Selbst-Emancipation
- Journal
- Selbst-Emancipation
- Volume
- 1891
- Issue
- Heft 18 (18.9.1891)
- Date
- 1891-09-18
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
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Selb st - Em an c i p a t i o n. Nr. 18. Seite 4. nicht ist", lvohin der Auswandcrungsstrom der ruffischen Juden zu lenken sei. Wer. von Natur, zur Artigkeit gegen das „schöne Geschlecht" hinneigt und im Ehestände gelernt hat, weiblichen Anschauungen blindlings beizupflichten, für den ist cs gewiß eine harte Aufgabe, den publizistischen Ausführungen einer schönen geistreichen Dame,, so zu sagen, in partibus et omnibus/ entgegen« zutrcten. Aber besagte Heldin hat sich das Gebiet der Weltgeschichte zum Kampfplatze ausersehen, wo/sie mit den Waffen eines unüberwindliehen Optimismus ihre, Ansichten - verficht.: Da aber weltgeschichtliche Wahrheiten, , so, wenig wie das Weltgericht von chevalcrcsquer - Artigkeit /be- ' einflußt werden dürfen, so-ist mem-Widerspruch , gerechtfertigt. Dagegen will ich den Optimismus der! Verfasserin unangetastet lassen.':. Wfi /groß 'dieser ist, geht aus Folgendem hervor. Es ist männiglich bekannt, daß das Dreigestirn Boulanger-Drumond- Laur an Frankreichs /politischem Himmel finster dreinschaut, so ein/ französischer /Jude, sein Recht als Franzose geltend macht. »Gleichwohlsicht die Daine die Gegenwart, so /rosig, '.daß '-sie. ohne Be-, denken die Behauptung vertritt// datz/.der Jude. „bei allen Parteizwistigkeitcn Engländer,' Franzose u.'s. w. bleibt." ,Wer eigentlich unter dem viel-' besagenden „u. s. w." zu verstehen sei, ob der Jude des absolutistischen Czarcnreiches oder derbes konstitutionell /rcgirten/ RümanienZ, ist eine' dkeugier, die sich schließlich beschwichtigen läßt mit der Parodie zum Refrain eines bekannten burschikosen Liedes: „Und was man nicht sagen kann, Zeigt man durch u. s. w. an," Dagegen mag ich mit' der - motivirten Antwort auf die Frage: „Ist es je den Ariern eingefallen in ihre ursprünlichcn - Sitze/zurückzukchren?" nicht -hinter -dem Berge.halten. -- Gewißfällt es keinem Arier ein, inseinen ursprünglichem Sitz zurückzukehren:- Aber was beweist das mehr, als was längst schon weltgeschichtlich festgestellt ist, daß nämlich Arier nicht so tief wie Semiten empfindend Was - gab; den Impuls zu den Völkerwanderungend Vom Standpunkte der gegenwärtigen. Mvilisation . isi es, unbegreiflich, daß eine'Heimat aus \myi Völker so wenig Anziehungskraft geäußert, und wir ergehen uns in Vermuthungen, um uns irgend Zeinen plausiblen Erklärungsgrund dafür zurecht zu legen. Thatsache indeß ist, daß Germanen, Slaven und Hunnen sorglos ihre Ruhestätte von heute aufgebcn, um morgen an irgend einem anderen Orte auszutauchen. Dagegen ist cs außer allein Zweifel, daß der Jude unsreiivillig zum Wanderstabe gegriffen, daß er thräncndcn Auges und gebrochenen Herzens die Scholle verlaßen, unter der seine Väter schlummern. Wie groß bei den alten Hebräern die Liebe zum väterlichen Boden gewesen, ist aus dem Vermächtniffe des sterbenden Joses zu ersehen. Nicht in Egyptens Königsgräbern sondern im Lande"seiner Väter sollten seine Gebeine ruhen. Gesetzt auch, Josef wäre nur eine dichterische Figur —wozu kein zwingender Grund vorhanden — * so! gewährt selbst ein solcher Mythos einen tiefen Eindruck in die Gemüthsbeschaffenheit der Semiten. Daß'aber den arischen Wandervölkern Vaterlandsliebe ein völlig unbekanntes Gefühl war, ist daraus zu ersehen, daß keine Volkssage, kein Volkslied dieser Empfindung Ausdrück gibt. Das Gegentheil gilt von ' den Juden. Wer' ze die ergreifende Elegie „An den Strömen Babels" oder Jeremias/„Klagelieder" gelefen, kann uns die Anerkennung nicht versagen, daß schon vor 2500 Jahren/die Vater-' landslrebe unseres Stammes der der heutigen Culturvölker um nichts nachgestanden. ' '///;.". Nebst der Gefühlsseite ist, noch ein