Selbst-Emancipation
- Journal
- Selbst-Emancipation
- Volume
- 1891
- Issue
- Heft 18 (18.9.1891)
- Date
- 1891-09-18
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 2. Nr. 18. Satirisch und beißend wird G r ä tz dann, wenn er die opportunistische Gesellschaft mit ihrer Verstümmelung des Judenthüms zu einer alltäglichen Kirchenreligion mit wenigen Dogmen und Zxremomen tadelt; am Ende sxiner; Schöpfung erhebt er sich über seine Zeitgenosten, indem/er sich nicht scheut, es direkt auszusprechen, daß'es noch keineswegs entschieden sei, ob nicht die Juden wie die anderen Völker, des. Alterthums, wie dis Hellenen, einer Wiederverjüngung cntgcgenseh'cn, — ein Beweis, daß er als Historiker, als Gelehrter kein Mann der Thal, aber ein Mann war, der nicht fürchtete, die Wahrheit rinzusehen und öffentlich auszusprechen. Einen ungeheuren Einfluß hat er darum auf die jugendlichen Gemüther gehabt, nach Tausenden zählt die Schaar derer, welche einzig, und allein Dank seinem Werke das jüdische Volk, das verachtete, sich selbst zersetzende; nicht verlassen, sondern zu lieben, zu achten und, zu.verehren begonnen haben. Heß, welcher bekanntlich , zuerst .in deutscher Sprache den schönen, beseligenden Gedanken des nationalen Judenthums aussprach („Rom und Jerusalem"),'hatte hauptsächlich in G r.ä tz. seine Verehrung für den jüdischen Stamm zu verdanken, nachdem er /viel früher lanM Zeit/ an der Spitzes von Revolutionären für die Freiheit fremder Völker sich dem Tode ausgesetzt hatte. Wenn daher einst der Cültürhistoriker die deutsche Judenheit ob ihrer Accomodationssucht während der Freiheitsäera vor Gericht zitiren wird, wenn er ihr in einem Spiegel das selbstmörderische .Thun und TreibenV Vorhalten wird, dann wird sie nur den Namen „Grätz" zu nennen brauchen, um sich von Schuld reinzuwaschen, um sich zu rehabiliüren.' Die jüdische Geschichtswissenschaft, welche Gr ätz gipfelt, hat nicht wenig dazu beigetragen, um eine Umwälzung im Reiche der Idee hervorzubringen; von deutschen Juden vollkommen ausgrbildet, hat sie dem Nationaljudenthum das stärkste Bänd gewährt, hat das beste Mittel nationaler Propaganda geschaffen. Die historische Schule innerhalb des deutschen Judenthums war die Vorbereiterin der Zionsidee. Der nationale Begriff wird durch Cultur, Menschlichkeitsgefühl und Geschichte gefördert; an der Spitze der jüdischen Geschichte steht Grätz, der einzige wahre Geschichtsschreiber Israels. Mit dem Kranze der Unsterblichkeit umwunden, wird Grätz als leuchtendes Meteor seine zeitgenössischen Juden überstrahlen; ein goldener Rand wird die Stelle umfassen müssen, wo das schlichte.Leben des Meisters geschildert werden wird. Das jüdische Volk aber wird, wenn es, wie einstmals, in späterer Zeit auf eigenem Boden eine eigene Geschichte entfalten wird, ohne von fremden Einflüssen gestört oder gehemmt zu werden, wenn es mit allen ihm innewohnenden Fähigkeiten in freiheitlicher Weise an der allgemeinen Cultur Antheil nehmen wird, auch nicht vergessen, die Verdienste seines treuesten Sohnes in gebührender Weise zu würdigen. Berlin, 9. September 1891. I Professor Dr. tz? Gractz. Professor Dr. H. G r a e tz ist in der Nacht vom 7. zum 8. September in emem Alter von' 73 Jahren und 10 Monaten zu München gestorben. Er war 31. October 1817 zu Z erko w, einem kleinen, deutschpolnischen Orte, geboren, besuchte das dortige Cheder. Im September 1830 brachte ihm seine Mutter nach dem benachbartem Wall st ein, wu der Jüngling etwa 4'/, Jahre blieb, um sich mit jüdischer Wissenschaft und allgemeiner sowie, klassischer Bildung zu beschäftigen. Sein Lehrer war der dortige