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Selbst-Emancipation · 1891-09-18 · Heft 18 (18.9.1891) · p. Seite 3

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Journal
Selbst-Emancipation
Volume
1891
Issue
Heft 18 (18.9.1891)
Date
1891-09-18
Page
Seite 3 (sequence 3)
Language
German
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Nr. 18. Selbst-Emaneipation. Seite 8. nicht reden, da der Begriff Partei immer das Dasein einer Gegenpartei voraussetzt; der Ausdruck ist nur berechtigt, wenn man das gesammte Judenthum vor Augen hat. In Rußlaud aber ging die Palästina-Bewegung in immer höheren Wogen und erlangte allmählig die Bedeutung einer national-jüdischen Bewegung. Männer, der verschiedenartigsten Lebensstellung, Männer, die sich sonst mit ihrer ganzen Weltanschauung aus das Schroffste gegenüberstanden, wurden von dieser Bewegung unterschiedslos ergriffen und mit sortgerissen. Nicht Arm, nicht Reich, nicht Jung, nicht Mt, nicht Hoch, nicht Niedrig konnte dem mächtigen Wellenschläge Widerstand leisten. Ob in der Brust des Einzelne« der altväterliche Glaube sich erhalten, oder ob er dort schon längst erstorben war, e i n Gefühl lebte mächtig in eines Jeden Busen, das war die Liebe zu Israel und seinem Lande. Die gläubige Masse hatte bereits in ihrer schwärinerischen Anhänglichkeit an die alten Traditionen und das Land, an welche sich diese knüpfen, Ausdruck gegeben durch regellose Spenden zu Gunsten der jüdischen Bevölkerung der vier palästinensischen Städte. Nun gesellte sich hierzu noch als werthvoller Bundesgenoffe die Intelligenz und Welterfahrung der dem orthodoxen Judenthume bereits abtrünnig Gewordenen, unterschiedslos, ob sie schon zum Atheismus übergegangen waren oder nur mit dem Ceremonialgesetz und einzelnen Borschriften rabbinischer Casuistik gebrochen hatten. Die Blüthe der modernen europäischen Civilisation stellte sich mit ihrer geistigen Macht und Schaffenskraft in den Dienst der Zionsfreunde. Bis dahin hatten sie abseits gestanden von der großen Masse der russischen Juden, ja ihnen gegenüber sich vielleicht feindselig verhalten und war wohl auch ebenso von der anderen Seile behandelt worden, und wenn sie nicht zum Christenthum übergetreten waren, so war es nur geschehen, entweder ihres Atheismus ivegen, oder weil sie aus einem gewisseil Grunde das Renegatenthum scheuten." Etwas weiter heißt es: „Für die Verjüngung, für die Aufrichtung eines alten Kulturvolkes zu wirken, das nach heldenmüthiger Gegenwehr einem übermächtigen Feinde politisch erlegen ist, das später ohne eigenes Verschulden sein n gesammten Bauernstand verloren und dadurch auch soc al in Noch und Elend gerathen ist, eine solche große Aufgabe ist geeignet, selbst einen eingefleischten Nihilisten seiner verruchten Sache abspenstig zu inachen und sein Herz für sich zu erobern. Kein Wunder auch, daß die Zionsfreunde bald die ganze russische Jugend jüdischer Herkunft zu ihren schwärmerischen Anhängern zählte. Hohnlachend wies Jung-Israel fortan die Sendboten des Nihilismus ab. Es hörte auf die Worte des vr. L. Pinsker aus Odessa, des bedeutendsten in Rußland lebenden jüdischen Politikers, der mit weithin vernehmbarer Stimme den jungen Leuten in Rußland zurief! „Mischt Euch nicht in die Politik! Was gehen Euch die „Barfüßler", was geht Euch der Kamps zwischen Capital und Arbeit an!" Die wenigen Juden, welche trotz Allem, was in Warschau, BaUa und Elisabethgrad vorgefallen ist, vom Kampfe gegen die Regierung und für dxn Pöbel immer noch nicht lassen konnten, wurden von ihren ehemaligen jüdischen Genossen als Rückschrittler verhöhnt, sie, die als Nihilisten