Naturgesetz in Betracht zu ziehen. Den Ariern kommt es' nicht in den Sinn, in ' ihre ursprünglichen Sitze zurückzukehren, weil kein despotischer. Wille sie aus dem Zustande der. Ruhe, bringt. Sie suchen die aste Heimat nicht, auf, weil sie kraft des.Gesetzes der,Trägheit .an die gegenwärtige gebunden find. Wer-übernimmt aber die Bürgschaft, daß sic an Stelle der russischen. Juden durchwegs die Fremde, der Urheimat vorziehcn würden d Und wenn auch, /muß denn der Geschmack der Arier a tous prix auf unsere Entschließung Ausschlag gebend sein?, Doch die geschätzte-Dame hat noch einen anderen; Rechtfertigungsgrund dafür,. denn sie frägt: „Würden Verhältnissen und Sitten auch nur annähernd den Bedürfn.iffen der Gegenwart - entsprechend" Aber warum denn nicht? Sitten find, kein Produkt des Bodens. Europäische Einwanderer werden ihren europäischen Bedürfnissen entsprechende. Sitten dort einbürgern. i:. Nach. .den..'hier rckapitulirtcn Fragen versucht -diemoderne-Debora Schlüssezu ziehen. „So. //wenig .cs' dem germanischen Arier" heißt cs in gedachter Fragebeantworlung, „einfallcn würde,-.-die-Länder, welche er vor der 'Völkerwanderungbewohnte, als seine - eigentliche -Heimat - anzusehen,-oder dem Magyaren,-. . . . . . ebenso wenig--kann der. Jude heute Palästina als; seine; eigentliche Heimat betrachten,. weil vor mehr als 2000jähriger .Vergangenheit dort - seine Wiege - stand." Der Vergleich ist.wirklichscharfsinnig und ' meine. Aufgabe - wirklich - -t- ■ eine' harte, vis-a-vis einer Dame dem Geiste des; Widersprechcrs die Zügel schießen zulasten. Fast-unbegreiflich scheint es mir, luie eine Dame von Geist, übersehen konnte, daß hieralle Vorbedingungen - zu. dem Vergleiche, fehlen. Wohl ist es -richtig, daß Asien die Wiege des-Menschengeschlechtes ist, Arier und Semiten von dort stammen; aber auch das ist richtig, - daß Asien um ctivas größer als der Teutoburger oder Bakonyer Wald ist. Auf welchem Flecken Asiens, - frage ich, -stand . wohl die Wiege der Germanen oder Magyarend Mein diesbezügliches Wissen ist nur ein negatives. Ich weiß bloß, daß sie nicht auf dem. Thcile des Orientes zu. suchen ist, den die Kirche-im Mittelalter - als die Gebnrtsstättc des Lichtes — ex Oriente lux - - rcklamirt hatte. Dagegen unterliegt cs keinem Zweifel, daß das Vaterland aller versittlichenden Cultur auch unserer Ahnen Vaterland war.,:.- /./ Weder dem germanischen Arier noch dem Magyaren kommt es in den Sinn, die alte Heimat aufzusuchen,' weil er, von ihr gänzlich losgelöst mit ihr durch keine Tradition in Verbindung steht, durch nichts mehr an sie erinnert ivird. Hingegen ist noch der/ heutige Jude des ganzen Erdballs -durch unzählige, geschichtliche; undsittliche Fäden mit dem Lande seiner Väter auf's Innigste verknüpft. Es gibt keine politische, sociale, sittliche Frage, die ihn nicht mit Elementargewalt zwänge, Vergleiche, zwischen einst und jetzt, zwischen hier und dort anzustellen. Verschließen die Freistaaten Amerikas ihre Häfen vor einem ru;- sifchcn Juden ivegen Mittellosigkeit, werden wir unwillkürlich an ein gewisses „türkisches Paschalik" erinnert, wo bis vor 1822 jedem Flüchtlinge das Asylsrecht staatsgrundgesetzlich bedingungslos gewährleistet war.. In diesem Paschalik ., hat vor 4000 Jahren ein Volk seine gesellschaftliche Ordnung auf das /Princip „Einerlei Gesetz, und einerlei Recht sei für Euch wie für den Fremden, der unter Euch wohnt" aufgebaut. Wenn 1891 Jahre nach Gebürt dessen, der „gekommen, dieses Gesetz zu erfüllen", im rumänischen Verfaffungsstäate eingeborene Juden. als . - Fremde außerhalb.; des-Schutzes^ der Gesetze gestellt sind, können , wir /dem Verlangen nicht,, widerstehen, Reflexionen zwischen semitischer Inferiorität und arischer Superiontät änzüstellen. Jude wie Christ kennt - den Inhalt der zwei , steinernen Tafeln, welche der Tcmpel in der/Hauptstadt des jüdischen. Reiches, barg. Auf