Rabbiner Selbst-Emancipation. S. Samuel M.un? In seinem 19^ Lebensjahre ging Graetz nach Oldenburg, lernte in i dieser Stadt zu den, Füßen des bekannten Vor- - stkämpfers deutschjüdischer-Orthodoxic, Rabbi Sam-! son Rafaels H i r s/ch, Talmud, und bereitete sich \ zugleich für die Universitätsstudien vor. Am 5.; März 1845 wurde er von der Universität zu! Breslau zum Doctor der Philosophie pro- / ' movjrt. / 4847 -Leiter', filier, Religionsschule, in i -- Berlin/ 'gab'er diese Stelle-im Jahre 1848 äüft’] Von 1850 bis 1853 war er Director einer höheren Knabenschule in Lindenberg bei Wie n. 1854 wurde er Dozent am „Jüdischtheologischen-Seminar, Fränkl'sche Stiftung" zu Breslau, in welchem Amte er bis zu seinem Tode wirkte. 1869 würde er an der philosophischen Facultät der Breslauer Universität zum außerordentlichen Honorarprofessor für Sprache, Literatur, und Geschichte des Orients ernannt. Graetz.erste größere wissenschaftliche Arbeit „Gno fttc i s musst n d I ud e n t hu m" (erschienen. Krotoschin 1846) ist seinem Lehrer Rabbi Hirsch gewidmet. Der Kampf zwischen beiden begann nachdem Erscheinen.des 4. Bandes seiner „G e s ch i ch t e d e r I u d e n", .(de?4. Band ist/ der. zuerst/1853/ erschienene). Mit'diesem 4. Bande war eine Wendung' in der Geschichte der Juden selbst eingetreten. Nicht die wissenschaftlichen oder religiösen Anschauungen G r.a e.H' sind es. die dieses Werk zu solcher Bedcutüng emporheben, sondern vor allem die nätionaljüdische feurige Begeisterung, durch die er alles mit sich fortreißt. Gr a e tz jüd is che G e s ch i ch t e ist r e ine r k r y st ä l t.isierter jüdischer Patriotismus. Er hat mit dieser seiner Geschichte der Juden dem jüdischen Volke einen Spiegel vorgehalten, in dem er seine Vergangenheit sehen durfte, eine Vergangenheit, wie sie unglücklicher und doch herrlicher keiner Nation zütheil geworden ist. Und das jüdische Volk hat sich in diesem Spiegel besehen, und als es darauf seine Vergangenheit mit seiner Gegenwart verglich, da errötete es tief, weil es sich, wie sehr es gesunken. Graetz' Worte sielen auf fruchtbarsten Bod'en; so wurde z. B. kein geringerer als der berühmte Nationaljude und Gelehrte M. Hess sein Jünger. Er mag sonst vielleicht nicht in den Nahmen einer politischen Zeitung paffen, Helden der Wissenschaft zu feiern, es mag noch so richtig sein, sich von jeder Personenkultur sernzuhalten; aber bei Graetz liegt die Sache anders. Es war für unsere Partei von eminenter Bedeutung und ist es noch und wird es auch in Zukunft bleiben. Denn die Geschichte der Juden ist von ebenso gewaltiger Bedeutung für das jüdische Nationalbewußtsein, wie ein Graetz für die Geschichte der Juden. Erst nachdem Graetz das jüdische Volk durch seine Geschichte in der Idee erbaut hatte, war es seinen nationaljüdischen Jüngern möglich, auch materiell an den Neubau unserer Nation zu gehen. Wir, nicht die Rabbiner, die er ausgebildet hat, und die, ihn nicht begreifend, im Gegensatz zu ihm dennoch die Assimilation predigen, sind seine wahren Schüler. Grätz ist nicht gestorben, er lebt fort in seinem Werke, in uns, in der jüdischen - Nation; und wenn einst unser Ziel erreicht ist, dann dürfen wir getrost sagen: „Ein großer Teil an diesen, Werke gehört dem großen Graetz." Als wir Juden kein Vaterland hatten, da hat uns Graetz ein Vaterland gegeben und dieses Vaterland i st die Ges ch i ch t e d e s j ü d i s ch cn Volkes! □ Magdeburg, 9. September 1891. N)o hinaus? (Wo hinaus? Mahnwort an die westeuropäischen Juden von 'Paul- D i m i d o w. Nebst einem Vorwort von Georg I s a a c in Chartottenbnrg und. einer erklärenden Karte von Palästina. Charlottenburg, Druck und Verlag von. Rudolf Jjaac. 