an der äußersten Spitze der Civilisation zu marschiren wähnten, mußten sich gefallen lassen, als „unmodern" von ihren Freunden zum alten Eisen geworfen zu werden. Die Juden brauchten sich fürder nicht mehr für fremde Ideale zu begeistern und zu opfern, sie konnten für den eigenen Stamm, für das eigene Volk rühmlich und segensreich wirkenund kämpfen." Ebenso lebenswahr schildert Dimidow die Aufnahmen, welche die Zionsidee bei den westeuropäischen „Orthodoxen" und „Freisinnigen" hatten Man fühlt aus seinen Worten so deutlich heraus, daß beide Parteien die Sache nicht verstanden. „Es handelte sich eben nicht um Orthodoxie oder Reform; im wahrsten Sinne drehte sich hier alles um die Frage: Sein oder Nichtsein." Wer D i m i d ow s Ausführungen über die Geschichte des Zionsgedankens gelesen hat, wird ihm Recht geben müssen, wenn er sagt: „Im Westen Europas aber mögen unsere Glaubensgenossen dem Allen entnehmen, daß der Gedanke, Palästina zu colonisiren, schon zu weit um sich gegriffen, schon zu tief Wurzel geschlagen hat, als daß er sich noch todtschweigen ließe; seine Ausführung läßt sich nicht mehr vereiteln, ja nicht einmal mehr verzögern, die aber zum Wohle für das ganze jüdische Volk von ihnen gefördert werden kann und gefördert werden muß. Für ihn einzutreten, sollte jeder Jude für Pflicht halten, gegen ihn anzukämpfen müßte ihm Sünde am ganzen Stamme dünken." Ebenso wichtig und von propagandistischer Bedeutung als die formvollendete Darstellung der Geschichte der zionistischen Bewegung ist die in „Wo hinaus?" enthaltene Geschichte und Beschreibung der Colonien selbst. Selbst für alte Anhänger war diese Revue über alle Ergebnisse unserer Bewegung bis heute ein Bedürfnis geworden, und diesem Bedürfnisse endlich abgeholfen zu haben, ist ein unbestreitbares Verdienst des Herrn Dimidow. In Anknüpfung an die Beschreibung der letztgegründeten Colonien, welche sämmtlich den seit circa 1 Jahren gebildeten Kleincapi'talisten- Genossenschaften ihre Entstehung verdanken, erörtert der Verfasser von „Wo hinaus?" das Wesen und die hohe Bedeutung dieses zionistischen Genoffenschaftswesens und plädirt mit R cht für die Gründung solcher Genossenschaften resp. einer „großen Ansiedlungsgenossenschaft" auch in Deutschland. Namentlich tritt Dimidow dafür ein, daß sich neben den bisherigen landwirtschaftlichen auch industrielle Genossenschaften bilden, und beiveist bei dieser Gelegenheit, daß in Palästina ebenso wie die „dörfergründende" Landwirthschaft auch die „städtegründende" Industrie zur höchsten Blüthe gebracht werden kann. Wer über Geschichte, Stand und Zukunft der Zionssache sich gründlich informiren und wer zugleich eine gute Agitationsbrochure in die Hände bekommen will, verabsäume ja nicht, sich „Wo hinaus?" anzuschaffen. Von Zion für Zion. Einer an die Berliner „Jüdische Presse" von A. Hastings Kelk, Prediger der Christuskirche in Jerusalem, gerichteten, vom 20. August d. I. datirten Zuschrift entnehmen wir folgende interessante Stelle: „Was zunächst die Juden betrifft, so war es denselben bis zu diesem Monate erlaubt, ungehindert hierher zu kommen. Aber die Effendis (eingeborne Kaufleute), durch die starke Concurrcnz beängstigt, welche die Juden ihnen im Handel machten, die auch aus eigener Kraft neue blühende Gewerbe gründeten, baten den Sultan den Zufluß der russischen Juden zu verhindern. Daraufhin wurden Befehle erlassen, daß kein russischer Jude ohne specielle Erlaubniß von Constantinopel landen dürfe. Der nächste österreichische Dampfer brachte 40—50 Familien. Nachdem dieselben in Booten ins Land gekommen und ihre Pässe geprüft worden waren, wurde