität angehören würden. Lächerlich ist es, auf unseren Ursprung hinzuweisen und nicht human ist es, uns die Nationalität in einem Lande absprcchen zu wollen, in welchem wir ansässig sind vom dritten Jahrhundert an, als hier von den Czechen noch gar keine Spur vorhanden war und auch nicht von den Deutschen. Unsere Vorfahren bewiesen ihre Liebe zum Lande und zur Nation in unzähligen Kämpfen an der Seite der czechischen Brüder und opferten Gut und Blut für die Rechte und Freiheiten dieses Königreiches. Darum , sei das Einvernehmen mit den Brüdern anderer Glaubensbekenntniffe im Lande nicht zu stören und mögen unsere Landesbrüder cs anerkennen, daß wir Czechen jüdischen Glaubensbekenntnisses sind." Darauf spielte die Festmusik das Nationallied »Kde domov muj?« Ihre Leser wird es wohl weiter nicht interessiren, genauer zu erfahren, wie sich das „Prager Tagblatt", eine deutschliberale Zeitung, bei Besprechung dieses Vorganges bemüht, den Juden unter schwer verhehlter Schadenfreude den Anschluß an die liberale Partei zu empfehlen. Wir national gesinnten Juden haben schon genug, wenn wir die Jdeenconsusion der Raudnitzer Juden mit anhören müssen. Da wird Großes geleistet in der Verwechslung von Vaterland, und Nationalität. Vor den Czechen und v o r den Deutschen waren wir Juden schon in Böhmen — nach den eigenen Worten des Herrn Becher. Man sollt nun glauben,daß wir nicht mehr von „wir" sprechen würden, wenn wir keine eigene Nationalität mehr wären. — Doch was gilt den Raudnitzcr Juden die Logik. Diese seinbesaiteten Naturen, welche noch vor zehn Jahren Deutsche waren und jetzt Czechen sind, haben nur Gefühl für den „schweren Unglimpf", eine eigene Nationalität zu sein. Der wird auch nicht dadurch gemildert, daß der Stadtrath Brodsky meinte, sie konnten auch als Juden die Czechen unterstützen. Brodsky scheint nämlich die Sache gar nicht einmal so antisemitisch gemeint, sondern lediglich das ausgesprochen zu haben, was sich ihm als Wahrheit aufdrängte. — z — Taruow, am 6. September 1891. In meinem letzten Berichte theilte ich Ihnen mit, daß die erste constitutionirende Plenarversammlung des hiesigen Palästina-Colonisationsvereines „Ahawas Zion" auf den 16. August l. I. anberaumt gewesen ist. Aber in Folge mancher Hindernisse administrativer Natur wurde dieselbe auf den 30. August l. I. verlegt. An diesem Tage um 5 Uhr Nachmittags fanden sich im Saale des „Lemberger Hotels" zahlreiche hiesige Bürger, die bereits früher dem Vereine beigetreten waren, unter ihnen auch einige Mitglieder der hiesigen Cultusgemeinde und des hiesigen Gemeinderathes, ein. Zum Vorsitzenden der Versammlung wurde Herr Landesadvocat Dr. Elias Goldhamm m er gewählt. Nach Eröffnung der Versammlung ergriff Herr Dr. Abraham Salz das Wort, um die Zwecke des Vereines zu skizziren. Er führte den Anwesenden die schwe en Verfolgungen, welchen die Juden jetzt in Rußland ausgesetzt sind, vor die Augen, wies die Nothwendigkeit der Schaffung eines territorialen Heimes für die von Land zu Land gejagten Juden und der Heranbildung eines gesunden jüdischen Bauernstandes nach und führte die Gründe an, die für Palästina und Syrien gegenüber allen anderen in Aussicht genommenen Ansiedlungsplätzen den Ausschlag geben. — Im selben Sinne sprachen sodann die Herren M. D. Brandstätter, S. Brombcrg und H. Heu mann. Im Laufe der Debatte wurde die Frage aufgeworfen, auf welche Weise der Verein die aufzubringenden Fonds dem Vereinszwecke zuführen werde. Sowohl der Vorsitzende als auch die Herren Gründer des Vereines sprachen sich dahin aus, daß der neuzuwählende Ausschuß keine selbstständige Colonisationswerke unternehmen noch directe Unterstützungen vertheilen solle, sondern von Zeit zu Zeit die verfügbaren Gelder einem schon bestehenden oder erst zu wählenden, jedenfalls aber die Colonisation Palästinas fördernden Centralorgane behufs Verwendung im Sinne des Vereines abführen möge. Der nach der Debatte vorgenommene Wahlgang ergab folgendes Resultat: Gewählt wurden zum Präsidenten des Vereines Herr M. D. Brand st ätter, zum Präsesstellvertreter Herr Dr. I. R o st, Landesadvocat; in den Ausschuß die Herren Dr. Karl S a l o m o n, Dr. Abraham Salz, Mayer Holländer, Moses Wechsler, Joachim Maschler, Josef Eisenberg, Jsak G o l d m a n n, H. H e u m a n n, Dr. Sigmund B r o m b e r g, Eduard Schwager, Leib Spitz und Rafael Kleinhändler; zu Ausschußmitglieds-Stellvertretern die Herren Elias Baron, Osias Stattseld, Berl Landau, Salomon Kleine r, Leopold G er t l er und Drd. Josef Traum; zu Cassa- Rcvisoren die H>rren Dr.. Febus Salomon und