einer derselben stand vom »Finger/Gottes"/geschrieben: „Der Herr, wird' den nicht-ungestraft lassen, der seinen-Namen zu Falschen ausspricht", und die Aufschrift der zweiten gualificirt Diebstahl und falsche Zeugenschaft, als strafbare Verbrechen. Wenn nun .in. der Residenz des. konstitutionell regierten. Deutschen Reiches ein des Meineides gerichtlich überführtcr antisemitischer Hofprcdiger straflos einhcrgcht; wenn ferner im konstitutionellen Oesterreich ein Ministcr, dem .die Rechtspflege anvcrtraut ist, die Erklärung abgab, - daß die Verteilung eines antisemitischen Stampiglienfälschers. zur falschen Zeugenaussage kein Object für.strafanwaltliche Amtshandlung bilde; , wenn endlich. im . Lande der Stefanskrone, - das ebenfalls eine Konstitutionhat, die Unterschlagung von, Armengcldcrn,an einem antisemitischen Abgeordneten ungeahndet geblieben, ist da die wehmüihigc Nückerinnerung an Ort und Zeit, wo die Treue keine. leere.Phrase, der Besitz vor den diebischen Griffen , eines - antskorruptionistischcn Volkstribuns geschützt, das Eigenthum, die, Ehre, das Leben, dem Beliebengewissenloser Zeugen - entzogen waren,, nicht - natürlich? . jAuch die socialen Zustände, sind ein initwirkcndcr Factor, -unsmit unserer geschichtlichen Vergangenheit in Fühlungzu halten. Das - gedachte .Ehrcnmännerkollcgium ist — jeder in seinem Lande —. als Volksvertreter von seinen Mitbürgern in dieLegislative entsendet worden. Können wir»da der Frage aus-dem . Wegegehe» , ob -das Synhedrion . zu- Jerusalem - jeinals eilte Frucht gezeitigt, der man ihre-Reife fürs Zuchthaus ack oeulos demonstrirt hatte? Als in Wien das „Beuschel" eines „Bruders in Christo" der sittlichen Welt einen Einblick in dessen christlich veredelndes Gcmüth gegönnt, wäre für uns die Frage am Platze, ob die Gesetze im Lande unserer Väter solche werkthätigc Nächstenliebe ebenfalls zuließen. Dieselben Wirkungen rufen auch unsere sittlichen Zustände hervor. Raub- und Verwandtenmorde mehren sich in so erschreckender Weise, daß sie bald eine ständige Rubrik iii^der Tägespresse einnehmcn werden. -Alles Dagcwesene übrrtrifft an Scheußlichkeit das Familiendrama, dessen erster Akt jüngst vor dem Strafgerichte zu Znaim seinen Abschluß gefunden. Kein ernster Psycholog kann, vor solch' sittlichen Abgrund gestellt, der Frage aus dem Wege gehen, ob die antisemitische Civilisation solche Gemüthsverrohung srlbstschöpferisch aus dem Nichts ins Dasein gerufen, oder nur zur Reife gebracht,. wozu die asiatische Urheimat den Keim gelegt. Bei dieser Untersuchung stoßen wir auf eine Stadt im „Paschalik Palästina", Sichem, dessen Chronik einem Fall, der Vergessenheit entzogen, ,der mit. dem .Znaimer Falle manche Aehnlichkcit hat. Wie in Znaim war auch in Sichem eine Schwester willenlos die.vcrhängnißvollc Ursache einer von Brüdern, verübten Blutthat. Aber welcher Unterschied - in den Motiven l Der Thronfolger von Sichem that einer Semitin Gewalt an. Ihre Brüder rächten die .Ehre ihrer Schwester blutig.-Undals der,-greise Vater ihre Wildheit entschieden vcrurthcilte, entgegneten sie ihm: „Soll dennunsere Schwester ungestraftwre eine;- Dirne-.,.behandelt werden?"; Also die Liebe zur.. Schwester - wog; bei Hebräern, selbst die Rücksichten auf. das. eigene und. -aller. Angehörigen Leben aus. Und in Znaim? Der; Fall ist zu tragisch, um sarkastisch zu sagen : „Auch, hier hat. die. Liebe zu (d e in B e s i tz e) der Schwester einem Bruder den Mordstahl in die Hand gegeben. . . . Ist eS bei solcher Bewandtniß zuläffig,-daß einem- Volksstamme, der 4000jährige geschichtliche Erinnerungen an seinen Ursprung mit bewunderungswürdiger Zähigkeit fcstgehalten und dertrotz 1822jähriger Entfernung von. seiner-Heimat mit ihr in stetem - sittlichen und. geistigen Kontakte geblieben, sein ferneres. Verhalten gegen diese-vorgezcichnct -werde von Volksstämmen, ..denen, alle