ihnen der Befehl ertheilt, sich wieder auf den Dampfer zu begeben, d. h. dahin zurückzukehren, von wo sie gekommen seien. Da der Schiffskapitän sich weigerte, sie mitzunehmen, so mußten sie die Ankunft des russischen Dampfers abwarten. Einen anderen Dampfer, der eine größere Zahl von Familien an Bord hatte, wurde nicht gestattet, seine Passagiere ans Land zu schicken. So stehen die Verhältnisse jetzt. Wie lange dieser Zustand dauern wird, können wir nicht sagen. Aber diesen armen Juden, die gezwungen sind ihre Heimat zu verlassen, scheint es unmöglich, ein anderes Land zu finden, welches sie aüfnehmen will. Wahrhaftig es ist Zeit, daß Etwas geschieht, um die Lage dieser Unglücklichen zu mildern. Nach meinen hierorts gemachten Erfahrungen bin rch überzeugt, daß man mit der türkische» Regierung Abmachungen treffen kann, welche gestatten, die Juden hier, wo doch sicherlich ihre eigentliche Heimat ist, anzusiedeln. Und das Land kann sie ertragen. Was man braucht, ist Capital zum Feldbau, zu Anpflanzungen, zum Ansammeln von Wasser und für den Unterhalt auf 2—3 Jahre Diese Kosten wären aber gering im VergleichmitdenAusgaben^w-e Durchführung des südamerikanischen' Planes erfordern würde. Das Land ist sehr dünn bevölkert, besitzt keinen Ackerbau, sehr wenig Bäume und ist doch ergiebig, während das Gebiet jenseits des Jordans, ein schönes fruchtbares Land, .da es tatsächlich unbewohnt ist, eine sehr große Anzahl neuer Ansiedler aufnehinen kann Das Klima ist so gut, wie man es sich nur wünschen kann. Dies ist wahrhaftig die einfachste Lösung einer schwierigen Frage." Gerade an diese Ausführungen, welche so glänzend für die Colonisation Palästinas eintreten und die verhältnismäßig geringe Bedeutung des bekannten Verbotes der Pforte darlegen, glauben wir am besten die Warnung an unsere unglücklichen Stammesgenossen knüpfen zu können, vorläufig überhaupt nicht und auch später nicht auf eigene Faust sondern nur unter Intervention der „Zionsfrennde" nach Palästina auszuwandern. Der erhoffte Umschwung in den Verhältnissen wird gewiß rechtzeitig zur allgemeinen Kenntniß gebracht iverden. MademischeVerüinduns„tzasmonüerl". In Cz e r n o w i tz hat sich eine jüdisch-nationale Studentenvereinigung unter obigem Titel gebildet. Um die Gründung hat sich Herr stud. med. Dr. Bi e r e r besonders verdient gemacht. Zum Präses ivurde Herr stud. jur. I. Sch m i e re r, zum Schriftführer Herr stud. jur M. Ebner gewählt. Die „Hasmonaea" istder zweite Studentenverein in Oesterreich mit jüdisch-nationaler Tendenz. Möge sie, ihrem Wiener Borbilde „Kadimah" gleich, von sittlichem Ernste getragen sein und nie aus dem Auge verlieren, daß sie mehr sein soll, als eine Burschenschaft. — Wir begrüßen die „Hasmonaea" auf das'Herzlichste und rufen ihr auf echt jüdisch zu: Line harte Aufgabe. Der Gedanke der Rekolonisation Palästinas hat uns aus unserer Lethargie aufgerüttelt. Und wenn auch nicht alle dieser Idee günstig gesinnt sind, so ist es immerhin als günstiges Omen zu betrachten, daß die Gleichgiltigkeit gegen das Land unserer Väter gewichen ist. Selbst das „schwache Geschlecht" fängt an zu den Waffen der Feder zu greifen, um in den Kampf der Meinungen eine „Debora" zu entsenden. In Nr. 33 der „Oesterr. Wochenschrift" wird diese Frage von einer, wie die Redaction versichert, geisteichen Dame ventilirt. Freilich unterscheidet sie sich von ihrer Vorläuferin, der Prophetin Debora, auch dadurch, daß sie nicht für den vaterländischen Boden eine Lanze bricht, sondern den Beweis erbracht zu haben glaubt, daß „Palästina „das gelobte Land"

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