B. Kornfeld. Bei der am darauffolgenden Tage, d. i. am 31. August l. I. stattgefundenen Ausschußsttzung wurde Herr Dr. Abraham Salz zum Sekretär für die polnische, Herr H. H e u m a n n zum Sekretär für die hebräische Sprache, und Herr I. G o l d m a n n zum Cassier gewählt. Melachi. Czernowitz. Die in Kolomea erscheinende Jargon-Zeitung: „Volksfreund",, welche für die jüdisch-nationale Idee eintritt, hat es für gut befunden, in der Nummer vom 1. September l. I. einen Protest mehrerer Rabbiner aufzunehmen, in welchem verlangt wird, daß man die Ethrogim nicht aus P a I ä st i n a, sondern aus Corfu beziehe. Auch hat es das genannte Blatr mit seiner Tendenz vereinbar gefunden, ein Inserat einer Triester Firma aufzunehmen, in welchem der Ankauf von Corfuer Entrogim empfohlen wird. Dieses Verhalten eines „jüdisch-nationalen" Blattes, sowie der saubere Protest überhaupt, den die galizisch-orthodoxe Machstke hadass- Partei auf dem Gewiffen hat, verdient niedriger gehängt zu werden. Deutsches Leich. □ Magdeburg, den 12. September 1891. Ein neues Land entdeckt! Hurrah! Wie die „Jsr.W." Nr. 37 angiebt, schlägt „Jewish Chronicle" N e u s e e l a n d'als Asyl der russischen Vertriebenen vor. Einen nnleugbaren Vorzug hat dieses Land selbst vor Argentinien voraus: Es ist noch ein gut Stück weiter, und je weiter man die russischen Juden aus der Welt schafft , um so besser für unsere kosmopolitischen Reichen, denen das Vorhandensein dieser unglücklichen Juden einen so. schlimmen Strich durch ihre Träume und Phrasen von allgemeinen Menschenverbrüderung macht. Wir werden binnen kurzem, ebenso wie wir Amerikaschwärmer hatten und Argentinaschwärmer noch haben, auch bald unsere Neuseclandschwärmer in Menge haben. Der Südpolarkontincnt ist noch weiter, bei weitem größer und vor allem ganz unbewohnt.' Wir schlagen den S ü d p o l a r k o n t i n e n t vor als Asyl für die. .russischen Auswanderer, um so eher, als das Klima dem russischen Winter nicht sehr unähnlich sein wird! Bulgarien. Schabatz, 2. September 1891. In hiesiger Stadt hat sich ein Verein „Jcschüw Erez Israel" zur Förderung der Colonisation Palästinas gebildet. Rafael Papo Nußland. Kertsch, den10/22 August. Hier hat sich ein „Jüdischer Wissenschaftlicher Verein" mit nationaljüdischer Tendenz gegründet. Der Verein ist nach dem Muster der in Berlin und Dresden beschaffen. Jetzt zählt der Verein 12 Mitglieder. Wir hoffen, daß binnen kurzem die Anzahl der Mitglieder bedeutend anwachsen wird. S. S. England. London, Anfang Elul 5651. Sympathiebezeugungen und Protestäußerungen, erstcre für uns, letztere gegen unsere Verfolger, seitens wohlwollender Engländer, sind nie, sie mögen in noch so feierlicher Form abgegeben werden und von noch so hochgestellten Personen kommen, in ihrem wahren Werth für uns zu Überschüßen, so lange sie sich nur in Worten — und wohlgemerkt in offiziellen — kundthun. Sie bleiben meist fruchtlos und lenken oft die Aufmerksamkeit von unserer eigenen Aufgabe ab oder zersplittern und vergeuden viel von der eigenen Arbeitskraft, die sonst viel bessere Verwendung hätte finden können; manchesmal aber findet dies alles zusammen und noch mehr statt: nämlich eine direkte Schädigung derjenigen, zu Gunsten deren diese Aeußerungen bestimmt waren. Baron Hirsch's Bevollmächtigter, Herr White, erklärt in einem Briefe, an die „Times", daß das „G u i l d h a l l - M e e t i n g", das so viel Erwartungen und Hoffnungen wachrief, die Lage der russischen Juden noch verschlimmerte. Doch hiermit noch nicht genug. Als sollte endlich einmal klar und auch dem blödesten Auge. sichtbar dargethan werden, daß die Zeiten, in melchen es der wohlwollenden Intervention von einflußreicher Seite zu unseren Gunsten gelang, Judenverfolgungen abzuwenden oder auch nur zu mildern, nun vorbei sind; daß wir jetzt nur auf uns und aus Gott angewiesen sind, daß also Selb st - e m a n c i p a t i o n das einzige, was uns Noth thut und was uns helfen kann, ist, — als sollte dies alles wieder einmal recht nachdrücklich dargethan werden, ergeht sich Herr White in harten, von beißender Ironie eingegebenen Worten über alle Bemühungen,die „öffentliche Meinung", das „Gewiffen des europäischen Publikums" und wie sonst die Phrasen alle lauten mögen, aufzurütteln; er spottet unbarmherzig über alle menschenfreundlichen Redensarten und Entrüstungsausdrücke der Engländer in Sache der russischen Juden. Ganz schonungslos aber greift er den ,§rand old man« an, weil er soviel Muth besaß, schließlich doch, wenn auch noch immer in gewundenen Ausdrücken, den Anklägern Rußlands,