1891.) Unmittelbar nach „Wohin mit den russischen Juden?" von Dr. Bo d enh eim e r ist „Wo hinaus?" von Paul D i m id o w erschienen. Es ist,, als ob wir jetzt dafür entschädigt werden sollen, daß fast ein Jahrzehnt lang, seit der..epochemachenden „Autoemancipation", keine 'bedeutendere zionistische Broschüre in deutscher Sprache auf den Büchermarkt kam. Ein russischer Jude ist's diesmal, der vor seine Stammesgenoffen in Deutschland hintritt, in heißem Drange sie zur Lehre des Zionismus zu bekehren, sie in die Armee der Zionsftcundc als organisirtes Corps einzureihen. Den Weg, . welchen er wählt, um zu den Herzen des deutschsprechenden Israels zu gelangen, muß ein glücklicher genannt werden. D i in i d o w — übrigens ein Pseudonym für einen anderen Namen auf „ow" — hütet sich in den Fehler zu verfallen, der bei Versuchen, wie der seinige, leicht gemacht wird. Er tritt nicht als Projectenmacher auf, dem horchenden Volke unvermittelt eine neue Weisheit predigend, die es dann gewöhnlich als Producte - eines: verschrobenen Kopfes belächelt und verwirft. Im Gegentheile, er gibt sich nur als. Referent, geschehener.Dinge und erlaubt sich nur ganz nebenbei und hinterdrein seine eigene bescheidene Meinung zu äußern, seine eigenen Räthschläge' vorzutragen.'Seine Methode' ist 'mit einem Wort die historische. .Ein Meister des deutschen Ausdruckes' —! doppelt hervorznheben bei einem russischen Juden — entrollt er die Geschichte einer großen, über Millionen von Menschen sich, erstreckenden Bewegung vor dem staunenden Leser, dem sein Leibtageblatt aus Gründen, die hier nicht zu.erörtern, sind, davon nichts gemeldet hat. Wer Dimidow's Schilderungen liest, muß den Eindruck erhalten, daß ihr Gegenstand von welthistorischer Bedeutung, jedenfalls aber von epochaler Bedeutung für das jüdische Volk ist. Und diesen Eindruck zst machen ist schon ein Sieg des Werkes.. Hören wir eine Stelle des Buches: „Doch kehren wir nun zu den russischen Juden zurück, so begegnen wir einer großen geistigen Bewegung, deren Resultat die Entstehung des Vereines zur Unterstützung der jüdischen Colonistcn in Palästina ist. Die Mitglieder des Vereines nannten sich selbst „Chowawe-Zion", d. h. Zionsfreunde. Sir beschränkten sich nicht auf die Nächstliegende praktische Aufgabe, Beiträge zu sammeln, sie erkannten vielmehr, daß es unerläßlich sei, dauernde Organisationen zu schaffen. Und so riefelt sie, im Wege der regsten Agitation eine wohlgeordnete mächtige Partei im Judenthume selbst ins Leben, eine Partei.mit einem vollständigen politischen und socialen Programm von einer Präcision, wie andere Parteiprogramme sie nur selten auszuweisen haben. Doch ivolle man uns nicht mißverstehen! Nur in Bezug auf das Verhältnis; zu den Juden Westeuropas können wir zum besseren Verständniß von einer Partei sprechen. In Westeuropa ist ja die Idee der Colonisation Palästinas, soweit sie überhaupt gekannt^ ist, Gegenstand der zahlreichsten Angriffe, sie ist angefeindet gerade von den einflußreichsten, von den gesellschaftlich am höchsten stehenden Juden. Anders ist es eben unter den sieben Millionen Juden Rußlands, Galiziens und Rumäniens der Fall. Wenn wir hier von geringen Ausnahmen absehen, welche eine Handvoll unverbesserlicher Nihilisten und ein paar allen Idealen unzugänglicher philiströser Geldprotzen bilden, wenn wir von diesen Wenigen absehen, so kann man von einer Gegnerschaft, auf welche die Zionsfreunde in Rußland stoßen könnten, überhaupt nicht mehr, sprechen. Und in diesem Sinne ließe sich auch von einer Partei